Martin Auer
Wie kommt der Krieg in die Welt?
Konflikt, Kooperation und Konkurrenz unter dem
Gesichtspunkt der Selbstorganisation von Systemen
Im Verlauf ihrer Entwicklung hat die Menschheit es gelernt, immer größere und konzentriertere Energiemengen zu bündeln und zur Umsetzung menschlicher Absichten einzusetzen. Spätestens seit der Entwicklung der Atomwaffen sind diese Energiemengen so groß, dass die Menschheit in Stand gesetzt ist, sich selbst auszulöschen. Dass die Massenvernichtungsmittel nicht zum Einsatz kommen, darf wohl als Grundvoraussetzung dafür angenommen werden, dass es zukünftige Generationen überhaupt geben wird. Die Abschaffung des Kriegs ist das erste, was künftige Generationen von uns zu fordern das Recht haben. Aber auch der gewaltige Energieumsatz der Menschheit in anderen Formen, von den fossilen Brennstoffen, Riesenstaudämmen und Atomkraftwerken angefangen bis zu Hochleistungsgetreidesorten und Kunstdünger erweist sich immer mehr als problematisch.
In den Hunderttausenden von Jahren, in denen sich die Menschheit entwickelte und über die Erde ausbreitete, hat sich ihr Energieumsatz zunächst nicht von dem anderer fleischfressenden Säugetiere unterschieden. Der erste große Sprung kam mit der Zähmung des Feuers, das die Menschen nicht bloß zum Kochen, zum Härten von hölzernen Speeren und zum Desinfizieren benutzten, sondern auch für Treibjagden, bei denen sie zuweilen riesige Flächen abbrannten und ganze Tierherden auf einmal ausrotteten. Mit dem Feuer hatten die Menschen zum ersten Mal die Möglichkeit, gewaltige Überschüsse über den augenblicklichen Bedarf zu „erwirtschaften“. Doch da diese Überschüsse in Form von schnell verderblichem Fleisch vorlagen, konnten diese Überschüsse noch nicht in die Zukunft investiert werden.
Erst mit dem Übergang zur Landwirtschaft vor ca. 10.000 Jahren begann die Epoche, in der der Energieumsatz der Menschheit, und damit die Produktivität der menschlichen Arbeit, ihre umweltverändernde Kraft, exponentiell zunahm bis zum Erreichen der Selbstvernichtungsfähigkeit. Es ist im Grunde diese Steigerung der Fähigkeit, die Umwelt zu beeinflussen und zu verändern, schlicht die Steigerung des Energiedurchsatzes, was landläufig mit dem Wort Fortschritt bezeichnet wird.
Dieser Fortschritt ist nicht einfach eine technologische Entwicklung, bei der jeweils ein kluger Kopf eine Erfindung macht auf der Basis der Erfindungen vorangegangener kluger Köpfe. Der Fortschritt beruht in erster Linie auf einem Prozess der Konzentration der physischen und geistigen Kräfte von immer mehr Menschen. Erst durch diese Konzentration der Kräfte wurde es möglich, diese Erfindungen zu machen und in die Praxis umzusetzen. Diese Konzentration der Kräfte wurde in der Epoche der Zivilisation, also den 10.000 Jahren seit dem Übergang zur Landwirtschaft, in der Hauptsache durch Krieg, Unterwerfung und Ausbeutung herbeigeführt.[1] Dass dieser Fortschritt nun bis zur realen Möglichkeit der Selbstvernichtung geführt hat, zeigt auf, wo seine Grenzen liegen.
Natürlich interessieren uns diese Erscheinungen als Probleme der menschlichen Gesellschaft. Um ihre Wurzeln zu ergründen, wird hier die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft als ein Spezialfall der Selbstorganisation von Systemen betrachtet.
Das Paradigma der Selbstorganisation ist interessanterweise in sehr unterschiedlichen Kreisen beliebt. Verfechter des Neoliberalismus etwa vertrauen auf die Selbstorganisation des Marktes, die die Produktion und Verteilung der Güter aufs Beste regeln soll. Globalisierungsgegner wiederum vertrauen auf die Selbstorganisation der Bewegung, die zentrale Leitung unnötig macht. Beide sind davon fasziniert, dass die Selbstorganisation tatsächlich funktionierende Systeme hervorbringt. Das ist unbestreitbar auf der Ebene der Selbstorganisation der Materie, der Selbstorganisation des Lebens (biologische Evolution), der Selbstorganisation der Gesellschaft (kulturelle Evolution), der Selbstorganisation der Wirtschaft (Markt). Dass die Selbstorganisation funktionierende Systeme hervorbringt, heißt aber noch lange nicht, dass sie auch - wie manche anzunehmen scheinen – die besten aller möglichen Systeme hervorbringt.
Hier soll aufgezeigt werden, dass Selbstorganisation ein widersprüchlicher Prozess ist:
Selbstorganisierende Systeme organisieren
sich nicht mit einem bestimmten Ziel. Selbstorganisierende Systeme organisieren
sich nicht widerspruchsfrei und schmerzlos, sondern unter Krämpfen und
Katastrophen. Selbstorganisierende Systeme nehmen keine Rücksicht auf die
Elemente, aus denen sie bestehen. Selbstorganisation kann auch in die
Selbstzerstörung des Systems münden.
Dass in diesem Artikel viel von der biologischen Evolution die Rede ist, hat zwei Gründe. Einerseits dienen Prozesse der biologischen Evolution als Beispiele für allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Selbstorganisation. Andererseits hat die biologische Evolution uns Menschen hervorgebracht mit unseren Bedürfnissen und Fähigkeiten, also die Voraussetzungen für unsere kulturelle Evolution geschaffen.
Der Hauptteil des Artikels legt dar, wie die menschliche Gesellschaft sich von egalitären, statischen, territorialen Gemeinschaften zu auf Ausbeutung beruhenden, dynamischen und expansionistischen Imperien entwickelt hat. Die expansionistische Struktur dieser Gesellschaften ist die Wurzel des Krieges, wie wir ihn heute kennen, und die Produktion von Überschuss zwecks Erzeugung von noch mehr Überschuss ist der Motor dieser Entwicklung.
Um der Gefahr der Selbstzerstörung durch Krieg (oder auch durch Überausbeutung der Ressourcen) zu entgehen, müssen die Menschen, so schwierig es sein mag, in die spontane Entwicklung des ihnen übergeordneten Systems "Gesellschaft" eingreifen. Die Produktion von Überschuss zur Erzeugung von noch mehr Überschuss muss gestoppt werden. Der Autor ist der Meinung, dass eine radikal sozial und ökologisch orientierte gelenkte Marktwirtschaft eine nicht-expansive Gesellschaftsstruktur ermöglichen würde und so die Gefahr der Selbstzerstörung der Menschheit durch Krieg und Raubbau an Ressourcen minimieren würde.
Unsere scheinbar so bunte und vielfältige Welt besteht aus wenigen, einander ähnlichen Grundbausteinen. Diese setzen sich zu unterschiedlichen und immer komplexeren Mustern zusammen. Muster sind Bereiche von erkennbarer Ordnung, die sich sowohl von Bereichen chaotischer Unordnung als auch von Bereichen toter Gleichförmigkeit unterscheiden. Diese Bereiche komplexerer Ordnung nehmen bei ihrer Bildung Energie auf und geben sie bei ihrem Zerfall an die Umgebung ab. Stabile Muster können Bestandteile komplexerer Muster werden. Instabile Muster zerfallen. [2]
In den warmen Küstengewässern der jungen Erde bilden sich unter Zufuhr hoher Energien Kettenmoleküle mit katalytischen Eigenschaften. Katalysatoren beeinflussen durch ihre Gegenwart die Bildung anderer Moleküle, ohne selbst in die chemische Verbindung einzugehen. Es beginnt eine Phase, in der Katalysatoren Moleküle katalysieren, die wiederum Katalysatoren für andere Moleküle sind. Aus diesem Chaos heben sich bald Kreisläufe heraus, in denen etwa Molekül A die Moleküle B, C und D katalysiert, die ihrerseits wieder ein Duplikat von A hervorbringen. DNS-Ketten bringen Proteine hervor, die ihrerseits wieder DNS-Ketten zusammensetzen, die der ursprünglichen gleichen. Ab diesem Zeitpunkt können wir von Fortpflanzung sprechen. Wir sehen zwar noch keine abgegrenzten Individuen, aber erkennbare Kreisläufe, dynamische Muster, die sich in der Zeit wiederholen. Es ist klar, dass diese Replikatoren, eben weil sie sich replizieren, zum vorherrschenden Element werden, und andere Arten von sozusagen ziellosen Katalysatoren verdrängen. Am schnellsten vermehren sich diejenigen DNS-Ketten, die es mit Hilfe der von ihnen geschaffenen Enzyme am besten verstehen, aus den sie umgebenden Bausteinen möglichst genaue Duplikate ihrer selbst herzustellen, also zum Beispiel energiereiche Moleküle aufzubrechen und ihrem eigenen Kreislauf einzuverleiben. Es beginnt erkennbar zu werden, was Richard Dawkins den „Egoismus des Gens“ nennt. (Dawkins 1989)
„Das selbstsüchtige Gen“ ist ein provokanter Buchtitel und eine ziemliche Vereinfachung. Die „Selbstsucht“ der DNS bezieht sich auf ihre Fortpflanzung und nicht unbedingt auf ihren Selbsterhalt. Und Selbstsucht darf in dem Zusammenhang natürlich nicht als psychologische Kategorie verstanden werden, sondern als ein Steuermechanismus, ein das Verhalten bestimmendes Programm.
Eine zufällige Veränderung einer DNS-Kette bleibt erhalten, wenn sie den Fortpflanzungserfolg dieser Kette, also die Produktion weiterer Duplikate, erhöht. Die Feststellung ist im Grunde eine Tautologie. Was sich vermehrt, vermehrt sich. Weniger tautologisch ist die Feststellung, dass diejenigen Muster sich schneller vermehren, die es besser verstehen, Energie einzufangen, und weniger Energie bei der Verdopplung zu verbrauchen. Sollte eine DNS einmal dahingehend mutieren, dass sie anders gebauten DNS-Ketten bei der Vermehrung hilft, so wird sie solche DNS-Ketten vermehren helfen, die diese altruistische Eigenschaft nicht besitzen, und dieser schöne Zug wird wieder untergehen.
Zu den zufälligen Veränderungen, die der DNS nützlich sind, gehört die Entstehung einer Membran, eines Netzes aus Proteinfäden, das den katalytischen Kreislauf einschließt und vor dem Eindringen fremder Enzyme, die den Prozess stören könnten, oder gar die beteiligten Moleküle zum Rohstoff für einen fremden Kreislauf machen könnten, beschützt. Es entstehen abgegrenzte Individuen, Organismen, die dem Einfangen und Bewahren von Energie zum Zwecke der Vermehrung dienen. Dawkins betont, dass die Individuen nicht um ihrer selbst willen da sind, sondern nur der Vermehrung der Gene dienen, nur die Fortpflanzungsmaschinen ihrer Gene sind. Das Huhn ist die Methode des Eis, mehr Eier zu machen.
Den von Konrad Lorenz postulierten Arterhaltungstrieb (Lorenz 1963) stellt Dawkins in Frage. Nicht das, was der Art nützt, setzt sich durch, sondern das, was der Fortpflanzung des einzelnen DNS-Musters nützt.
Ein Beispiel: Bei fast allen sich geschlechtlich vermehrenden Arten gibt es ungefähr gleich viele Männchen wie Weibchen, obwohl wenige Männchen ausreichen würden, alle Weibchen zu befruchten und obwohl oft die Männchen nichts zur Brutpflege beitragen. Die Mehrzahl der Männchen sind also vom Standpunkt der Art unnütze Fresser. Die Art könnte den ihr potentiell zur Verfügung stehenden Lebensraum mit weniger Männchen und mehr Weibchen schneller ausfüllen und eventuell konkurrierenden Arten so zuvorkommen. Warum geschieht das nicht? Nehmen wir an, jedes Weibchen bekommt zehn Junge. Nehmen wir weiters an, ein Männchen befruchtet zehn Weibchen, und nur eines von zehn Männchen kommt überhaupt zur Fortpflanzung. Dann könnte die Art sich viel schneller ausbreiten, wenn nicht 50 % der Jungen Männchen wären, sondern nur 10%, und der Rest Weibchen. Im Interesse der Art sollten die Weibchen also möglichst viele Weibchen gebären. Nun wird ein Weibchen, das zehn Töchter gebiert, hundert Enkel haben. Ein Weibchen, das zehn Söhne gebiert, von denen nur einer sich fortpflanzt, dafür aber mit zehn Weibchen, wird aber ebenfalls hundert Enkel haben. Die Eigenschaft, viele Töchter zu haben, hat keine besseren Chancen, sich durchzusetzen, als die Eigenschaft, viele Söhne zu haben. Daher muss die Art mit den unnützen Fressern leben, ob es ihr nun nützt oder nicht.
Ein drastisches Beispiel bringen Wolfgang Wickler und Uta Seibt (Wickler/Seibt 1977):
„Krähen nisten in Kolonien und bauen ihre Nester mit Zweigen, die sie zusammentragen müssen. Hat in der Kolonie ein Nestbau begonnen, dann sind die nächstliegenden Zweige dort zu finden und werden auch von da geholt. An markierten Zweigen kann man sehen, daß sie eine umständliche Reise durch die Kolonie machen; obwohl schon einmal eingebaut, werden sie wieder weggenommen und woanders eingebaut, dort wieder weggenommen usw. ... Ohne diese überflüssigen Umschichtungen wäre das Nestbauen viel billiger und weniger zeitraubend. Aber eine Krähe, die das Stehlen unterließe und nur neue Zweige herbeitrüge, würde als einzige zuverlässige Material-Beschafferin von der ganzen Kolonie ausgebeutet.“
Ein weiteres Beispiel: Wenn Löwenmännchen einen Harem übernehmen, sind sie während der ersten drei Monate den Löwenjungen gegenüber sehr aggressiv und töten sie fast immer. Erst später werden sie zu fürsorglichen Vätern, die den Jungen gegenüber sogar duldsamer sind als die Mütter. Der Grund dafür ist einfach: Im Durchschnitt verlieren die Löwen den Harem nach zwei bis drei Jahren wieder an ihre Nachfolger. Sie haben nur wenig Zeit, Junge zu zeugen. Trächtige oder säugende Löwinnen kommen nicht in Brunst. Die Löwen töten also die Jungen ihrer Vorgänger, damit die Löwinnen schnell wieder brünstig werden, also um sich selbst Nachwuchs zu sichern (natürlich sind sie sich dessen nicht bewusst). Für die Spezies der Löwen ist das sehr schlecht. Denn die Sterblichkeit unter Löwenjungen ist sowieso sehr hoch, in der ostafrikanischen Steppe bei ca. 80%. Ein Viertel verhungert, ein weiteres Viertel verunglückt oder fällt Feinden zum Opfer. Die Löwen können unter diesen Bedingungen ihre Zahl gerade konstant halten. Taucht ein neuer Feind auf, wie zum Beispiel der Mensch, ist der Bestand ihrer Art hochgradig gefährdet. Die Löwen täten also im Interesse kommender Generationen gut daran, den Kindermord abzuschaffen. Doch das können sie nicht. Ein Löwenmännchen, das durch Mutation die Eigenschaft erhalten würde, zu den Jungen der Vorgänger genauso gutmütig zu sein wie zu den eigenen, hätte kaum die Chance, überhaupt eigenen Nachwuchs zu bekommen, vor allem nicht eigene Söhne, denen es seine Gutmütigkeit vererben könnte. Die Löwen stecken in einem Teufelskreis, dem sie ebenso wenig entkommen können wie die Krähen. Indem jedes Löwenmännchen seinen eigenen Nachwuchs fördert, trägt es dazu bei, den Nachwuchs aller Löwenmännchen, also letztlich auch den eigenen, zu verringern. Könnten die Löwen miteinander ein Abkommen treffen, keine Kinder zu töten, könnte jedes einzelne Männchen mehr Nachkommen haben. Doch Löwen können keine Versprechungen machen und keine Verträge schließen, ebenso wenig wie die Krähen. (Wickler/Seibt 1977).
Solche Teufelskreise sind in der Natur keine Ausnahme, man begegnet ihnen auf Schritt und Tritt. Die Evolution der Gene nimmt keine Rücksicht auf das Wohlergehen der Art. Sie nimmt auch keine Rücksicht auf das Wohlergehen der Individuen, so paradox das vielleicht im ersten Augenblick klingt. Aber wäre ohne Schmerzempfinden unser Leben nicht glücklicher – wenn auch kurz? Zu kurz vermutlich, als dass wir uns überhaupt fortpflanzen könnten. Individuen ohne Schmerzempfindung werden äußerst rasch hinwegselegiert.
