Martin Auer

Wie kommt der Krieg in die Welt?

Konflikt, Kooperation und Konkurrenz unter dem Gesichtspunkt der Selbstorganisation von Systemen

Inhalt

Die größte Bedrohung kommender Generationen ist das Fortbestehen der Institution Krieg

Im Verlauf ihrer Entwicklung hat die Menschheit es gelernt, immer größere und konzentriertere Energiemengen zu bündeln und zur Umsetzung menschlicher Absichten einzusetzen. Spätestens seit der Entwicklung der Atomwaffen sind diese Energiemengen so groß, dass die Menschheit in Stand gesetzt ist, sich selbst auszulöschen. Dass die Massenvernichtungsmittel nicht zum Einsatz kommen, darf wohl als Grundvoraussetzung dafür angenommen werden, dass es zukünftige Generationen überhaupt geben wird. Die Abschaffung des Kriegs ist das erste, was künftige Generationen von uns zu fordern das Recht haben. Aber auch der gewaltige Energieumsatz der Menschheit in anderen Formen, von den fossilen Brennstoffen, Riesenstaudämmen und Atomkraftwerken angefangen bis zu Hochleistungsgetreidesorten und Kunstdünger erweist sich immer mehr als problematisch.

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Zivilisation: exponentielle Steigerung des Energieumsatzes und der Arbeitsproduktivität

In den Hunderttausenden von Jahren, in denen sich die Menschheit entwickelte und über die Erde ausbreitete, hat sich ihr Energieumsatz zunächst nicht von dem anderer fleischfressenden Säugetiere unterschieden. Der erste große Sprung kam mit der Zähmung des Feuers, das die Menschen nicht bloß zum Kochen, zum Härten von hölzernen Speeren und zum Desinfizieren benutzten, sondern auch für Treibjagden, bei denen sie zuweilen riesige Flächen abbrannten und ganze Tierherden auf einmal ausrotteten. Mit dem Feuer hatten die Menschen zum ersten Mal die Möglichkeit, gewaltige Überschüsse über den augenblicklichen Bedarf zu „erwirtschaften“. Doch da diese Überschüsse in Form von schnell verderblichem Fleisch vorlagen, konnten diese Überschüsse noch nicht in die Zukunft investiert werden.

 Erst mit dem Übergang zur Landwirtschaft vor ca. 10.000 Jahren begann die Epoche, in der der Energieumsatz der Menschheit, und damit die Produktivität der menschlichen Arbeit, ihre umweltverändernde Kraft, exponentiell zunahm bis zum Erreichen der Selbstvernichtungsfähigkeit. Es ist im Grunde diese Steigerung der Fähigkeit, die Umwelt zu beeinflussen und zu verändern, schlicht die Steigerung des Energiedurchsatzes, was landläufig mit dem Wort Fortschritt bezeichnet wird.

Dieser Fortschritt ist nicht einfach eine technologische Entwicklung, bei der jeweils ein kluger Kopf eine Erfindung macht auf der Basis der Erfindungen vorangegangener kluger Köpfe. Der Fortschritt beruht in erster Linie auf einem Prozess der Konzentration der physischen und geistigen Kräfte von immer mehr Menschen. Erst durch diese Konzentration der Kräfte wurde es möglich, diese Erfindungen zu machen und in die Praxis umzusetzen. Diese Konzentration der Kräfte wurde in der Epoche der Zivilisation, also den 10.000 Jahren seit dem Übergang zur Landwirtschaft, in der Hauptsache durch Krieg, Unterwerfung und Ausbeutung herbeigeführt.[1] Dass dieser Fortschritt nun bis zur realen Möglichkeit der Selbstvernichtung geführt hat, zeigt auf, wo seine Grenzen liegen.

Natürlich interessieren uns diese Erscheinungen als Probleme der menschlichen Gesellschaft. Um ihre Wurzeln zu ergründen, wird hier die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft als ein Spezialfall der Selbstorganisation von Systemen betrachtet.

Das Paradigma der Selbstorganisation ist interessanterweise in sehr unterschiedlichen Kreisen beliebt. Verfechter des Neoliberalismus etwa vertrauen auf die Selbstorganisation des Marktes, die die Produktion und Verteilung der Güter aufs Beste regeln soll. Globalisierungsgegner wiederum vertrauen auf die Selbstorganisation der Bewegung, die zentrale Leitung unnötig macht. Beide sind davon fasziniert, dass die Selbstorganisation tatsächlich funktionierende Systeme hervorbringt. Das ist unbestreitbar auf der Ebene der Selbstorganisation der Materie, der Selbstorganisation des Lebens (biologische Evolution), der Selbstorganisation der Gesellschaft (kulturelle Evolution), der Selbstorganisation der Wirtschaft (Markt). Dass die Selbstorganisation funktionierende Systeme hervorbringt, heißt aber noch lange nicht, dass sie auch - wie manche anzunehmen scheinen – die besten aller möglichen Systeme hervorbringt.

Hier soll aufgezeigt werden, dass Selbstorganisation ein widersprüchlicher Prozess ist:

Selbstorganisierende Systeme organisieren sich nicht mit einem bestimmten Ziel. Selbstorganisierende Systeme organisieren sich nicht widerspruchsfrei und schmerzlos, sondern unter Krämpfen und Katastrophen. Selbstorganisierende Systeme nehmen keine Rücksicht auf die Elemente, aus denen sie bestehen. Selbstorganisation kann auch in die Selbstzerstörung des Systems münden.

Dass in diesem Artikel viel von der biologischen Evolution die Rede ist, hat zwei Gründe. Einerseits dienen Prozesse der biologischen Evolution als Beispiele für allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Selbstorganisation. Andererseits hat die biologische Evolution uns Menschen hervorgebracht mit unseren Bedürfnissen und Fähigkeiten, also die Voraussetzungen für unsere kulturelle Evolution geschaffen.

Der Hauptteil des Artikels legt dar, wie die menschliche Gesellschaft sich von egalitären, statischen, territorialen Gemeinschaften zu auf Ausbeutung beruhenden, dynamischen und expansionistischen Imperien entwickelt hat. Die expansionistische Struktur dieser Gesellschaften ist die Wurzel des Krieges, wie wir ihn heute kennen, und die Produktion von Überschuss zwecks Erzeugung von noch mehr Überschuss ist der Motor dieser Entwicklung.

Um der Gefahr der Selbstzerstörung durch Krieg (oder auch durch Überausbeutung der Ressourcen) zu entgehen, müssen die Menschen, so schwierig es sein mag, in die spontane Entwicklung des ihnen übergeordneten Systems "Gesellschaft" eingreifen. Die Produktion von Überschuss zur Erzeugung von noch mehr Überschuss muss gestoppt werden. Der Autor ist der Meinung, dass eine radikal sozial und ökologisch orientierte gelenkte Marktwirtschaft eine nicht-expansive Gesellschaftsstruktur ermöglichen würde und so die Gefahr der Selbstzerstörung der Menschheit durch Krieg und Raubbau an Ressourcen minimieren würde.

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Selbstorganisation: Zufall und Gesetzmäßigkeit bei der Bildung der Materie

Unsere scheinbar so bunte und vielfältige Welt besteht aus wenigen, einander ähnlichen Grundbausteinen. Diese setzen sich zu unterschiedlichen und immer komplexeren Mustern zusammen. Muster sind Bereiche von erkennbarer Ordnung, die sich sowohl von Bereichen chaotischer Unordnung als auch von Bereichen toter Gleichförmigkeit unterscheiden. Diese Bereiche komplexerer Ordnung nehmen bei ihrer Bildung Energie auf und geben sie bei ihrem Zerfall an die Umgebung ab. Stabile Muster können Bestandteile komplexerer Muster werden. Instabile Muster zerfallen. [2]

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Leben: egoistische Gene oder Arterhaltung?

In den warmen Küstengewässern der jungen Erde bilden sich unter Zufuhr hoher Energien Kettenmoleküle mit katalytischen Eigenschaften. Katalysatoren beeinflussen durch ihre Gegenwart die Bildung anderer Moleküle, ohne selbst in die chemische Verbindung einzugehen. Es beginnt eine Phase, in der Katalysatoren Moleküle katalysieren, die wiederum Katalysatoren für andere Moleküle sind. Aus diesem Chaos heben sich bald Kreisläufe heraus, in denen etwa Molekül A die Moleküle B, C und D katalysiert, die ihrerseits wieder ein Duplikat von A hervorbringen. DNS-Ketten bringen Proteine hervor, die ihrerseits wieder DNS-Ketten zusammensetzen, die der ursprünglichen gleichen. Ab diesem Zeitpunkt können wir von Fortpflanzung sprechen. Wir sehen zwar noch keine abgegrenzten Individuen, aber erkennbare Kreisläufe, dynamische Muster, die sich in der Zeit wiederholen. Es ist klar, dass diese Replikatoren, eben weil sie sich replizieren, zum vorherrschenden Element werden, und andere Arten von sozusagen ziellosen Katalysatoren verdrängen. Am schnellsten vermehren sich diejenigen DNS-Ketten, die es mit Hilfe der von ihnen geschaffenen Enzyme am besten verstehen, aus den sie umgebenden Bausteinen möglichst genaue Duplikate ihrer selbst herzustellen, also zum Beispiel energiereiche Moleküle aufzubrechen und ihrem eigenen Kreislauf einzuverleiben. Es beginnt erkennbar zu werden, was Richard Dawkins den „Egoismus des Gens“ nennt. (Dawkins 1989)

„Das selbstsüchtige Gen“ ist ein provokanter Buchtitel und eine ziemliche Vereinfachung. Die „Selbstsucht“ der DNS bezieht sich auf ihre Fortpflanzung und nicht unbedingt auf ihren Selbsterhalt. Und Selbstsucht darf in dem Zusammenhang natürlich nicht als psychologische Kategorie verstanden werden, sondern als ein Steuermechanismus, ein das Verhalten bestimmendes Programm.

Eine zufällige Veränderung einer DNS-Kette bleibt erhalten, wenn sie den Fortpflanzungserfolg dieser Kette, also die Produktion weiterer Duplikate, erhöht. Die Feststellung ist im Grunde eine Tautologie. Was sich vermehrt, vermehrt sich. Weniger tautologisch ist die Feststellung, dass diejenigen Muster sich schneller vermehren, die es besser verstehen, Energie einzufangen, und weniger Energie bei der Verdopplung zu verbrauchen. Sollte eine DNS einmal dahingehend mutieren, dass sie anders gebauten DNS-Ketten bei der Vermehrung hilft, so wird sie solche DNS-Ketten vermehren helfen, die diese altruistische Eigenschaft nicht besitzen, und dieser schöne Zug wird wieder untergehen.

Zu den zufälligen Veränderungen, die der DNS nützlich sind, gehört die Entstehung einer Membran, eines Netzes aus Proteinfäden, das den katalytischen Kreislauf einschließt und vor dem Eindringen fremder Enzyme, die den Prozess stören könnten, oder gar die beteiligten Moleküle zum Rohstoff für einen fremden Kreislauf machen könnten, beschützt. Es entstehen abgegrenzte Individuen, Organismen, die dem Einfangen und Bewahren von Energie zum Zwecke der Vermehrung dienen. Dawkins betont, dass die Individuen nicht um ihrer selbst willen da sind, sondern nur der Vermehrung der Gene dienen, nur die Fortpflanzungsmaschinen ihrer Gene sind. Das Huhn ist die Methode des Eis, mehr Eier zu machen.

Den von Konrad Lorenz postulierten Arterhaltungstrieb (Lorenz 1963) stellt Dawkins in Frage. Nicht das, was der Art nützt, setzt sich durch, sondern das, was der Fortpflanzung des einzelnen DNS-Musters nützt.

Ein Beispiel: Bei fast allen sich geschlechtlich vermehrenden Arten gibt es ungefähr gleich viele Männchen wie Weibchen, obwohl wenige Männchen ausreichen würden, alle Weibchen zu befruchten und obwohl oft die Männchen nichts zur Brutpflege beitragen. Die Mehrzahl der Männchen sind also vom Standpunkt der Art unnütze Fresser. Die Art könnte den ihr potentiell zur Verfügung stehenden Lebensraum mit weniger Männchen und mehr Weibchen schneller ausfüllen und eventuell konkurrierenden Arten so zuvorkommen. Warum geschieht das nicht? Nehmen wir an, jedes Weibchen bekommt zehn Junge. Nehmen wir weiters an, ein Männchen befruchtet zehn Weibchen, und nur eines von zehn Männchen kommt überhaupt zur Fortpflanzung. Dann könnte die Art sich viel schneller ausbreiten, wenn nicht 50 % der Jungen Männchen wären, sondern nur 10%, und der Rest Weibchen. Im Interesse der Art sollten die Weibchen also möglichst viele Weibchen gebären. Nun wird ein Weibchen, das zehn Töchter gebiert, hundert Enkel haben. Ein Weibchen, das zehn Söhne gebiert, von denen nur einer sich fortpflanzt, dafür aber mit zehn Weibchen, wird aber ebenfalls hundert Enkel haben. Die Eigenschaft, viele Töchter zu haben, hat keine besseren Chancen, sich durchzusetzen, als die Eigenschaft, viele Söhne zu haben. Daher muss die Art mit den unnützen Fressern leben, ob es ihr nun nützt oder nicht.

