"Warum ist es so schwer, sich umzubringen?"
Karl starrt seine Tochter an. Er möchte sie in die Arme nehmen und halten und wiegen wie ein kleines Kind. Aber der Tisch zwischen ihnen ist eine endlose Wüste.  Er möchte wenigstens seine Hand auf die ihre legen. Aber sie zieht sie fort in den sicheren Burggraben hinter der Tischkante.
"Du auch?" murmelt er heiser.
Sie schaut ihn an: "Hast du auch schon dran gedacht?"
"Gedacht?" Er lacht dünn, ohne dass sich seine Mundwinkel verziehen. "Du siehst es ja!" Er zeigt auf die Batterie von leeren Rumflaschen..
Eine Weile schweigen sie.
"Aber du?" sagt er leise. "Hast du dir, hast du dir irgendwas erhofft, dass du mich gesucht hast? Hast du geglaubt, ich kann dir irgendwas - sagen?"
Sie schaut an ihrer Schulter vorbei zu Boden.
"Ich weiß nicht. Ich wollt es nur einmal wissen. Die Mama hat gesagt, es gibt dich nicht mehr, es wird nicht von dir geredet. Verstehst du? Sie will, dass du für mich tabu bist. Ich hab alles selber herausfinden müssen. Sie zahlt deine Miete."
Er zieht gedemütigt den Schildkrötenhals ein.
"Mhm."
Stockend und sprunghaft beginnt das Mädchen zu reden. Er hört zu, ängstlich, aufgeregt, begierig, von dem Leben zu erfahren, das er verpasst hat.
Ruhe, Ruhe. Als er endlich weg war, sollte Ruhe einkehren in die kleine Familie von Mutter und Tochter. Von ihm wurde nicht mehr gesprochen. Das Mädchen wurde beschäftigt, Musikunterricht, Tanzkurs, Selbstverteidigung für Mädchen. Die Mutter ging mit der Tochter zum Eislaufen und zu Aufführungen von Kinderopern, Sonntags in Schwimmbad oder in den Wald. Und das Kind war immer Klassenbeste.
Dann kam das Kind aufs Gymnasium. "Jetzt musst du groß werden", sagte die Mutter. "Ich habe dir viel Zeit gewidmet", sagte sie, "jetzt muss ich nachholen." Die Mutter begann, sich auf ihre Karriere zu konzentrieren. Das Kind war allein. Es lernte. Es war gut in der Schule, um vor der Mutter zu bestehen. Es übernahm Aufgaben im Haushalt, um die Mutter zu entlasten. Es hielt die Mutter über alles, was geschah, auf dem Laufenden, um sie nicht zu beunruhigen.
Am Wochenende berichteten sie einander von ihren Erfolgen. Die Mutter erledigte nicht mehr nur Sekretariatsarbeiten in der kleinen Filmfirma, auch mit Organisatorischem wurde sie jetzt betraut, Entscheidungen wurden ihr überlassen, Gespräche mit Geschäftspartnern übertragen. Als sie ihren ersten Filmauftrag "an Land zog", stellte sie Sektgläser auf den Tisch. Das Mädchen war damals zwölf und bekam nur einen Fingerhut voll, mit Orangensaft aufgegossen. Im Nachhinein nahm sich diese Sektjause wie eine Abschiedsparty aus. "40-Stundenwoche gibts nur für die Angestellten, aber nicht fürs Management" pflegte die Mutter zu seufzen. Wenn die Mutter verreiste, durfte das Kind bei Freundinnen übernachten. Effizent wurden Übernachtungspläne erstellt und Beaufsichtigungsdienste organisert. Freundinnen der Mutter wurden eingeteilt, um "nach dem Kind zu sehen", am Telefon war die Mutter immer zu erreichen. Geld in kleinen Scheinen lag in einem Fach bereit, konnte gegen Beleg entnommen werden. Gelegentlich hatte die Mutter unversehens einen Nachmittag, ein Wochenende frei, das sie wie früher in intimer Zweisamkeit mit der Tochter verbringen wollte. Das Kind fühlte sich überfallen, reagierte störrisch, zog sich zurück.
"Einmal hab ich zu ihr gesagt: 'Warum legst du mich nicht einfach ins Tiefkühlfach, dann kannst du mich alle drei Wochen einmal auftauen, wenn du Zeit hast für mich.' pfoah, da war sie wütend. Aber so ist es doch. Für mich vergeht die Zeit doch auch. Sie hat doch gar nicht gewusst, was mit mir alles los war in der Zwischenzeit, und dann will sie auf beste Freundin machen. Und dann hab ich sie immer nach dir gefragt. Da ist sie auch in die Luft gegangen. Aber wenn sie so lieb tut und ich kann ihr alles erzählen, dann kann sie mir auch alles erzählen, oder? Dabei hab ich eh alles gewusst."
An langen Nachmittagen stöberte das Kind in der Wohnung herum, las Scheidungsurteil, Jugendamts-Entscheidungen, Briefe, studierte Kontoauszüge. Erinnerungen wurden wach, Telefongespräche der Mutter, in verschleierter Sprache und Andeutungen gefährt, bekamen im Rückblick einen Sinn, die vor dem Kind einst mühsam verborgenen Emotionen wurden verständlich. Die Adresse, für die die Mutter monatlich einen lächerlich geringen Mietbetrag überwies, wurde zum ständigen Störfaktor, um den die Gedanken des Mädchens immer wieder kreisten, wie eine juckende Stelle, zu der die Hände automatisch wandern. Manchmal schien dort das goldene Schloss der Hoffnung zu warten, manchmal der schwarze Eingang zur Hölle. Die Phantasien wurden zu mächtig, als dass das Mädchen es wagen konnte, nach der dahinterliegenden Wirklichkeit zu suchen.