Der Fortgang der Evolution ließ Einzeller sich zu Vielzellern zusammenschließen. Die Zellen büßten dabei sowohl ihre potentielle Unsterblichkeit als auch ihre Unabhängigkeit und Vielseitigkeit ein, wurden aus individuellen Jägern zu austauschbaren Fließbandarbeitern, die nur einen winzigen Teil des Lebensprozesses bewältigten und alleine überhaupt nicht mehr lebensfähig waren. Und der Gesamtorganismus, der nun als Individuum auftrat, war nun ebenso todgeweiht wie die ihn konstituierenden Zellen. Das Privileg der potentiellen Unsterblichkeit behielten allein die Fortpflanzungszellen.[3]
Ein bekanntes Paradigma für die oben beschriebenen Teufelskreise ist das Gefangenendilemma, 1950 von M.M. Flood und M. Dresher entwickelt. Hier meine Version:
In Samarkand wurden einmal zwei Diebe gefangen, die eine Gans gestohlen hatten. Timur Lenk ließ sie in zwei verschiedene Zellen sperren, so dass sie sich nicht miteinander verständigen konnten. Dann ging er zum ersten und sagte: ‘Höre, ihr zwei habt eine Gans gestohlen, dafür gebühren euch 20 Stockhiebe. Es ist nicht angenehm, aber man überlebt es. Nun weiß ich aber sicher, ihr habt nicht nur diese Gans gestohlen, sondern auch zwei goldene Becher aus meinem Palast. Dafür könnte ich euch hinrichten lassen. Das hätte für mich nur einen Nachteil: Ich würde so meine goldenen Becher nicht wiederbekommen. Ich könnte das Geständnis aus euch herausfoltern, aber ich habe mir etwas anderes ausgedacht. Pass genau auf: Wenn du den Diebstahl der Becher gestehst, und verrätst, wo ihr sie versteckt habt, dann lasse ich nur deinen Komplizen hinrichten, dich aber lasse ich laufen. Ihm werde ich freilich dieselbe Möglichkeit bieten. Wenn er gesteht, und du nicht, dann lasse ich ihn laufen, und du wirst hingerichtet. Es könnte natürlich sein, dass ihr beide gesteht. In diesem Fall könnte ich natürlich keinen von euch laufen lassen. Aber ich würde gnädig sein und jedem von euch nur die rechte Hand abhacken lassen.’
‘Und wenn keiner von uns gesteht?’ fragte der Gefangene, der übrigens wirklich mit seinem Komplizen gemeinsam auch die Becher gestohlen hatte.
‘Nun’, sagte Timur, ‚dann würde es bei den 20 Stockschlägen für die gestohlene Gans bleiben.’
Nennen wir die zwei Gefangenen Ahmed und Bülent. Ahmed könnte so überlegen: Wenn er, Ahmed, gesteht, ist es für Bülent besser, auch zu gestehen, sonst wird Bülent hingerichtet. Wenn Ahmed nicht gesteht, ist es für Bülent auch besser, zu gestehen, denn dann wird Bülent freigelassen. Also weiß Ahmed, dass Bülent gestehen wird. Also wird auch Ahmed gestehen, denn sonst wird er hingerichtet. Sollte es aber sein, dass Bülent nicht gesteht, umso besser für Ahmed, denn dann wird er freigelassen.
Das Ergebnis ist, dass beide gestehen und beiden die Hand abgehackt wird, wo sie doch beide mit zwanzig Stockschlägen hätten davonkommen können.
„Ich werde darlegen, dass eine vorherrschende Eigenschaft, die in erfolgreichen Genen erwartet werden muss, rücksichtslose Selbstsucht ist. Dieser Gen-Egoismus wird gewöhnlich ein egoistisches Verhalten des Individuums hervorrufen“, [4]
schreibt
Dawkins in seinem berühmten Buch. Und weiter:
„Wenn man betrachtet, wie die natürliche Selektion funktioniert, scheint zu folgen, dass alles, was durch natürliche Selektion evolviert ist, selbstsüchtig sein sollte. Also müssen wir erwarten, wenn wir das Verhalten von Pavianen, Menschen und allen anderen lebenden Geschöpfen betrachten, dass sich dieses Verhalten als selbstsüchtig erweisen wird. Wenn wir finden, dass unsere Erwartung nicht zutrifft, wenn wir beobachten, dass menschliches Verhalten wahrhaft altruistisch ist, dann werden wir etwas Rätselhaftem gegenüberstehen, etwas, das einer Erklärung bedarf“.[5]
Wie können nun in dieser grausamen Welt Kooperation und Solidarität entstehen?
Erklärungen
gibt es auf mehreren Ebenen: Einfache Kooperation kann aus purer Selbstsucht
entstehen: Kühe auf der Weide streben bei Gefahr zueinander. Für jede Kuh gilt:
Je weiter sie von anderen Kühen entfernt ist, umso größer ist der Bereich, in
dem sie für ein eventuelles Raubtier die nächste Kuh wäre, und daher von
dem Raubtier angegriffen würde. Je näher sie dagegen an anderen Kühen steht,
umso kleiner wird ihr Gefahrenbereich und umso größer die Chance, dass eine der
anderen Kühe angegriffen wird. Indem jede Kuh versucht, auf Kosten der anderen
zu überleben, erhöhen sich die Überlebenschancen für alle, denn ein Raubtier
greift nur ungern eine geschlossene Gruppe an. (Wickler/Seibt 1977)
Die Kühe
könnten also mit Recht sagen: „Wenn jede für sich selbst sorgt, dann ist für
alle gesorgt“, während das für das Beispiel der Krähen und der Löwen sicher
nicht zutrifft.
Antilopenweibchen
leben in großen Herden und synchronisieren ihre Gebärzeiten. Ihre Jungen
erscheinen dann gleichzeitig und in großer Anzahl, und das einzelne ist im Fall
eines räuberischen Angriffs weniger gefährdet. (Wickler/Seibt 1977)
Schon etwas
komplexer ist das Verhalten des Warnens: Viele Vögel, die in Gruppen oder
Schwärmen leben, stoßen, wenn sie einen Feind erblicken, einen Warnruf aus. Das
ist erstaunlich, denn der Warner lenkt die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich
und gefährdet sich dadurch. Allerdings würde der Warner sich durch eine
isolierte Flucht noch mehr gefährden. Besser ist es, den ganzen Schwarm
aufzuscheuchen und im Schutz des Schwarms zu fliehen. (Wickler/Seibt
1977)
Verhaltensweisen,
die der Gruppe nützen, können sich also dann durchsetzen, wenn sie auch
unmittelbar einen Fortpflanzungsvorteil für das Individuum bedeuten.
Wenn das
nicht der Fall ist, wenn das Verhalten also „echt“ altruistisch ist, kann es
sich nicht durchsetzen, weil es ja die Fortpflanzung von Individuen fördert,
die den altruistischen Zug nicht haben.
Es gibt
allerdings eine Ausnahme: Wenn das altruistische Verhalten die Fortpflanzung von
Verwandten fördert, dann besteht die Chance, dass auch diese Verwandten über
den altruistischen Zug verfügen. Meine Gene habe ich mit statistischer
Wahrscheinlichkeit zur Hälfte von meinem Vater, zur Hälfte von der Mutter. Das
gilt auch für meine Geschwister. Doch müssen die nicht die gleichen Hälften geerbt
haben. Im Schnitt aber wird bei jedem meiner Geschwister die Hälfte der Gene
mit den meinen identisch sein. Ein Neffe oder eine Nichte haben im Schnitt ein
Viertel meiner Gene. Wenn bei mir ein altruistischer Zug vorliegt, beträgt die
Chance z.B. ¼, dass er auch bei meiner Nichte vorliegt. Die Hilfsbereitschaft
gegenüber Verwandten kann sich dann durchsetzen, wenn ihr Nutzen für die
Verwandten entsprechend größer ist als die Einbuße, die der eigene Nachwuchs
dadurch erleidet. Meine Nichten und Neffen teilen im Schnitt 25% meiner Gene,
meine Kinder 50%. Also muss der Nutzen für Neffen und Nichten mehr als doppelt
so groß sein als die Einbuße für eigene Kinder, damit das Verhalten sich
durchsetzen kann. So findet man zum Beispiel Vogelarten, wo Männchen, die kein
Weibchen finden, ihren Eltern helfen, die Geschwister aufzuziehen. Das
Verhalten kann sich durchsetzen, weil meine Geschwister mit mir genau so
verwandt sind wie meine Kinder, sie haben im Schnitt 50% der Gene mit mir
gemeinsam. Solche Brutpflegehelfer finden sich bei Vögeln, Krebsen, Fischen und
auch Säugetieren. (Dawkins 1989)[6]
Die
eindrucksvollsten Ergebnisse zeitigt die Verwandtenkooperation bei den Ameisen.
Bei den Ameisen schlüpfen aus befruchteten Eiern Weibchen (fruchtbare
Königinnen oder unfruchtbare Arbeiterinnen), aus unbefruchteten Eiern Männchen.
Alle Ameisengeschwister bekommen vom Vater den gleichen Chromosomensatz, also
identische Gene. Von der Mutter bekommen sie ein jeweils zufälliges Gemisch der
großmütterlichen und großväterlichen Gene. Daher teilen Ameisenschwestern im
Schnitt nicht 50% der Gene, sondern 75%. Jedes Verhaltensmerkmal, das die
eigene Mutter beziehungsweise ihren Nachwuchs fördert, hat also besonders große
Chancen, damit auch wiederum Trägerinnen dieses Verhaltensmerkmals zu fördern.
So erklärt sich, dass Ameisen-Arbeiterinnen zugunsten einer kleinen Anzahl
fruchtbarer Schwestern auf eigenen Nachwuchs verzichten. Das macht es möglich,
dass die Schwestern verschiedene Arbeiten im Stock untereinander aufteilen. Ein
Teil dieser Arbeitsteilung ist altersbedingt, das heißt Arbeiterinnen machen in
der Jugend Innendienst und übernehmen am Ende des Lebens den gefährlichen
Außendienst. Aber sie können es sich auch leisten, für verschiedene Dienste
unterschiedliche Körperformen zu entwickeln, die sie für andere Dienste
untauglich machen. Bei manchen Arten gibt es Wächterameisen mit einer
speziellen Kopfform. Ihre Köpfe dienen als Verschlüsse, als Pfropfen für die
Eingänge. Bei vielen Arten gibt es besonders große Soldatinnen. Bei der
Honigtopfameise stellen sich bestimmte Arbeiterinnen als Nahrungsspeicher für
den Winter zur Verfügung. Mit auf Erbsengröße angeschwollenen Hinterleibern
hängen sie als Honigtöpfe in den Vorratskammern. Am bizarrsten ist vielleicht
das Verhalten der Camponotus-Ameisen in Malaysia, die man als lebende
Bomben bezeichnen könnte: Zwei große Drüsen mit giftigem Sekret laufen von
ihren Kauwerkzeugen bis zum Ende ihres Hinterleibs. Wenn die Ameisen im Kampf
gegen feindliche Ameisen oder einen Fressfeind in Bedrängnis geraten, ziehen
sie ihre Hinterleibsmuskeln gewaltsam zusammen, sodass ihre Körperwände
aufgesprengt werden und sich das Gift plötzlich auf den Feind ergießt.
Zugunsten des Stocks das Leben zu opfern ist für die Ameisen kein großes
Problem, und ähnliche Kamikaze-Verhaltensweisen finden sich bei vielen Arten.
Die
Ameisenkolonie wird oft als Superorganismus bezeichnet, weil sich die
Individuen wie Organe eines größeren Superindividuums verhalten. Das macht
ihren großen Erfolg aus. Von 750.000 bekannten Insektenspezies sind 13.500
Spezies staatenbildend. 9500 davon sind Ameisen, der Rest sind Termiten und
soziale Bienen und Wespen. Doch diese 2% aller Insektenspezies machen 50% der
Biomasse aller Insekten aus! Warum? Hölldobler und Wilson führen folgendes
Argument an: Man stelle sich 100 einzeln lebende Wespen (Ameisen stammen von
Wespen ab) neben einer Kolonie von 100 Ameisen vor. Jede Wespenmutter muss ein
Nest graben, ein Beutetier fangen und eintragen, ein Ei darauf legen und das
Nest verschließen. Wenn sie bei einer einzigen dieser Arbeiten versagt, waren
auch alle anderen Arbeiten vergebens. Die Ameisen teilen die Arbeiten auf
Spezialistinnen auf. Wenn eine versagt oder gefressen wird, springt eine andere
ein. Der Erfolg ist nahezu garantiert. Im Kampf können die Ameisen-Soldatinnen
draufgängerisch bis zum Selbstmord sein. Eine Wespenmutter sollte sich auf
einen Kampf nur einlassen, wenn sie ihn gewinnen kann, Kamikaze-Aktionen stehen
sowieso außer Frage. Selbst wenn bis zum Ausfliegen der jungen
Ameisenköniginnen von den 100 Ameisen 99 ihr Leben lassen müssen, werden die
ausfliegenden Schwestern den Verlust mehr als ausgleichen, die Arbeit der 99
wird nicht verloren sein. Wenn 99 Wespenmütter ihr Leben lassen, bevor sie
ihren Nachwuchs bis zum Ende versorgt haben, wird nur die Arbeit der letzten
überlebenden nicht verloren sein. „Es scheint, dass Sozialismus unter
bestimmten Bedingungen wirklich funktioniert“, schreiben Hölldobler und Wilson.
„Karl Marx hatte nur die falsche Spezies.“ (Hölldobler/Wilson
1994)
Die
Weiterentwicklung der Arten, die immer weiter gehende Differenzierung des
Lebens wird also durch Konkurrenz vorangetrieben, Konkurrenz innerhalb der
Arten und zwischen den Arten. Doch diese Konkurrenz bringt auf vielen Ebenen
Kooperation hervor, und kooperative Spezies wie die Ameisen und – wie wir sehen
werden – die Menschen, gehen als „Sieger“ aus dieser Konkurrenz hervor.
Bei all
ihrer Eignung zur Kooperation kennen auch die Ameisen Konkurrenz und Kampf. Vor
allem zwischen verschiedenen Spezies und auch zwischen den Kolonien ein und
derselben Spezies herrscht oft erbarmungsloser Krieg. „Wenn Ameisen
Nuklearwaffen hätten, würden sie wahrscheinlich innerhalb einer Woche das Ende
der Welt herbeiführen“. (Hölldobler/Wilson 1994)
Warum ist
unter Ameisen Krieg die Regel, und zwar, wie Hölldobler/Wilson es beschreiben,
gekennzeichnet durch „rastlose Aggression, territoriale Eroberung und
völkermörderische Auslöschung benachbarter Kolonien wann immer möglich“?
Für die
folgenden Überlegungen sind nicht Hölldobler/Wilson verantwortlich sondern ich
allein:
1)
Ameisenkolonien können zwar nicht unbegrenzt wachsen, aber die Spanne zwischen
der kleinstmöglichen noch funktionierenden Kolonie und der größtmöglichen ist
enorm, kann das Hundertfache, Tausendfache oder noch mehr betragen. Kaum eine
Ameisenkolonie erreicht tatsächlich die theoretisch mögliche größte Ausdehnung.
Praktisch jede Kolonie könnte also ein noch größeres Territorium brauchen. Auch
bei einem Singvogelpärchen hängt die Größe der Brut, die es aufziehen kann, bis
zu einem gewissen Grad von der Größe des Territoriums ab, das dem Pärchen zur
Verfügung steht. Aber es gibt ein maximales Territorium, das das Pärchen
überhaupt "bewirtschaften" kann, und jede Gebietseroberung darüber
hinaus hätte keinen Sinn. Für die Ameisen aber gilt, dass eine Kolonie, die
nicht auf unbegrenztes Wachstum aus wäre, der maßlosen Mutante gegenüber ins
Hintertreffen geraten muss. Desgleichen eine Kolonie, die ihr Territorium nicht
mit Mandibeln und Klauen verteidigt.
2)
Ameisenkolonien können sich das Kriegführen leisten. Sie können es sich
leisten, weil sie, wie schon oben ausgeführt, die Fortpflanzung an ihre
königlichen Schwestern delegieren. Einzeln lebende Wespen oder Singvogelpärchen
oder andere territoriale Tiere können sich eine tödliche Niederlage nicht
erlauben. Jede Fortpflanzungschance wäre dahin. Sobald eine Niederlage
abzusehen ist, ist Flucht die bessere Alternative, denn dann besteht immer noch
die Chance, ein unbesetztes Territorium zu finden oder einen schwächeren
Konkurrenten, den man vertreiben kann. Für eine Ameisenkolonie kann ein Krieg
sich auch dann lohnen, wenn Tausende auf dem Schlachtfeld sterben.
3) Der
dritte Grund spielt wahrscheinlich eine geringere Rolle als die ersten beiden,
wird aber auch mit zur kriegerischen Veranlagung der Ameisen beitragen: In
Ameisenkriegen geht es nicht nur um Territorien, die ja erst noch bejagt oder
sonst bearbeitet werden müssen, sondern es gibt im feindlichen Stock oft auch
unmittelbar etwas zu holen. Viele Ameisen legen Vorräte an. Die schon erwähnten
Honigtopf-Ameisen stehlen zum Beispiel eben diese lebenden Honigtöpfe und
verleiben sie dem eigenen Stock ein. Oft werden Puppen und Larven gestohlen.
Sie werden dem eigenen Stock einverleibt und müssen sich in den Dienst von
Königinnen stellen, mit denen sie nicht verwandt sind. Manche Ameisenarten
versklaven auf diese Art sogar Angehörige fremder Ameisenspezies.