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Teufelskreise ohne Entkommen

Ein drastisches Beispiel bringen Wolfgang Wickler und Uta Seibt (Wickler/Seibt 1977):

„Krähen nisten in Kolonien und bauen ihre Nester mit Zweigen, die sie zusammentragen müssen. Hat in der Kolonie ein Nestbau begonnen, dann sind die nächstliegenden Zweige dort  zu  finden und werden auch von da geholt. An markierten Zweigen kann man sehen, daß sie eine umständliche Reise durch die Kolonie machen; obwohl schon einmal eingebaut, werden sie wieder weggenommen und woanders eingebaut, dort wieder weggenommen usw. ... Ohne diese überflüssigen Umschichtungen wäre das Nestbauen viel billiger und weniger zeitraubend. Aber eine Krähe, die das Stehlen unterließe und nur neue Zweige herbeitrüge, würde als einzige zuverlässige Material-Beschafferin von der ganzen Kolonie ausgebeutet.“

Ein weiteres Beispiel: Wenn Löwenmännchen einen Harem übernehmen, sind sie während der ersten drei Monate den Löwenjungen gegenüber sehr aggressiv und töten sie fast immer. Erst später werden sie zu fürsorglichen Vätern, die den Jungen gegenüber sogar duldsamer sind als die Mütter. Der Grund dafür ist einfach: Im Durchschnitt verlieren die Löwen den Harem nach zwei bis drei Jahren wieder an ihre Nachfolger. Sie haben nur wenig Zeit, Junge zu zeugen. Trächtige oder säugende Löwinnen kommen nicht in Brunst. Die Löwen töten also die Jungen ihrer Vorgänger, damit die Löwinnen schnell wieder brünstig werden, also um sich selbst Nachwuchs zu sichern (natürlich sind sie sich dessen nicht bewusst). Für die Spezies der Löwen ist das sehr schlecht. Denn die Sterblichkeit unter Löwenjungen ist sowieso sehr hoch, in der ostafrikanischen Steppe bei ca. 80%. Ein Viertel verhungert, ein weiteres Viertel verunglückt oder fällt Feinden zum Opfer. Die Löwen können unter diesen Bedingungen ihre Zahl gerade konstant halten. Taucht ein neuer Feind auf, wie zum Beispiel der Mensch, ist der Bestand ihrer Art hochgradig gefährdet. Die Löwen täten also im Interesse kommender Generationen gut daran, den Kindermord abzuschaffen. Doch das können sie nicht. Ein Löwenmännchen, das durch Mutation die Eigenschaft erhalten würde, zu den Jungen der Vorgänger genauso gutmütig zu sein wie zu den eigenen, hätte kaum die Chance, überhaupt eigenen Nachwuchs zu bekommen, vor allem nicht eigene Söhne, denen es seine Gutmütigkeit vererben könnte. Die Löwen stecken in einem Teufelskreis, dem sie ebenso wenig entkommen können wie die Krähen. Indem jedes Löwenmännchen seinen eigenen Nachwuchs fördert, trägt es dazu bei, den Nachwuchs aller Löwenmännchen, also letztlich auch den eigenen, zu verringern. Könnten die Löwen miteinander ein Abkommen treffen, keine Kinder zu töten, könnte jedes einzelne Männchen mehr Nachkommen haben. Doch Löwen können keine Versprechungen machen und keine Verträge schließen, ebenso wenig wie die Krähen. (Wickler/Seibt 1977).

Solche Teufelskreise sind in der Natur keine Ausnahme, man begegnet ihnen auf Schritt und Tritt. Die Evolution der Gene nimmt keine Rücksicht auf das Wohlergehen der Art. Sie nimmt auch keine Rücksicht auf das Wohlergehen der Individuen, so paradox das vielleicht im ersten Augenblick klingt. Aber wäre ohne Schmerzempfinden unser Leben nicht glücklicher – wenn auch kurz? Zu kurz vermutlich, als dass wir uns überhaupt fortpflanzen könnten. Individuen ohne Schmerzempfindung werden äußerst rasch hinwegselegiert.

Der Fortgang der Evolution ließ Einzeller sich zu Vielzellern zusammenschließen. Die Zellen büßten dabei sowohl ihre potentielle Unsterblichkeit als auch ihre Unabhängigkeit und Vielseitigkeit ein, wurden aus individuellen Jägern zu austauschbaren Fließbandarbeitern, die nur einen winzigen Teil des Lebensprozesses bewältigten und alleine überhaupt nicht mehr lebensfähig waren. Und der Gesamtorganismus, der nun als Individuum auftrat, war nun ebenso todgeweiht wie die ihn konstituierenden Zellen. Das Privileg der potentiellen Unsterblichkeit behielten allein die Fortpflanzungszellen.[3]

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Das Gefangenendilemma

Ein bekanntes Paradigma für die oben beschriebenen Teufelskreise ist das Gefangenendilemma, 1950 von M.M. Flood und M. Dresher entwickelt. Hier meine Version:

In Samarkand wurden einmal zwei Diebe gefangen, die eine Gans gestohlen hatten. Timur Lenk ließ sie in zwei verschiedene Zellen sperren, so dass sie sich nicht miteinander verständigen konnten. Dann ging er zum ersten und sagte: ‘Höre, ihr zwei habt eine Gans gestohlen, dafür gebühren euch 20 Stockhiebe. Es ist nicht angenehm, aber man überlebt es. Nun weiß ich aber sicher, ihr habt nicht nur diese Gans gestohlen, sondern auch zwei goldene Becher aus meinem Palast. Dafür könnte ich euch hinrichten lassen. Das hätte für mich nur einen Nachteil: Ich würde so meine goldenen Becher nicht wiederbekommen. Ich könnte das Geständnis aus euch herausfoltern, aber ich habe mir etwas anderes ausgedacht. Pass genau auf: Wenn du den Diebstahl der Becher gestehst, und verrätst, wo ihr sie versteckt habt, dann lasse ich nur deinen Komplizen hinrichten, dich aber lasse ich laufen. Ihm werde ich freilich dieselbe Möglichkeit bieten. Wenn er gesteht, und du nicht, dann lasse ich ihn laufen, und du wirst hingerichtet. Es könnte natürlich sein, dass ihr beide gesteht. In diesem Fall könnte ich natürlich keinen von euch laufen lassen. Aber ich würde gnädig sein und jedem von euch nur die rechte Hand abhacken lassen.’

‘Und wenn keiner von uns gesteht?’ fragte der Gefangene, der übrigens wirklich mit seinem Komplizen gemeinsam auch die Becher gestohlen hatte.

‘Nun’, sagte Timur, ‚dann würde es bei den 20 Stockschlägen für die gestohlene Gans bleiben.’

Nennen wir die zwei Gefangenen Ahmed und Bülent. Ahmed könnte so überlegen: Wenn er, Ahmed, gesteht, ist es für Bülent besser, auch zu gestehen, sonst wird Bülent hingerichtet. Wenn Ahmed nicht gesteht, ist es für Bülent auch besser, zu gestehen, denn dann wird Bülent freigelassen. Also weiß Ahmed, dass Bülent gestehen wird. Also wird auch Ahmed gestehen, denn sonst wird er hingerichtet. Sollte es aber sein, dass Bülent nicht gesteht, umso besser für Ahmed, denn dann wird er freigelassen.

Das Ergebnis ist, dass beide gestehen und beiden die Hand abgehackt wird, wo sie doch beide mit zwanzig Stockschlägen hätten davonkommen können.

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Wie entstehen Kooperation und Solidarität?

 „Ich werde darlegen, dass eine vorherrschende Eigenschaft, die in erfolgreichen Genen erwartet werden muss, rücksichtslose Selbstsucht ist. Dieser Gen-Egoismus wird gewöhnlich ein egoistisches Verhalten des Individuums hervorrufen“, [4]

schreibt Dawkins in seinem berühmten Buch. Und weiter:  

„Wenn man betrachtet, wie die natürliche Selektion funktioniert, scheint zu folgen, dass alles, was durch natürliche Selektion evolviert ist, selbstsüchtig sein sollte. Also müssen wir erwarten, wenn wir das Verhalten von Pavianen, Menschen und allen anderen lebenden Geschöpfen betrachten, dass sich dieses Verhalten als selbstsüchtig erweisen wird. Wenn wir finden, dass unsere Erwartung nicht zutrifft, wenn wir beobachten, dass menschliches Verhalten wahrhaft altruistisch ist, dann werden wir etwas Rätselhaftem gegenüberstehen, etwas, das einer Erklärung bedarf“.[5]

Wie können nun in dieser grausamen Welt Kooperation und Solidarität entstehen?

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Kooperation aus Egoismus

Erklärungen gibt es auf mehreren Ebenen: Einfache Kooperation kann aus purer Selbstsucht entstehen: Kühe auf der Weide streben bei Gefahr zueinander. Für jede Kuh gilt: Je weiter sie von anderen Kühen entfernt ist, umso größer ist der Bereich, in dem sie für ein eventuelles Raubtier die nächste Kuh wäre, und daher von dem Raubtier angegriffen würde. Je näher sie dagegen an anderen Kühen steht, umso kleiner wird ihr Gefahrenbereich und umso größer die Chance, dass eine der anderen Kühe angegriffen wird. Indem jede Kuh versucht, auf Kosten der anderen zu überleben, erhöhen sich die Überlebenschancen für alle, denn ein Raubtier greift nur ungern eine geschlossene Gruppe an. (Wickler/Seibt 1977)

Die Kühe könnten also mit Recht sagen: „Wenn jede für sich selbst sorgt, dann ist für alle gesorgt“, während das für das Beispiel der Krähen und der Löwen sicher nicht zutrifft.

Antilopenweibchen leben in großen Herden und synchronisieren ihre Gebärzeiten. Ihre Jungen erscheinen dann gleichzeitig und in großer Anzahl, und das einzelne ist im Fall eines räuberischen Angriffs weniger gefährdet. (Wickler/Seibt 1977)

Schon etwas komplexer ist das Verhalten des Warnens: Viele Vögel, die in Gruppen oder Schwärmen leben, stoßen, wenn sie einen Feind erblicken, einen Warnruf aus. Das ist erstaunlich, denn der Warner lenkt die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich und gefährdet sich dadurch. Allerdings würde der Warner sich durch eine isolierte Flucht noch mehr gefährden. Besser ist es, den ganzen Schwarm aufzuscheuchen und im Schutz des Schwarms zu fliehen. (Wickler/Seibt 1977)

Verhaltensweisen, die der Gruppe nützen, können sich also dann durchsetzen, wenn sie auch unmittelbar einen Fortpflanzungsvorteil für das Individuum bedeuten.

Wenn das nicht der Fall ist, wenn das Verhalten also „echt“ altruistisch ist, kann es sich nicht durchsetzen, weil es ja die Fortpflanzung von Individuen fördert, die den altruistischen Zug nicht haben.

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Kooperation unter Verwandten

Es gibt allerdings eine Ausnahme: Wenn das altruistische Verhalten die Fortpflanzung von Verwandten fördert, dann besteht die Chance, dass auch diese Verwandten über den altruistischen Zug verfügen. Meine Gene habe ich mit statistischer Wahrscheinlichkeit zur Hälfte von meinem Vater, zur Hälfte von der Mutter. Das gilt auch für meine Geschwister. Doch müssen die nicht die gleichen Hälften geerbt haben. Im Schnitt aber wird bei jedem meiner Geschwister die Hälfte der Gene mit den meinen identisch sein. Ein Neffe oder eine Nichte haben im Schnitt ein Viertel meiner Gene. Wenn bei mir ein altruistischer Zug vorliegt, beträgt die Chance z.B. ¼, dass er auch bei meiner Nichte vorliegt. Die Hilfsbereitschaft gegenüber Verwandten kann sich dann durchsetzen, wenn ihr Nutzen für die Verwandten entsprechend größer ist als die Einbuße, die der eigene Nachwuchs dadurch erleidet. Meine Nichten und Neffen teilen im Schnitt 25% meiner Gene, meine Kinder 50%. Also muss der Nutzen für Neffen und Nichten mehr als doppelt so groß sein als die Einbuße für eigene Kinder, damit das Verhalten sich durchsetzen kann. So findet man zum Beispiel Vogelarten, wo Männchen, die kein Weibchen finden, ihren Eltern helfen, die Geschwister aufzuziehen. Das Verhalten kann sich durchsetzen, weil meine Geschwister mit mir genau so verwandt sind wie meine Kinder, sie haben im Schnitt 50% der Gene mit mir gemeinsam. Solche Brutpflegehelfer finden sich bei Vögeln, Krebsen, Fischen und auch Säugetieren. (Dawkins 1989)[6]

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Ameisen: Weltherrscher durch Verwandtenkooperation

Die eindrucksvollsten Ergebnisse zeitigt die Verwandtenkooperation bei den Ameisen. Bei den Ameisen schlüpfen aus befruchteten Eiern Weibchen (fruchtbare Königinnen oder unfruchtbare Arbeiterinnen), aus unbefruchteten Eiern Männchen. Alle Ameisengeschwister bekommen vom Vater den gleichen Chromosomensatz, also identische Gene. Von der Mutter bekommen sie ein jeweils zufälliges Gemisch der großmütterlichen und großväterlichen Gene. Daher teilen Ameisenschwestern im Schnitt nicht 50% der Gene, sondern 75%. Jedes Verhaltensmerkmal, das die eigene Mutter beziehungsweise ihren Nachwuchs fördert, hat also besonders große Chancen, damit auch wiederum Trägerinnen dieses Verhaltensmerkmals zu fördern. So erklärt sich, dass Ameisen-Arbeiterinnen zugunsten einer kleinen Anzahl fruchtbarer Schwestern auf eigenen Nachwuchs verzichten. Das macht es möglich, dass die Schwestern verschiedene Arbeiten im Stock untereinander aufteilen. Ein Teil dieser Arbeitsteilung ist altersbedingt, das heißt Arbeiterinnen machen in der Jugend Innendienst und übernehmen am Ende des Lebens den gefährlichen Außendienst. Aber sie können es sich auch leisten, für verschiedene Dienste unterschiedliche Körperformen zu entwickeln, die sie für andere Dienste untauglich machen. Bei manchen Arten gibt es Wächterameisen mit einer speziellen Kopfform. Ihre Köpfe dienen als Verschlüsse, als Pfropfen für die Eingänge. Bei vielen Arten gibt es besonders große Soldatinnen. Bei der Honigtopfameise stellen sich bestimmte Arbeiterinnen als Nahrungsspeicher für den Winter zur Verfügung. Mit auf Erbsengröße angeschwollenen Hinterleibern hängen sie als Honigtöpfe in den Vorratskammern. Am bizarrsten ist vielleicht das Verhalten der Camponotus-Ameisen in Malaysia, die man als lebende Bomben bezeichnen könnte: Zwei große Drüsen mit giftigem Sekret laufen von ihren Kauwerkzeugen bis zum Ende ihres Hinterleibs. Wenn die Ameisen im Kampf gegen feindliche Ameisen oder einen Fressfeind in Bedrängnis geraten, ziehen sie ihre Hinterleibsmuskeln gewaltsam zusammen, sodass ihre Körperwände aufgesprengt werden und sich das Gift plötzlich auf den Feind ergießt. Zugunsten des Stocks das Leben zu opfern ist für die Ameisen kein großes Problem, und ähnliche Kamikaze-Verhaltensweisen finden sich bei vielen Arten.

