"Küssí die Hand, gute Nacht, die liebe Mutter soll gut schlafen! Küssí die Hand, gute Nacht, das Fräulein Martha soll gut schlafen! Küssí die Hand, gute Nacht, das Fräulein Ilse soll gut schlafen!"

Sechzig Kinder im Chor: "Küssí die Hand, gute Nacht, das Fräulein Grete soll gut schlafen! Küssí die Hand, gut Nacht, das Fräulein Lotte soll gut schlafen!"

Aufgereiht wie beim Militär. Da die Kinder, da die Fräulein.

"Küssí die Hand, gute Nacht ... , küssí die Hand, gute Nacht ... "

Da muß man eine jede einzeln grüßen, da kann man nicht sagen: "Gute Nacht miteinand!" Gar nicht richtig anreden darf man die. "Wollen, Fräulein Grete, bitte so gut sein ..." Das muß man erst einmal ... Das muß man erst einmal rausbringen.

So kalt.

Und die Liebmutter, die kann man überhaupt nicht anreden. Das schafft keine, daß sie freiwillig zu der geht und die was bittet. Oder fragt. Nicht einmal die großen Buben. Nur wenn man gefragt wird. Und dann bringt man's nicht raus.

Wie die schon dasteht! Grau. Immer ist sie grau angezogen. Und die Haare. Grau. Ganz glatt überm Kopf nach hinten, ganz stramm, und dann in einen Knödel. Daß ihr das nicht weh tut.

Der tut nichts weh. Der kann nie was weh tun, weil sie gar nichts spürt.

Grau. Diese Kleider immer. Bis zu den Füßen hinunter, bis zum Hals hinauf zu. Die hat gar keine Haxen. Die hat gar nichts, nur ein Pferdegebiß. Und Glotzaugen. Die schauen dich an, und du hast schon den Knödel im Hals.

Die Ossi sagt, die hat gar keinen Mann. Der tät sich ja fürchten im Finstern vor der.

"Küssí die Hand, gute Nacht ... "

So kalt.

Und jetzt schlafen gehen. In diese kalten Betten. Bei den Kleinen. Und die Ossi bei den Großen. Zwei Schwestern, und dürfen nicht zusammen in einem Zimmer schlafen. Bagage! So was darf man nicht sagen. Aber denken schon.

©VERLAG KERLE
im Verlag Herder & Co., Wien 1996
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