Unter den
Ameisen gibt es also Krieg, weil er sich für sie unter den besonderen
Umständen, unter denen sie leben, besonders lohnt. Im Gegensatz zum bloß territorialen
Singvogelpärchen ist die Ameisenkolonie von ihrer Struktur her expansiv.
Dieser
Unterschied wird uns später bei der Behandlung menschlicher Gesellschaften
interessieren.[7]
Menschliche Gesellschaften bestehen nun
keineswegs nur aus engen Verwandten. Kommt Kooperation unter nicht eng
verwandten Menschen also nur trotz der biologischen Veranlagung zum
Egoismus vor? Dawkins
scheint dieser Meinung zu sein: „Seien Sie gewarnt, dass,
wenn Sie, wie ich, wünschen eine Gesellschaft zu errichten, in der Individuen
großzügig und selbstlos für das Gemeinwohl tätig sind, Sie wenig Hilfe von unserer
biologischen Natur erwarten dürfen.“ (Dawkins 1989)
Diese
Meinung lässt sich durchaus begründen. Das Menschenwesen ist tatsächlich
weniger instinktgesteuert als alle anderen Tiere. Man könnte also durchaus, wie
Dawkins der Ansicht sein, dass das dem Menschenwesen die Freiheit gibt, sich
vom Diktat der Gene zu befreien und trotz der egoistischen Veranlagung
einer höheren Einsicht folgend zu kooperieren.
Wie es
scheint, gibt es aber doch Hilfe von unserer biologischen Natur. Um das darzulegen,
ist es allerdings nötig, ein wenig auszuholen. Vergegenwärtigt man sich, wie
stark der Druck der Selektion durch die Umwelt die Lebewesen drängt, möglichst
viel Energie zu gewinnen und sie möglichst sparsam auszugeben, dann muss einem
eine ganze Klasse von Erscheinungen in der Natur äußerst merkwürdig vorkommen.
Das Männchen des Argusfasans hat so übermäßig lange Schwanzfedern, dass es fast
schon flugunfähig ist. (Riedl 2000) Warum werden die Federn immer
länger, warum bevorzugt die Evolution nicht Männchen mit kürzeren
Schwanzfedern? Warum wurde das Geweih des Riesenelchs so breit und schwer, dass
es höchstwahrscheinlich das Aussterben dieser Art verursachte? Warum
entwickelten sich die Eckzähne des Säbelzahntigers so unmäßig, dass auch diese Art
vom Antlitz der Erde verschwunden ist? Der Biologe Amotz Zahavi stellte Anfang
der 70er Jahre eine Theorie auf, die er das Handicap-Prinzip nannte.
(Zahavi 1975)
Ein
Paradiesvogel, der trotz fast ein Meter langen Schwanzfedern überlebt, muss ein
besonders kräftiger Flieger sein, besonders gut darin sein, Raubfeinden zu
entkommen, Futter zu finden, Krankheiten abzuwehren etc. Wenn ein Weibchen auf
Grund einer Mutation Gefallen an Männchen mit besonders langen Schwanzfedern
findet, wird es automatisch besonders gute Flieger etc. als Nachkommen haben
und ihnen, wenn weiblich, die Vorliebe für lange Schwanzfedern vererben. Viele sexuelle Werbesignale der Männchen
sind solche Behinderungen. Männchen verzichten in der Zeit der Werbung auf
Tarnfärbung und entwickeln auffallend bunte Signalfarben. Sie führen aufwändige
Werbetänze vor, machen sich durch lauten Gesangauffallend, kopieren sogar
völlig überflüssig die Gesänge anderer Vögel und sogar die Geräusche von
Kettensägen oder startenden Autos. Indem sie sich selbst Behinderungen
auferlegen, demonstrieren sie ihren Kräfteüberschuss. Die Männchen der
Laubenvögel von Neuguinea bauen 1 Meter hohe geflochtene Lauben von 2 ½ Metern
Durchmesser und schmücken deren Umgebung mit bunten Gegenständen, Früchten,
Schmetterlingsflügeln und dergleichen die sie nach Farben geordnet auslegen.
Diese Lauben haben keinerlei Überlebenswert für den kleinen unscheinbaren
Vogel. Sie sind absolute Kraftvergeudung, brotlose Kunst. Sie dienen nur dazu,
dem Weibchen die überschießenden Kräfte des Männchens zu demonstrieren. Das
Weibchen „weiß sofort, dass das Männchen kräftig ist, da die Laube
hundertmal soviel wiegt wie es selbst und manche der Dekorationselemente, die
es aus zig Meter Entfernung herbeischleppen musste, halb so schwer sind wie
sein eigener Körper. Das Weibchen weiß auch, dass das Männchen genügend Geschicklichkeit
besitzt, um Hunderte von Stöcken und Zweigen ... zu verflechten. Es muss ein
gutes Gehirn besitzen...“ und so weiter. (Diamond 1992)
Dass es im
wesentlichen die Männchen sind, die Werbesignale aussenden, liegt an dem oben
dargelegten funktionalen Männchenüberschuss. Je weniger die Männchen zur
Brutpflege gebraucht werden, umso krasser sind die Behinderungen, mit denen sie
prahlen. Männchen, die zur Brutpflege benötigt werden, können sich solche
Extravaganzen weniger leisten, beziehungsweise können sich ihre Weibchen solche
extremen Vorlieben nicht leisten. Auch die Männchen züchten in gewissem Maß mit
ihren Vorlieben bestimmte Eigenschaften an den Weibchen heran. Doch je größer
der funktionale Männchenüberschuss, umso mehr sind es die Weibchen, die die
Eigenschaften der Männchen heranzüchten.
Auch beim
Menschenwesen finden sich eine Fülle von selbstschädigenden Verhaltensweisen,
die sich durch Zahavis Handikap-Prinzip erklären lassen. Tätowierungen und
Schmucknarben beispielweise sind ein Beweis, dass ihr Träger oder ihre Trägerin
Schmerzen ertragen können und über ein gutes Immunsystem verfügen. Wer kein
gutes Immunsystem hat, wird vom Wundfieber hinweggerafft. Das Trinken von
Alkohol gehört zu dieser Art von Signalen oder das Rauchen von Tabak, das
Trinken von Kerosin bei Kung-Fu-Kämpfern oder die Sitte der männlichen
Einwohner der Pazifik-Insel Malekula, hohe Türme zu errichten und dann von
einem Seil am Fuß gehalten herabzuspringen, so dass das Seil den Sturz abfängt,
kurz bevor der Wagemutige mit dem Kopf auf den Boden prallt. „Wer den Sturz
übersteht, hat bewiesen, dass er Mut besitzt, richtig rechnen kann und ein
guter Baumeister ist“. (Zahavi 1975)
Was hat Zahavis Handikap-Prinzip nun mit Kooperation zu tun?
Jane Goodall berichtete, dass im Gegensatz zu
anderen Tieren Schimpansen gelegentlich Nahrung miteinander teilen, und zwar
Fleisch häufiger als anderes Futter. (Goodall 1990) Fleisch ist für Schimpansen zwar eine wertvolle
Nahrung, aber kein lebensnotwendiger Nahrungsbestandteil, eher eine seltene
Delikatesse. Schimpansen erjagen nur eher selten ein Kolobusäffchen oder ein
Buschschwein. Warum also behalten erfolgreiche Jäger diese seltene und nur mit
großer Ausdauer und Geschicklichkeit zu erlangende Delikatesse nicht für sich?
Auch in
menschlichen Sammler- und Jäger-Kulturen ist es hauptsächlich Fleisch, was
geteilt wird. Pflanzennahrung sammelt ein jedes für sich oder für die Familie.
Bei den Hadza in Ostafrika wird überhaupt nur Großwild auf die ganze Gruppe
aufgeteilt. Großwildjagd bringt zwar gelegentlich große Mengen Fleisch, ist
aber riskant und unverlässlich. Die verlässlichere Strategie ist die Jagd auf
Kleinwild. Mit ein paar erlegten Hasen oder Vögeln kann „mann“ aber nicht so
gut seine Stärke und Gewandtheit beweisen wie mit einem erlegten Büffel. Der
Zweck der männlichen Großwildjagd ist also in erster Linie die Demonstration
überschüssiger Kraft. (Key/Aiello 1999) Dabei geht es nicht um die subjektive
Motivation des Jägers, also was er sich dabei denkt oder was er dabei fühlt,
sondern um die objektive Funktion als Signal. Der Jäger mag bewusst prahlen oder er
mag nur das Wohl seiner Gruppe im Sinn haben und an Statusgewinn keinen
Gedanken verschwenden. Dennoch haben erfolgreiche Jäger hohen Status und
werden von Frauen bewundert, bekommen mehr Nachkommen und können ihnen ihre
Gruppenfürsorglichkeit vererben.
Bei den
BaMbuti (Pygmäen) im Kongo ist ein junger Mann erst heiratsfähig, wenn er
mindestens eine Antilope allein erlegt hat. Wenn die Jungen Männer von ihren
Bräuten reden, prahlen sie damit, dass sie den Schwiegereltern nicht bloß eine
Antilope, sondern einen Büffel, ja gar einen Elefanten zum Geschenk machen
werden. Und dass ein einzelner Mbuti-Jäger einen Elefanten erlegt, kommt auch
tatsächlich vor. (Turnbull 1961)
Wenn die
Umweltselektion also auf ökonomischen Energieeinsatz und Maximierung des
persönlichen Fortpflanzungserfolgs hinarbeitet, so kann die sexuelle Selektion
im direkten Gegensatz dazu auf demonstrative Energieverschwendung
hinarbeiten – und nichts anderes ist die Unterstützung von Nichtverwandten vom
Gesichtspunkt des selbstsüchtigen Gens aus. Der scheinbare Widerspruch löst
sich auf, wenn man bedenkt, dass das selbstsüchtige Gen die Energieverschwendung
beim anderen Geschlecht provoziert, damit seine eigene
"Fortpflanzungsmaschine" Energie sparen kann.
Aber es
muss auch noch einmal betont werden, dass diese sexuelle Selektion zu
demonstrativen Kraftverschwendung zu einem Teufelskreis führen kann, der in
Selbstzerstörung mündet, ähnlich wie andere Ausprägungen innerartlicher
Selektion (Kindsmord beim Löwen). Beim Säbelzahntiger und beim Riesenelch hat
sie, wie schon angedeutet, zum Aussterben dieser Arten geführt.
Nun ist das
Menschenwesen von allen Tieren das mit dem flexibelsten Verhalten, das am
wenigsten instinktgebundene. Sein Verhalten wird nicht bloß durch genetisch
vererbte Programme gesteuert, sondern auch durch den Problemlösungsapparat und
Erfahrungsspeicher im individuellen Gehirn. Der wird allerdings seltener
eingesetzt als man annehmen möchte. Einmal gefundene Lösungen werden als
Gewohnheiten gespeichert und immer wieder wiederholt, auch wenn bessere
Lösungen möglich wären. Von anderen Individuen gefundene Lösungen werden
nachgeahmt. Erfahrungen und daraus resultierende Verhaltensweisen früherer
Generationen werden durch Erziehung aufgenommen und verinnerlicht und an die
nächste Generation weitergegeben. Dabei spielt natürlich das Sprachvermögen des
Menschenwesens eine große Rolle. Das ganze Repertoire an nicht individuell
erarbeiteten, sondern übernommenen Verhaltensweisen und Anschauungen, das einer
bestimmten Gruppe gemeinsam ist und sie von anderen Gruppen unterscheidet,
macht das aus, was man die Kultur einer Gruppe (einer Gesellschaft) nennt.
Doch dass menschliches Verhalten durch
individuelle Erfahrungen und kulturelle Normen gesteuert ist, heißt nicht, dass
das Menschenwesen von seinen Instinkten frei wäre. Noch immer zwingt
der Hunger es zu essen. Aber die Art, wie es sich das Essen verschafft,
ist ihm, im Gegensatz zu weniger komplexen Tieren, nicht angeboren. Noch immer
gerät das Menschenwesen in Zorn, wenn es angegriffen wird, und verteidigt sich,
doch ob es dazu die Fäuste verwendet, Waffen oder Worte, das steht ihm frei.
Und so weiter. Wir können nicht sagen, dass der Fresstrieb beim Menschen
„schwächer“ wäre. Er drängt genauso gebieterisch auf Erfüllung wie bei jedem
anderen Tier. Nur die Durchführung überlässt er den kognitiven Fähigkeiten des
Menschenwesens. Eine Kuh kann nur Gras fressen und Wiederkäuen, sie kann sich
nicht auf Nüsse umstellen oder Hasen jagen, wenn das Gras knapp wird. Das
Menschenwesen kann all das und noch mehr, aber essen muss es. Dem Tier liefert
der Instinkt die Problemlösungen. Dem Menschenwesen stellt der Instinkt (der
Trieb) die Aufgabe, und überlässt die Lösung der Kultur, der Gewohnheit oder
der Intelligenz. Die Aufgabe ist aber noch immer dieselbe wie beim Tier: Bleib
am Leben, pflanze dich fort und sorge für deine Nachkommen.
Analog zum
Fresstrieb darf man annehmen, dass dem Menschen kein spezifisches Programm
angeboren ist, um das andere Geschlecht zu beeindrucken. Der Instinkt schreibt
dem Menschenwesen nicht vor: Lass dich tätowieren! oder: Geh auf Großwildjagd!
oder: Stürz dich an einem Seil in die Tiefe.
Erich Fromm
hat in seiner Auseinandersetzung mit Konrad Lorenz über die menschliche
Aggression von den menschlichen Leidenschaften gesprochen. Er hat in seiner
klinischen Tätigkeit als Psychotherapeut festgestellt, dass dem Menschen ein
tiefer Drang innewohnt, etwas zu bewirken, eine Spur in der Welt zu
hinterlassen. „Wirken zu können bedeutet, dass man aktiv ist und nicht nur
andere auf uns einwirken, dass wir aktiv und nicht nur passiv sind. Letzten Endes
beweist es, dass wir sind. Man kann dieses Prinzip auch so formulieren: Ich
bin, weil ich etwas bewirke.“ (Fromm 1973)
Schon
kleine Babys wollen etwas bewirken. Überall auf der Welt gibt es die
Babyrassel, mit der schon die Kleinsten Lärm erzeugen können. Kinder stellen
mit großem Eifer Bausteine zu hohen Türmen aufeinander – und stoßen sie mit
großer Freude am Krach wieder um. „Kleine Ursache – große Wirkung“ ist das
Prinzip, das Spielzeuge und auch nicht zum Spielen gedachtes interessant macht:
den hoch hüpfenden Gummiball ebenso wie den Lichtschalter.
„Auch der Erwachsene hat das Bedürfnis sich selbst zu beweisen, dass er fähig ist, eine Wirkung auszuüben. Es gibt mannigfache Möglichkeiten, sich dieses Gefühl zu verschaffen: man kann im Säugling, der gestillt wird, einen Ausdruck der Befriedigung hervorrufen, im geliebten Menschen ein Lächeln, im Sexualpartner eine Reaktion, man kann im Gesprächspartner Interesse wecken. Das gleiche kann man durch materielle, intellektuelle oder künstlerische Arbeit erreichen. Aber man kann dasselbe Bedürfnis auch befriedigen, indem man über andere Macht gewinnt, indem man ihre Angst miterlebt, indem der Mörder die Todesangst auf dem Gesicht seines Opfers beobachtet, indem man ein Land erobert, indem man Menschen quält, und einfach dadurch, dass man zerstört, was andere aufgebaut haben. Das Bedürfnis, eine Wirkung zu erzielen, kommt in den interpersonalen Beziehungen ebenso zum Ausdruck wie in der Beziehung zu Tieren, zur unbelebten Natur und zu Ideen. In der Beziehung zu anderen besteht die grundsätzliche Alternative darin, dass man entweder die Macht in sich fühlt, Liebe hervorzurufen oder Angst und Leiden zu bewirken. In der Beziehung zu Dingen besteht die Alternative darin, entweder etwas aufzubauen oder es zu zerstören. So entgegengesetzt diese Alternativen sind, sie sind nur verschiedene Reaktionen auf das gleiche existentielle Bedürfnis: etwas zu bewirken.