Die Ameisenkolonie wird oft als Superorganismus bezeichnet, weil sich die Individuen wie Organe eines größeren Superindividuums verhalten. Das macht ihren großen Erfolg aus. Von 750.000 bekannten Insektenspezies sind 13.500 Spezies staatenbildend. 9500 davon sind Ameisen, der Rest sind Termiten und soziale Bienen und Wespen. Doch diese 2% aller Insektenspezies machen 50% der Biomasse aller Insekten aus! Warum? Hölldobler und Wilson führen folgendes Argument an: Man stelle sich 100 einzeln lebende Wespen (Ameisen stammen von Wespen ab) neben einer Kolonie von 100 Ameisen vor. Jede Wespenmutter muss ein Nest graben, ein Beutetier fangen und eintragen, ein Ei darauf legen und das Nest verschließen. Wenn sie bei einer einzigen dieser Arbeiten versagt, waren auch alle anderen Arbeiten vergebens. Die Ameisen teilen die Arbeiten auf Spezialistinnen auf. Wenn eine versagt oder gefressen wird, springt eine andere ein. Der Erfolg ist nahezu garantiert. Im Kampf können die Ameisen-Soldatinnen draufgängerisch bis zum Selbstmord sein. Eine Wespenmutter sollte sich auf einen Kampf nur einlassen, wenn sie ihn gewinnen kann, Kamikaze-Aktionen stehen sowieso außer Frage. Selbst wenn bis zum Ausfliegen der jungen Ameisenköniginnen von den 100 Ameisen 99 ihr Leben lassen müssen, werden die ausfliegenden Schwestern den Verlust mehr als ausgleichen, die Arbeit der 99 wird nicht verloren sein. Wenn 99 Wespenmütter ihr Leben lassen, bevor sie ihren Nachwuchs bis zum Ende versorgt haben, wird nur die Arbeit der letzten überlebenden nicht verloren sein. „Es scheint, dass Sozialismus unter bestimmten Bedingungen wirklich funktioniert“, schreiben Hölldobler und Wilson. „Karl Marx hatte nur die falsche Spezies.“ (Hölldobler/Wilson 1994)

 

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Konkurrenz und Kooperation ergänzen einander

Die Weiterentwicklung der Arten, die immer weiter gehende Differenzierung des Lebens wird also durch Konkurrenz vorangetrieben, Konkurrenz innerhalb der Arten und zwischen den Arten. Doch diese Konkurrenz bringt auf vielen Ebenen Kooperation hervor, und kooperative Spezies wie die Ameisen und – wie wir sehen werden – die Menschen, gehen als „Sieger“ aus dieser Konkurrenz hervor.

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Krieg bei sozialen Insekten

Bei all ihrer Eignung zur Kooperation kennen auch die Ameisen Konkurrenz und Kampf. Vor allem zwischen verschiedenen Spezies und auch zwischen den Kolonien ein und derselben Spezies herrscht oft erbarmungsloser Krieg. „Wenn Ameisen Nuklearwaffen hätten, würden sie wahrscheinlich innerhalb einer Woche das Ende der Welt herbeiführen“. (Hölldobler/Wilson 1994)

Warum ist unter Ameisen Krieg die Regel, und zwar, wie Hölldobler/Wilson es beschreiben, gekennzeichnet durch „rastlose Aggression, territoriale Eroberung und völkermörderische Auslöschung benachbarter Kolonien wann immer möglich“?

Für die folgenden Überlegungen sind nicht Hölldobler/Wilson verantwortlich sondern ich allein:

1) Ameisenkolonien können zwar nicht unbegrenzt wachsen, aber die Spanne zwischen der kleinstmöglichen noch funktionierenden Kolonie und der größtmöglichen ist enorm, kann das Hundertfache, Tausendfache oder noch mehr betragen. Kaum eine Ameisenkolonie erreicht tatsächlich die theoretisch mögliche größte Ausdehnung. Praktisch jede Kolonie könnte also ein noch größeres Territorium brauchen. Auch bei einem Singvogelpärchen hängt die Größe der Brut, die es aufziehen kann, bis zu einem gewissen Grad von der Größe des Territoriums ab, das dem Pärchen zur Verfügung steht. Aber es gibt ein maximales Territorium, das das Pärchen überhaupt "bewirtschaften" kann, und jede Gebietseroberung darüber hinaus hätte keinen Sinn. Für die Ameisen aber gilt, dass eine Kolonie, die nicht auf unbegrenztes Wachstum aus wäre, der maßlosen Mutante gegenüber ins Hintertreffen geraten muss. Desgleichen eine Kolonie, die ihr Territorium nicht mit Mandibeln und Klauen verteidigt.

2) Ameisenkolonien können sich das Kriegführen leisten. Sie können es sich leisten, weil sie, wie schon oben ausgeführt, die Fortpflanzung an ihre königlichen Schwestern delegieren. Einzeln lebende Wespen oder Singvogelpärchen oder andere territoriale Tiere können sich eine tödliche Niederlage nicht erlauben. Jede Fortpflanzungschance wäre dahin. Sobald eine Niederlage abzusehen ist, ist Flucht die bessere Alternative, denn dann besteht immer noch die Chance, ein unbesetztes Territorium zu finden oder einen schwächeren Konkurrenten, den man vertreiben kann. Für eine Ameisenkolonie kann ein Krieg sich auch dann lohnen, wenn Tausende auf dem Schlachtfeld sterben.

3) Der dritte Grund spielt wahrscheinlich eine geringere Rolle als die ersten beiden, wird aber auch mit zur kriegerischen Veranlagung der Ameisen beitragen: In Ameisenkriegen geht es nicht nur um Territorien, die ja erst noch bejagt oder sonst bearbeitet werden müssen, sondern es gibt im feindlichen Stock oft auch unmittelbar etwas zu holen. Viele Ameisen legen Vorräte an. Die schon erwähnten Honigtopf-Ameisen stehlen zum Beispiel eben diese lebenden Honigtöpfe und verleiben sie dem eigenen Stock ein. Oft werden Puppen und Larven gestohlen. Sie werden dem eigenen Stock einverleibt und müssen sich in den Dienst von Königinnen stellen, mit denen sie nicht verwandt sind. Manche Ameisenarten versklaven auf diese Art sogar Angehörige fremder Ameisenspezies.

Unter den Ameisen gibt es also Krieg, weil er sich für sie unter den besonderen Umständen, unter denen sie leben, besonders lohnt. Im Gegensatz zum bloß territorialen Singvogelpärchen ist die Ameisenkolonie von ihrer Struktur her expansiv. 

Dieser Unterschied wird uns später bei der Behandlung menschlicher Gesellschaften interessieren.[7]

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Kooperation aus Einsicht?

Menschliche Gesellschaften bestehen nun keineswegs nur aus engen Verwandten. Kommt Kooperation unter nicht eng verwandten Menschen also nur trotz der biologischen Veranlagung zum Egoismus vor? Dawkins scheint dieser Meinung zu sein: „Seien Sie gewarnt, dass, wenn Sie, wie ich, wünschen eine Gesellschaft zu errichten, in der Individuen großzügig und selbstlos für das Gemeinwohl tätig sind, Sie wenig Hilfe von unserer biologischen Natur erwarten dürfen.“ (Dawkins 1989)

Diese Meinung lässt sich durchaus begründen. Das Menschenwesen ist tatsächlich weniger instinktgesteuert als alle anderen Tiere. Man könnte also durchaus, wie Dawkins der Ansicht sein, dass das dem Menschenwesen die Freiheit gibt, sich vom Diktat der Gene zu befreien und trotz der egoistischen Veranlagung einer höheren Einsicht folgend zu kooperieren.

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Das Handicap-Prinzip

Wie es scheint, gibt es aber doch Hilfe von unserer biologischen Natur. Um das darzulegen, ist es allerdings nötig, ein wenig auszuholen. Vergegenwärtigt man sich, wie stark der Druck der Selektion durch die Umwelt die Lebewesen drängt, möglichst viel Energie zu gewinnen und sie möglichst sparsam auszugeben, dann muss einem eine ganze Klasse von Erscheinungen in der Natur äußerst merkwürdig vorkommen. Das Männchen des Argusfasans hat so übermäßig lange Schwanzfedern, dass es fast schon flugunfähig ist. (Riedl 2000) Warum werden die Federn immer länger, warum bevorzugt die Evolution nicht Männchen mit kürzeren Schwanzfedern? Warum wurde das Geweih des Riesenelchs so breit und schwer, dass es höchstwahrscheinlich das Aussterben dieser Art verursachte? Warum entwickelten sich die Eckzähne des Säbelzahntigers so unmäßig, dass auch diese Art vom Antlitz der Erde verschwunden ist? Der Biologe Amotz Zahavi stellte Anfang der 70er Jahre eine Theorie auf, die er das Handicap-Prinzip nannte. (Zahavi 1975)

Ein Paradiesvogel, der trotz fast ein Meter langen Schwanzfedern überlebt, muss ein besonders kräftiger Flieger sein, besonders gut darin sein, Raubfeinden zu entkommen, Futter zu finden, Krankheiten abzuwehren etc. Wenn ein Weibchen auf Grund einer Mutation Gefallen an Männchen mit besonders langen Schwanzfedern findet, wird es automatisch besonders gute Flieger etc. als Nachkommen haben und ihnen, wenn weiblich, die Vorliebe für lange Schwanzfedern vererben.  Viele sexuelle Werbesignale der Männchen sind solche Behinderungen. Männchen verzichten in der Zeit der Werbung auf Tarnfärbung und entwickeln auffallend bunte Signalfarben. Sie führen aufwändige Werbetänze vor, machen sich durch lauten Gesangauffallend, kopieren sogar völlig überflüssig die Gesänge anderer Vögel und sogar die Geräusche von Kettensägen oder startenden Autos. Indem sie sich selbst Behinderungen auferlegen, demonstrieren sie ihren Kräfteüberschuss. Die Männchen der Laubenvögel von Neuguinea bauen 1 Meter hohe geflochtene Hütten von 2 ½ Metern Durchmesser und schmücken deren Umgebung mit bunten Gegenständen, Früchten, Schmetterlingsflügeln und dergleichen die sie nach Farben geordnet auslegen. Diese Hütten haben keinerlei Überlebenswert für den kleinen unscheinbaren Vogel. Sie sind absolute Kraftvergeudung, brotlose Kunst. Sie dienen nur dazu, dem Weibchen die überschießenden Kräfte des Männchens zu demonstrieren. Das Weibchen „weiß sofort, dass das Männchen kräftig ist, da die Laube hundertmal soviel wiegt wie es selbst und manche der Dekorationselemente, die es aus zig Meter Entfernung herbeischleppen musste, halb so schwer sind wie sein eigener Körper. Das Weibchen weiß auch, dass das Männchen genügend Geschicklichkeit besitzt, um Hunderte von Stöcken und Zweigen ... zu verflechten. Es muss ein gutes Gehirn besitzen...“ und so weiter. (Diamond 1992)

Dass es im wesentlichen die Männchen sind, die Werbesignale aussenden, liegt an dem oben dargelegten funktionalen Männchenüberschuss. Je weniger die Männchen zur Brutpflege gebraucht werden, umso krasser sind die Behinderungen, mit denen sie prahlen. Männchen, die zur Brutpflege benötigt werden, können sich solche Extravaganzen weniger leisten, beziehungsweise können sich ihre Weibchen solche extremen Vorlieben nicht leisten. Auch die Männchen züchten in gewissem Maß mit ihren Vorlieben bestimmte Eigenschaften an den Weibchen heran. Doch je größer der funktionale Männchenüberschuss, umso mehr sind es die Weibchen, die die Eigenschaften der Männchen heranzüchten.

Auch beim Menschenwesen finden sich eine Fülle von selbstschädigenden Verhaltensweisen, die sich durch Zahavis Handikap-Prinzip erklären lassen. Tätowierungen und Schmucknarben beispielweise sind ein Beweis, dass ihr Träger oder ihre Trägerin Schmerzen ertragen können und über ein gutes Immunsystem verfügen. Wer kein gutes Immunsystem hat, wird vom Wundfieber hinweggerafft. Das Trinken von Alkohol gehört zu dieser Art von Signalen oder das Rauchen von Tabak, das Trinken von Kerosin bei Kung-Fu-Kämpfern oder die Sitte der männlichen Einwohner der Pazifik-Insel Malekula, hohe Türme zu errichten und dann von einem Seil am Fuß gehalten herabzuspringen, so dass das Seil den Sturz abfängt, kurz bevor der Wagemutige mit dem Kopf auf den Boden prallt. „Wer den Sturz übersteht, hat bewiesen, dass er Mut besitzt, richtig rechnen kann und ein guter Baumeister ist“. (Zahavi 1975)

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Hilfe für Nichtverwandte als kostspieliges Signal für gute Erbanlagen

Was hat Zahavis Handikap-Prinzip nun mit Kooperation zu tun?

Jane Goodall berichtete, dass im Gegensatz zu anderen Tieren Schimpansen gelegentlich Nahrung miteinander teilen, und zwar Fleisch häufiger als anderes Futter. (Goodall 1990) Fleisch ist für Schimpansen zwar eine wertvolle Nahrung, aber kein lebensnotwendiger Nahrungsbestandteil, eher eine seltene Delikatesse. Schimpansen erjagen nur eher selten ein Kolobusäffchen oder ein Buschschwein. Warum also behalten erfolgreiche Jäger diese seltene und nur mit großer Ausdauer und Geschicklichkeit zu erlangende Delikatesse nicht für sich?

Auch in menschlichen Sammler- und Jäger-Kulturen ist es hauptsächlich Fleisch, was geteilt wird. Pflanzennahrung sammelt ein jedes für sich oder für die Familie. Bei den Hadza in Ostafrika wird überhaupt nur Großwild auf die ganze Gruppe aufgeteilt. Großwildjagd bringt zwar gelegentlich große Mengen Fleisch, ist aber riskant und unverlässlich. Die verlässlichere Strategie ist die Jagd auf Kleinwild. Mit ein paar erlegten Hasen oder Vögeln kann „mann“ aber nicht so gut seine Stärke und Gewandtheit beweisen wie mit einem erlegten Büffel. Der Zweck der männlichen Großwildjagd ist also in erster Linie die Demonstration überschüssiger Kraft. (Key/Aiello 1999) Dabei geht es nicht um die subjektive Motivation des Jägers, also was er sich dabei denkt oder was er dabei fühlt, sondern um die objektive Funktion als Signal. Der Jäger bewusst prahlen oder er mag nur das Wohl seiner Gruppe im Sinn haben und an Statusgewinn keinen Gedanken verschwenden. Dennoch haben erfolgreiche Jäger hohen Status und werden von Frauen bewundert, bekommen mehr Nachkommen und können ihnen ihre Gruppenfürsorglichkeit vererben.

Bei den BaMbuti (Pygmäen) im Kongo ist ein junger Mann erst heiratsfähig, wenn er mindestens eine Antilope allein erlegt hat. Wenn die Jungen Männer von ihren Bräuten reden, prahlen sie damit, dass sie den Schwiegereltern nicht bloß eine Antilope, sondern einen Büffel, ja gar einen Elefanten zum Geschenk machen werden. Und dass ein einzelner Mbuti-Jäger einen Elefanten erlegt, kommt auch tatsächlich vor. (Turnbull 1961)

Wenn die Umweltselektion also auf ökonomischen Energieeinsatz und Maximierung des persönlichen Fortpflanzungserfolgs hinarbeitet, so kann die sexuelle Selektion im direkten Gegensatz dazu auf demonstrative Energieverschwendung hinarbeiten – und nichts anderes ist die Unterstützung von Nichtverwandten vom Gesichtspunkt des selbstsüchtigen Gens aus. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man bedenkt, dass das selbstsüchtige Gen die Energieverschwendung beim anderen Geschlecht provoziert, damit seine eigene "Fortpflanzungsmaschine" Energie sparen kann.

