"Und jetzt?" sagte Joanna, "Wie geht es weiter?"
Die Kleine Prinzessin saß im Geröll und Staub am Ufer eines Meeres, einen dunklen Himmel über sich. Wenn keine Wolken es verdeckten, brannte ein hartes Licht von der Sonne herunter, ein Licht, das ihre Haut sofort zerstört hätte, wenn sie nicht im Schutz ihres gläsernen Sarges auf der Fingerspitze der Göttin geträumt hätte.
"Sag mir zuerst, was du gesehen hast", sagte GOTT, die Göttin.
Regen stürzt auf Joanna nieder, Blitze fuhren durch sie hindurch.
"Neue Muster haben sich gebildet", sagte Joanna. "Die Atome haben einander gesucht.".
"Ja," sagte GOTT, die Göttin, "sie suchen einander. Die Elektronen sind der Grund dafür. Die Elektronen suchen sich Bahnen, die zu ihrer Schwingung passen. Wenn acht auf einer Bahn schwingen, ist für ein neuntes kein Platz mehr. Es muss sich eine neue Bahn suchen, weiter vom Kern entfernt. Aber nur acht ergeben eine harmonische Schwingung. Sind es weniger, ist ihr Tanz gestört."
"Dann ziehen sie Elektronen an sich, damit sie den Kreis schließen können?"
"Siehst du hier?"
GOTT, die Göttin, zeigte mit ihrem Finger auf eine Welle im Meer, auf einen Tropfen in der Welle, auf ein Atom in dem Tropfen. "Ein Sauerstoff-Atom. Zwei Elektronen auf der inneren Bahn - denn die innere Bahn hat nur Platz für zwei - und sechs auf der äußeren, macht acht. Und acht Protonen im Kern. Das passt zusammen. Aber die sechs Elektronen außen brauchen ein siebentes und ein achtes. Die nehmen sie sich von diesen zwei Wasserstoff-Atomen hier. Denn die haben jedes nur eines. Jetzt passen ihre Schwingungen wieder ineinander."
"Aber jetzt fehlt den Atomkernen wieder etwas...", träumte Joanna.
"Ja, das Sauerstoff-Atom hat zwei Elektronen zuviel für seine Protonen. Darum ist es jetzt negativ geladen. Und die Wasserstoff-Atome haben ein Elektron zuwenig, sie sind positiv. Und deshalb zieht der Sauerstoff die beiden an. Das ist der Grund, warum die Atome einander suchen."
"Ihre Schwingungen können sonst nicht zur Ruhe kommen", dachte Joanna.
"Richtig. Und so kommt Bewegung in die Sache.. Es folgt alles aus den Regeln. Nur die, die schon acht Elektronen in der äußeren Schale habe, die geben Ruhe. Die Edelgase, Argon, Neon und so weiter. Das sind die Snobs unter den Elementen, die bleiben am liebsten für sich. Aber die anderen, die suchen einander, die binden und lösen sich und suchen ein Gleichgewicht, das sie nie ganz finden, eine Rechnung, die nie ganz aufgeht... Und so entsteht der Tanz."
"Ist es denn nur ein Tanz der Zahlen?" dachte die Kleine Prinzessin im Traum.
Immer neue Muster hatten die Elemente gebildet, während der Gasball in sich zusammengestürzt war, dichter und heißer wurde, bis er flüssige Glut war, und dann wieder erkaltete, bis seine Oberfläche langsam erstarrte. Kleine Gebilde von zwei oder drei Atomen hatte Joanna da gesehen, und auch große, regelmäßige Kristalle, in denen dasselbe Muster sich wieder und wieder vervielfachte. Ketten und Knäuel, Gitter und Ringe bildeten die Atome in ihrem Tanz., ein verwirrendes Vielerlei. Und all diese neuen Gebilde verhielten sich verschieden, sah sie, manche waren leicht zerbrechlich, andere fest, manche biegsam und manche starr, manche glitten leicht aneinander vorbei, manche verkeilten sich ineinander und bildeten große Klumpen. Sie spiegelten und brachen das Licht von der Sonne in unterschiedlicher Weise, manche Gebilde saugten das Licht in sich auf und wurden wärmer, manche warfen es zurück, manche verlangsamten es nur und lenkten es aus seiner Bahn. Nur zweiundneunzig Elemente hatten all diese unglaublich vielen Muster hervorgebracht, die niemand zu zählen vermochte, diese ganze Mannigfaltigkeit und Buntheit. Und nur drei verschiedene Teilchen bildeten die Elemente, drei jeweils anders schwingende Teilchen mit ihren unterschiedlichen Kräften.