Wenn man sich mit Depressionen und Langeweile beschäftigt, stößt man auf reiches Material, aus dem hervorgeht, dass das Gefühl, zur Wirkungslosigkeit verdammt zu sein - das heißt, zu einer völligen vitalen Impotenz, von der die sexuelle Impotenz nur einen kleinen Teil darstellt -, eines der schmerzlichsten und vielleicht fast unerträglichen Erlebnisse ist und dass der Mensch fast alles versuchen wird, um es zu überwinden - von Arbeitswut oder Drogen bis zu Grausamkeit und Mord.“
Das
allgemein gehaltene Programm „Bewirke etwas!“ kann sich also kreativ oder
destruktiv auswirken.[8]
Demonstrative
Energieverschwendung ist also der evolutionsbiologische Sinn des von Fromm
empirisch festgestellten Drangs, etwas zu bewirken. Als demonstrative
Energieverschwendung lassen sich viele menschliche Verhaltensweisen deuten, die
unter dem Gesichtspunkt der Umweltselektion und der Selbstsucht des Gens keinen
Sinn ergeben. Das reicht von den vielfältigen, den Anthropologen gut bekannten
Formen der Selbstverstümmelung (Tätowierung, Beschneidung, Ausbrechen von
Zähnen, Vergrößerung von Ohrläppchen, Lippen, Hals) bis zur Kopfjagd und zum
Menschenopfer. Das reicht vom Aufteilen der Jagdbeute bis zum Potlatch, dem
Verschenkfest der amerikanischen Ureinwohner. Noch heute kann es vorkommen, dass
ein indianischer Geschäftsmann anlässlich der Hochzeit einer Tochter all seinen
Besitz, vom Fernseher bis zum Cadillac verschenkt und stolz in einem von Möbeln
und Kunstgegenständen entblößten Haus zurückbleibt. Es gab aber auch die
scheußlichere Form des Potlatch, wo konkurrierende Häuptlinge einander
übertrumpften, indem sie nicht nur den anderen mit Nahrung voll stopften und
ihn beschenkten, sondern auch große Mengen an Gebrauchsgütern verbrannten oder
sonst vernichteten, um zu zeigen, dass sie es sich leisten konnten. Und noch
scheußlicher die aztekische Form, bei der Kaufleute, die keine Gefangenen
opfern konnten, extra zu diesem Zweck angeschaffte Sklaven abschlachteten. Aber
auch der demonstrative Konsum („conspicuous consumption“, Thorstein Veblen
1899) gehört hierher, das Tragen von wertvollem Schmuck und teurer Kleidung und
das Fahren von Autos, deren PS-Zahl nie ausgenützt werden kann. Es gehören
hierher aber auch menschliche Äußerungen vom übermütigen Juchzer bis zum
Koloraturgesang und zur Symphonie, vom fröhlichen Hopsen bis zum Ballett, vom
Schmücken der Gebrauchsgegenstände mit unnützen Verzierungen, die ihre Funktion
in keiner Weise verbessern, bis zum Malen abstrakter Bilder und zum Verhüllen
von Monumentalgebäuden. Zum Adel der Kunst gehört es ja, dass sie nutzlos ist,
reine Kunst, also pure, ungetrübte Energieverschwendung, die sich sogar von der
„angewandten“ Kunst abgrenzt und diese in eigene Museen verbannt.
In jeder
Kultur ist das Liebeswerben eng mit Kunstausübung verbunden. Das Tanzen gehört
dazu, die Ständchen, die gebracht werden, die Liebesgedichte. Lyrik abzusondern
gilt ja geradezu als Pubertätskrankheit und auch die Gitarre wird nach der
Hochzeit weggelegt. Gerade junge Menschen, die in der
Phase der sexuellen Werbung sind, setzen sich gern für eine „Sache“ ein, für
den Tierschutz, für den Weltfrieden, gegen die Globalisierung, für den
Umweltschutz oder auch für die Vorherrschaft der weißen Rasse oder des
Germanentums. Und junge Menschen sind auch viel öfter bereit, sich für eine
Sache zu opfern, für das Vaterland, für den Glauben oder für die Revolution.
Eine Frage
muss noch beantwortet werden: Wenn die Funktion des Drangs, etwas zu
bewirken die ist, dem anderen Geschlecht die Qualität unserer Erbanlagen zu
beweisen, warum können wir dann mit Akten der demonstrativen Kraftverschwendung
auch das eigene Geschlecht beeindrucken? Warum bewundern auch Männer
erfolgreiche Boxer, auch Frauen große Tänzerinnen? Die Antwort scheint mir
diese zu sein: Wenn Handlung X geeignet ist, beim anderen Geschlecht
Bewunderung hervorzurufen, dann haben nicht nur diejenigen gute Chancen beim
anderen Geschlecht, die eine natürliche Neigung zu Handlung X haben, sondern
auch die, die Handlung X nachahmen können. Wer erfolgreiches Verhalten
bewundert, hat damit eine gute Voraussetzung, es selber zu erlernen. Für einen
Pfau besteht keine Veranlassung, das prächtige Rad seines Nebenbuhlers zu
bewundern. Er kann ihm beim besten Willen nicht mehr nacheifern oder ihn gar
übertrumpfen, dazu ist es zu spät, da Pfauenfedern angeboren sind. Wenn ihn die
Prachtentfaltung des Nebenbuhlers nicht kalt lässt, wird sie ihn entweder
aggressiv machen oder einschüchtern. Da sich beim Menschen aber demonstrative
Energieverschwendung nicht im physischen, sondern in erlernbarem Verhalten
niederschlägt, macht es Sinn, wenn wir unsere Fähigkeit, erfolgreiches
Verhalten nachzuahmen, auch auf diesem Gebiet anwenden.
Diesen angeborene Hang zur demonstrativen Energieverschwendung, diesen uns vom jeweils anderen Geschlecht angezüchteten Drang, mehr zu tun als nur zu fressen und uns fortzupflanzen, könnten wir den "Kulturtrieb" nennen. Er ist die biologische Voraussetzung, die die rasante Entwicklung unterschiedlichster menschlicher Kulturen mit ihren Blüten und ihren Auswüchsen als Motor angetrieben hat. (Siehe Dunbar 1999) Es genügt uns nicht, das Lebensnotwendige zu tun, wir wollen darüber hinaus gehen, uns „selbstverwirklichen“, unsere „Fähigkeiten entfalten“. Dass wir das wollen, ist uns angeboren, wie wir das tun, hängt davon ab, welche Möglichkeiten uns die Umstände bieten, sowohl die physischen als auch die gesellschaftlichen. Und wenn die gute Nachricht auch ist, dass wir nicht einem starren Aggressionstrieb ausgeliefert sind, wie ihn Konrad Lorenz postuliert hat, so stellt sich doch die große Frage: Unter welchen Voraussetzungen wird der Kulturtrieb kreativ, unter welchen destruktiv? Unter welchen Umständen gehen Menschen in die Slums, um Leprakranken zu helfen, und unter welchen Umständen werden sie KZ-Wächter? Wann setzen sich Herrscher Bibliotheken, Krankenhäuser und Gemäldegalerien als Denkmal, und wann eroberte Gebiete und zerbombte Städte?
Die These Erich Fromms lautete: Nimmt man einem Menschenwesen die
Möglichkeit, diesen Drang, etwas zu bewirken, auf positive, kreative Weise
auszuleben, so besteht sein einziger Ausweg darin, diesen Drang auf destruktive
Weise auszuleben.
Für die
Kultur des Krieges bedeutsam ist, dass sich dieser Drang eben auch im Streben
nach Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld niederschlagen kann. Zwar findet die
männermordende Schlacht oft weit entfernt von den daheimgelassenen Frauen
statt, doch wenn der Kriegsheld aus der Schlacht zurückkehrt, ist ihm die Gunst
der Frauen gewiss. Helden à la Alexander der Große oder Napoleon, Lenin oder
Mao Zedong konnten sowohl die kreative als auch die destruktive Seite des Drangs,
etwas zu bewirken ausleben: Sich die Liebe des eigenen Volkes, der eigenen
Armee erwerben, und beim Feind Hass und Angst hervorrufen, töten und
brandschatzen und ein Weltreich schaffen, die politischen Verhältnisse ordnen,
das Leben von Millionen in neue Bahnen lenken.
Doch
letztlich liegt dem Streben nach Schlachtenruhm nichts anderes zugrunde als dem
Drang, sich bei der Tanzbodenrauferei hervorzutun, beim Fußball zu glänzen oder
ein Popstar zu werden.
Von Natur
aus ist das Menschenwesen weder kriegerisch noch friedlich. Ihm ist ein Drang,
etwas zu bewirken, angeboren, der sich kreativ oder destruktiv manifestieren
kann. Die destruktive Manifestation dieses Drangs ist eine Voraussetzung, die
Krieg ermöglicht, aber nicht verursacht. Es hängt von der Struktur der
Gesellschaft ab, welche Ausprägung dieses Drangs Individuen erfolgreich sein
lässt, welche also in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschend wird.
Die
klassische Soziobiologie hat uns vorgerechnet, dass Kooperation nur entstehen
kann, wenn sie dem kooperierenden Individuum einen unmittelbaren
Fortpflanzungsvorteil bringt. „Echter“ Altruismus, wenn er durch Mutation
entsteht, muss immer wieder aussterben. 1998 zeigten Elliot Sober und David
Sloane Wilson auf, dass diese Rechnung
nicht immer stimmen muss. (Sober E. and Wilson D.S., 1998) Sie stellen das
Modell von zwei Gruppen auf, die miteinander konkurrieren. Wenn die eine Gruppe
viele Altruisten enthält, die mehr auf das Wohl der Gruppe bedacht sind als auf
das eigene und das ihres Nachwuchses, die andere aber nur wenige, so wird die
erste Gruppe sich schneller vermehren als die zweite. Das führt dazu, dass der
Anteil der Altruisten an der Gesamtzahl
der beiden Gruppen zunimmt. Da die guten Dienste der Altruisten aber auch den
Egoisten der eigenen Gruppe zugute kommen, die nichts an die Gruppe
zurückgeben, werden diese sich jeweils schneller vermehren als die Altruisten.
Der Anteil der Altruisten innerhalb jeder Gruppe wird also notwendig
abnehmen. Bleiben die beiden Gruppen getrennt voneinander, müssen die
Altruisten in beiden Gruppen irgendwann aussterben, wie es die klassische
Soziobiologie vorhersagt. Kommt es aber, solange die Altruisten an der
Gesamtzahl gemessen sich noch auf dem aufsteigenden Ast der Kurve befinden, zur
Vermischung der beiden Gruppen und zu einer neuerlichen Aufspaltung, so kann
der Prozess mit einem insgesamt höheren Altruisten-Anteil von vorne beginnen.
Obwohl die Altruisten also immer in Gefahr sind, dass von ihren Anstrengungen
die Trittbrettfahrer profitieren, kann unter diesen Voraussetzungen ihr Anteil
in der Population zunehmen.
Ein
extremes Beispiel macht das deutlich: Stellen wir uns einen Stamm vor, der sich
immer wieder in kleine Jagdgruppen aufteilt, die gefährliche Tiere, sagen wir,
Mammuts, jagen. Schon ein einziger Trittbrettfahrer kann seine ganze Gruppe dem
Verderben preisgeben – und damit sich selbst. In solchen Situationen, wo die
Gruppe auf Gedeih und Verderb auf einander, also auf Kooperation angewiesen
ist, ist es klar, dass Trittbrettfahrer sich selbst immer wieder ausrotten
(zusammen mit ihren Gruppenkollegen).
Es gibt
also Konstellationen, unter denen Trittbrettfahrer auf Kosten der anderen
gedeihen können, und Konstellationen, unter denen sie sich selbst vernichten.
Doch das
mathematische Modell erlaubt auch für nicht sofort tödliche Situationen die
Entstehung von angeborener Kooperationsbereitschaft zugunsten der Gruppe.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Gruppen immer wieder durchmischt
werden und - dass sie zueinander in Konkurrenz stehen! Es ist also wieder die
Konkurrenz, die die Kooperation hervorbringt.
Wir
Menschen – und, wie sich zeigt, einige andere Tierarten auch – vererben aber
unser Eigenschaften nicht nur auf dem genetischen Weg, sondern auch durch
unsere Fähigkeit, von einander zu lernen und mittels Beispiel, Gestik und
Sprache Informationen weiterzugeben. Erlernte vorteilhafte Verhaltensweisen
können sich viel schneller verbreiten als angeborene, die kulturelle Evolution
verläuft auf einer viel kleinteiligeren Zeitskala als die biologische.
Die schon beim Schimpansen festgestellte und daher vermutlich auch bei unseren gemeinsamen Vorfahren vorhandenen Neigung, Fleischnahrung zu teilen war wohl eine der Voraussetzungen dafür, dass unsere Vorfahren sich von einer hauptsächlich auf Pflanzenkost beruhenden Lebensweise umstellen konnten auf eine, in der Fleisch eine wichtigere Rolle spielte. Zunächst werden sie eher frisches Aas aufgespürt haben, von Raubtieren geschlagene Beute, von der man die erfolgreichen Jäger durch Steinwürfe und Geschrei verjagen konnte. Doch auch das erforderte schon die Zusammenarbeit der Gruppe, und diese Zusammenarbeit wäre erschwert gewesen, wenn man nicht mit einer gewissen Großzügigkeit bei den Partnern rechnen konnte. Jedenfalls stellt die Jagd als Existenzgrundlage viel höhere Anforderungen an die Kooperationsbereitschaft als ein auf Pflanzenkost basierendes Leben mit gelegentlicher Fleischergänzung. Und zwar nicht nur an die Kooperationswilligkeit bei der Erbeutung der Nahrung, sondern auch an die Bereitschaft zu teilen bei ihrem Verzehr. Denn die Nahrung der Jäger kommt im Gegensatz zu der der Schimpansen nicht in kleinen, relativ gleichmäßig in Zeit und Raum verteilten Häppchen, sondern in großen, seltenen Happen. Geht man davon aus, dass unsere frühen Vorfahren in einer ähnlich hierarchisch strukturierten Gesellschaft gelebt haben wie die Schimpansen, so muss irgendwann im Paläolithikum eine Revolution stattgefunden haben, die zu der egalitären Lebensweise menschlicher Sammler- und Jägergemeinschaften geführt hat. In seinem Buch „Hierarchy in the Forest“ stellt Christopher Boehm diese These auf (Boehm 1999). Boehm zeigt, dass die historischen Sammler- und Jägervölker einerseits praktisch durchwegs egalitär waren und sind. Das heißt, dass sie entweder gar keine Führer oder nur sehr schwache Führer dulden, dass sie ein starkes Gruppenethos haben, das vom Einzelnen verlangt, zurückhaltend, bescheiden, großzügig und hilfsbereit zu sein, und dass sie ausgearbeitete und wirksame Systeme für die Verteilung von Jagdbeute haben. Dass andererseits aber diese Jäger nicht bloß aus angeborener, "natürlicher" Gutmütigkeit teilen. Dass sie nicht auf Gleichheit achten, weil sie sich gleich fühlen oder keinerlei Bestreben hätten, sich über andere zu setzen. Boehm spricht von einer "umgekehrten Hierarchie", bei der das vereinte Fußvolk über die Alpha-Individuen dominiert. Boehms Theorie ist, dass unsere Vorfahren "egalitäre Politik" entwickelt hätten, um sich gegen die Dominanz durch die Alphas durchzusetzen. Denn es ist klar: je größer meine Gruppe, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ich zu den Dominierten gehöre, und desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass ich selber zur dominierenden Position gelange. So erklärt sich die Motivation, sich gegen das Alpha-Individuum zusammenzuschließen. Erhalten und verbreiten kann sich diese egalitäre Politik, weil sie der Gruppe eine bessere, weil gleichmäßigere Nahrungsversorgung garantiert.
Interessanterweise
berufen sich Boehm und Sober/Wilson aufeinander und gehen, jedenfalls in den
genannten Werken, nicht darauf ein, dass sich ihre Thesen in gewisser Weise
widersprechen: Wird die Kooperation durch Politik erzwungen, wie in Boehms
These, tragen geborene Altruisten nicht mehr zum Wohl der Gruppe bei als
geborene Egoisten, die zur Kooperation gezwungen werden. Der biologischen
Evolution des Altruismus ist also durch die kulturelle Evolution der Boden
entzogen.[9]
Die heute
noch existierenden Sammler- und Jägergesellschaften werden von den
Anthropologen als egalitär und demokratisch beschrieben. Es gibt kaum Eigentumsunterschiede,
da es überhaupt kaum Eigentum gibt. Das persönliche Eigentum eines
durchschnittlichen Buschmanns wiegt gerade einmal 12 kg. Schließlich muss man
mobil sein. (Haviland 1997) Typisch für den demokratischen Geist die
Geschichte, die Turnbull von den BaMbuti (Pygmäen) erzählt: Als Sefu, ein
ewiger Unruhestifter und Quertreiber sich als Häuptling bezeichnet, sagen die
anderen sinngemäß: Ja so, dann musst du also ein Bantu sein, denn bei uns
BaMbuti gibt es keine Häuptlinge. (Turnbull
1961)
Entscheidungen
werden nicht nach formalen Regeln – wie etwa Abstimmung und
Mehrheitsentscheidung – getroffen, sondern es wird solange palavert, bis sich
ein Vorgehen herauskristallisiert, mit dem alle leben können. Gejagt wird
gemeinschaftlich und auch individuell (bei den BaMbuti nehmen an der Treibjagd
auch Frauen und Kinder teil), die große Jagdbeute wird aufgeteilt. Wie in allen
bekannten Kulturen ist die Paarbindung zwischen Mann und Frau vorherrschend,
für die Kinder fühlt sich aber auch die gesamte Gruppe verantwortlich. Kinder
werden sehr lange gestillt, werden sehr liebevoll und frei erzogen und lernen
spielerisch, was sie können müssen. Die Gruppen bestehen aus mehreren Familien,
ihre Größe bleibt meist unter 100 Individuen. Familien wechseln frei von einer
Gruppe zur anderen. Gruppen haben ihre angestammten Jagdgründe, die sich an den
Rändern mit denen anderer Gruppen überschneiden. Krieg gehört nicht zu den
ständigen Institutionen einer Sammler- und Jägergesellschaft. Sammler- und
Jägergesellschaften haben nur ein sehr langsames Bevölkerungswachstum. Die
Frauen stillen die Kinder sehr lange und oft, was dazu führt, dass sie erst
Jahre nach einer Geburt wieder empfängnisbereit werden. Für Sammler- und
Jägergruppen gibt es eine optimale Größe, die nicht über- oder unterschritten
werden sollte. Im Verhältnis dazu gibt es auch eine optimale Größe für das
Jagdgebiet, und es gibt keine Veranlassung, es vergrößern zu wollen. Man dringt
höchstens einmal in ein fremdes Jagdgebiet ein, um dort eine besondere Delikatesse
zu stehlen. Da andere Gruppen keine Nahrungsvorräte oder sonst großartige
Besitztümer haben, gibt es auch keinen Grund, sie auszurauben. Probleme kann es
geben, wenn eine Gruppe zu groß wird und sich teilen muss. In einer solchen
Situation kann es zu Verdrängungskämpfen kommen. Turnbull schildert eine
Konfrontation, bei der eine fremde Gruppe in das Jagdgebiet der von ihm
untersuchten Gruppe eindrang, um Honig wilder Bienen zu stehlen. Die „Schlacht“
bestand im Wesentlichen aus wütendem Geschrei, Drohgebärden und ein paar
Faustschlägen.[10]
Da also nur
wenige Situationen denkbar sind, in denen kriegerische Auseinandersetzung einer
Sammlerinnen- und Jägergruppe überhaupt einen Vorteil bringen könnte, da sich
solche Gruppen größere Verluste durch solche Auseinandersetzungen auch gar
nicht leisten können, und da die Befunde bei noch existierenden Sammler- und
Jägerkulturen ihren friedlichen Charakter bestätigen[11], dürfen wir davon ausgehen, dass
durch Tausende Jahrhunderte vor dem Übergang zur Landwirtschaft Krieg im Leben
der Menschen eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein muss.
