Joanna-Barbarella sah das Leben sich ausbreiten im Meer. GOTT, die Göttin, schwebte über den Wassern.
"Und siehe, da war es gut", sagte GOTT, die Göttin. "Es klappt, es klappt immer wieder. Auf jedem Planeten, der halbwegs die richtige Entfernung von seiner Sonne hat und genug Wasser,  da rühren Wind und Wetter solange in der Chemie um, bis Leben entsteht. Dass irgendwelche Molekülmaschinchen entstehen, ist unausweichlich. Und es muss ja nur einmal ein Maschinchen entstehen, das sich verdoppeln kann. Wenn sich's verdoppelt, dann werden sich die neuen Maschinchen wieder verdoppeln und so weiter, und du weißt ja, wie schnell man beim Verdoppeln in die Milliarden kommt."
GOTT, die Göttin, schöpfte eine Handvoll Wasser vom Rand des riesigen Ozeans. "Natürlich sind sie nicht perfekt, diese Verdoppler. Ich nenne sie Gene, nebenbei.  Im Wesentlichen funktioniert das Ganze so: Die lange Kette, die tut eigentlich nichts. Aber die kleinen Molekül-Maschinchen, die an ihr hängenbleiben, die werden durch sie ein bisschen verformt. Und so bestimmt die Kette, welche Bausteine am anderen Ende des Maschinchens hängenbleiben. Wenn ein passender Baustein hängenbleibt, verformt der das Maschinchen wieder. Dadurch löst es sich und rutscht zum nächsten Glied der Kette. Und dieses Glied sagt ihm jetzt, welchen Baustein es als nächstes einzufangen hat. Und so werden neue Molekülmaschinchen zusammengesetzt. Maschinchen, die Ketten zerlegen können. Maschinchen, die Kettenstücke zusammenfügen können. Maschinchen, die andere Maschinchen zerlegen. Und als Endergebnis - haben wir wieder eine Kette, die so aussieht wie die ursprüngliche. Das ganze Muster, der ganze Tanz wiederholt sich und breitet sich aus.
Freiich funktioniert das nicht perfekt. Ständig passieren Fehler. Wenn sie einen Fehler machen, ist das, was herauskommt meist nicht funktionstüchig, eine Missgeburt. Aber manchmal... Schau dir dieses da an. Hier ist eindeutig eine Fehlschaltung passiert. Es produziert massenhaft diese langen, langweiligen Ketten, die überhaupt nichts tun. Wäre es nicht besser dran, wenn es mehr von seinen kleinen Helfermaschinchen produzieren würde? Aber schau, die langen Ketten verfilzen sich. Sie bleiben aneinander hängen, es entsteht ein Netz, und die kleinen Helfermaschinchen können nicht mehr davongetrieben werden. Doch die kleineren Moleküle, die sie als Bausteine brauchen, können immer noch herein. Ich wette, dass dieser Verdoppler da bald mehr Nachwuchs haben wird als alle anderen, und über kurz oder lang wird das ganze Meer voll solcher Kügelchen sein - Zellen.   Die können jetzt auch ins offene Wasser hinaustreiben und sich dort vermehren, ohne dass ihnen gleich ihre Helfermaschinchen davonschwimmen."
"Und du hast das nicht geplant?"
"Nein, purer Zufall. Aber unter Milliarden Milliarden von Versuchen musste es ja einmal passieren. Und die Zelle ist ein so riesiger Vorteil - wenn sie einmal da ist, überholt sie garantiert all die freischwimmenden Verdoppler. Stell dir nur vor, wie oft so ein freischwimmendes Helfermaschinchen von anderen einfach zerlegt und als Baumaterial benutzt wird."
"Du meinst, gefressen?"
"Sozusagen. In der Zelle bleibt die ganze Maschinerie hübsch beisammen, es geht nicht so leicht ein Teil verloren,  es kann auch nicht so leicht ein fremdes Enzym, ein fremdes Helfermaschinchen herein und alles durcheinanderbringen."
"Und das soll alles sein?" sagte Joanna-Barbarella. "So entwickelt sich das Leben? Durch Zufall?"
GOTT, die Göttin zuckte ihre weltengroßen Schultern. "Zufall und Auswahl. Mutation und Selektion. Mehr gibt es nicht. Aber ich hab es dir ja gesagt. Die meisten Zufälle führen zu nichts. Totgeburten, Missgeburten, Ausschussware. Nur ganz selten entsteht durch Zufall ein Muster, das sich besser vermehren kann als die anderen. Aber wenn es entsteht, dann - vermehrt es sich eben."
GOTT, die Göttin, schöpfte Wasser in ihre riesige Hand und ließ es in himmelhohen Katarakten durch ihre Finger rieseln.
"Alle lebenden Muster stehen vor den gleichen Problemen: Sie müssen sich die Energie für ihre ganze Chemie verschaffen und die Rohstoffe, aus denen sie ihre Ebenbilder zusammenbasteln. Und sie müssen lange genug am Leben bleiben, bis sie zumindest ein neues Exemplar von sich erschaffen haben. Wenn eines eine dieser Aufgaben besser lösen kann, wird es sich schneller vermehren als die anderen."
"Aber wer beauftragt sie? Wer stellt ihnen diese Aufgaben?"
"Niemand. Den Atomen ist es egal, ob die Muster sich vermehren, und den Sternen ist es auch egal."
"Und ihnen selber? Den Zellen, den Enzymen, den - wie nennst du diese langen Ketten?"
"Den Genen? Sie tun, was sie tun. Die sich vermehren, vermehren sich. Die sich nicht vermehren, vermehren sich nicht. Übrig bleiben nur die, die sich vermehrt haben."
