"Das hier ist der Anfang" sagte GOTT, die Göttin. "Gut, nicht ganz der Anfang. Ich kann mich nicht mehr so weit erinnern. Es ist schon eine Hundertstelsekunde später."
Joanna-Barbarella sah Weiße und Hitze und ein Auseinanderschießen, ein unendliches Wachsen nach allen Seiten.
"Es ist alles noch ein bisschen heiß", sagte GOTT, die Göttin. "Es bewegt sich alles zu schnell. Die Quarks können nicht zusammenhalten bei dieser Hitze. Sie schwingen zu schnell, sie kommen sich nicht nahe genug. Aber es wird sich gleich abkühlen. Durch die Ausdehnung, weißt du. Hunderttausend Millionen Grad, fünfzigtausend Millionen Grad, zehntausend Millionen Grad...
Da, da haben wirs," sagte sie nach drei Minuten, "da sind die ersten: Zwei Up-Quarks und ein Down-Quark geben ein Proton. Zwei Down-Quarks und ein Up-Quark geben ein Neutron. Jetzt fängt's an. Es bewegt sich etwas. Wenn wir noch eine halbe Stunde warten, können wir Heliumkerne sehen. Da schau, zwei Protonen und zwei Neutronen fügen sich zusammen. Was sagst du dazu: ein Heliumkern!"
Barbarella-Jeanne konnte die freudige Erregung von GOTT, der Göttin, nicht ganz teilen.
"Was ist so besonderes an Heliumkernen?"
"Siehst du es nicht? Teilchen fügen sich zusammen. Muster bilden sich. Die Welt fängt an zu entstehen. Aus den einfachen Regeln entsteht die Welt."
"Aber was sind die Regeln?"
"Nun, zum Beispiel, dass das Up-Quark eine Ladung von plus Zweidrittel hat." GOTT, die Göttin, schien sich tatsächlich am Kopf zu kratzen. "Das war es doch? Ja, ich denke schon. Und das Down-Quark minus Eindrittel. Siehst du nicht, was das beudeutet?"
Iwana-Barbarella sah es nicht.
"Zwei Up- und ein Down-Quark, was gibt das? Zweimal Zweidrittel minus Eindrittel? Es ergibt genau plus Eins!" sagte GOTT, die Göttin, triumphierend.  "Also muss das Proton positiv geladen sein! Und zwei Down-Quarks und ein Up-Quark, was gibt das? Zweimal minus Eindrittel und einmal plus Zweidrittel? Richtig, Nichts! Und deshalb haben Neutronen keine Ladung. Aber die Protonen müssen Elektronen anziehen, weil die negativ geladen sind! Kapiert? Na bitte, da haben wir es ja schon. Siehst du es, hier? Es musste passieren, siehst du, denn es folgt aus den Regeln."
GOTT, die Göttin, zeigte mit ihrem gewaltigen Finger auf einen winzigen Punkt im Universum. Und Barbarella-Jane, die Kleine Prinzessin,  konnte ihn sehen.
"Nach 700.000 Jahren haben wir das erste Atom: Ein Proton, um das ein Elektron schwingt. Wasserstoff. Gefällt dir der Wasserstoff? Gut, er ist etwas langweilig. Gefällt dir das Helium besser? Zwei Protonen und zwei Neutronen im Kern, und zwei Elektronen, die darum schwingen. Es folgt alles aus den Regeln. Kräfte der Anziehung und Kräfte der Abstoßung. Starke und schwache Kernkraft, elektrische Kraft und Schwerkraft. Warten wir eine Weile, dann zieht die Schwerkraft die Atome zu Klumpen zusammen."
Im inzwischen dunkel gewordenen All wurden in dem auseinanderschießenden Wasserstoff Schlieren und Wirbel sichtbar. Aus feinen Ungleichgewichten in der der Verteilung waren sie entstanden, durch die Anziehungskraft zwischen den Atomen immer mehr verstärkt. Je näher die Atome zusammenrückten, um so schneller begannen die Gaswirbel zu rotieren, wie sich die Pirouette einer Eiskunstläuferin beschleunigt, wenn sie die ausgebreiteten Arme an den Körper legt. Und unmerklich begannen die Wasserstoffwirbel zu leuchten.
"Da, da haben wir schon eine Wasserstoffwolke, eine Kugel aus Gas, die Schwerkraft drückt sie zusammen, der Druck steigt, die Kugel wird wärmer. Jetzt fängt sie schon an zu glühen, zu leuchten. Siehst du, jetzt geht es überall los: Sterne."