Die
Evolution der Menschen von pflanzenfressenden Baumbewohnern zu sammelnden und
jagenden Zweibeinern hat in Afrika stattgefunden. In dem Maß, wie die Menschen
zu immer effizienteren, gefährlicheren Jägern wurden, konnten ihre Beutetiere
die entsprechenden Fluchtreaktionen ausbilden. Auch als die Menschen langsam
nach Europa und Asien vordrangen, fanden sie dort Tierpopulationen vor, die
genetisch nicht völlig getrennt von ihren Verwandten in Afrika waren. Als die
Menschen aber vor 40.000 bis 30.000 Jahren den australischen Kontinent betraten,
und vor etwa 12.000 Jahren den amerikanischen, stießen sie dort auf große
Säugetiere, die sich über Jahrmillionen ohne Gefährdung durch Menschen
entwickelt hatten. Das Aussterben dieser großen Säugetierarten fällt, soweit es
mit heutigen archäologischen Methoden festzustellen ist, zeitlich sehr genau
mit dem Auftauchen der Menschen auf diesen Kontinenten zusammen. Aus
historischer Zeit sind genügend Fälle bekannt, wo Seefahrer auf Inseln Tiere
fanden, die keinerlei Scheu vor den ihnen unbekannten Menschen zeigten. Sie
konnten mit einem Knüppel auf sie zugehen, sie erschlagen und braten. Binnen
kurzer Zeit war zum Beispiel der berühmte Dodo ausgerottet. Es steht auch fest,
dass die Maori, als sie Neuseeland besiedelten, in kurzer Zeit den Moa, einen
flugunfähigen Großvogel, als hervorragenden Fleischlieferanten ausrotteten.
Wissenschaftler wie Jared Diamond gehen davon aus, dass die erste Besiedelung
Australiens und der beiden Amerikas jeweils eine gewaltige ökologische
Katastrophe war. Das Szenario muss man sich so vorstellen, dass die Menschen
mit ihren Speeren, Keulen und Steinen sich zunächst auf Grund des ungeheuren,
leicht zu erlangenden Nahrungsangebots gewaltig vermehrten und rasch über die
Kontinente ausbreiteten, und in relativ kurzer Zeit, möglicherweise nicht mehr
als tausend Jahren, feststellen mussten, dass sie sich ihrer eigenen
Existenzgrundlage beraubt hatten. (Diamond 1992)
Mit
abnehmendem Nahrungsangebot werden sie ihre Jagdmethoden noch verfeinert und
verbessert und so den Zusammenbruch noch beschleunigt haben. Und schon lange
bevor das letzte Riesenkänguru, das letzte Riesenfaultier abgeschlachtet war,
müssen Gruppen um eben diese letzten noch nicht vernichteten Ressourcen
gewaltsam konkurriert haben. Man kann noch weiter spekulieren und vermuten,
dass Gruppen, die es in klimatisch wenig begünstigte und nicht so wildreiche
Gegenden verschlagen hatte, einen sorglicheren Umgang mit den Ressourcen
entwickelten (oder beibehielten), und dass nach dem Zusammenbruch der Neuanfang
von diesen Gruppen ausging.
Die
landläufige Vorstellung vom Übergang zur Landwirtschaft ist noch immer die,
dass Menschen eines Tages entdeckten, dass und wie sie essbare Pflanzen
vermehren konnten, dass sie den Schluss zogen, dass ihnen diese Art, ihre Nahrung
selbst zu produzieren, mehr Sicherheit bot als von dem abhängig zu sein, was
die Natur ihnen gab, und dass sie sich also niederließen, um nunmehr als
Ackerbauern zu leben. So war es allerdings nicht. Es gibt genügend Beispiele
von Sammlern und Jägern, die trotz ihrer Kenntnis der Pflanzenvermehrung es
vorziehen, Sammler und Jäger zu bleiben. Nach neueren Erkenntnissen ist es eher
so, dass die Menschen durch eine Verkettung von Umständen in die Landwirtschaft
hineinschlitterten, ohne es gewollt oder geplant zu haben.
Mit dem Ende der letzten Eiszeit nahm nicht nur die
Durchschnittstemperatur zu, sondern auch die jahreszeitlichen Unterschiede. In
der Gegend des Jordantals, wo die ältesten Spuren von Pflanzendomestikation
festgestellt wurden, waren es vor allem Gräser und Hülsenfrüchte, die sich den
neuen Bedingungen anpassen konnten, während andere verschwanden - und mit ihnen
das Wild. Als einjährige Pflanzen kamen sie mit der verkürzten
Vegetationsperiode besser zurecht, und ihre trockenen Samen konnten zwischen
den Vegetationsperioden überdauern. Für Sammler und Jäger waren das Pflanzen
dritter Wahl gewesen, wenig ergiebig und schwierig zu ernten im Vergleich zu
Früchten, Nüssen, Wurzeln und dergleichen. Auf Grassamen griff man nur in
Notzeiten zurück. Solche Notzeiten hatten jetzt begonnen.
Die
Landwirtschaft wurde zuerst von Menschen entwickelt, die durch zufällige
Entwicklungen schon bestimmte Voraussetzungen dafür hatten: An fischreichen
Seen, Flüssen oder Meeresufern haben auch Sammler und Jäger schon sesshafte
Lebensweisen entwickelt. Die Natufier lebten im Tal des Jordan, wo es viele
seichte Seen gegeben hatte, die nun, mit Ausnahme von dreien, austrockneten.
Sie hatten schon mit Steinsplittern bestückte Sicheln, die zum
Abschneiden von Schilf (für Matten und Körbe) entwickelt worden waren, und auch
Mahlsteine, mit denen vorher verschiedene wilde Nahrungsmittel bearbeitet
worden waren. (Haviland 1997)[12]
Die
landwirtschaftliche Lebensweise erforderte mehr Arbeit und war unsicherer als
die Lebensweise der Sammler und Jäger. Sammler und Jäger nutzen Hunderte
verschiedener Nahrungspflanzen, Ackerbauern manchmal nur ein Dutzend. Dadurch
wurde erstens die Nahrung einseitiger und zweitens die Gefahr einer Katastrophe
durch Ernteausfall größer. Die Archäologen haben festgestellt, dass die frühen
Ackerbauern weitaus kleiner und kränker waren als ihre sammelnden und jagenden
Vorfahren. Durch das nahe Zusammenleben verbreiteten sich Infektionskrankheiten
unter Menschen wie Haustieren, und auch von den Haustieren zu den Menschen.
(Diamond 1992, Diamond 1998)
Ackerbauern
brauchen freilich weniger Land pro Kopf. Getreidebrei eignet sich gut als
Babynahrung, daher konnten die Frauen früher abstillen und wurden schneller
wieder fruchtbar. Das begünstigte die Zunahme der Bevölkerungsdichte, und das
wiederum machte es noch schwieriger, in Notzeiten auf Wildtiere und
Wildpflanzen zurückzugreifen. Die Landwirtschaft erwies sich als Falle. Ein
Zurück zur Sammler- und Jägerlebensweise war unmöglich geworden.
Es war
keineswegs so, dass der Ackerbau von den Nachbarn als großartige Erfindung
begeistert aufgenommen und nachgeahmt worden wäre. Er verbreitete sich mit
einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 1000 Metern pro Jahr. Warum aber hat er
sich überhaupt ausgebreitet? Bevölkerungszuwachs und immer wiederkehrende
Hungersnot zwangen immer wieder Menschen zur Auswanderung. Und die nahmen die
landwirtschaftliche Kultur mit. Fand man unbesetztes Land, konnte man
möglicherweise zur Sammler- und Jägertätigkeit zurückkehren. Doch wenn das Land
von Sammlern und Jägern besetzt war, konnten Bauern mit ihrem geringeren
Landbedarf sich vom Rand her zwischen die Jagdgebiete drängen.
Die
Landwirtschaft war also keineswegs die angenehmere, aber sie war die effizientere
Lebensweise. Sie konnte mehr Menschen auf weniger Fläche ernähren, daher musste
sie auf Dauer die wildbeutende Lebensweise verdrängen. Der Preis waren
verkürzte Lebenserwartung, Katastrophenanfälligkeit, Seuchen – und der Eintritt
der Arbeit in das Leben der Menschen. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du
dein Brot essen!“ lautet der Fluch, mit dem Adam und Eva aus dem Paradies einer
Natur, die alles von sich aus gibt, vertrieben werden und sich zu Ackerbauern
wandeln müssen. Von keinem Jägervolk ist bekannt, dass sie die Notwendigkeit zu
jagen oder Früchte und Beeren zu sammeln als Belastung empfunden hätten.
Parallel zu
dieser Entwicklung begannen Jäger, die Herden vor allem von Huftieren folgten,
diese Herden aktiv zu managen. Die nomadisierende Viehzucht entstand.
Frühe
Ackerbaugesellschaften waren immer noch egalitär. Die Funde zeigen keine
nennenswerten Unterschiede zwischen Behausungen oder Grabbeigaben. Das
gemeinsam Land wurde wahrscheinlich gemeinsam bearbeitet oder den Familien
periodisch neu zugewiesen – darauf deuten jedenfalls spätere Gebräuche hin.
(Thomson 1941)
Frühe
Bauerngemeinschaften scheinen auch nicht kriegerisch gewesen zu sein. „Bei den
neolithischen Ausgrabungen fällt vielmehr das völlige Fehlen von Waffen auf,
während es an Werkzeugen und Töpfen nicht mangelt.“ (Mumford 1967) Die Mauern
um das alte Jericho wurden von der Wissenschaft zwar auch als
Befestigungsanlagen gedeutet (Keegan 1993), ihre Funktion war aber
wahrscheinlich, die Stadt vor Schlammfluten zu schützen. (Haviland
1997)
Nichtsdestoweniger
steht fest, dass heute noch existierende einfache Acker- oder Gartenbaukulturen
den Krieg praktizieren. Vielzitierte Beispiele sind die Maring in Neuguinea und
die Yanomamö im Amazonasgebiet (Harris 1974). Die Stammes- und Clankriege dieser
Kulturen wirken befremdlich, weil sie nur wenig gemeinsam haben mit den
Kriegen, die den Hauptinhalt unserer Geschichtsbücher ausmachen. Vielleicht
könnte man genau das zu ihrer Charakterisierung verwenden: Es sind ahistorische
Kriege, Kriege, die keine historischen Veränderungen bewirken. Sie zeichnen
sich weiters durch starke Ritualisierung aus und durch ein starkes Element des
Zweikampfs und der Blutrache.
Die Maring
legen durch Brandrodung Gärten im Urwald an und züchten Schweine. Sobald die
Schweinepopulation ein gewisses Ausmaß angenommen hat, wird es Zeit, ein großes
Fest für die Verbündeten zu geben, die mit Fleisch und Fett bewirtet werden, um
das Bündnis zu festigen. Gleichzeitig wird der Friedensbaum ausgerissen und den
verfeindeten Clans der Krieg erklärt. Eine Waldlichtung wird von beiden
Parteien abwechselnd gesäubert und als Kampfplatz hergerichtet. Zum
vereinbarten Termin ziehen die feindlichen Parteien singend und tanzend zum
Kampfplatz, rufen einander Beschimpfungen und Drohungen zu und schießen aus der
Deckung großer Schilde mit stumpfen Pfeilen aufeinander. Sobald jemand
ernsthaft verletzt wird, vermitteln mit beiden Seiten befreundete Personen.
Hier kann der Krieg enden. Wenn eine Seite auf weiterer Rache (für in früheren
Kriegen begangene Untaten) besteht, kommen Äxte und Stoßspeere ins Spiel, die
beiden Parteien rücken nun näher aufeinander zu. Nun kann es sein, dass eine
Seite losstürmt um der anderen tödliche Verluste beizubringen. Sobald jemand
getötet wird, wird ein Waffenstillstand ausgehandelt. Nun gibt es ein oder zwei
Tage Kampfpause für Begräbnisrituale bzw. Dankopfer an die Ahnen. Dann kehrt
man wieder auf den Kampfplatz zurück. Zieht sich der Kampf in die Länge, werden
die Verbündeten lustlos und wollen nach Hause. Wird so eine Partei einseitig
geschwächt, kann die andere einen Sturmangriff versuchen und die schwächere
Partei vom Kampfplatz jagen. Die Unterlegenen fliehen dann in die Dörfer ihrer
Verbündeten. Die Sieger verfolgen sie nicht, sondern überfallen ihr Dorf, töten
dort eventuell vorgefundene Nachzügler, zünden Häuser und Vorräte an und
treiben die Schweine fort. In zwei Drittel aller Kriege kommt es zu einer
solchen Zerstörung. Nun pflanzen die Sieger den Friedensbaum und für zehn bis
zwölf Jahre herrscht wieder Waffenstillstand (Harris 1974).
Man kann
sich vorstellen, dass das Leben im Hochland von Neuguinea jahrhundertelang so
weitergeht, ohne dass sich durch die periodisch veranstalteten Kriege etwas
Grundsätzliches ändert. Im Gegenteil tragen diese Kriege zur Stabilität bei,
indem sie das Wachstum sowohl der Menschen- als auch der Schweinepopulation
begrenzen und so eine Überausbeutung des Waldes verhindern helfen. Wobei die
Wachstumsbegrenzung nicht durch die Verluste in der Schlacht bewirkt werden –
Männer sind ersetzbar – sondern weil eine kriegerische Gesellschaft dazu
tendiert, weiblichen Nachwuchs aktiv (durch Kindsmord) oder durch
Vernachlässigung zu reduzieren. Die Sieger besetzen nicht direkt das Land der
Besiegten, doch die Besiegten suchen Unterschlupf bei verbündeten Clans und
meiden ebenfalls ihre alten Gärten, so dass diese über Jahre unbebaut bleiben
und das Land sich erholt. Nach Jahren kehren entweder die Besiegten zurück oder
die Sieger nehmen nach und nach das Land in Besitz.
Periodische
Neuverteilung des Lands und Wachstumsbegrenzung sind aber Nebeneffekte dieser
Art von Krieg. Dass der Krieg immerhin in einem Drittel der Fälle endet, ohne
dass eine Partei den Versuch macht, die andere ernsthaft zu schädigen, macht
deutlich, dass das ritualisierte Kriegsspiel nicht bloß ein Vorspiel ist,
sondern um seiner selbst willen veranstaltet wird. Die Funktion dieses
„Null-Krieges“ („nothing-war“) ist wohl ziemlich eindeutig demonstrative
Kraftverschwendung. Verräterisches Indiz dafür ist die Anwesenheit der Frauen
auf dem Schlachtfeld. Dieser Teil des Kriegs könnte auch durch ein Fußballmatch
oder einen sonstigen sportlichen Wettkampf ersetzt werden.
Der
„sportliche“ Charakter des Krieges kommt z.B. auch in einem seltsamen Brauch
der Dakota zum Ausdruck: Besonders tapfere Krieger stürzen sich in die
Schlacht, nicht, um Feinde zu töten, sondern sie nur mit einem speziellen Stab
zu berühren. Jede Berührung ist ein „Coup“ – ein Pluspunkt. Wer in der Schlacht
viele Coups sammelt, wird ebenso oder mehr geehrt als einer, der viele Feinde
getötet hat.
Man kann
diese und ähnliche Formen des endemischen Krieges, wie Blutrache, Kopfjagd und
dergleichen, so charakterisieren: Diese Form des Kriegs existiert, weil
kriegerisches Heldentum ein ebenso gutes „kostspieliges Signal“ für gute
Überlebensfähigkeit ist wie viele andere. Frauen, die Kriegshelden sexy finden,
haben ebenso gute Chancen auf lebensfähigen Nachwuchs wie Frauen, die große
Jäger sexy finden. Napoleon Chagnons Untersuchungen scheinen zu belegen, dass
besonders aggressive Yanomamö-Männer mehr Nachkommen haben (Chagnon 1988).