Der Freundeskreis des Mädchens veränderte sich, ebenso ihr Aussehen, die Schulleistungen ließen nach. Ein deutliches Warnsignal, wie es in der Informationsbroschüre des Gesundheitsministeriums hieß. Die Mutter, in Panik, suchte die Arme des Kindes nach Einstichen ab, sein Zimmer und seine Kleider nach Spritzen, Pillen, Pulvern und verdächtigen, in Alufolie eingewickelten kleinen Päckchen. Das Mädchen, über den Vertrauensbruch schockiert und empört, lief zu einer Freundin, trank trotzig eine halbe Flasche Whisky aus und rauchte zwanzig Zigaretten. Der Vater der Freundin ließ den Notarzt kommen. Die Mutter, in ihren Befürchtungen bestätigt, verhängte Maßnahmen. Der Zermürbungskrieg begann. Die Mutter verzichtete auf einen wichtigen Film, übergab die Produktionsleitung einem Kollegen, um sich eine Zeitlang ihrem Kind widmen zu können. Doch das Geschenk geriet zum Opfer, das Kind konnte den Vorwurf nicht ertragen, verweigerte sich immer mehr. Die Mutter, gekränkt, widmete sich dem nächsten Projekt mit doppelter Energie. Eine längere Reise der Mutter nützte das Kind, um der Schule überhaupt fernzubleiben. Es hatte das Organisationstalent der Mutter geerbt. Mit einigen gezielten Telefonaten wurde der Betreuungs- und Überwachungsdienst in die Irre geführt, eine gefälschte Unterschrift beruhigte die Schule. Bei der Rückkunft der Mutter flog alles auf, ein gewaltiger Krach war die Folge. Noch strengere Maßnahmen wurden verhängt, der Überwachungsdienst verschärft, wieder nahm sich die Mutter Zeit für das Kind, wieder weigerte sich das Kind, das Opfer zu würdigen. In der Schule fand es den Anschluss nicht mehr, konnte keinerlei Interesse aufbringen, unterlief wieder die Überwachungsmaßnahmen. Bei der Mutter wechselten Zornausbrüche mit Resignation: "Mach was du willst, es ist dein Leben, das du dir versaust!" Dazwischen versuchte sie allerhand Rezepte, verschrieb dem Kind mal Nachhilfestunden, mal Therapie, mal Vitamin B. Ein Jahr musste wiederholt werden. Ein Schulwechsel brachte auch nicht viel. Schließlich war das Kind aus dem schulpflichtigen Alter heraus. Eine Formel wurde gefunden: Das Kind würde private Maturavorbereitungskurse besuchen und später einmal auf die Filmakademie gehen. Das Konstrukt, an das keiner glaubte, ermöglichte beiden Seiten, das Gesicht zu wahren und den Waffenstillstand mehr oder weniger einzuhalten.
"Sie hätte mich gern als einen von ihren Erfolgen hingestellt. Ins Regal zu ihren Filmtrophäen. Bester Werbefilm des Jahres, beste Schülerin des Jahres, so irgendwie. Karrierefrau und tolle Mutter, das hab ich ihr vermasselt. Dafür ist sie sauer auf mich, schätz ich."
Der Vater hat versucht, mit dem Rum vorsichtig zu sein, während dieser Erzählung. Immer nur einen Flaschenverschluss voll in die Kaffeetasse, und heißen Kaffee nachgießen, wenn die Tasse halbleer ist.
"Gehen wir an die Luft?" sagt er.
Das Mädchen nickt. Sie bringen ein paar verlegene Minuten mit Tassen-Wegräumen und Schuhe-Anziehen zu. Der Vater lässt sich die Geschichte durch den Kopf gehen, die er sich aus aus den zwischen den Jahren und den Erinnerungen herumspringenden Erzählungen des Mädchens zusammengereimt hat. Jetzt muss er ja etwas sagen. Trösten, retten, helfen, eingreifen. Einen Weg weisen. Wenn er nur seine Gedanken zusammenkriegen könnte. An seinem Mantel ist die Schulternaht geplatzt. Er versucht, den Mantel so anzuziehen, dass seine Tochter die geplatze Naht nicht sehen soll.
Eine Weile gehen sie schweigend durch die Gassen. Eine blasse Vorfrühlingssonne schafft es gerade, den milchigen Hochnebel zu durchdringen. Gleich wird ihm etwas einfallen, gleich wird er den Anfang finden, das richtige Wort. Er grübelt vor sich hin. Die Geschichte des Mädchens steht vor seinen Augen. Er räuspert sich, holt Luft.
Sie dreht sich zu ihm um. "Ich geh jetzt", sagt sie. "Ich muss noch wen treffen. Also!" Sie hebt ein wenig verlegen die Hand.
"Ja dann..."
Als sie sein erschüttertes, verzweifeltes Gesicht sieht, sagt sie: "Ich schau wieder einmal vorbei, ja. Bis dann!"
Er schaut seiner Tochter nach, bis sie um die Ecke biegt. Dann rennt er bis zur Ecke um ihr noch länger nachzusehen. Sie dreht sich nicht mehr um, und er starrt noch lange in die Richtung, wo sie in der Menge verschwunden ist.

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