In der Weite des Alls begannen Lichtpünktchen aufzublitzen. Aus den kleinsten Wirbeln waren Sterne geworden, aus den Wirbeln von Wirbeln Galaxien, aus aus den Wirbeln von Wirbeln von Wirbeln Galaxienhaufen.
"Es leuchtet", seufzte Hannchen-Barbarella in ihrem gläsernen Schneewittchen-Sarg, "es glüht!"
"Schau es dir an!" sagte GOTT, die Göttin. "Wir haben Zeit. Die nächsten vier, fünf Milliarden Jahre wird nicht viel passieren. Die Hitze reisst Elektronen von den Wasserstoffkernen los, lässt sie zu Heliumkernen verschmelzen. Dadurch wird das Innere noch heißer, und noch mehr Wasserstoff wird zu Helium verbrannt. Die Hitze im Innern treibt den Stern auseinander, die Schwerkraft drückt ihn zusammen. Die nächsten paar Milliarden Jahre wird sich das so ziemlich im Gleichgewicht halten. Erst wenn sich im Innern des Sterns zu viel Asche angesammelt hat, zu viele von diesen Heliumkernen, dann steigt durch den  Druck ihrer Anziehungskraft die Hitze gewaltig an und bläst den Stern auf."
Giovanna-Barbarella sah den Stern sich ausdehnen, zu einem roten Riesen werden, der unaufhörlich wuchs.
"Pass auf, jetzt wird's wieder spannend. Wenn die Temperatur steigt in einem solchen roten Riesen, dann fängt auch die Asche an zu reagieren. Aus dem Helium werden neue Elemente zusammengekocht. Schau: 110 Millionen Grad: Kohlenstoff. Sauerstoff. Neon. 800 Millionen Grad: Magnesium. 1500 Millionen Grad: Silizium, Aluminium, Schwefel, Phosphor. Alles, was sich nach den Regeln aus Protonen, Neutronen und Elektronen zusammensetzen lässt, das wird hier gekocht."
Barbarella-Jana konnte tatsächlich in den Stern hineinschauen. Er war wie eine japanische Elfenbeinkugel, in deren Innerem wieder eine Kugel sitzt, in deren Innerem wieder eine Kugel sitzt, in derem Inneren... und so weiter. In jeder Schicht geschah eine andere Kernfusion, wurde ein anderes Element gebraut. Sie konnte sehen, wie Atomen ihre Elektronenhülle von der Hitze weggerissen wurde, wie sich Protonen-Neutronenklumpen zu neuen Kernen verklebten, sich wieder Elektronen einfingen, wie die freigewordenen Bindungskräfte sich in Wärmeenergie verwandelten, die neue Reaktionen in Gang setzte.
Was konnte verschiedener voneinander sein als ein Stück Kohle und ein Atemzug? Und wie wenig unterschied sich der Kohlenstoff vom Sauerstoff! Sechs Protonen und sechs Neutronen bildeten einen Kohlenstoffkern. Dazu kamen sechs Elektronen, die um den Kern schwangen, zwei auf der Innenbahn, vier auf der äußeren. Kam noch ein Heliumkern dazu - zwei Protonen und zwei Neutronen - dann war es Sauerstoff. Zwei Elektronen auf der Innenbahn, sechs auf der Außenbahn. Das war der ganze Unterschied.
Die Kleine Prinzessin sah, dass die Elektronen schwangen wie Saiten eines Musikinstruments. Wenn man eine Saite anschlägt und genau hinhört, dann merkt man, dass sie mehr als einen Ton hervorbringt. Auch die Oktav klingt mit, die Schwingung der halben Saite. Und die Quint ist auch zu hören, die Schwingung der Drittelsaite. Auch der Vierte, der fünfte, der sechste Teil einer Saite schwingt, und wenn man die Saite am richtigen Punkt berührt, genau in der Mitte oder genau im Drittel zum Beispiel, kann man alle größeren Schwingungen zum Schweigen bringen. Aber niemals kann eine Saite den Ton hervorbringen, der sagen wir, dem Null komma einundfünfzigsten Teil ihrer Länge entspricht. Die Rechnung muss in ganzen Zahlen aufgehen, sonst funktioniert es nicht.
Barbarella-Jean begann einen Teil der Regeln zu ahnen. Die Elektronen suchten sich Bahnen, in denen ihre Schwingung ohne Rest aufging. Sie sah, dass es gar nicht anders sein konnte. Und Juanita-Barbarella begann die Harmonie der Zahlen zu ahnen, von der die Harmonie der Musik nur ein menschlicher Abklatsch ist.
"Es ist schön" sagte sie träumend zu GOTT, der Göttin.
"Ja", stimmte GOTT, die Göttin zu, "der Sound ist nicht schlecht für den Anfang."

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