Diese Form des Kriegs existiert weiters, weil Ackerbauern bzw. Gartenbauern ihn
sich zumindest periodisch leisten können. Sie häufen Überschüsse an, die ihnen
das Kriegführen eine Zeitlang erlauben. Diese Form des Kriegs kann sich
schließlich halten, weil sie die Bevölkerungsdichte auf einem ökologisch
tragbaren Niveau begrenzt.
Diese
stabilisierende Wirkung des endemischen Kriegs kann man wie Marvin Harris als
„ökologisch sinnvolle Anpassung“ werten, man kann sie aber genauso gut als
kulturelle Stagnation deuten. Die Maring investieren ihre Überschüsse in
demonstrative Kräfteverschwendung, anstatt sie, wie es anderswo geschehen ist,
in kulturellen Fortschritt zu investieren. Würde der Krieg ihr
Bevölkerungswachstum nicht bremsen, müssten sie Wege finden, die Produktivität
ihrer Wirtschaft zu erhöhen, oder auswandern, um Neuland zu kolonisieren, oder
andere Methoden finden, das Bevölkerungswachstum zu kontrollieren. Anpassung
oder Teufelskreis – das lässt sich nur vom Endergebnis her bewerten.
Eine
gänzlich andere Dynamik entwickelte der Krieg im Zweistromland und im Niltal,
wo sich die ersten Ackerbaukulturen entwickelt hatten. Lewis Mumford
rekonstruiert die Entwicklung so, dass die neolithische Ackerbaukultur mit der
paläolithischen Jägerkultur zusammenstieß. Ackerbau ist mit dem Anhäufen von
Vorräten verbunden. Der Antrieb dazu mag rational und auch irrational sein: Ein
großer Getreidehaufen in der Vorratsgrube ist ebenso ein „kostspieliges Signal“
für überschießende Kraft wie eine Versicherung gegen Ernteausfall. Jägergruppen
entdeckten, dass die von den Ackerbauern aufgehäuften Vorräte eine leicht zu
erlangende Jagdbeute waren.[13] Waren die Bauern erst genügend
eingeschüchtert, konnte man sich die Raubüberfälle sparen und den Bauern
anbieten, sie gegen Leistung eines regelmäßigen Tributs vor Raubüberfällen zu
schützen. So entstanden zweierlei Hierarchien. Einerseits setzten sich die
Jäger über die Bauern. Andererseits konnten die Anführer der Raubüberfälle ihre
Position institutionalisieren und sich zu Häuptlingen aufschwingen. In der
egalitären Jägerhorde wurden Aktivitäten, die einer Leitung bedurften, jeweils
von den dafür geeignetsten Personen angeführt, eine Jagdexpedition wurde von
einem geschickten Jäger angeführt, doch bei der Auswahl und Anlage eines neuen
Lagerplatzes wurde auf den Rat ganz anderer Personen gehört. Wurden die
Kriegszüge zur bestimmenden Aktivität, so konnte aus einem zeitweiligen
Anführer auf einem beschränkten Gebiet, einem Ersten unter Gleichen, dessen
Autorität auf seiner fachlichen Eignung beruhte, ein unumschränkter Häuptling
werden, dem alle jederzeit zu gehorchen hatten.
„Diese ursprüngliche Verbindung zwischen Königtum und Jagd ist in der gesamten geschriebenen Geschichte sichtbar geblieben: von den Stelen, auf denen sich ägyptische wie assyrische Könige ihrer Tapferkeit als Löwenjäger rühmen, bis zur Erhaltung riesiger Jagdreviere als unantastbare Domänen der Könige unserer eigenen Epoche.“ (Mumford 1967)
Die
Ausgrabungen zeigen, dass auch schon egalitäre, unabhängige
Bauerngemeinschaften ihre Überschüsse bis zu einem gewissen Grand in die
Verbesserung der Produktion investierten. Bewässerungsanlagen im lokalen
Maßstab wurden auch schon ohne Könige errichtet, eine gewisse Arbeitsteilung
war schon vorhanden, indem sich manche Dorfmitglieder auf die Herstellung von
Töpfen oder Werkzeugen spezialisierten. Doch unter der Herrschaft der
Kriegerhäuptlinge konnte eine ganz andere Dynamik entstehen: Kriegerhäuptlinge
können den Überschuss von mehreren Dörfern abschöpfen. Je mehr Dörfer sie
beherrschen, umso mehr Überschuss können sie im Zentrum konzentrieren. Sie
können den Überschuss aber nicht nur extensiv, sondern auch intensiv vermehren,
indem sie die Dörfler zwingen, sich für ihren täglichen Bedarf mit weniger
zufrieden zu geben, als sie es freiwillig täten.
Die tragische Schlussfolgerung: Ausbeutung ermöglicht schnelleren Fortschritt.
Einen Teil
dieser Überschüsse werden die Krieger einfach verprassen. Doch einen Teil
können sie auch in Steigerung der Arbeitsproduktivität, z.B. Bewässerungen
investieren, um in späteren Jahren noch mehr Überschüsse an sich ziehen zu
können. Den größten Teil werden sie in die Verbesserung ihrer militärischen
Effizienz investieren, in Waffen und Befestigungen. Doch auch dadurch tragen
sie auf längere Sicht zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität bei. Sie können
Spezialisten beschäftigen, die von der landwirtschaftlichen Tätigkeit befreit
sind und sich ganz der Perfektionierung ihres Handwerks widmen. Erfindungen aus
dem militärischen Komplex kommen später auch dem zivilen Bereich zugute, so wie
auch heute noch die Teflonbeschichtung für Bratpfannen aus der militärischen
Raumfahrt kommt. So beginnt sich das Rad des Fortschritts zu drehen.
War unter
Sammlerinnen und Jägern der Krieg eine vereinzelte Ausnahme, unter
Hortikulturalisten endemisch aber statisch, so wird der Krieg der kombinierten
Krieger-Bauern-Gesellschaft maßlos.
Denn der
Tributstaat ist noch expansionistischer als die Ameisenkolonie. Für den Kriegerfürsten
bedeutet mehr Land mehr tributpflichtige Bauern, mehr Tribut bedeutet mehr
Krieger, mehr Verwaltungsbeamte, mehr Priester und mehr Spezialisten für
Waffenherstellung, für die Herstellung von Luxusgütern, für die Errichtung von
Palästen und Tempeln. Und all das wird wieder in militärische Macht umgesetzt
und benutzt, um noch mehr Land zu erobern und noch mehr Bauern tributpflichtig
zu machen. Bleiben dann noch Überschüsse, kann sie der König in demonstrative
Verschwendung investieren, wie zum Beispiel den Bau von Pyramiden. Dazu steht
der Kriegerfürst bald in Konkurrenz zu benachbarten Kriegerfürsten, deren
Expansionsdrang ebenso maßlos ist. Im Kampf der Nachbarfürstentümer werden die
Territorien der Besiegten denen der Sieger einverleibt, noch mehr Tribut kann
beim Häuptling, der nun zum König wird, konzentriert werden. So entsteht
schließlich das Imperium. Der Ausdehnung des Imperiums sind wohl technische
Grenzen gesetzt - zum Beispiel durch
die vorhandenen Kommunikations- und Transporttechniken oder durch geografische
Umstände - aber keine prinzipiellen.
Form und
Ziele des Kriegs werden also nicht durch die psychologische Grundausstattung
des Menschenwesens bestimmt, auch nicht durch einfache Größen wie
Bevölkerungsdichte und Bevölkerungswachstum, sondern durch die innere Struktur
der Gesellschaft. Nur eine auf Ausbeutung beruhende Gesellschaft kann und wird
auch notwendig expansionistisch sein.
Mit der
Entstehung des Krieger-Bauernkomplexes in der Jungsteinzeit beginnt ein Prozess
positiver Rückkopplung, der binnen 10.000 Jahren die Produktivität menschlicher
Arbeit bis auf das heutige Maß gesteigert hat: Stehen sich zwei Reiche
gegenüber, so wird dasjenige siegen und sich das andere einverleiben, dessen
Bevölkerung den höheren in militärische Macht umsetzbaren Überschuss
hervorbringt. (Beziehungsweise werden solche erfolgreiche Kulturen zu
Vorbildern, nach denen sich benachbarte Kulturen modeln.)
In der Konkurrenz der Kulturen setzt sich
nicht diejenige durch, in der die meisten Menschen am glücklichsten sind, in
der die meisten Menschen mit Nahrung, Kleidung und Behausung versorgt sind und
ihre überschüssigen Kräfte verwenden können, um sich selbst zu verwirklichen.
Sondern es setzt sich diejenige Kultur durch, die ihre Menschen so organisiert,
dass die meisten Ressourcen am effektivsten in den Fortschritt investiert
werden können, auch wenn dabei ein Großteil der Bevölkerung zu einem Leben in Armut
und Unwissenheit verurteilt ist und von der Möglichkeit zur
Selbstverwirklichung weitgehend ausgeschlossen bleibt. Wobei Fortschritt zwei
Dinge meint, die eng mit einander verbunden sind: Steigerung der
wirtschaftlichen Produktivität und Steigerung der militärischen Effizienz. Das war für die ganze Epoche der
Zivilisation bestimmend. Die auf harter Arbeit beruhende, das Leben verkürzende
Ackerbauerngesellschaft hat die lustbetontere, mehr Sicherheit gewährende
Sammlerinnen- und Jägergesellschaft verdrängt. Der auf Unterwerfung und
Ausbeutung beruhende Tributstaat hat sich die egalitären Bauern- und Nomaden-Stämme einverleibt.
Der
Tributstaat, der den Bauern nur wenig mehr als das Existenzminimum lässt, ist
eben effizienter als die egalitäre Ackerbauerngemeinschaft, als der nomadische
Viehzüchterstamm oder gar die Sammlerinnen- und Jägerhorde. Es ist die
Konkurrenz der Reiche, die die Geschichte von nun an vorantreibt. [14]
Kriege gibt es, weil sie expansiven Gesellschaften ermöglichen, noch mehr Menschen auszubeuten. Kriege gibt es nicht, weil die Herrscher machthungrig sind. Sondern in einer expansiven Gesellschaft werden nur solche Individuen zu Herrschern, bei denen der Kulturtrieb, der Drang zur Selbstverwirklichung, sich als Machtstreben äußert. In einer egalitären Gesellschaft werden die Machthungrigen unter Kontrolle gehalten, wie wir bei Boehm und Turnbull gesehen haben.
Ein effizientes Reich dagegen braucht einen machthungrigen Herrscher. Es braucht wissensdurstige Priester und Philosophen, nach hohen Idealen strebende Künstler, berufsstolze Handwerker. Und Bauern, die einander mit ihrer Fähigkeit zu frommem Dulden zu übertrumpfen suchen.
Dem Trieb sich hervorzutun steht ja noch eine andere kulturbildende Fähigkeit des Menschen gegenüber. Die Fähigkeit, erfolgreiches Handeln nachzuahmen, von anderen zu lernen. Um überleben und sich fortpflanzen zu können, muss das Individuum eine Funktion finden, die es in der Gesellschaft ausüben kann. Es kann in einer Ackerbaugesellschaft nicht als Sammler und Jäger funktionieren. Es muss Bauer sein oder Priesterin oder General. Doch das Reich hat auch nur Positionen für ein paar Hundert Generäle, ein paar Hundert Priesterinnen. Wenn man als Bauer auf die Welt gekommen ist, hat es gar keinen Sinn, Priesterin oder General werden zu wollen. Diese Erfahrung haben schon die Eltern von den Großeltern übernommen und geben sie an die Kinder weiter. Von alters her haben diejenigen Eltern den größeren Fortpflanzungserfolg gehabt, die sich nicht nur um den eigenen, sondern auch den Erfolg ihres Nachwuchses gekümmert haben. Dieser Zug ist fest biologisch verankert. So bereiten die Eltern die Kinder darauf vor, die Funktion, die ihnen die Gesellschaft höchstwahrscheinlich zuweisen wird, möglichst effizient auszufüllen. Erziehung ist Anpassung. Wer sich nicht anpassen will, hat nur eine geringe Chance, nicht als Verrückter, Alkoholiker oder Verbrecher an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ausgestoßen oder beseitigt zu werden.
Jean-Henri Fabre, der Bergbauernsohn, der ein großer Insektenkundler, Volkserzieher und Philosoph wurde, beschreibt in seinen Souvenirs Entomologiques, wie sein kindlicher Hang zum Forschen und Träumen am Ententümpel die Eltern zur Verzweiflung gebracht hat.
„Die Mutter jammert Weh und Ach: ‚Kinder aufziehen, und dann sehen müssen, dass sie missraten sind! Der Kummer mit dir bringt mich noch ins Grab. Gräser und Pflanzen, das geht ja noch, die sind wenigstens für die Kaninchen gut. Aber die Steine, die dir die Taschen zerreißen; die Tiere, die dir mit ihrem Gift die Hände verletzen, was willst du bloß damit anfangen, du Einfaltspinsel! Das kann doch alles nicht wahr sein; jemand muss dich behext haben!’“
Im Rückblick brachte der alte Mann Nachsicht auf für seine Eltern, fand auch den Grund für ihr Verhalten, für den Vorgang, der es möglich macht, Generationen von Armen und Unwissenden in Armut und Unwissenheit zu halten.
„In Eurer schlichten Denkweise, arme Mutter, wart Ihr sicher im Recht: Mir war ein schlechtes Los bestimmt, heute weiß ich das. Wenn es schon so mühsam ist, sein tägliches Brot zu verdienen, wozu dann den Verstand läutern? Am Ende nur, um noch größeres Leid auf sich zu laden? Was nützen alle Mühe und Pein des Lernens jenen, denen im Leben Schiffbruch vorherbestimmt ist! (...) Wir, die wir zu den armen Leuten gehören, sollten uns vor den Freuden des Wissens hüten. Unbeirrt sollten wir lieber mit unserer Pflugschar Furchen auf den Feldern des Trivialen ziehen, die Versuchungen des Tümpels aber sollten wir meiden! Hüten wir die Enten, und überlassen wir anderen, den vom Schicksal Begünstigten, die Mühsal, das Weltall zu erklären, wenn sie Lust dazu haben.“ (Fabre 1985-1988, Band 7)
So machen sich nicht die Menschen ihre Gesellschaft, sondern die Gesellschaft macht sich ihre Menschen. Nur in Zeiten des Umbruchs finden sich dann unter den Nicht-Angepassten, diesen Mutanten, diesen Originalen und Spinnern diejenigen, die für neue, bisher nicht dagewesene Funktionen die richtigen Voraussetzungen mitbringen. Dann werden sie zu Vorbildern erfolgreichen Verhaltens, nach denen dann andere ihrer Kaste oder Schicht ihr Verhalten modeln.
Gewaltsame
Auseinandersetzungen zwischen in sich egalitär strukturierten und gleichartigen
Gemeinschaften sind natürlich nicht prinzipiell auszuschließen. Nehmen wir an,
zunehmender Bevölkerungsdruck führt dazu, dass die Angehörigen eines Ackerbau
treibenden Stammes nach den Äckern des Nachbarstammes zu schielen beginnen.
Oder dass auf Grund einer Klimaveränderung und damit verbundener Dürre
Konflikte um die verbleibenden Wasserstellen ausbrechen. Ein solcher Konflikt
unterscheidet sich vom Expansionskrieg prinzipiell dadurch, dass er endlich
ist. Das heißt nicht, dass er deswegen weniger grausam sein muss. Im Gegenteil.
Der Erobererkönig wird nicht alle Menschen im Land ausrotten. Er ist ja darauf
aus, sie sich zu unterwerfen, damit sie ihm Tribut zahlen. Will ich aber das
Wasser oder die Jagdgründe oder die Äcker meiner Konkurrenten, so habe ich
keinen Grund, sie nicht vollkommen auszurotten, so lange, bis ich genug Wasser
oder genug Land für meine Bedürfnisse habe. Dennoch ist ein solcher Konflikt
endlich. Er endet, wenn durch den Krieg die Gesamtbevölkerungszahl auf ein Maß
reduziert worden ist, dass die Ressourcen wiederum für alle ausreichen. Das
kann durch die vollkommene oder teilweise Ausrottung der einen Konfliktpartei
geschehen oder durch gegenseitige Schwächung der kämpfenden Parteien. Ein
Konflikt um Ressourcen kann äußerst grausam sein und bis zum Genozid gehen,
doch er kann tatsächlich gelöst werden. Auch die totale Vernichtung eines der
Gegner ist eine Lösung, denn es gibt nun wieder genug Land für alle, die noch
leben, der Kriegsgrund ist tatsächlich beseitigt. Für den Expansionskrieg gibt
es keine solche "Lösung", der Expansionskrieg schafft stets die
Voraussetzung für neue Kriege.