"Übrig bleiben nur die, die übrig bleiben..." sinnierte die Kleine Prinzessin.

Langsam wurden im Meer die Bausteine für die Zellen knapp, die großen Moleküle, die das Ultraviolettlicht und die Hitze der Vulkane zusammengekocht hatte. Doch irgendwo im Meer waren Zellen entstanden, für die die Energie des sichtbaren Lichts ausreichte, um aus kleinen Molekülen diese Bausteine selber zu erzeugen. "Lichtfresser", murmelte GOTT, die Göttin. "Pflanzen". Und bald darauf entstanden Zellen, die die Lichtfresser aufbrachen und sich ihre Moleküle als Bausteine einverleibten. "Tiere", murmelte GOTT, die Göttin.
 "Schade", sagte die die Kleine Prinzessin. "Wäre es nicht hübscher, es gäbe nur die Lichtesser? Ohne all dieses Fressen und Gefressenwerden?"
"Hübscher? Mag sein. Aber es ist niemand da, der fragt, was hübsch ist, und was nicht. Außer dir, natürlich. Aber du und ich, wir spielen ja nicht mit. Was geschieht, geschieht, und damit hat es sich. Aber du kannst es natürlich auch anders ansehen: Die Lichtesser werden also gefressen. So ist das. Da können nur die übrigbleiben, die sich schneller fortpflanzen, als sie gefressen werden. Und welche sind das? Die das Licht besser ausnützen, die bei der chemischen Umwandlung nichts verschwenden, na und so weiter. Und die Zellenfresser? Von denen werden die sich am schnellsten vermehren, die am besten die Lichtesser finden können, die am besten die Zellen aufbrechen können und so weiter. Sie verändern und verbessern sich gegenseitig. Ist das nicht auch - 'hübsch'? Der Tanz geht weiter..."
Joanna-Barbarella schwieg. Es gefiel ihr nicht, wie GOTT, die Göttin, das Wort "hübsch" klingen ließ. Durch die eisverkrustete Scheibe von Barbarellas Schneewittchensarg konnte GOTT, die Göttin, sehen, wie eine kleine Träne unter dem schlafenden Augenlid der Kleinen Prinzessin hervorquoll. Mitleidsvoll zuckte GOTT, die Göttin, ihre milchstraßenweißen Schultern.
"Und jetzt fängt das hier an", sprach sie in Joannas Traum hinein. "Die Liebe!"
"Die Liebe?" sprach Joanna-Barbarella ihr nach.
"Liebe, Sex, geschlechtliche Fortpflanzung, nenn es, wie du willst. Aber es musste passieren, es lässt sich nicht vermeiden."
"Warum das? Wenn doch alles durch Zufall geschieht?"
"Beim Würfeln geschieht auch alles durch Zufall, aber irgendwann kommt eine Sechs. Irgendwann stoßen zwei Zellen durch Zufall zusammen, und statt einander aufzufressen, vereinigen sie sich zu einer großen. Ist schließlich auch eine Art Fressen, nur weiß man nicht, wer wen gefressen hat. Und dann teilen sie sich wieder, wie Zellen das eben tun. Freilich haben sich ihre Gene, du weißt schon, die langen Ketten, an denen die kleinen Maschinchen arbeiten, bei der Sache vermischt. Na gut, die Sache ist weiter noch nicht aufregend. Aber nimm an, das passiert zwei Zellen, die durch Zufall jede eine neue gute Eigenschaft bekommen haben. Sagen wir, der Einfachheit halber, die eine ist schlauer als die anderen, die andere ist schneller als die anderen. Wenn die zwei zusammenkommen und sich wieder teilen, können zwei Dinge passieren: Entweder haben wir nachher wieder eine schnelle, doofe Zelle und eine schlaue, langsame. Dann ist noch nichts verloren, denn die zwei können Nachkommen haben, die sich wieder vermischen. Oder wir haben eine langsame, doofe Zelle und eine schlaue, schnelle. Die langsame, doofe hat natürlich Pech gehabt. Sie wird sich nicht so gut vermehren können. Aber die schnelle, schlaue Zelle, die wird natürlich viele Nachkommen haben, und unter denen werden wieder schlaue, schnelle sein. Und wenn die sich miteinander paaren, kann es gar keine doofen oder langsamen Nachkommen mehr geben.
Natürlich hätte bei den Nachkommen der  schnellen Zelle irgendwann durch zufällige Veränderung die Eigenschaft der Schlauheit dazukommen können.  Und umgekehrt. Aber, glaub mir, viel viel langsamer. Durch das Vermischen werden die guten Eigenschaften miteinander kombiniert und die schlechten schnell ausgeschieden."
"Aber welche sind die guten Eigenschaften?" rief Joanna-Barbarella, die Kleine Prinzessin.
"Hast du es noch nicht verstanden?" GOTT, die Göttin, beugte ihr Gesicht ganz nahe an das der Kleinen Prinzessin. Ein unendlich schwarzer See senkte sich über Joanna, dass sie meinte, darin eintauchen zu müssen, die traurige Pupille der Göttin. "Die guten Eigenschaften sind die, die sich fortpflanzen, das ist alles. Es gibt nichts wirklich Gutes, alles ist, wie es ist. Alles folgt aus den Regeln. Nur das eine bleibt bestehen und das andere vergeht. Das eine setzt sich durch und das andere löst sich auf."
"Warum redest du dann von Gut und Schlecht?"
GOTT, die Göttin ließ ein kurzes Lachen hören. "Ich versuche nur, deine Sprache zu sprechen."

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