Aber es muss auch noch einmal betont werden, dass diese sexuelle Selektion zu demonstrativen Kraftverschwendung zu einem Teufelskreis führen kann, der in Selbstzerstörung mündet, ähnlich wie andere Ausprägungen innerartlicher Selektion (Kindsmord beim Löwen). Beim Säbelzahntiger und beim Riesenelch hat sie, wie schon angedeutet, zum Aussterben dieser Arten geführt.

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Der Drang, etwas zu bewirken

Nun ist das Menschenwesen von allen Tieren das mit dem flexibelsten Verhalten, das am wenigsten instinktgebundene. Sein Verhalten wird nicht bloß durch genetisch vererbte Programme gesteuert, sondern auch durch den Problemlösungsapparat und Erfahrungsspeicher im individuellen Gehirn. Der wird allerdings seltener eingesetzt als man annehmen möchte. Einmal gefundene Lösungen werden als Gewohnheiten gespeichert und immer wieder wiederholt, auch wenn bessere Lösungen möglich wären. Von anderen Individuen gefundene Lösungen werden nachgeahmt. Erfahrungen und daraus resultierende Verhaltensweisen früherer Generationen werden durch Erziehung aufgenommen und verinnerlicht und an die nächste Generation weitergegeben. Dabei spielt natürlich das Sprachvermögen des Menschenwesens eine große Rolle. Das ganze Repertoire an nicht individuell erarbeiteten, sondern übernommenen Verhaltensweisen und Anschauungen, das einer bestimmten Gruppe gemeinsam ist und sie von anderen Gruppen unterscheidet, macht das aus, was man die Kultur einer Gruppe (einer Gesellschaft) nennt.

 Doch dass menschliches Verhalten durch individuelle Erfahrungen und kulturelle Normen gesteuert ist, heißt nicht, dass das Menschenwesen von seinen Instinkten frei wäre. Noch immer zwingt der Hunger es zu essen. Aber die Art, wie es sich das Essen verschafft, ist ihm, im Gegensatz zu weniger komplexen Tieren, nicht angeboren. Noch immer gerät das Menschenwesen in Zorn, wenn es angegriffen wird, und verteidigt sich, doch ob es dazu die Fäuste verwendet, Waffen oder Worte, das steht ihm frei. Und so weiter. Wir können nicht sagen, dass der Fresstrieb beim Menschen „schwächer“ wäre. Er drängt genauso gebieterisch auf Erfüllung wie bei jedem anderen Tier. Nur die Durchführung überlässt er den kognitiven Fähigkeiten des Menschenwesens. Eine Kuh kann nur Gras fressen und Wiederkäuen, sie kann sich nicht auf Nüsse umstellen oder Hasen jagen, wenn das Gras knapp wird. Das Menschenwesen kann all das und noch mehr, aber essen muss es. Dem Tier liefert der Instinkt die Problemlösungen. Dem Menschenwesen stellt der Instinkt (der Trieb) die Aufgabe, und überlässt die Lösung der Kultur, der Gewohnheit oder der Intelligenz. Die Aufgabe ist aber noch immer dieselbe wie beim Tier: Bleib am Leben, pflanze dich fort und sorge für deine Nachkommen.

Analog zum Fresstrieb darf man annehmen, dass dem Menschen kein spezifisches Programm angeboren ist, um das andere Geschlecht zu beeindrucken. Der Instinkt schreibt dem Menschenwesen nicht vor: Lass dich tätowieren! oder: Geh auf Großwildjagd! oder: Stürz dich an einem Seil in die Tiefe.

Erich Fromm hat in seiner Auseinandersetzung mit Konrad Lorenz über die menschliche Aggression von den menschlichen Leidenschaften gesprochen. Er hat in seiner klinischen Tätigkeit als Psychotherapeut festgestellt, dass dem Menschen ein tiefer Drang innewohnt, etwas zu bewirken, eine Spur in der Welt zu hinterlassen. „Wirken zu können bedeutet, dass man aktiv ist und nicht nur andere auf uns einwirken, dass wir aktiv und nicht nur passiv sind. Letzten Endes beweist es, dass wir sind. Man kann dieses Prinzip auch so formulieren: Ich bin, weil ich etwas bewirke.“ (Fromm 1973)

Schon kleine Babys wollen etwas bewirken. Überall auf der Welt gibt es die Babyrassel, mit der schon die Kleinsten Lärm erzeugen können. Kinder stellen mit großem Eifer Bausteine zu hohen Türmen aufeinander – und stoßen sie mit großer Freude am Krach wieder um. „Kleine Ursache – große Wirkung“ ist das Prinzip, das Spielzeuge und auch nicht zum Spielen gedachtes interessant macht: den hoch hüpfenden Gummiball ebenso wie den Lichtschalter.

 „Auch der Erwachsene hat das Bedürfnis sich selbst zu beweisen, dass er fähig ist, eine Wirkung auszuüben. Es gibt mannigfache Möglichkeiten, sich dieses Gefühl zu verschaffen: man kann im Säugling, der gestillt wird, einen Ausdruck der Befriedigung hervorrufen, im geliebten Menschen ein Lächeln, im Sexualpartner eine Reaktion, man kann im Gesprächspartner Interesse wecken. Das gleiche kann man durch materielle, intellektuelle oder künstlerische Arbeit erreichen. Aber man kann dasselbe Bedürfnis auch befriedigen, indem man über andere Macht gewinnt, indem man ihre Angst miterlebt, indem der Mörder die Todesangst auf dem Gesicht seines Opfers beobachtet, indem man ein Land erobert, indem man Menschen quält, und einfach dadurch, dass man zerstört, was andere aufgebaut haben. Das Bedürfnis, eine Wirkung zu erzielen, kommt in den interpersonalen Beziehungen ebenso zum Ausdruck wie in der Beziehung zu Tieren, zur unbelebten Natur und zu Ideen. In der Beziehung zu anderen besteht die grundsätzliche Alternative darin, dass man entweder die Macht in sich fühlt, Liebe hervorzurufen oder Angst und Leiden zu bewirken. In der Beziehung zu Dingen besteht die Alternative darin, entweder etwas aufzubauen oder es zu zerstören. So entgegengesetzt diese Alternativen sind, sie sind nur verschiedene Reaktionen auf das gleiche existentielle Bedürfnis: etwas zu bewirken.

Wenn man sich mit Depressionen und Langeweile beschäftigt, stößt man auf reiches Material, aus dem hervorgeht, dass das Gefühl, zur Wirkungslosigkeit verdammt zu sein - das heißt, zu einer völligen vitalen Impotenz, von der die sexuelle Impotenz nur einen kleinen Teil darstellt -, eines der schmerzlichsten und vielleicht fast unerträglichen Erlebnisse ist und dass der Mensch fast alles versuchen wird, um es zu überwinden - von Arbeitswut oder Drogen bis zu Grausamkeit und Mord.“

Das allgemein gehaltene Programm „Bewirke etwas!“ kann sich also kreativ oder destruktiv auswirken.[8]

 

Demonstrative Energieverschwendung ist also der evolutionsbiologische Sinn des von Fromm empirisch festgestellten Drangs, etwas zu bewirken. Als demonstrative Energieverschwendung lassen sich viele menschliche Verhaltensweisen deuten, die unter dem Gesichtspunkt der Umweltselektion und der Selbstsucht des Gens keinen Sinn ergeben. Das reicht von den vielfältigen, den Anthropologen gut bekannten Formen der Selbstverstümmelung (Tätowierung, Beschneidung, Ausbrechen von Zähnen, Vergrößerung von Ohrläppchen, Lippen, Hals) bis zur Kopfjagd und zum Menschenopfer. Das reicht vom Aufteilen der Jagdbeute bis zum Potlatch, dem Verschenkfest der amerikanischen Ureinwohner. Noch heute kann es vorkommen, dass ein indianischer Geschäftsmann anlässlich der Hochzeit einer Tochter all seinen Besitz, vom Fernseher bis zum Cadillac verschenkt und stolz in einem von Möbeln und Kunstgegenständen entblößten Haus zurückbleibt. Es gab aber auch die scheußlichere Form des Potlatch, wo konkurrierende Häuptlinge einander übertrumpften, indem sie nicht nur den anderen mit Nahrung voll stopften und ihn beschenkten, sondern auch große Mengen an Gebrauchsgütern verbrannten oder sonst vernichteten, um zu zeigen, dass sie es sich leisten konnten. Und noch scheußlicher die aztekische Form, bei der Kaufleute, die keine Gefangenen opfern konnten, extra zu diesem Zweck angeschaffte Sklaven abschlachteten. Aber auch der demonstrative Konsum („conspicuous consumption“, Thorstein Veblen 1899) gehört hierher, das Tragen von wertvollem Schmuck und teurer Kleidung und das Fahren von Autos, deren PS-Zahl nie ausgenützt werden kann. Es gehören hierher aber auch menschliche Äußerungen vom übermütigen Juchzer bis zum Koloraturgesang und zur Symphonie, vom fröhlichen Hopsen bis zum Ballett, vom Schmücken der Gebrauchsgegenstände mit unnützen Verzierungen, die ihre Funktion in keiner Weise verbessern, bis zum Malen abstrakter Bilder und zum Verhüllen von Monumentalgebäuden. Zum Adel der Kunst gehört es ja, dass sie nutzlos ist, reine Kunst, also pure, ungetrübte Energieverschwendung, die sich sogar von der „angewandten“ Kunst abgrenzt und diese in eigene Museen verbannt.

In jeder Kultur ist das Liebeswerben eng mit Kunstausübung verbunden. Das Tanzen gehört dazu, die Ständchen, die gebracht werden, die Liebesgedichte. Lyrik abzusondern gilt ja geradezu als Pubertätskrankheit und auch die Gitarre wird nach der Hochzeit weggelegt. Gerade junge Menschen, die in der Phase der sexuellen Werbung sind, setzen sich gern für eine „Sache“ ein, für den Tierschutz, für den Weltfrieden, gegen die Globalisierung, für den Umweltschutz oder auch für die Vorherrschaft der weißen Rasse oder des Germanentums. Und junge Menschen sind auch viel öfter bereit, sich für eine Sache zu opfern, für das Vaterland, für den Glauben oder für die Revolution.

Eine Frage muss noch beantwortet werden: Wenn die Funktion des Drangs, etwas zu bewirken die ist, dem anderen Geschlecht die Qualität unserer Erbanlagen zu beweisen, warum können wir dann mit Akten der demonstrativen Kraftverschwendung auch das eigene Geschlecht beeindrucken? Warum bewundern auch Männer erfolgreiche Boxer, auch Frauen große Tänzerinnen? Die Antwort scheint mir diese zu sein: Wenn Handlung X geeignet ist, beim anderen Geschlecht Bewunderung hervorzurufen, dann haben nicht nur diejenigen gute Chancen beim anderen Geschlecht, die eine natürliche Neigung zu Handlung X haben, sondern auch die, die Handlung X nachahmen können. Wer erfolgreiches Verhalten bewundert, hat damit eine gute Voraussetzung, es selber zu erlernen. Für einen Pfau besteht keine Veranlassung, das prächtige Rad seines Nebenbuhlers zu bewundern. Er kann ihm beim besten Willen nicht mehr nacheifern oder ihn gar übertrumpfen, dazu ist es zu spät, da Pfauenfedern angeboren sind. Wenn ihn die Prachtentfaltung des Nebenbuhlers nicht kalt lässt, wird sie ihn entweder aggressiv machen oder einschüchtern. Da sich beim Menschen aber demonstrative Energieverschwendung nicht im physischen, sondern in erlernbarem Verhalten niederschlägt, macht es Sinn, wenn wir unsere Fähigkeit, erfolgreiches Verhalten nachzuahmen, auch auf diesem Gebiet anwenden.

Diesen angeborene Hang zur demonstrativen Energieverschwendung, diesen uns vom jeweils anderen Geschlecht angezüchteten Drang, mehr zu tun als nur zu fressen und uns fortzupflanzen,  könnten wir den "Kulturtrieb" nennen. Er ist die biologische Voraussetzung, die die rasante Entwicklung unterschiedlichster menschlicher Kulturen mit ihren Blüten und ihren Auswüchsen als Motor angetrieben hat. (Siehe Dunbar 1999) Es genügt uns nicht, das Lebensnotwendige zu tun, wir wollen darüber hinaus gehen, uns „selbstverwirklichen“, unsere „Fähigkeiten entfalten“. Dass wir das wollen, ist uns angeboren, wie wir das tun, hängt davon ab, welche Möglichkeiten uns die Umstände bieten, sowohl die physischen als auch die gesellschaftlichen. Und wenn die gute Nachricht auch ist, dass wir nicht einem starren Aggressionstrieb ausgeliefert sind, wie ihn Konrad Lorenz postuliert hat, so stellt sich doch die große Frage: Unter welchen Voraussetzungen wird der Kulturtrieb kreativ, unter welchen destruktiv? Unter welchen Umständen gehen Menschen in die Slums, um Leprakranken zu helfen, und unter welchen Umständen werden sie KZ-Wächter? Wann setzen sich Herrscher Bibliotheken, Krankenhäuser und Gemäldegalerien als Denkmal, und wann eroberte Gebiete und zerbombte Städte?

Die These Erich Fromms lautete: Nimmt man einem Menschenwesen die Möglichkeit, diesen Drang, etwas zu bewirken, auf positive, kreative Weise auszuleben, so besteht sein einziger Ausweg darin, diesen Drang auf destruktive Weise auszuleben.

 

Für die Kultur des Krieges bedeutsam ist, dass sich dieser Drang eben auch im Streben nach Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld niederschlagen kann. Zwar findet die männermordende Schlacht oft weit entfernt von den daheimgelassenen Frauen statt, doch wenn der Kriegsheld aus der Schlacht zurückkehrt, ist ihm die Gunst der Frauen gewiss. Helden à la Alexander der Große oder Napoleon, Lenin oder Mao Zedong konnten sowohl die kreative als auch die destruktive Seite des Drangs, etwas zu bewirken ausleben: Sich die Liebe des eigenen Volkes, der eigenen Armee erwerben, und beim Feind Hass und Angst hervorrufen, töten und brandschatzen und ein Weltreich schaffen, die politischen Verhältnisse ordnen, das Leben von Millionen in neue Bahnen lenken.

Doch letztlich liegt dem Streben nach Schlachtenruhm nichts anderes zugrunde als dem Drang, sich bei der Tanzbodenrauferei hervorzutun, beim Fußball zu glänzen oder ein Popstar zu werden.

Von Natur aus ist das Menschenwesen weder kriegerisch noch friedlich. Ihm ist ein Drang, etwas zu bewirken, angeboren, der sich kreativ oder destruktiv manifestieren kann. Die destruktive Manifestation dieses Drangs ist eine Voraussetzung, die Krieg ermöglicht, aber nicht verursacht. Es hängt von der Struktur der Gesellschaft ab, welche Ausprägung dieses Drangs Individuen erfolgreich sein lässt, welche also in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschend wird.

