Von ihrer Matratze aus sieht Johanna ihren Vater steifbeinig und grunzend alte Zeitungen und Konserven in einen Plastiksack stopfen. Sie braucht eine Weile um zu begreifen, dass Morgen ist, durch die Fenster kommt auch nicht mehr Licht herein als am Abend zuvor. Er nimmt einen dreckigen Teller, starrt ihn an und trägt ihn in eine Ecke des Zimmers. Er hebt ein Hemd auf und trägt es in eine andere Ecke, wo er es wieder fallen lässt. "Entschuldigen Sie, gnä` Frau, es ist nicht aufgeräumt", sagt er, als er merkt, dass sie wach ist. "Ich war auf Damenbesuch nicht gefasst." Er hebt eine Wollweste hoch und gibt ihr einen Tritt, dass sie in die Ecke zu den anderen Kleidern fliegt.
"Du solltest ein Fenster aufmachen", sagt sie, "es stinkt hier."
"Meinst du?" Er steht einen Moment hilflos herum, dann schlurft er zum Fenster. "Alles für die gnädige Frau!"
Sie verschränkt die Arme unterm Kopf und starrt an die Decke. "Na ja", lenkt sie ein, "ist nicht so tragisch." Dann schläft sie wieder ein.
Als sie neuerlich aufwacht, sieht das Zimmer ein wenig besser aus. Auf dem Elektrokocher steht ein Topf mit kochendemWasser und es riecht nach Kaffee. Sie kriecht aus dem Schlafsack und setzt sich an den Tisch. Karl schüttet ihr Kaffepulver in die Tasse, gießt heißes Wasser drauf und reisst einen Karton Haltbar-Milch auf. "Zucker hab ich nicht, nur Süßstoff". Sie zuckt die Schultern.
"Hunger?"
Sie nickt.
Was jetzt kommt, verblüfft sie. Aus einer Schublade holt er eine Packung fertigen Blätterteig, reisst sie auf, rollt den Teig auf und schneidet mit dem Messerrücken Quadrate heraus. Er kramt eine aufgerissene Tüte getrocknete Zwetschken aus derselben Lade, legt auf jedes Quadrat drei  runzlige Früchte und klappt die Teigecken darüber.
"Wie willst'n das backen?"
Ihr Vater kichert einfältig. Er stellt eine leere Konservendose auf die Herdplatte und darauf einen Blechteller. Auf den legt er sorgfältig die in Teig eingewickelten Zwetschken. Dann stülpt er einen Alutopf über das Ganze. Nach zehn Minuten ist das Gebäck fertig. Es duftet. Sie verbrennt sich fast die Zunge an den heißen Früchten.
"Schmeckt gut!" lobt sie.
Er grinst sie stolz an und nimmt einen großen Schluck Kaffee. Sie sieht, wie stark seine Hände zittern.
"Entschuldige!"   Er dreht ihr den Rücken zu.
"Vor mir brauchst dich nicht zu verstecken. Ich weiß eh, dass du säufst."
Er zuckt die Schultern. "Man muss doch ein Vorbild sein, oder?"
"Sehr witzig!"
Also gießt er sich den Rum vor ihr in die Kaffeetasse und trinkt einen langen, gierigen Zug. Der heiße Kaffee mit Rum tut ihm gut. Das Zittern lässt nach. Er lässt die Tasse sinken und sieht das Mädchen an seinem Tisch an. Sie schaut ihm gerade in die Augen, ihr Gesicht ist ausdruckslos. Er schaut sie an und versucht zu lächeln. Nach einer Weile tropfen ihm Tränen aus den Augen.

Weiter