Ein
Konflikt um Ressourcen kann aber im Prinzip auch durch andere, nicht gewaltsame
Mittel gelöst werden. Wenn das Ackerland nicht für alle reicht, kann man
entweder so viele Menschen umbringen, bis wieder genug Land für alle da ist,
oder man kann verbesserte Anbaumethoden einführen, so dass das Land wieder alle
ernähren kann. Ein Konflikt um Wasser kann auch durch das Bohren von Brunnen
oder die Einführung verlustärmerer Bewässerungsmethoden oder die Umstellung
von, sagen wir, Reisanbau auf den Anbau weniger wasserintensiver Getreidesorten
gelöst werden.
In der
wirklichen Welt gibt es natürlich immer wieder Überschneidungen und
Mischformen. Ein Konflikt um Ressourcen kann als Vorwand dienen, um einen
Expansionskrieg zu beginnen. Das erobernde Reich kann tatsächlich ein Interesse
daran haben, sowohl die Bevölkerungszahl zu reduzieren als auch die überlebende
Bevölkerung tributpflichtig zu machen. Menschen, die in einer – bedingt durch
den expansionistischen Charakter der Gemeinwesen – prinzipiell kriegerischen Kultur aufwachsen, werden eher geneigt
sein, Konflikte um Ressourcen gewaltsam zu lösen.
Wenn ein
Landstrich völlig verarmt und heruntergekommen ist, und es nichts mehr zu holen
gibt von den Menschen, die ihn bewohnen, wenn es keine Chance gibt, dass man es
als Großbauer, als Händler, als Fabrikant oder dergleichen zu etwas bringen
kann, schon gar nicht als Lehrer oder Arzt, dann ist oft die einzige
verbleibende Karrierechance die eines militärischen Führers oder wenigstens
eines Kämpfers. Der Warlord und seine Gefolgsleute, die vorgeben, die Menschen
des eigenen Stammes, der eigenen Rasse oder der eigenen Religion zu
verteidigen, können selbst da noch etwas aus den Menschen herauspressen, wo es
eigentlich gar nichts mehr zu holen gibt. Sie schüren die Angst vor dem Feind,
nicht nur durch Propaganda, sondern auch indem sie den Feind bewusst zu
Angriffen provozieren, sie halten die
Hoffnung auf Beute wach, erklären jeden zum Verräter, der sie nicht unterstützt
und rechtfertigen so, dass sie gewaltsam Tribut von den "eigenen"
Leuten erheben.
Schon früh
in der Epoche der Zivilisation hat der mesopotamisch-ägyptische Komplex zwei
wesentliche Elemente zur Konzentration des Überschusses hervorgebracht: Die
Schrift und die extreme Arbeitsteilung. Die Schrift wurde in Mesopotamien zur
Aufzeichnung von Abgaben entwickelt. Zunächst wurden dem Verwalter für jedes
abgelieferte Maß Korn eine Marke (aus dem überall vorhandenen Lehm geformt)
übergeben. Hatte er eine bestimmte Anzahl solcher Marken, wusste er, dass die
gleiche Anzahl von Kornmaßen in seine Scheune gebracht worden war. Anders
geformte Marken standen für einen Krug Öl oder für ein Schaf usw. Aus solchen
Marken entwickelte sich die Schrift, ein unschätzbares Mittel, um das Einziehen
und Verteilen des Tributs zu kontrollieren. Die Schrift bringt die Befehle des
Zentrums bis an die entlegensten Grenzen des Reichs und die Informationen aus
dem Reich wieder ins Zentrum. Die Schrift ermöglicht die Entstehung der
Bürokratie, die den Zusammenhalt des Reichs gewährleistet.
Die
ägyptische Bürokratie entwickelte Meisterschaft nicht nur in der Verwaltung des
Arbeitsprodukts, sondern auch in der Organisation der Arbeit. Das Grundmuster
war dasselbe bei Bergbauexpeditionen wie bei Eroberungszügen und beim
Pyramidenbau und hat sich in der Organisation der Armeen bis in unsere Zeit
erhalten. „Grundeinheit war die Abteilung
unter der Aufsicht eines Gruppenführers. Selbst in den Ländereien der reichen
Grundbesitzer des alten Reiches herrschte diese Struktur vor. Erman zufolge
formierten sich die Abteilungen zu Kompanien, die unter eigenem Banner
marschierten oder paradierten. An der Spitze jeder Arbeiterkompanie stand ein
Vorarbeiter, der den Titel Kompaniechef trug. Man kann ruhig behaupten,
dass es in keinem frühneolithischen Dorf je etwas Derartiges gegeben hat.“ (Mumford 1967)
„‚Der
ägyptische Beamte’, bemerkt Erman, ‚kann diese Leute nur als Kollektiv sehen.;
der individuelle Arbeiter existiert für ihn ebenso wenig wie der individuelle
Soldat für unsere höheren Armeeoffiziere existiert.’“
(Erman 1894, zitiert nach Mumford 1967)
Lewis
Mumford nennt diese Organisationsform die Megamaschine. Sie beruht auf
der Zerlegung des Arbeitsvorgangs in kleinstmögliche Bestandteile, die
mechanisch ausgeführt werden können. Voraussetzung für die spätere Entwicklung
mechanischer Maschinen. „...war die große Arbeitsmaschine in jeder Hinsicht
eine echte Maschine: um so mehr, als ihre Komponenten, obgleich aus
menschlichen Knochen, Nerven und Muskeln bestehend, auf ihre rein mechanischen
Elemente reduziert und streng auf die Ausführung begrenzter Aufgaben
zugeschnitten waren. Die Peitsche des Aufsehers sicherte Konformität.“
„Das
Geheimnis der mechanischen Kontrolle bestand darin, dass ein einziger Kopf mit
genau bestimmtem Ziel an der Spitze der Organisation war und dass es eine
Methode gab, Anweisungen über eine Reihe von Funktionären weiterzugeben, bis
sie die kleinste Einheit erreichten. Exakte Weitergabe der Anweisung und
absolute Unterwerfung waren gleichermaßen von wesentlicher Bedeutung.“
„Wirken auf
Entfernung durch Schreiber und schnelle Boten, war eines der Kennzeichen der
neuen Megamaschine... ‚Der Schreiber, er lenket jede Arbeit, die in diesem
Lande ist’, heißt es in einem Text aus dem Neuen Königreich Ägypten.“ (Mumford
1967)
„Hätten
rein menschliche Arbeitsformen, die die Menschen zur Befriedigung ihrer
unmittelbaren Bedürfnisse freiwillig auf sich genommen hätten, vorgeherrscht,
dann wären die kolossalen Errungenschaften der frühen Zivilisation vermutlich
unvorstellbar geblieben – das muss man zugeben. (...) Hätte jedoch andererseits
die kollektive Maschine nicht Zwangsarbeit – in Form von periodischen
Zwangsaushebungen oder Sklaverei – verwenden können, dann wären die ungeheuren
Fehlschläge, Perversionen und Vergeudungen, die stets mit der Megamaschine
einhergingen, vielleicht unterblieben.“ (Mumford 1967)
Wie
Kooperation Arbeitsteilung und Spezialisierung zur Folge hat, haben wir also
beim Zusammenschluss von Zellen zum vielzelligen Organismus gesehen, wir haben
es bei der Ameisenkolonie gesehen und sehen es jetzt wieder bei der
menschlichen Gesellschaft. Eine einzelne Leberzelle ist weder lebensfähig noch
hat sie eine Daseinsberechtigung. Eine einzelne Ameise, herausgelöst aus dem
Netzwerk einander durch Düfte und Futtergaben steuernder Mitameisen, ist ein
leerlaufender Automat. Und der Mensch?
Der
griechisch-römische Komplex entwickelte zwei weitere Komponenten der
Zivilisation, zwei wesentliche Elemente zur Konzentration von Überschuss:
Gemünztes Geld und die Sklaverei.
Arbeitsteilung
erfordert die Verteilung der produzierten Güter. Die Verteilung kann durch
gemeinschaftlichen Konsum geschehen, etwa in der Familie, oder wenn die
Teilnehmer an einer Treibjagd (Späher, Treiber, Netzeaufsteller, Speerwerfer)
sich die Beute teilen; durch unmittelbaren Tausch zwischen den Produzenten
(Eine Bronzehacke gegen einen Scheffel Korn); durch organisierte Umverteilung,
etwa wenn der Pharao Tribut und Steuern in Form von Getreide einhebt und dieses
an seine Beamten und Spezialisten, seine Soldaten, Palastarbeiter und Arbeiter
an öffentlichen Bauten verteilt; und schließlich durch spezialisierte Händler
und Kaufleute.
Von all
diesen Formen hat sich der Handel als die flexibelste und effizienteste
erwiesen.
Der Handel
erhöht die Produktivität der Arbeit nicht in der Weise, wie eine Erfindung es
tut, z.B. der eiserne Pflug oder die Verwendung von Zugtieren. Aber der Handel
ermöglicht Arbeitsteilung im großen Stil, auch zwischen Produzenten, die
einander weder kennen noch unter einer gemeinsamen Autorität stehen. Der Handel
ermöglicht, dass Individuen das produzieren, was sie mit dem geringsten
Arbeitsaufwand und dem höchsten Ertrag produzieren können. Aber nicht nur
Individuen, auch ganze Regionen können sich auf diese Weise spezialisieren. So
wird in dem gesamten durch Handel verbundenen Gebiet die Menge der
Arbeitsprodukte und damit auch die Menge des Überschusses erhöht. Der Vorteil
für den einzelnen Handelspartner liegt nicht sosehr darin, dass er etwas
bekommt, was er sonst gar nicht haben könnte, sondern dass er für sein Produkt,
das ihn eine bestimmte Anzahl Arbeitstage gekostet hat, eines bekommt, das er
selbst nur mit einem größeren Aufwand an Arbeit hätte herstellen können. Der
griechische Olivenpflanzer kann für eine halbe Jahresernte Olivenöl soviel
Getreide aus Ägypten bekommen, wie er auf seinem eigenen Grund, hätte er ihn
mit Getreide bebaut, nur in einem ganzen Jahr hätte ernten können. Der ägyptische
Getreidepflanzer kann mittels Bewässerung zweimal im Jahr Getreide ernten,
während Ölfrüchte ihm nur eine Ernte geben würden. So steigern beide,
Olivenbauer und Getreidepflanzer ihre Effektivität, wenn sie ihre Produkte
tauschen. Die Gesamtmenge an produziertem Getreide und Olivenöl ist höher, als
wenn jeder beides produziert hätte. (Realistischer wird das Beispiel, wenn man
statt einzelner Handelspartner Regionen einsetzt, die miteinander tauschen.)
Und es hängt vom Geschick des Händlers ab, der den Tausch vermittelt, wie viel
von dem beiderseitigen Vorteil er für sich selbst abzweigen kann. Er muss
schließlich jedem der beiden Produzenten nur soviel geben, dass der einen
spürbaren Vorteil davon hat, der ihm den Tausch noch lohnend erscheinen lässt.
Den Rest kann der Händler einsacken, sofern das lohnende Geschäft nicht andere
Händler anzieht, die, um ihren Anteil am Markt zu bekommen, den Produzenten
günstigere Bedingungen bieten. Doch die seefahrenden Griechen hatten nur die
Phönizier als ernsthafte Konkurrenten und so konnte ein großer Teil des
zusätzlich geschaffenen Reichtums nach Griechenland transferiert werden. Die
Überlegenheit des Marktes über den Tributstaat zeigte sich in der siegreichen
Auseinandersetzung der Griechen mit den Persern.
Doch der
Markt zeigte auch gleich seine Tücken. Der griechische Getreidebauer wusste nicht, wie ihm geschah, als sein
Getreide infolge der ägyptischen und italienischen Konkurrenz immer weniger
wert wurde. Nicht er war es, der den Vorteil vom Handel hatte, sondern sein
Nachbar, der Olivenpflanzer. Dem Getreidebauern, dessen Vater noch ein schönes
Auskommen gehabt hatte, musste es wie das Eingreifen einer höheren Macht
erscheinen, dass ihm seine Arbeit, die er genauso gewissenhaft leistete wie
sein Vater früher, nicht mehr genug zum Leben einbrachte und er schließlich
sein Land verlor und wegen seiner Schulden als Sklave verkauft wurde. Denn
durch das billige Getreide, das an der Küste auf den Markt kam, sanken auch im
Landesinneren die Preise. Der Bauer produzierte noch genau soviel wie früher,
hatte noch immer dieselben Abnehmer wie früher, und doch wurde er ärmer. Denn
seine Abnehmer waren nicht mehr bereit, soviel wie früher zu zahlen. Der Markt
wurde ihm zum Schicksal, dem gegenüber menschliches Tun machtlos war.
Der
Olivenpflanzer, dem dasselbe undurchschaubare Schicksal gewogen war und der
seinen Besitz bald um das Land des Getreidebauern vermehrt hatte, sah gerührt
den Tragödien eines Sophokles zu, in denen regelmäßig das Schicksal sich
stärker erwies als menschliches Planen und Trachten. Neben ihm saß der
Sandalenmacher, dessen Schicksal abhängig war vom Import italienischer
Rinderhäute und neben diesem der Zimmermann, dessen Aufträge vom Preis des
Bauholzes aus der nördlichen Ägäis abhingen, und neben dem wiederum der
Weinbauer, der heuer nicht weniger fleißig gewesen war und nicht weniger
geerntet hatte als letztes Jahr, und dem doch das extrem gute Weinjahr in
Italien zum Verhängnis werden konnte, ohne dass er die Ursache erfuhr.[15]
Der Markt
teilte den Menschen ihre Beschäftigung zu. Was einer tat, bestimmten nicht mehr
so sehr Tradition, familiäre Verpflichtungen oder Stammesbindungen. Man tat
das, wofür man am meisten Geld bekommen konnte, ob man nun mit Wein handelte
oder mit Sklaven oder sich als Söldner einem fremden Herrscher verdingte.
Sowohl Platon als auch Aristoteles sahen diese Entwicklung mit Unbehagen.
Platon hätte das Geld am liebsten ganz abgeschafft, Aristoteles meinte, von
einem reichen Mann müsste man für dieselbe Ware mehr verlangen als von einem
armen. (Weatherford 1997)
Die
griechische Händlernation konnte sich leisten, nicht nur ein Zentrum zu haben,
sondern mehrere. Erst nach der Hochblüte des klassischen Griechenland wurde es
unter Philipp von Mazedonien zu einem Reich zusammengeschlossen. Die
Stadtstaaten konnten sich sowohl starke Heere
und Flotten leisten als auch die herrlichen Bauten und Kunstwerke, die
wir heute noch kennen, sportliche und literarische Wettkämpfe im großen Stil,
Redner, Politiker und müßige Schwätzer, die sich auf dem Marktplatz, der Agora,
trafen, um dort zu handeln, Politik zu machen und zu philosophieren.
Krieg war
nicht – wie für den Tributstaat - das primäre Instrument, um den Überschuss zu
konzentrieren. Der Markt ermöglichte die Konzentration und den Transfer der
Überschüsse über Staatsgrenzen hinweg. Doch der Krieg blieb nötig, um sich
Konkurrenten vom Hals zu schaffen – und um Sklaven zu erbeuten.
Sklaverei ist einerseits die extremste Form der Ausbeutung bzw. Überschussaneignung. Aber da Sklaven keinerlei eigenes Interesse an einer Steigerung ihres Outputs haben, nicht unbedingt die effektivste.
In Rom hatte sich die folgende positive Rückkopplung eingespielt: Die Erbeutung neuer Sklaven und ihr Einsatz auf den Landgütern der Großgrundbesitzer ruinierte die freien Bauern. Denen bot sich als Ausweg der Dienst in der Armee an. So konnten neue Gebiete erobert werden, neue Sklaven erbeutet werden, noch mehr Bauern ruiniert werden, die wiederum zur Vergrößerung der Armee zur Verfügung standen. Und die waren auch nötig, denn um die wachsenden Staatsausgaben finanzieren zu können mussten neue Eroberungen gemacht werden. Rom hat im Lauf seiner Geschichte von den erbeuteten Überschüssen immer weniger in die Steigerung der Produktivität und fast ausschließlich in Luxus und militärische Macht investiert. Daran ist es letztlich zugrunde gegangen.
Das römische Reich ist das Beispiel einer
positiven Rückkopplung, die zur Selbstzerstörung des Systems führt.
Die Markt- und Geldwirtschaft in Europa hat mit dem Untergang Roms einen schweren Rückschlag erlitten und siebenhundert Jahre gebraucht, um sich zu erholen. An den Küsten Europas entstanden wieder Handelsstaaten, wo das Kapital angesammelt wurde, das zur Entstehung der bisher effektivsten Wirtschaftsform, was die Steigerung der Produktivität anlangt, geführt hat, nämlich des Industriekapitalismus. Die Rechtsform der Lohnarbeit ermöglicht es dem Besitzer der Produktionsmittel, sich das Mehrprodukt der eigentlichen Produzenten anzueignen. Der sich stetig ausweitende Handel schafft den Markt und damit den Konkurrenzdruck, der den Unternehmer zwingt, den Großteil dieses Mehrprodukts in die Steigerung der Produktivität und die Ausweitung der Produktion zu investieren. Die Freiheit der Lohnarbeiter (im Gegensatz zu den an die Scholle gefesselten Leibeigenen) ermöglicht es, sie nach den Erfordernissen des Marktes von einem Produktionszweig in den anderen zu verschieben. Die Konkurrenz unter den Lohnarbeitern, ständig verschärft durch den Zustrom verarmter Bauern zur industriellen Reservearmee der Arbeitslosen, zwingt sie, ihre Arbeitskraft billigst zu verkaufen. Die auf Lohnarbeit beruhende Marktwirtschaft drängt also mehr als jede vorhergehende Wirtschaftsform dazu, die Überschüsse der Gesellschaft in die Erweiterung und Intensivierung der Produktion zu stecken. Der Konsum der Massen wird auf das überlebensnotwendige Minimum reduziert, aber auch der Konsum der Unternehmer wird in Grenzen gehalten, denn der Unternehmer, der zuviel von dem Mehrprodukt in Luxus investiert, wird von der Konkurrenz schnell überflügelt. Es wird produziert um des Produzierens willen.