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Kooperation durch Gruppenselektion

Die klassische Soziobiologie hat uns vorgerechnet, dass Kooperation nur entstehen kann, wenn sie dem kooperierenden Individuum einen unmittelbaren Fortpflanzungsvorteil bringt. „Echter“ Altruismus, wenn er durch Mutation entsteht, muss immer wieder aussterben. 1998 zeigten Elliot Sober und David Sloane Wilson  auf, dass diese Rechnung nicht immer stimmen muss. (Sober E. and Wilson D.S., 1998) Sie stellen das Modell von zwei Gruppen auf, die miteinander konkurrieren. Wenn die eine Gruppe viele Altruisten enthält, die mehr auf das Wohl der Gruppe bedacht sind als auf das eigene und das ihres Nachwuchses, die andere aber nur wenige, so wird die erste Gruppe sich schneller vermehren als die zweite. Das führt dazu, dass der Anteil der Altruisten an der  Gesamtzahl der beiden Gruppen zunimmt. Da die guten Dienste der Altruisten aber auch den Egoisten der eigenen Gruppe zugute kommen, die nichts an die Gruppe zurückgeben, werden diese sich jeweils schneller vermehren als die Altruisten. Der Anteil der Altruisten innerhalb jeder Gruppe wird also notwendig abnehmen. Bleiben die beiden Gruppen getrennt voneinander, müssen die Altruisten in beiden Gruppen irgendwann aussterben, wie es die klassische Soziobiologie vorhersagt. Kommt es aber, solange die Altruisten an der Gesamtzahl gemessen sich noch auf dem aufsteigenden Ast der Kurve befinden, zur Vermischung der beiden Gruppen und zu einer neuerlichen Aufspaltung, so kann der Prozess mit einem insgesamt höheren Altruisten-Anteil von vorne beginnen. Obwohl die Altruisten also immer in Gefahr sind, dass von ihren Anstrengungen die Trittbrettfahrer profitieren, kann unter diesen Voraussetzungen ihr Anteil in der Population zunehmen.

Ein extremes Beispiel macht das deutlich: Stellen wir uns einen Stamm vor, der sich immer wieder in kleine Jagdgruppen aufteilt, die gefährliche Tiere, sagen wir, Mammuts, jagen. Schon ein einziger Trittbrettfahrer kann seine ganze Gruppe dem Verderben preisgeben – und damit sich selbst. In solchen Situationen, wo die Gruppe auf Gedeih und Verderb auf einander, also auf Kooperation angewiesen ist, ist es klar, dass Trittbrettfahrer sich selbst immer wieder ausrotten (zusammen mit ihren Gruppenkollegen).

Es gibt also Konstellationen, unter denen Trittbrettfahrer auf Kosten der anderen gedeihen können, und Konstellationen, unter denen sie sich selbst vernichten.

Doch das mathematische Modell erlaubt auch für nicht sofort tödliche Situationen die Entstehung von angeborener Kooperationsbereitschaft zugunsten der Gruppe. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Gruppen immer wieder durchmischt werden und - dass sie zueinander in Konkurrenz stehen! Es ist also wieder die Konkurrenz, die die Kooperation hervorbringt.

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Sammler und Jäger – Kooperation als Produkt kultureller Evolution

Wir Menschen – und, wie sich zeigt, einige andere Tierarten auch – vererben aber unser Eigenschaften nicht nur auf dem genetischen Weg, sondern auch durch unsere Fähigkeit, von einander zu lernen und mittels Beispiel, Gestik und Sprache Informationen weiterzugeben. Erlernte vorteilhafte Verhaltensweisen können sich viel schneller verbreiten als angeborene, die kulturelle Evolution verläuft auf einer viel kleinteiligeren Zeitskala als die biologische.

Die schon beim Schimpansen festgestellte und daher vermutlich auch bei unseren gemeinsamen Vorfahren vorhandenen Neigung, Fleischnahrung zu teilen war wohl eine der Voraussetzungen dafür, dass unsere Vorfahren sich von einer hauptsächlich auf Pflanzenkost beruhenden Lebensweise umstellen konnten auf eine, in der Fleisch eine wichtigere Rolle spielte. Zunächst werden sie eher frisches Aas aufgespürt haben, von Raubtieren geschlagene Beute, von der man die erfolgreichen Jäger durch Steinwürfe und Geschrei verjagen konnte. Doch auch das erforderte schon die Zusammenarbeit der Gruppe, und diese Zusammenarbeit wäre erschwert gewesen, wenn man nicht mit einer gewissen Großzügigkeit bei den Partnern rechnen konnte. Jedenfalls stellt die Jagd als Existenzgrundlage viel höhere Anforderungen an die Kooperationsbereitschaft als ein auf Pflanzenkost basierendes Leben mit gelegentlicher Fleischergänzung. Und zwar nicht nur an die Kooperationswilligkeit bei der Erbeutung der Nahrung, sondern auch an die Bereitschaft zu teilen bei ihrem Verzehr. Denn die Nahrung der Jäger kommt im Gegensatz zu der der Schimpansen nicht in kleinen, relativ gleichmäßig in Zeit und Raum verteilten Häppchen, sondern in großen, seltenen Happen. Geht man davon aus, dass unsere frühen Vorfahren in einer ähnlich hierarchisch strukturierten Gesellschaft gelebt haben wie die Schimpansen, so muss irgendwann im Paläolithikum eine Revolution stattgefunden haben, die zu der egalitären Lebensweise menschlicher Sammler- und Jägergemeinschaften geführt hat. In seinem Buch „Hierarchy in the Forest“ stellt Christopher Boehm diese These auf (Boehm 1999). Boehm zeigt, dass die historischen Sammler- und Jägervölker einerseits praktisch durchwegs egalitär waren und sind. Das heißt, dass sie entweder gar keine Führer oder nur sehr schwache Führer dulden, dass sie ein starkes Gruppenethos haben, das vom Einzelnen verlangt, zurückhaltend, bescheiden, großzügig und hilfsbereit zu sein, und dass sie ausgearbeitete und wirksame Systeme für die Verteilung von Jagdbeute haben. Dass andererseits aber diese Jäger nicht bloß aus angeborener, "natürlicher" Gutmütigkeit teilen. Dass sie nicht auf Gleichheit achten, weil sie sich gleich fühlen oder keinerlei Bestreben hätten, sich über andere zu setzen. Boehm spricht von einer "umgekehrten Hierarchie", bei der das vereinte Fußvolk über die Alpha-Individuen dominiert. Boehms Theorie ist, dass unsere Vorfahren "egalitäre Politik" entwickelt hätten, um sich gegen die Dominanz durch die Alphas durchzusetzen. Denn es ist klar: je größer meine Gruppe, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ich zu den Dominierten gehöre, und desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass ich selber zur dominierenden Position gelange. So erklärt sich die Motivation, sich gegen das Alpha-Individuum zusammenzuschließen. Erhalten und verbreiten kann sich diese egalitäre Politik, weil sie der Gruppe eine bessere, weil gleichmäßigere Nahrungsversorgung garantiert.

Interessanterweise berufen sich Boehm und Sober/Wilson aufeinander und gehen, jedenfalls in den genannten Werken, nicht darauf ein, dass sich ihre Thesen in gewisser Weise widersprechen: Wird die Kooperation durch Politik erzwungen, wie in Boehms These, tragen geborene Altruisten nicht mehr zum Wohl der Gruppe bei als geborene Egoisten, die zur Kooperation gezwungen werden. Der biologischen Evolution des Altruismus ist also durch die kulturelle Evolution der Boden entzogen.[9]

Die heute noch existierenden Sammler- und Jägergesellschaften werden von den Anthropologen als egalitär und demokratisch beschrieben. Es gibt kaum Eigentumsunterschiede, da es überhaupt kaum Eigentum gibt. Das persönliche Eigentum eines durchschnittlichen Buschmanns wiegt gerade einmal 12 kg. Schließlich muss man mobil sein. (Haviland 1997) Typisch für den demokratischen Geist die Geschichte, die Turnbull von den BaMbuti (Pygmäen) erzählt: Als Sefu, ein ewiger Unruhestifter und Quertreiber sich als Häuptling bezeichnet, sagen die anderen sinngemäß: Ja so, dann musst du also ein Bantu sein, denn bei uns BaMbuti gibt es keine Häuptlinge. (Turnbull 1961)

Entscheidungen werden nicht nach formalen Regeln – wie etwa Abstimmung und Mehrheitsentscheidung – getroffen, sondern es wird solange palavert, bis sich ein Vorgehen herauskristallisiert, mit dem alle leben können. Gejagt wird gemeinschaftlich und auch individuell (bei den BaMbuti nehmen an der Treibjagd auch Frauen und Kinder teil), die große Jagdbeute wird aufgeteilt. Wie in allen bekannten Kulturen ist die Paarbindung zwischen Mann und Frau vorherrschend, für die Kinder fühlt sich aber auch die gesamte Gruppe verantwortlich. Kinder werden sehr lange gestillt, werden sehr liebevoll und frei erzogen und lernen spielerisch, was sie können müssen. Die Gruppen bestehen aus mehreren Familien, ihre Größe bleibt meist unter 100 Individuen. Familien wechseln frei von einer Gruppe zur anderen. Gruppen haben ihre angestammten Jagdgründe, die sich an den Rändern mit denen anderer Gruppen überschneiden. Krieg gehört nicht zu den ständigen Institutionen einer Sammler- und Jägergesellschaft. Sammler- und Jägergesellschaften haben nur ein sehr langsames Bevölkerungswachstum. Die Frauen stillen die Kinder sehr lange und oft, was dazu führt, dass sie erst Jahre nach einer Geburt wieder empfängnisbereit werden. Für Sammler- und Jägergruppen gibt es eine optimale Größe, die nicht über- oder unterschritten werden sollte. Im Verhältnis dazu gibt es auch eine optimale Größe für das Jagdgebiet, und es gibt keine Veranlassung, es vergrößern zu wollen. Man dringt höchstens einmal in ein fremdes Jagdgebiet ein, um dort eine besondere Delikatesse zu stehlen. Da andere Gruppen keine Nahrungsvorräte oder sonst großartige Besitztümer haben, gibt es auch keinen Grund, sie auszurauben. Probleme kann es geben, wenn eine Gruppe zu groß wird und sich teilen muss. In einer solchen Situation kann es zu Verdrängungskämpfen kommen. Turnbull schildert eine Konfrontation, bei der eine fremde Gruppe in das Jagdgebiet der von ihm untersuchten Gruppe eindrang, um Honig wilder Bienen zu stehlen. Die „Schlacht“ bestand im Wesentlichen aus wütendem Geschrei, Drohgebärden und ein paar Faustschlägen.[10]

Da also nur wenige Situationen denkbar sind, in denen kriegerische Auseinandersetzung einer Sammlerinnen- und Jägergruppe überhaupt einen Vorteil bringen könnte, da sich solche Gruppen größere Verluste durch solche Auseinandersetzungen auch gar nicht leisten können, und da die Befunde bei noch existierenden Sammler- und Jägerkulturen ihren friedlichen Charakter bestätigen[11], dürfen wir davon ausgehen, dass durch Tausende Jahrhunderte vor dem Übergang zur Landwirtschaft Krieg im Leben der Menschen eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein muss.

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Frühe ökologische  Katastrophen

Die Evolution der Menschen von pflanzenfressenden Baumbewohnern zu sammelnden und jagenden Zweibeinern hat in Afrika stattgefunden. In dem Maß, wie die Menschen zu immer effizienteren, gefährlicheren Jägern wurden, konnten ihre Beutetiere die entsprechenden Fluchtreaktionen ausbilden. Auch als die Menschen langsam nach Europa und Asien vordrangen, fanden sie dort Tierpopulationen vor, die genetisch nicht völlig getrennt von ihren Verwandten in Afrika waren. Als die Menschen aber vor 40.000 bis 30.000 Jahren den australischen Kontinent betraten, und vor etwa 12.000 Jahren den amerikanischen, stießen sie dort auf große Säugetiere, die sich über Jahrmillionen ohne Gefährdung durch Menschen entwickelt hatten. Das Aussterben dieser großen Säugetierarten fällt, soweit es mit heutigen archäologischen Methoden festzustellen ist, zeitlich sehr genau mit dem Auftauchen der Menschen auf diesen Kontinenten zusammen. Aus historischer Zeit sind genügend Fälle bekannt, wo Seefahrer auf Inseln Tiere fanden, die keinerlei Scheu vor den ihnen unbekannten Menschen zeigten. Sie konnten mit einem Knüppel auf sie zugehen, sie erschlagen und braten. Binnen kurzer Zeit war zum Beispiel der berühmte Dodo ausgerottet. Es steht auch fest, dass die Maori, als sie Neuseeland besiedelten, in kurzer Zeit den Moa, einen flugunfähigen Großvogel, als hervorragenden Fleischlieferanten ausrotteten. Wissenschaftler wie Jared Diamond gehen davon aus, dass die erste Besiedelung Australiens und der beiden Amerikas jeweils eine gewaltige ökologische Katastrophe war. Das Szenario muss man sich so vorstellen, dass die Menschen mit ihren Speeren, Keulen und Steinen sich zunächst auf Grund des ungeheuren, leicht zu erlangenden Nahrungsangebots gewaltig vermehrten und rasch über die Kontinente ausbreiteten, und in relativ kurzer Zeit, möglicherweise nicht mehr als tausend Jahren, feststellen mussten, dass sie sich ihrer eigenen Existenzgrundlage beraubt hatten. (Diamond 1992) 

Mit abnehmendem Nahrungsangebot werden sie ihre Jagdmethoden noch verfeinert und verbessert und so den Zusammenbruch noch beschleunigt haben. Und schon lange bevor das letzte Riesenkänguru, das letzte Riesenfaultier abgeschlachtet war, müssen Gruppen um eben diese letzten noch nicht vernichteten Ressourcen gewaltsam konkurriert haben. Man kann noch weiter spekulieren und vermuten, dass Gruppen, die es in klimatisch wenig begünstigte und nicht so wildreiche Gegenden verschlagen hatte, einen sorglicheren Umgang mit den Ressourcen entwickelten (oder beibehielten), und dass nach dem Zusammenbruch der Neuanfang von diesen Gruppen ausging.

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Landwirtschaft

Die landläufige Vorstellung vom Übergang zur Landwirtschaft ist noch immer die, dass Menschen eines Tages entdeckten, dass und wie sie essbare Pflanzen vermehren konnten, dass sie den Schluss zogen, dass ihnen diese Art, ihre Nahrung selbst zu produzieren, mehr Sicherheit bot als von dem abhängig zu sein, was die Natur ihnen gab, und dass sie sich also niederließen, um nunmehr als Ackerbauern zu leben. So war es allerdings nicht. Es gibt genügend Beispiele von Sammlern und Jägern, die trotz ihrer Kenntnis der Pflanzenvermehrung es vorziehen, Sammler und Jäger zu bleiben. Nach neueren Erkenntnissen ist es eher so, dass die Menschen durch eine Verkettung von Umständen in die Landwirtschaft hineinschlitterten, ohne es gewollt oder geplant zu haben.