Und der Tanz ging weiter. Der Planet war verkrustet. Aber sein heißes Inneres brodelte, brach die Kruste auf und schob und warf die erstarrten Platten zu Gebirgen übereinander. Seine äußere Hülle waren leichte Gase, und auf der Kruste schwappte und brodelte und dampfte Wasser. Wasser regnete unaufhörlich auf die Oberfläche des Planeten nieder, durchdrang das Gestein der Planetenkruste, wo es porös war, rann in Ritzen, wo es in den Nächten gefror und und sich ausdehnte, dabei Stücke vom Stein absprengend, sammelte sich in den Furchen zwischen den aufgefalteten Platten und strömte zu den tiefsten Stellen, wo es sich sammelte. Und ständig löste das Wasser Mineralien aus dem Gestein, all die Verbindungen und Muster, die sich schon bei der Bildung des Planeten gesucht und gefunden hatten. Immer dicker wurde die Suppe, die da in den Meeren angerührt wurde, tausenderlei Kombinationen von Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, Phosphor und Stickstoff, Chlor, Eisen, Schwefel und all den anderen Elementen wurden darin durcheinandergewirbelt. Und das harte Ultraviolettlicht der Sonne brach mit seiner Energie immer wieder die Verbindungen auf, so dass die verwaisten Bruchstücke sich neue Partner suchen mussten und neue Verbindungen, neue Muster entstanden.
Gebannt betrachtete Joanna mit ihrem geschärften Blick dieses Spiel. Ihren Augen erschien das Meer des Planeten als ein unendliches Kaleidoskop, in dem die Atome und Moleküle die bunten Glasstückchen waren.
"Fällt dir etwas auf?" fragte GOTT, die Göttin.
"Sie beeinflussen einander", sagte die Kleine Prinzessin. "Da sind diese kleinen Sandkristalle. Sie haben Zacken, Hohlräume und Vorsprünge. Bestimmte kleine Moleküle bleiben an ihnen hängen, kleine Moleküle, die in diese Hohlräume passen. Wenn sie gut passen, schnappen sie richtig ein, fast wie ein Stecker in die Steckdose."
"Wenn sie sich nahe genug kommen, ziehen auch Moleküle einander an. Aber damit sich die Atome berühren können, müssen die Moleküloberflächen gut zusammenpassen."
"Wie ein Schlüssel ins Schlüsselloch..."
"Schau genauer hin!" sagt GOTT, die Göttin.
Joanna-Barbarella schaute genauer. "Manche passen fast, aber nicht ganz", sagte sie staunend. "Sie werden ein bisschen verbogen durch diese schwache Anziehungskraft, an manchen Stellen werden die Abstände zwischen den Atomen größer. Daneben schnappt ein anderes Molekül in die Form ein, und daneben wieder eines."
"Gut", sagte GOTT, die Göttin. "Weil die kleinen Moleküle von der Form aufgebogen werden, sind ihre inneren Bindungskräfte gelockert. An so einer Stelle brechen sie leicht auf und verbinden sich mit einem anderen. Siehst du: - schnapp - haben sich die kleinen Moleküle miteinander verbunden. Eine Molekülkette schwimmt weg. Und in die leere Form schnappen wieder kleine Moleküle ein, und werden zu einer Kette verbunden."
"Ja", träumte die Kleine Prinzessin. "So ein Sandkristall erzeugt immer gleiche Ketten, wie - wie eine Puddingform."
"Ich nenne es Katalyse", sagte GOTT, die Göttin.
 "Hast du dir das ausgedacht?"
"Nein. Es hat sich so ergeben. Es folgt aus den Regeln."

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