Mit dem Ende der letzten Eiszeit nahm nicht nur die Durchschnittstemperatur zu, sondern auch die jahreszeitlichen Unterschiede. In der Gegend des Jordantals, wo die ältesten Spuren von Pflanzendomestikation festgestellt wurden, waren es vor allem Gräser und Hülsenfrüchte, die sich den neuen Bedingungen anpassen konnten, während andere verschwanden - und mit ihnen das Wild. Als einjährige Pflanzen kamen sie mit der verkürzten Vegetationsperiode besser zurecht, und ihre trockenen Samen konnten zwischen den Vegetationsperioden überdauern. Für Sammler und Jäger waren das Pflanzen dritter Wahl gewesen, wenig ergiebig und schwierig zu ernten im Vergleich zu Früchten, Nüssen, Wurzeln und dergleichen. Auf Grassamen griff man nur in Notzeiten zurück. Solche Notzeiten hatten jetzt begonnen. 

Die Landwirtschaft wurde zuerst von Menschen entwickelt, die durch zufällige Entwicklungen schon bestimmte Voraussetzungen dafür hatten: An fischreichen Seen, Flüssen oder Meeresufern haben auch Sammler und Jäger schon sesshafte Lebensweisen entwickelt. Die Natufier lebten im Tal des Jordan, wo es viele seichte Seen gegeben hatte, die nun, mit Ausnahme von dreien, austrockneten. Sie hatten schon mit Steinsplittern bestückte Sicheln, die zum Abschneiden von Schilf (für Matten und Körbe) entwickelt worden waren, und auch Mahlsteine, mit denen vorher verschiedene wilde Nahrungsmittel bearbeitet worden waren.  (Haviland 1997)[12]

 

Die landwirtschaftliche Lebensweise erforderte mehr Arbeit und war unsicherer als die Lebensweise der Sammler und Jäger. Sammler und Jäger nutzen Hunderte verschiedener Nahrungspflanzen, Ackerbauern manchmal nur ein Dutzend. Dadurch wurde erstens die Nahrung einseitiger und zweitens die Gefahr einer Katastrophe durch Ernteausfall größer. Die Archäologen haben festgestellt, dass die frühen Ackerbauern weitaus kleiner und kränker waren als ihre sammelnden und jagenden Vorfahren. Durch das nahe Zusammenleben verbreiteten sich Infektionskrankheiten unter Menschen wie Haustieren, und auch von den Haustieren zu den Menschen. (Diamond 1992, Diamond 1998)

Ackerbauern brauchen freilich weniger Land pro Kopf. Getreidebrei eignet sich gut als Babynahrung, daher konnten die Frauen früher abstillen und wurden schneller wieder fruchtbar. Das begünstigte die Zunahme der Bevölkerungsdichte, und das wiederum machte es noch schwieriger, in Notzeiten auf Wildtiere und Wildpflanzen zurückzugreifen. Die Landwirtschaft erwies sich als Falle. Ein Zurück zur Sammler- und Jägerlebensweise war unmöglich geworden.

Es war keineswegs so, dass der Ackerbau von den Nachbarn als großartige Erfindung begeistert aufgenommen und nachgeahmt worden wäre. Er verbreitete sich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 1000 Metern pro Jahr. Warum aber hat er sich überhaupt ausgebreitet? Bevölkerungszuwachs und immer wiederkehrende Hungersnot zwangen immer wieder Menschen zur Auswanderung. Und die nahmen die landwirtschaftliche Kultur mit. Fand man unbesetztes Land, konnte man möglicherweise zur Sammler- und Jägertätigkeit zurückkehren. Doch wenn das Land von Sammlern und Jägern besetzt war, konnten Bauern mit ihrem geringeren Landbedarf sich vom Rand her zwischen die Jagdgebiete drängen.

Die Landwirtschaft war also keineswegs die angenehmere, aber sie war die effizientere Lebensweise. Sie konnte mehr Menschen auf weniger Fläche ernähren, daher musste sie auf Dauer die wildbeutende Lebensweise verdrängen. Der Preis waren verkürzte Lebenserwartung, Katastrophenanfälligkeit, Seuchen – und der Eintritt der Arbeit in das Leben der Menschen. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“ lautet der Fluch, mit dem Adam und Eva aus dem Paradies einer Natur, die alles von sich aus gibt, vertrieben werden und sich zu Ackerbauern wandeln müssen. Von keinem Jägervolk ist bekannt, dass sie die Notwendigkeit zu jagen oder Früchte und Beeren zu sammeln als Belastung empfunden hätten.

 

Parallel zu dieser Entwicklung begannen Jäger, die Herden vor allem von Huftieren folgten, diese Herden aktiv zu managen. Die nomadisierende Viehzucht entstand.

 

Frühe Ackerbaugesellschaften waren immer noch egalitär. Die Funde zeigen keine nennenswerten Unterschiede zwischen Behausungen oder Grabbeigaben. Das gemeinsam Land wurde wahrscheinlich gemeinsam bearbeitet oder den Familien periodisch neu zugewiesen – darauf deuten jedenfalls spätere Gebräuche hin. (Thomson 1941)

Frühe Bauerngemeinschaften scheinen auch nicht kriegerisch gewesen zu sein. „Bei den neolithischen Ausgrabungen fällt vielmehr das völlige Fehlen von Waffen auf, während es an Werkzeugen und Töpfen nicht mangelt.“ (Mumford 1967) Die Mauern um das alte Jericho wurden von der Wissenschaft zwar auch als Befestigungsanlagen gedeutet (Keegan 1993), ihre Funktion war aber wahrscheinlich, die Stadt vor Schlammfluten zu schützen. (Haviland 1997)

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Endemischer Krieg

Nichtsdestoweniger steht fest, dass heute noch existierende einfache Acker- oder Gartenbaukulturen den Krieg praktizieren. Vielzitierte Beispiele sind die Maring in Neuguinea und die Yanomamö im Amazonasgebiet (Harris 1974). Die Stammes- und Clankriege dieser Kulturen wirken befremdlich, weil sie nur wenig gemeinsam haben mit den Kriegen, die den Hauptinhalt unserer Geschichtsbücher ausmachen. Vielleicht könnte man genau das zu ihrer Charakterisierung verwenden: Es sind ahistorische Kriege, Kriege, die keine historischen Veränderungen bewirken. Sie zeichnen sich weiters durch starke Ritualisierung aus und durch ein starkes Element des Zweikampfs und der Blutrache.

Die Maring legen durch Brandrodung Gärten im Urwald an und züchten Schweine. Sobald die Schweinepopulation ein gewisses Ausmaß angenommen hat, wird es Zeit, ein großes Fest für die Verbündeten zu geben, die mit Fleisch und Fett bewirtet werden, um das Bündnis zu festigen. Gleichzeitig wird der Friedensbaum ausgerissen und den verfeindeten Clans der Krieg erklärt. Eine Waldlichtung wird von beiden Parteien abwechselnd gesäubert und als Kampfplatz hergerichtet. Zum vereinbarten Termin ziehen die feindlichen Parteien singend und tanzend zum Kampfplatz, rufen einander Beschimpfungen und Drohungen zu und schießen aus der Deckung großer Schilde mit stumpfen Pfeilen aufeinander. Sobald jemand ernsthaft verletzt wird, vermitteln mit beiden Seiten befreundete Personen. Hier kann der Krieg enden. Wenn eine Seite auf weiterer Rache (für in früheren Kriegen begangene Untaten) besteht, kommen Äxte und Stoßspeere ins Spiel, die beiden Parteien rücken nun näher aufeinander zu. Nun kann es sein, dass eine Seite losstürmt um der anderen tödliche Verluste beizubringen. Sobald jemand getötet wird, wird ein Waffenstillstand ausgehandelt. Nun gibt es ein oder zwei Tage Kampfpause für Begräbnisrituale bzw. Dankopfer an die Ahnen. Dann kehrt man wieder auf den Kampfplatz zurück. Zieht sich der Kampf in die Länge, werden die Verbündeten lustlos und wollen nach Hause. Wird so eine Partei einseitig geschwächt, kann die andere einen Sturmangriff versuchen und die schwächere Partei vom Kampfplatz jagen. Die Unterlegenen fliehen dann in die Dörfer ihrer Verbündeten. Die Sieger verfolgen sie nicht, sondern überfallen ihr Dorf, töten dort eventuell vorgefundene Nachzügler, zünden Häuser und Vorräte an und treiben die Schweine fort. In zwei Drittel aller Kriege kommt es zu einer solchen Zerstörung. Nun pflanzen die Sieger den Friedensbaum und für zehn bis zwölf Jahre herrscht wieder Waffenstillstand (Harris 1974).

Man kann sich vorstellen, dass das Leben im Hochland von Neuguinea jahrhundertelang so weitergeht, ohne dass sich durch die periodisch veranstalteten Kriege etwas Grundsätzliches ändert. Im Gegenteil tragen diese Kriege zur Stabilität bei, indem sie das Wachstum sowohl der Menschen- als auch der Schweinepopulation begrenzen und so eine Überausbeutung des Waldes verhindern helfen. Wobei die Wachstumsbegrenzung nicht durch die Verluste in der Schlacht bewirkt werden – Männer sind ersetzbar – sondern weil eine kriegerische Gesellschaft dazu tendiert, weiblichen Nachwuchs aktiv (durch Kindsmord) oder durch Vernachlässigung zu reduzieren. Die Sieger besetzen nicht direkt das Land der Besiegten, doch die Besiegten suchen Unterschlupf bei verbündeten Clans und meiden ebenfalls ihre alten Gärten, so dass diese über Jahre unbebaut bleiben und das Land sich erholt. Nach Jahren kehren entweder die Besiegten zurück oder die Sieger nehmen nach und nach das Land in Besitz.

Periodische Neuverteilung des Lands und Wachstumsbegrenzung sind aber Nebeneffekte dieser Art von Krieg. Dass der Krieg immerhin in einem Drittel der Fälle endet, ohne dass eine Partei den Versuch macht, die andere ernsthaft zu schädigen, macht deutlich, dass das ritualisierte Kriegsspiel nicht bloß ein Vorspiel ist, sondern um seiner selbst willen veranstaltet wird. Die Funktion dieses „Null-Krieges“ („nothing-war“) ist wohl ziemlich eindeutig demonstrative Kraftverschwendung. Verräterisches Indiz dafür ist die Anwesenheit der Frauen auf dem Schlachtfeld. Dieser Teil des Kriegs könnte auch durch ein Fußballmatch oder einen sonstigen sportlichen Wettkampf ersetzt werden.

Der „sportliche“ Charakter des Krieges kommt z.B. auch in einem seltsamen Brauch der Dakota zum Ausdruck: Besonders tapfere Krieger stürzen sich in die Schlacht, nicht, um Feinde zu töten, sondern sie nur mit einem speziellen Stab zu berühren. Jede Berührung ist ein „Coup“ – ein Pluspunkt. Wer in der Schlacht viele Coups sammelt, wird ebenso oder mehr geehrt als einer, der viele Feinde getötet hat.

Man kann diese und ähnliche Formen des endemischen Krieges, wie Blutrache, Kopfjagd und dergleichen, so charakterisieren: Diese Form des Kriegs existiert, weil kriegerisches Heldentum ein ebenso gutes „kostspieliges Signal“ für gute Überlebensfähigkeit ist wie viele andere. Frauen, die Kriegshelden sexy finden, haben ebenso gute Chancen auf lebensfähigen Nachwuchs wie Frauen, die große Jäger sexy finden. Napoleon Chagnons Untersuchungen scheinen zu belegen, dass besonders aggressive Yanomamö-Männer mehr Nachkommen haben (Chagnon 1988). Diese Form des Kriegs existiert weiters, weil Ackerbauern bzw. Gartenbauern ihn sich zumindest periodisch leisten können. Sie häufen Überschüsse an, die ihnen das Kriegführen eine Zeitlang erlauben. Diese Form des Kriegs kann sich schließlich halten, weil sie die Bevölkerungsdichte auf einem ökologisch tragbaren Niveau begrenzt.

Diese stabilisierende Wirkung des endemischen Kriegs kann man wie Marvin Harris als „ökologisch sinnvolle Anpassung“ werten, man kann sie aber genauso gut als kulturelle Stagnation deuten. Die Maring investieren ihre Überschüsse in demonstrative Kräfteverschwendung, anstatt sie, wie es anderswo geschehen ist, in kulturellen Fortschritt zu investieren. Würde der Krieg ihr Bevölkerungswachstum nicht bremsen, müssten sie Wege finden, die Produktivität ihrer Wirtschaft zu erhöhen, oder auswandern, um Neuland zu kolonisieren, oder andere Methoden finden, das Bevölkerungswachstum zu kontrollieren. Anpassung oder Teufelskreis – das lässt sich nur vom Endergebnis her bewerten.

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Krieg und Tribut

Eine gänzlich andere Dynamik entwickelte der Krieg im Zweistromland und im Niltal, wo sich die ersten Ackerbaukulturen entwickelt hatten. Lewis Mumford rekonstruiert die Entwicklung so, dass die neolithische Ackerbaukultur mit der paläolithischen Jägerkultur zusammenstieß. Ackerbau ist mit dem Anhäufen von Vorräten verbunden. Der Antrieb dazu mag rational und auch irrational sein: Ein großer Getreidehaufen in der Vorratsgrube ist ebenso ein „kostspieliges Signal“ für überschießende Kraft wie eine Versicherung gegen Ernteausfall. Jägergruppen entdeckten, dass die von den Ackerbauern aufgehäuften Vorräte eine leicht zu erlangende Jagdbeute waren.[13] Waren die Bauern erst genügend eingeschüchtert, konnte man sich die Raubüberfälle sparen und den Bauern anbieten, sie gegen Leistung eines regelmäßigen Tributs vor Raubüberfällen zu schützen. So entstanden zweierlei Hierarchien. Einerseits setzten sich die Jäger über die Bauern. Andererseits konnten die Anführer der Raubüberfälle ihre Position institutionalisieren und sich zu Häuptlingen aufschwingen. In der egalitären Jägerhorde wurden Aktivitäten, die einer Leitung bedurften, jeweils von den dafür geeignetsten Personen angeführt, eine Jagdexpedition wurde von einem geschickten Jäger angeführt, doch bei der Auswahl und Anlage eines neuen Lagerplatzes wurde auf den Rat ganz anderer Personen gehört. Wurden die Kriegszüge zur bestimmenden Aktivität, so konnte aus einem zeitweiligen Anführer auf einem beschränkten Gebiet, einem Ersten unter Gleichen, dessen Autorität auf seiner fachlichen Eignung beruhte, ein unumschränkter Häuptling werden, dem alle jederzeit zu gehorchen hatten.

„Diese ursprüngliche Verbindung zwischen Königtum und Jagd ist in der gesamten geschriebenen Geschichte sichtbar geblieben: von den Stelen, auf denen sich ägyptische wie assyrische Könige ihrer Tapferkeit als Löwenjäger rühmen, bis zur Erhaltung riesiger Jagdreviere als unantastbare Domänen der Könige unserer eigenen Epoche.“ (Mumford 1967)

Die Ausgrabungen zeigen, dass auch schon egalitäre, unabhängige Bauerngemeinschaften ihre Überschüsse bis zu einem gewissen Grand in die Verbesserung der Produktion investierten. Bewässerungsanlagen im lokalen Maßstab wurden auch schon ohne Könige errichtet, eine gewisse Arbeitsteilung war schon vorhanden, indem sich manche Dorfmitglieder auf die Herstellung von Töpfen oder Werkzeugen spezialisierten. Doch unter der Herrschaft der Kriegerhäuptlinge konnte eine ganz andere Dynamik entstehen: Kriegerhäuptlinge können den Überschuss von mehreren Dörfern abschöpfen. Je mehr Dörfer sie beherrschen, umso mehr Überschuss können sie im Zentrum konzentrieren. Sie können den Überschuss aber nicht nur extensiv, sondern auch intensiv vermehren, indem sie die Dörfler zwingen, sich für ihren täglichen Bedarf mit weniger zufrieden zu geben, als sie es freiwillig täten.

 

Die tragische Schlussfolgerung: Ausbeutung ermöglicht schnelleren Fortschritt.

 

Einen Teil dieser Überschüsse werden die Krieger einfach verprassen. Doch einen Teil können sie auch in Steigerung der Arbeitsproduktivität, z.B. Bewässerungen investieren, um in späteren Jahren noch mehr Überschüsse an sich ziehen zu können. Den größten Teil werden sie in die Verbesserung ihrer militärischen Effizienz investieren, in Waffen und Befestigungen. Doch auch dadurch tragen sie auf längere Sicht zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität bei. Sie können Spezialisten beschäftigen, die von der landwirtschaftlichen Tätigkeit befreit sind und sich ganz der Perfektionierung ihres Handwerks widmen. Erfindungen aus dem militärischen Komplex kommen später auch dem zivilen Bereich zugute, so wie auch heute noch die Teflonbeschichtung für Bratpfannen aus der militärischen Raumfahrt kommt. So beginnt sich das Rad des Fortschritts zu drehen.

War unter Sammlerinnen und Jägern der Krieg eine vereinzelte Ausnahme, unter Hortikulturalisten endemisch aber statisch, so wird der Krieg der kombinierten Krieger-Bauern-Gesellschaft maßlos.

Denn der Tributstaat ist noch expansionistischer als die Ameisenkolonie. Für den Kriegerfürsten bedeutet mehr Land mehr tributpflichtige Bauern, mehr Tribut bedeutet mehr Krieger, mehr Verwaltungsbeamte, mehr Priester und mehr Spezialisten für Waffenherstellung, für die Herstellung von Luxusgütern, für die Errichtung von Palästen und Tempeln. Und all das wird wieder in militärische Macht umgesetzt und benutzt, um noch mehr Land zu erobern und noch mehr Bauern tributpflichtig zu machen. Bleiben dann noch Überschüsse, kann sie der König in demonstrative Verschwendung investieren, wie zum Beispiel den Bau von Pyramiden. Dazu steht der Kriegerfürst bald in Konkurrenz zu benachbarten Kriegerfürsten, deren Expansionsdrang ebenso maßlos ist. Im Kampf der Nachbarfürstentümer werden die Territorien der Besiegten denen der Sieger einverleibt, noch mehr Tribut kann beim Häuptling, der nun zum König wird, konzentriert werden. So entsteht schließlich das Imperium. Der Ausdehnung des Imperiums sind wohl technische Grenzen gesetzt -  zum Beispiel durch die vorhandenen Kommunikations- und Transporttechniken oder durch geografische Umstände - aber keine prinzipiellen.

Form und Ziele des Kriegs werden also nicht durch die psychologische Grundausstattung des Menschenwesens bestimmt, auch nicht durch einfache Größen wie Bevölkerungsdichte und Bevölkerungswachstum, sondern durch die innere Struktur der Gesellschaft. Nur eine auf Ausbeutung beruhende Gesellschaft kann und wird auch notwendig expansionistisch sein.

 

Mit der Entstehung des Krieger-Bauernkomplexes in der Jungsteinzeit beginnt ein Prozess positiver Rückkopplung, der binnen 10.000 Jahren die Produktivität menschlicher Arbeit bis auf das heutige Maß gesteigert hat: Stehen sich zwei Reiche gegenüber, so wird dasjenige siegen und sich das andere einverleiben, dessen Bevölkerung den höheren in militärische Macht umsetzbaren Überschuss hervorbringt. (Beziehungsweise werden solche erfolgreiche Kulturen zu Vorbildern, nach denen sich benachbarte Kulturen modeln.)

 

In der Konkurrenz der Kulturen setzt sich nicht diejenige durch, in der die meisten Menschen am glücklichsten sind, in der die meisten Menschen mit Nahrung, Kleidung und Behausung versorgt sind und ihre überschüssigen Kräfte verwenden können, um sich selbst zu verwirklichen. Sondern es setzt sich diejenige Kultur durch, die ihre Menschen so organisiert, dass die meisten Ressourcen am effektivsten in den Fortschritt investiert werden können, auch wenn dabei ein Großteil der Bevölkerung zu einem Leben in Armut und Unwissenheit verurteilt ist und von der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung weitgehend ausgeschlossen bleibt. Wobei Fortschritt zwei Dinge meint, die eng mit einander verbunden sind: Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität und Steigerung der militärischen Effizienz. Das war für die ganze Epoche der Zivilisation bestimmend. Die auf harter Arbeit beruhende, das Leben verkürzende Ackerbauerngesellschaft hat die lustbetontere, mehr Sicherheit gewährende Sammlerinnen- und Jägergesellschaft verdrängt. Der auf Unterwerfung und Ausbeutung beruhende Tributstaat hat sich die egalitären Bauern- und  Nomaden-Stämme einverleibt.

 

Der Tributstaat, der den Bauern nur wenig mehr als das Existenzminimum lässt, ist eben effizienter als die egalitäre Ackerbauerngemeinschaft, als der nomadische Viehzüchterstamm oder gar die Sammlerinnen- und Jägerhorde. Es ist die Konkurrenz der Reiche, die die Geschichte von nun an vorantreibt. [14]

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Die Gesellschaft macht sich ihre Menschen

Kriege gibt es, weil sie expansiven Gesellschaften ermöglichen, noch mehr Menschen auszubeuten. Kriege gibt es nicht, weil die Herrscher machthungrig sind. Sondern in einer expansiven Gesellschaft werden nur solche Individuen zu Herrschern, bei denen der Kulturtrieb, der Drang zur Selbstverwirklichung, sich als Machtstreben äußert. In einer egalitären Gesellschaft werden die Machthungrigen unter Kontrolle gehalten, wie wir bei Boehm und Turnbull gesehen haben.

Ein effizientes Reich dagegen braucht einen machthungrigen Herrscher. Es braucht wissensdurstige Priester und Philosophen, nach hohen Idealen strebende Künstler, berufsstolze Handwerker. Und Bauern, die einander mit ihrer Fähigkeit zu frommem Dulden zu übertrumpfen suchen.

Dem Trieb sich hervorzutun steht ja noch eine andere kulturbildende Fähigkeit des Menschen gegenüber. Die Fähigkeit, erfolgreiches Handeln nachzuahmen, von anderen zu lernen. Um überleben und sich fortpflanzen zu können, muss das Individuum eine Funktion finden, die es in der Gesellschaft ausüben kann. Es kann in einer Ackerbaugesellschaft nicht als Sammler und Jäger funktionieren. Es muss Bauer sein oder Priesterin oder General. Doch das Reich hat auch nur Positionen für ein paar Hundert Generäle, ein paar Hundert Priesterinnen. Wenn man als Bauer auf die Welt gekommen ist, hat es gar keinen Sinn, Priesterin oder General werden zu wollen. Diese Erfahrung haben schon die Eltern von den Großeltern übernommen und geben sie an die Kinder weiter. Von alters her haben diejenigen Eltern den größeren Fortpflanzungserfolg gehabt, die sich nicht nur um den eigenen, sondern auch den Erfolg ihres Nachwuchses gekümmert haben. Dieser Zug ist fest biologisch verankert. So bereiten die Eltern die Kinder darauf  vor, die Funktion, die ihnen die Gesellschaft höchstwahrscheinlich zuweisen wird, möglichst effizient auszufüllen. Erziehung ist Anpassung. Wer sich nicht anpassen will, hat nur eine geringe Chance, nicht als Verrückter, Alkoholiker oder Verbrecher an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ausgestoßen oder beseitigt zu werden.

Jean-Henri Fabre, der Bergbauernsohn, der ein großer Insektenkundler, Volkserzieher und Philosoph wurde, beschreibt in seinen Souvenirs Entomologiques, wie sein kindlicher Hang zum Forschen und Träumen am Ententümpel die Eltern zur Verzweiflung gebracht hat.

„Die Mutter jammert Weh und Ach: ‚Kinder aufziehen, und dann sehen müssen, dass sie missraten sind! Der Kummer mit dir bringt mich noch ins Grab. Gräser und Pflanzen, das geht ja noch, die sind wenigstens für die Kaninchen gut. Aber die Steine, die dir die Taschen zerreißen; die Tiere, die dir mit ihrem Gift die Hände verletzen, was willst du bloß damit  anfangen, du Einfaltspinsel! Das kann doch alles nicht wahr sein; jemand muss dich behext haben!’“

Im Rückblick  brachte der alte Mann Nachsicht auf für seine Eltern, fand auch den Grund für ihr Verhalten, für den Vorgang, der es möglich macht, Generationen von Armen und Unwissenden in Armut und Unwissenheit zu halten.

„In Eurer schlichten Denkweise, arme Mutter, wart Ihr sicher im Recht: Mir war ein schlechtes Los bestimmt, heute weiß ich das. Wenn es schon so mühsam ist, sein tägliches Brot zu verdienen, wozu dann den Verstand läutern? Am Ende nur, um noch größeres Leid auf sich zu laden? Was nützen alle Mühe und Pein des Lernens jenen, denen im Leben Schiffbruch vorherbestimmt ist! (...) Wir, die wir zu den armen Leuten gehören, sollten uns vor den Freuden des Wissens hüten. Unbeirrt sollten wir lieber mit unserer Pflugschar Furchen auf den Feldern des Trivialen ziehen, die Versuchungen des Tümpels aber sollten wir meiden! Hüten wir die Enten, und überlassen wir anderen, den vom Schicksal Begünstigten, die Mühsal, das Weltall zu erklären, wenn sie Lust dazu haben.“ (Fabre 1985-1988, Band 7)

So machen sich nicht die Menschen ihre Gesellschaft, sondern die Gesellschaft macht sich ihre Menschen. Nur in Zeiten des Umbruchs finden sich dann unter den Nicht-Angepassten, diesen Mutanten, diesen Originalen und Spinnern diejenigen, die für neue, bisher nicht dagewesene Funktionen die richtigen Voraussetzungen mitbringen. Dann werden sie zu Vorbildern erfolgreichen Verhaltens, nach denen dann andere ihrer Kaste oder Schicht ihr Verhalten modeln.

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Krieg um Ressourcen und expansionistischer Krieg

Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen in sich egalitär strukturierten und gleichartigen Gemeinschaften sind natürlich nicht prinzipiell auszuschließen. Nehmen wir an, zunehmender Bevölkerungsdruck führt dazu, dass die Angehörigen eines Ackerbau treibenden Stammes nach den Äckern des Nachbarstammes zu schielen beginnen. Oder dass auf Grund einer Klimaveränderung und damit verbundener Dürre Konflikte um die verbleibenden Wasserstellen ausbrechen. Ein solcher Konflikt unterscheidet sich vom Expansionskrieg prinzipiell dadurch, dass er endlich ist. Das heißt nicht, dass er deswegen weniger grausam sein muss. Im Gegenteil. Der Erobererkönig wird nicht alle Menschen im Land ausrotten. Er ist ja darauf aus, sie sich zu unterwerfen, damit sie ihm Tribut zahlen. Will ich aber das Wasser oder die Jagdgründe oder die Äcker meiner Konkurrenten, so habe ich keinen Grund, sie nicht vollkommen auszurotten, so lange, bis ich genug Wasser oder genug Land für meine Bedürfnisse habe. Dennoch ist ein solcher Konflikt endlich. Er endet, wenn durch den Krieg die Gesamtbevölkerungszahl auf ein Maß reduziert worden ist, dass die Ressourcen wiederum für alle ausreichen. Das kann durch die vollkommene oder teilweise Ausrottung der einen Konfliktpartei geschehen oder durch gegenseitige Schwächung der kämpfenden Parteien. Ein Konflikt um Ressourcen kann äußerst grausam sein und bis zum Genozid gehen, doch er kann tatsächlich gelöst werden. Auch die totale Vernichtung eines der Gegner ist eine Lösung, denn es gibt nun wieder genug Land für alle, die noch leben, der Kriegsgrund ist tatsächlich beseitigt. Für den Expansionskrieg gibt es keine solche "Lösung", der Expansionskrieg schafft stets die Voraussetzung für neue Kriege.

Ein Konflikt um Ressourcen kann aber im Prinzip auch durch andere, nicht gewaltsame Mittel gelöst werden. Wenn das Ackerland nicht für alle reicht, kann man entweder so viele Menschen umbringen, bis wieder genug Land für alle da ist, oder man kann verbesserte Anbaumethoden einführen, so dass das Land wieder alle ernähren kann. Ein Konflikt um Wasser kann auch durch das Bohren von Brunnen oder die Einführung verlustärmerer Bewässerungsmethoden oder die Umstellung von, sagen wir, Reisanbau auf den Anbau weniger wasserintensiver Getreidesorten gelöst werden.

In der wirklichen Welt gibt es natürlich immer wieder Überschneidungen und Mischformen. Ein Konflikt um Ressourcen kann als Vorwand dienen, um einen Expansionskrieg zu beginnen. Das erobernde Reich kann tatsächlich ein Interesse daran haben, sowohl die Bevölkerungszahl zu reduzieren als auch die überlebende Bevölkerung tributpflichtig zu machen. Menschen, die in einer – bedingt durch den expansionistischen Charakter der Gemeinwesen –  prinzipiell kriegerischen Kultur aufwachsen, werden eher geneigt sein, Konflikte um Ressourcen gewaltsam zu lösen.

Wenn ein Landstrich völlig verarmt und heruntergekommen ist, und es nichts mehr zu holen gibt von den Menschen, die ihn bewohnen, wenn es keine Chance gibt, dass man es als Großbauer, als Händler, als Fabrikant oder dergleichen zu etwas bringen kann, schon gar nicht als Lehrer oder Arzt, dann ist oft die einzige verbleibende Karrierechance die eines militärischen Führers oder wenigstens eines Kämpfers. Der Warlord und seine Gefolgsleute, die vorgeben, die Menschen des eigenen Stammes, der eigenen Rasse oder der eigenen Religion zu verteidigen, können selbst da noch etwas aus den Menschen herauspressen, wo es eigentlich gar nichts mehr zu holen gibt. Sie schüren die Angst vor dem Feind, nicht nur durch Propaganda, sondern auch indem sie den Feind bewusst zu Angriffen provozieren,  sie halten die Hoffnung auf Beute wach, erklären jeden zum Verräter, der sie nicht unterstützt und rechtfertigen so, dass sie gewaltsam Tribut von den "eigenen" Leuten erheben.

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Schrift und Arbeitsteilung

Schon früh in der Epoche der Zivilisation hat der mesopotamisch-ägyptische Komplex zwei wesentliche Elemente zur Konzentration des Überschusses hervorgebracht: Die Schrift und die extreme Arbeitsteilung. Die Schrift wurde in Mesopotamien zur Aufzeichnung von Abgaben entwickelt. Zunächst wurden dem Verwalter für jedes abgelieferte Maß Korn eine Marke (aus dem überall vorhandenen Lehm geformt) übergeben. Hatte er eine bestimmte Anzahl solcher Marken, wusste er, dass die gleiche Anzahl von Kornmaßen in seine Scheune gebracht worden war. Anders geformte Marken standen für einen Krug Öl oder für ein Schaf usw. Aus solchen Marken entwickelte sich die Schrift, ein unschätzbares Mittel, um das Einziehen und Verteilen des Tributs zu kontrollieren. Die Schrift bringt die Befehle des Zentrums bis an die entlegensten Grenzen des Reichs und die Informationen aus dem Reich wieder ins Zentrum. Die Schrift ermöglicht die Entstehung der Bürokratie, die den Zusammenhalt des Reichs gewährleistet.

Die ägyptische Bürokratie entwickelte Meisterschaft nicht nur in der Verwaltung des Arbeitsprodukts, sondern auch in der Organisation der Arbeit. Das Grundmuster war dasselbe bei Bergbauexpeditionen wie bei Eroberungszügen und beim Pyramidenbau und hat sich in der Organisation der Armeen bis in unsere Zeit erhalten.  „Grundeinheit war die Abteilung unter der Aufsicht eines Gruppenführers. Selbst in den Ländereien der reichen Grundbesitzer des alten Reiches herrschte diese Struktur vor. Erman zufolge formierten sich die Abteilungen zu Kompanien, die unter eigenem Banner marschierten oder paradierten. An der Spitze jeder Arbeiterkompanie stand ein Vorarbeiter, der den Titel Kompaniechef trug. Man kann ruhig behaupten, dass es in keinem frühneolithischen Dorf je etwas Derartiges gegeben hat.“ (Mumford 1967)

„‚Der ägyptische Beamte’, bemerkt Erman, ‚kann diese Leute nur als Kollektiv sehen.; der individuelle Arbeiter existiert für ihn ebenso wenig wie der individuelle Soldat für unsere höheren Armeeoffiziere existiert.’“ (Erman 1894, zitiert nach Mumford 1967)

Lewis Mumford nennt diese Organisationsform die Megamaschine. Sie beruht auf der Zerlegung des Arbeitsvorgangs in kleinstmögliche Bestandteile, die mechanisch ausgeführt werden können. Voraussetzung für die spätere Entwicklung mechanischer Maschinen. „...war die große Arbeitsmaschine in jeder Hinsicht eine echte Maschine: um so mehr, als ihre Komponenten, obgleich aus menschlichen Knochen, Nerven und Muskeln bestehend, auf ihre rein mechanischen Elemente reduziert und streng auf die Ausführung begrenzter Aufgaben zugeschnitten waren. Die Peitsche des Aufsehers sicherte Konformität.“

„Das Geheimnis der mechanischen Kontrolle bestand darin, dass ein einziger Kopf mit genau bestimmtem Ziel an der Spitze der Organisation war und dass es eine Methode gab, Anweisungen über eine Reihe von Funktionären weiterzugeben, bis sie die kleinste Einheit erreichten. Exakte Weitergabe der Anweisung und absolute Unterwerfung waren gleichermaßen von wesentlicher Bedeutung.“

„Wirken auf Entfernung durch Schreiber und schnelle Boten, war eines der Kennzeichen der neuen Megamaschine... ‚Der Schreiber, er lenket jede Arbeit, die in diesem Lande ist’, heißt es in einem Text aus dem Neuen Königreich Ägypten.“ (Mumford 1967)

„Hätten rein menschliche Arbeitsformen, die die Menschen zur Befriedigung ihrer unmittelbaren Bedürfnisse freiwillig auf sich genommen hätten, vorgeherrscht, dann wären die kolossalen Errungenschaften der frühen Zivilisation vermutlich unvorstellbar geblieben – das muss man zugeben. (...) Hätte jedoch andererseits die kollektive Maschine nicht Zwangsarbeit – in Form von periodischen Zwangsaushebungen oder Sklaverei – verwenden können, dann wären die ungeheuren Fehlschläge, Perversionen und Vergeudungen, die stets mit der Megamaschine einhergingen, vielleicht unterblieben.“ (Mumford 1967)

Wie Kooperation Arbeitsteilung und Spezialisierung zur Folge hat, haben wir also beim Zusammenschluss von Zellen zum vielzelligen Organismus gesehen, wir haben es bei der Ameisenkolonie gesehen und sehen es jetzt wieder bei der menschlichen Gesellschaft. Eine einzelne Leberzelle ist weder lebensfähig noch hat sie eine Daseinsberechtigung. Eine einzelne Ameise, herausgelöst aus dem Netzwerk einander durch Düfte und Futtergaben steuernder Mitameisen, ist ein leerlaufender Automat. Und der Mensch?

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Geld und Sklaven – Die Tücken des Markts

Der griechisch-römische Komplex entwickelte zwei weitere Komponenten der Zivilisation, zwei wesentliche Elemente zur Konzentration von Überschuss: Gemünztes Geld und die Sklaverei.

Arbeitsteilung erfordert die Verteilung der produzierten Güter. Die Verteilung kann durch gemeinschaftlichen Konsum geschehen, etwa in der Familie, oder wenn die Teilnehmer an einer Treibjagd (Späher, Treiber, Netzeaufsteller, Speerwerfer) sich die Beute teilen; durch unmittelbaren Tausch zwischen den Produzenten (Eine Bronzehacke gegen einen Scheffel Korn); durch organisierte Umverteilung, etwa wenn der Pharao Tribut und Steuern in Form von Getreide einhebt und dieses an seine Beamten und Spezialisten, seine Soldaten, Palastarbeiter und Arbeiter an öffentlichen Bauten verteilt; und schließlich durch spezialisierte Händler und Kaufleute.

Von all diesen Formen hat sich der Handel als die flexibelste und effizienteste erwiesen.

Der Handel erhöht die Produktivität der Arbeit nicht in der Weise, wie eine Erfindung es tut, z.B. der eiserne Pflug oder die Verwendung von Zugtieren. Aber der Handel ermöglicht Arbeitsteilung im großen Stil, auch zwischen Produzenten, die einander weder kennen noch unter einer gemeinsamen Autorität stehen. Der Handel ermöglicht, dass Individuen das produzieren, was sie mit dem geringsten Arbeitsaufwand und dem höchsten Ertrag produzieren können. Aber nicht nur Individuen, auch ganze Regionen können sich auf diese Weise spezialisieren. So wird in dem gesamten durch Handel verbundenen Gebiet die Menge der Arbeitsprodukte und damit auch die Menge des Überschusses erhöht. Der Vorteil für den einzelnen Handelspartner liegt nicht sosehr darin, dass er etwas bekommt, was er sonst gar nicht haben könnte, sondern dass er für sein Produkt, das ihn eine bestimmte Anzahl Arbeitstage gekostet hat, eines bekommt, das er selbst nur mit einem größeren Aufwand an Arbeit hätte herstellen können. Der griechische Olivenpflanzer kann für eine halbe Jahresernte Olivenöl soviel Getreide aus Ägypten bekommen, wie er auf seinem eigenen Grund, hätte er ihn mit Getreide bebaut, nur in einem ganzen Jahr hätte ernten können. Der ägyptische Getreidepflanzer kann mittels Bewässerung zweimal im Jahr Getreide ernten, während Ölfrüchte ihm nur eine Ernte geben würden. So steigern beide, Olivenbauer und Getreidepflanzer ihre Effektivität, wenn sie ihre Produkte tauschen. Die Gesamtmenge an produziertem Getreide und Olivenöl ist höher, als wenn jeder beides produziert hätte. (Realistischer wird das Beispiel, wenn man statt einzelner Handelspartner Regionen einsetzt, die miteinander tauschen.) Und es hängt vom Geschick des Händlers ab, der den Tausch vermittelt, wie viel von dem beiderseitigen Vorteil er für sich selbst abzweigen kann. Er muss schließlich jedem der beiden Produzenten nur soviel geben, dass der einen spürbaren Vorteil davon hat, der ihm den Tausch noch lohnend erscheinen lässt. Den Rest kann der Händler einsacken, sofern das lohnende Geschäft nicht andere Händler anzieht, die, um ihren Anteil am Markt zu bekommen, den Produzenten günstigere Bedingungen bieten. Doch die seefahrenden Griechen hatten nur die Phönizier als ernsthafte Konkurrenten und so konnte ein großer Teil des zusätzlich geschaffenen Reichtums nach Griechenland transferiert werden. Die Überlegenheit des Marktes über den Tributstaat zeigte sich in der siegreichen Auseinandersetzung der Griechen mit den Persern.

Doch der Markt zeigte auch gleich seine Tücken. Der griechische Getreidebauer  wusste nicht, wie ihm geschah, als sein Getreide infolge der ägyptischen und italienischen Konkurrenz immer weniger wert wurde. Nicht er war es, der den Vorteil vom Handel hatte, sondern sein Nachbar, der Olivenpflanzer. Dem Getreidebauern, dessen Vater noch ein schönes Auskommen gehabt hatte, musste es wie das Eingreifen einer höheren Macht erscheinen, dass ihm seine Arbeit, die er genauso gewissenhaft leistete wie sein Vater früher, nicht mehr genug zum Leben einbrachte und er schließlich sein Land verlor und wegen seiner Schulden als Sklave verkauft wurde. Denn durch das billige Getreide, das an der Küste auf den Markt kam, sanken auch im Landesinneren die Preise. Der Bauer produzierte noch genau soviel wie früher, hatte noch immer dieselben Abnehmer wie früher, und doch wurde er ärmer. Denn seine Abnehmer waren nicht mehr bereit, soviel wie früher zu zahlen. Der Markt wurde ihm zum Schicksal, dem gegenüber menschliches Tun machtlos war.

Der Olivenpflanzer, dem dasselbe undurchschaubare Schicksal gewogen war und der seinen Besitz bald um das Land des Getreidebauern vermehrt hatte, sah gerührt den Tragödien eines Sophokles zu, in denen regelmäßig das Schicksal sich stärker erwies als menschliches Planen und Trachten. Neben ihm saß der Sandalenmacher, dessen Schicksal abhängig war vom Import italienischer Rinderhäute und neben diesem der Zimmermann, dessen Aufträge vom Preis des Bauholzes aus der nördlichen Ägäis abhingen, und neben dem wiederum der Weinbauer, der heuer nicht weniger fleißig gewesen war und nicht weniger geerntet hatte als letztes Jahr, und dem doch das extrem gute Weinjahr in Italien zum Verhängnis werden konnte, ohne dass er die Ursache erfuhr.[15]

 

Der Markt teilte den Menschen ihre Beschäftigung zu. Was einer tat, bestimmten nicht mehr so sehr Tradition, familiäre Verpflichtungen oder Stammesbindungen. Man tat das, wofür man am meisten Geld bekommen konnte, ob man nun mit Wein handelte oder mit Sklaven oder sich als Söldner einem fremden Herrscher verdingte. Sowohl Platon als auch Aristoteles sahen diese Entwicklung mit Unbehagen. Platon hätte das Geld am liebsten ganz abgeschafft, Aristoteles meinte, von einem reichen Mann müsste man für dieselbe Ware mehr verlangen als von einem armen. (Weatherford 1997)

Die griechische Händlernation konnte sich leisten, nicht nur ein Zentrum zu haben, sondern mehrere. Erst nach der Hochblüte des klassischen Griechenland wurde es unter Philipp von Mazedonien zu einem Reich zusammengeschlossen. Die Stadtstaaten konnten sich sowohl starke Heere  und Flotten leisten als auch die herrlichen Bauten und Kunstwerke, die wir heute noch kennen, sportliche und literarische Wettkämpfe im großen Stil, Redner, Politiker und müßige Schwätzer, die sich auf dem Marktplatz, der Agora, trafen, um dort zu handeln, Politik zu machen und zu philosophieren.

Krieg war nicht – wie für den Tributstaat - das primäre Instrument, um den Überschuss zu konzentrieren. Der Markt ermöglichte die Konzentration und den Transfer der Überschüsse über Staatsgrenzen hinweg. Doch der Krieg blieb nötig, um sich Konkurrenten vom Hals zu schaffen – und um Sklaven zu erbeuten.

Sklaverei ist einerseits die extremste Form der Ausbeutung bzw. Überschussaneignung. Aber da Sklaven keinerlei eigenes Interesse an einer Steigerung ihres Outputs haben, nicht unbedingt die effektivste.

In Rom hatte sich die folgende positive Rückkopplung eingespielt: Die Erbeutung neuer Sklaven und ihr Einsatz auf den Landgütern der Großgrundbesitzer ruinierte die freien Bauern. Denen bot sich als Ausweg der Dienst in der Armee an. So konnten neue Gebiete erobert werden, neue Sklaven erbeutet werden, noch mehr Bauern ruiniert werden, die wiederum zur Vergrößerung der Armee zur Verfügung standen. Und die waren auch nötig, denn um die wachsenden Staatsausgaben finanzieren zu können mussten neue Eroberungen gemacht werden. Rom hat im Lauf seiner Geschichte von den erbeuteten Überschüssen immer weniger in die Steigerung der Produktivität und fast ausschließlich in Luxus und militärische Macht investiert. Daran ist es letztlich zugrunde gegangen.

Das römische Reich ist das Beispiel einer positiven Rückkopplung, die zur Selbstzerstörung des S