So erklärt sich das unglaubliche Tempo der Industrialisierung im 19. Jahrhundert nicht bloß aus der Fülle technischer Erfindungen, sondern in erster Linie aus der Struktur der Produktionsweise, die nach technischen Neuerungen geradezu giert.
Der Kapitalismus ist noch weitaus expansionistischer als der Tributstaat. Da jedes Unternehmen gezwungen ist, nach Möglichkeit die Kosten zu senken, und zu diesen natürlich die Lohnkosten gehören, geht die Tendenz immer dahin, dass zuwenig Kaufkraft für die produzierten Konsumgüter vorhanden ist. Also muss exportiert werden. Zweitens sinken sowohl aus technischen als auch aus organisatorischen Gründen die Stückkosten um so mehr, in je größeren Stückzahlen produziert wird. Dazu gehören Synergien in der Verwaltung, in der Entwicklung, in der Rohstoffbeschaffung, im Transport. Selbst wenn die Aufnahmefähigkeit des Marktes bekannt ist, wird mehr produziert, als der Markt aufnehmen kann, weil jedes Unternehmen hofft, seine Produktion auf Kosten der anderen losschlagen zu können. So verläuft die kapitalistische Entwicklung immer konvulsivisch, mit Perioden des Aufschwungs, in denen in Produktivitätssteigerung investiert wird, und Perioden der Stockung und des Rückgangs, hervorgerufen durch die Tatsache, dass die immense Produktivitätssteigerung sich irgendwann in der Produktion von Konsumgütern niederschlagen muss, die aber der Markt nicht aufnehmen kann. Ergebnis ist die Konkurrenz um Märkte. Wurde früher um das Privileg gekämpft, die Produkte eines Landstrichs wegzunehmen, so wird nun in absurder Umkehrung um das Privileg gekämpft, einen Landstrich mit Gütern versorgen zu können.
Der Aufstieg Englands zum Weltreich war nicht zuletzt den Profiten der British East India Company aus dem Textilhandel zu danken. Im 19. Jahrhundert produzierte England die Hälfte aller industriell gefertigten Baumwollstoffe. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren in logischer Folge ¼ der Weltbevölkerung britische Untertanen. Britische Kanonenboote zwangen Mitte des 19. Jahrhunderts China, seine Märkte zu öffnen, amerikanische Japan. Der 1. und der 2. Weltkrieg waren Kämpfe um Märkte. Am 9.9. 1914 erließ der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg die folgenden Kriegziel-Richtlinien: „...die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Polen und eventuell Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muss die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.“
Aus der Denkschrift von Werner Daitz betreffend „Die Errichtung eines Reichskommissariats für Großraumwirtschaft“ vom 31.5.1941: „Wenn wir den europäischen Kontinent wirtschaftlich führen wollen, ... so dürfen wir aus verständlichen Gründen diese nicht als eine deutsche Großraumwirtschaft öffentlich deklarieren. Wir müssen grundsätzlich immer nur von Europa sprechen, denn die deutsche Führung ergibt sich ganz von selber aus dem politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, technischen Schwergewicht und seiner geographischen Lage.“
Seit dem letzten Weltkrieg gab es wohl keine Kriege zwischen Industrieländern. Doch unter den vier Ländern, die seither am häufigsten Kriege geführt haben, finden sich neben Indien: Großbritannien, die USA und Frankreich, drei hoch entwickelte Industriestaaten und Musterdemokratien.
In manchen sogenannten Bürgerkriegen in Afrika werden die sich bekämpfenden Warlords unmittelbar von konkurrierenden multinational agierenden Konzernen finanziert. Ohne die Waffenexporte aus den Industrieländern könnten diese Kriege auch nicht so blutig und ausdauernd geführt werden. Doch in erster Linie muss man feststellen, dass der wirtschaftliche Expansionismus der bereits entwickelten Industrieländer die eigenständige wirtschaftliche Entwicklung der übrigen Welt behindert und lähmt, und damit Armut und Chancenlosigkeit zementiert. Als Europa noch vorwiegend agrarisch war, stand es nicht vor der Aufgabe, eine hochautomatisierte und roboterisierte Industrie aus dem Boden zu stampfen. Die ersten Industrieanlagen wurden von Handwerkern in manueller Arbeit gefertigt. Es waren bekanntlich hölzerne Webstühle, die über Lederriemen von Mühlrädern angetrieben wurden. Wollte jemand heute in Burkina Faso von einheimischen Zimmerleuten eine derartige Weberei aufstellen lassen, was durchaus im Bereich von deren know how stünde und wofür auch das Kapital aufzutreiben wäre – wie sollte er mit den modernen Kunststoff- oder Baumwollwebereien konkurrieren? In der Tat ist es so, dass unsere abgelegten Textilien, die wir in die Spendencontainer werfen, die einheimische Textilindustrie in Afrika ruiniert haben.
Auf den entlegeneren Inseln in Tonga geht regelmäßig das Salz aus, wenn der Dampfer von der Hauptinsel ausbleibt. (Wie der Autor aus eigener Erfahrung weiß.) Rund um die Inseln ist das Meer voller Salz, und um es zu gewinnen braucht es bekanntlich keine großartige Technologie. Doch es gibt in Tonga keine Fabrik, die Schächtelchen oder Papierbeutel herstellen würde, in die man das Salz abfüllen könnte. Es ist nicht möglich, für die 100.000 Einwohner des Inselreichs die Tüten so billig herzustellen wie die, die aus Neuseeland, bereits mit Salz gefüllt, geliefert werden. Es sind die Salzimporte, die die Salzknappheit bewirken.
Es kann kein Zweifel bestehen, dass auch die ärmsten Länder Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas eine Industrie auf die Beine stellen könnten, die weitaus produktiver wäre als die europäische zu Beginn des Industriekapitalismus. Auf dieser Basis könnten sie die Produktivität schrittweise erhöhen, wie es in Europa und den USA geschehen ist. Doch das ist nicht möglich, weil sie auch im eigenen Land mit den Erzeugnissen der hochproduktiven Industrien der entwickelten Länder konkurrieren müssten. Dafür fehlt natürlich das Kapital. Und sogar im Bereich der Landwirtschaft ist es heute so, dass der kenianische Bauer, der mit Hacke und Spaten und vielleicht einer Dieselpumpe zur Bewässerung und einem für Tage gemieteten Traktor wirtschaftet, mit den europäischen Maisüberschüssen aus der EU-Agro-Industrie konkurrieren muss, die – als ägyptischer Mais getarnt – illegal importiert werden. Alle Versuche der Drittweltländer, ihre Wirtschaft durch Abschottungsmaßnahmen zu schützen, werden von der World Trade Organisation, der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds torpediert. So wird Unterentwicklung, Armut und Chancenlosigkeit zementiert, und das ist der Boden, auf dem Warlords gedeihen, die Banden um sich scharen und um die wenigen verbleibenden Brocken raufen.
Doch wir sehen auch die Bildung dreier großer Wirtschaftsblöcke, des amerikanischen, des europäischen, und des asiatischen. Wenn die „emerging markets“ im ehemaligen Ostblock, in China und einigen anderen Bereichen gesättigt sind – was dann? Nichts garantiert, dass nicht aus Wirtschaftskriegen eines Tages wieder heiße Kriege werden. Europa ist auf dem besten Weg, eine wirtschaftliche Supermacht zu werden, und auch die militärische Aufrüstung zu einer solchen ist schon im Gange. Eine militärische Konfrontation zwischen Europa und den USA ist heute undenkbar. Aber undenkbar war vor 15 Jahren die Aufnahme Polens in die NATO...
Marx wollte nicht bloß die Arbeiterklasse von der Herrschaft der Kapitalisten, sondern die Menschheit von der Herrschaft der Marktkräfte befreien, ihnen durch die Analyse der sozialen Mechanismen die Möglichkeit geben, ihr Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen. Wo sich marxistische Parteien an die Spitze der Arbeiterbewegung setzten und in ihrem Namen die Macht im Staat ergriffen, war das Ergebnis freilich ein Rückfall in den Tributstaat. Auch in den kommunistischen Ländern war nicht die Befriedigung der Bedürfnisse das Ziel, sondern die „Befreiung der Produktivkräfte“. Unter der Parole „den Kapitalismus einholen und überholen“ wurden Überschüsse nicht in die Verbesserung der Lebensqualität investiert, sondern fast ausschließlich in Projekte, die der Vermehrung der militärischen Macht und der Erhöhung der Arbeitsproduktivität dienen sollten. Doch die Arbeitsproduktivität steigern, das kann der Kapitalismus besser.[16] Der Kommunismus konnte sich 70 Jahre lang halten, weil er in Wahrheit ein höheres Mehrprodukt aus den Arbeitern presste als der Kapitalismus in den Ländern Westeuropas und Amerikas, und einen größeren Teil dieses Mehrprodukts in militärische Machtmittel investierte.[17]
Wenn es stimmt, dass Krieg, wie wir ihn heute kennen, eine Folge der expansiven Struktur der zivilisierten Gesellschaften von der Entstehung der ersten Tributstaaten bis heute ist, dann ist die Folgerung daraus, dass nicht die Ableitung aggressiver Triebe, wie sie von Lorenz und Eibl-Eibesfeldt vorgeschlagen wurde, uns von Kriegsgefahr befreien kann; nicht die Erziehung der Jugend zu friedlichen Idealen (so wünschenswert sie natürlich ist); nicht die Erforschung und Verfeinerung von Konfliktlösungsstrategien (deren Wert ebenfalls nicht geschmälert werden soll); sondern dass Krieg auf Dauer nur vermieden werden kann, wenn die Gesellschaft in Richtung einer nicht expansiven Struktur umgebaut wird.
Wie kann das geschehen? Die marxistischen Theoretiker und die kommunistischen Potentaten meinten, sie könnten die spontane Selbstorganisation des Marktes komplett beseitigen und durch rationale Planung ersetzen.[18] Eine Analogie dazu wäre der Versuch eines Züchters, eine neue Rinderrasse oder auch nur eine neue Salatsorte aus den zwanzig Aminosäuren zusammenzubauen. Nicht einmal im Zeitalter der Gentechnologie versteigt sich jemand zu solchen Ideen. Dennoch überlassen menschliche Gärtner und Züchter seit 10.000 Jahren die Entwicklung der Pflanzen und der Tiere auch nicht einfach der spontanen Selbstorganisation, sondern helfen der biologischen Evolution mehr oder weniger planmäßig und gezielt nach. Je besser sie die Gesetzmäßigkeiten der Evolution durchschauen, um so eher entsprechen die Ergebnisse ihren Vorstellungen. (Dass diese Zielvorstellungen der Züchter und Gentechniker dann oft zweifelhaft sind, einseitig nur auf Steigerung der Erträge ausgerichtet, ist ein anderes Kapitel.)
Hat einerseits kommunistische Planung weit weniger eingegriffen, als es den Vorstellungen der Theoretiker und Machthaber entsprach, so ist andererseits die Marktwirtschaft selbst in den Ländern, wo dem Neoliberalismus am begeistertsten gehuldigt wird, nicht völlig frei. Die gelenkte Marktwirtschaft ist jenseits aller Ideologien eine Tatsache. Bei Staatsquoten von 30 bis fast 50% des BNP ja auch gar nicht anders denkbar. Die relevante Frage ist, mit welchen Zielen und mit welchen Methoden man die Marktwirtschaft lenken will.
Was nottut, ist eine Abkehr von der Vermehrung der Überschüsse zum Zweck der Vermehrung der Überschüsse.
Derartiges können die Marktmechanismen nicht bewältigen, ebenso wenig wie die natürliche Evolution das Wachstum der Argus-Fasan-Schwanzfedern umkehren kann. Menschlichen Züchtern dagegen ist es ein leichtes, Hühnervögel mit langen oder kurzen, bunten oder einfarbigen, geraden oder geschwungenen Schwanzfedern zu züchten, wobei sie nicht gegen die Vererbungsgesetze, sondern mit ihnen arbeiten.
Soll die maßlose Ausweitung der Produktion zum Zweck von noch mehr Produktion gestoppt werden, muss dafür gesorgt werden, dass nur soviel vom Produkt der Gesellschaft in die Ausweitung der Produktion investiert wird, wie wirklich im Interesse der Gesellschaft liegt, und der andere Teil des Produkts von der Gesellschaft konsumiert werden kann.
Wenn die gegenwärtige Entwicklung weitergeht, sagen die Wirtschaftsführer der Welt voraus, werden in naher Zukunft 20% der arbeitsfähigen Bevölkerung genügen, um die Weltwirtschaft in Gang zu halten. Die übrigen 80% wird man mit dem Notwendigsten an billiger Massenware am Leben und mit industriell gefertigtem Entertainment bei Laune halten. Oder aber es gelingt uns, das gegenwärtige Wirtschaftssystem so zu verändern, dass die Menschen, endlich von der Fron der Arbeit befreit, sich dem zuwenden können, was keine Maschine ihnen abnehmen kann: der Fürsorge füreinander. Und das wäre gleichzeitig die Voraussetzung für die Ablösung der Kultur des Kriegs durch eine Kultur des Friedens.
Den Buschmännern in der Kalahari genügten drei Tage in der Woche für die Jagd (Eibl-Eibesfeldt 1984). Sie wären nie auf die Idee gekommen, die Hälfte der Männer sechs Tage lang jagen zu lassen und die andere Hälfte für überflüssig zu erklären. Sie wären auch nicht auf die Idee kommen, alle Männer sechs Tage in der Woche jagen zu lassen und das überschüssige Fleisch gegen – ja, wogegen einzutauschen, wo sie doch alles hatten, was sie brauchten? Die freie Zeit wurde für soziale Aktivitäten genutzt.
Die freie Zeit, die uns jede Steigerung der Produktivität der Arbeit bringt, sollten auch wir vor allem in soziale Aktivitäten investieren anstatt in die weitere Ausweitung der Produktion[19]. Nicht einfach nur in Form von mehr „Freizeit“ – „Freizeit“ in der modernen Industriegesellschaft bedeutet ja hauptsächlich leere Zeit oder Konsumzeit. Sondern in dem Sinn, dass innerhalb der gesellschaftliche Arbeitsteilung ein immer größerer Anteil den sozialen Dienstleistungen zukommt. Damit ist gemeint der Bereich von Fürsorge, psychischer und physischer Vorbeugung und Heilung, Training und Animation, Unterhaltung, Kunst, Spiritualität, Lehre und Forschung. Nicht gemeint sind solche von den Wirtschaftswissenschaften unter „Dienstleistungen“ subsumierten Bereiche wie Gelddienste, Werbung, Verwaltung, Rechtsdienste und so weiter, also Dienstleistungen, die in erster Linie die Warenproduktion unterstützen.
Eine reiche Industriegesellschaft, die ihre Überschüsse nicht in die Erweiterung der Produktion, sondern in die Erweiterung der sozialen Dienstleistungen investierte, wäre eine nicht-expansive Gesellschaft. Sie hätte nicht das Problem, ständig nach neuen Märkten und neuen Formen des Konsums zu suchen, hätte daher auch keinen Bedarf an Machtausweitung und weniger Probleme mit der Überausbeutung der irdischen Ressourcen. Sie wäre keineswegs eine Verzichtsgesellschaft, sondern ganz im Gegenteil eine Luxusgesellschaft. Denn der wahre Luxus ist nicht ein Vibrationsmassagekissen mit vier Programmen und stufenloser Intensitätsregulierung, sondern sich eine Stunde lang den lebendigen Händen eines einfühlsamen Masseurs hinzugeben. Der wahre Luxus ist nicht ein Vierkanal-Dolby-Surround-HiFi-System, sondern ein Kammerkonzert im Kreis erlesener Freunde oder ein Live-Act in hautnaher Club-Atmosphäre.
Die Marktmechanismen allein können einen solchen Umschwung nicht bewirken. Industrieprodukte werden billiger in dem Maß, wie weniger Arbeitsstunden nötig sind, um sie zu erzeugen. Die Leistung eines Masseurs oder einer Therapeutin aber kann nicht durch Rationalisierung verbilligt werden. Im Verhältnis zu Fernsehapparaten und Leberwürsten wird sie immer teurer. Und da die Marktmechanismen dahin tendieren, die Einkommen der Massen auf das Lebensnotwendigste zu drücken, ist klar, dass in einer reichen Gesellschaft zwar qualifizierte persönliche Dienstleistungen zunehmen würden, aber gleichzeitig immer mehr das Privileg der obersten Einkommensklassen werden müssten. [Sie könnte höchstens billiger werden, wenn sein bzw. ihr Lebensstandard gesenkt wird. In dem Maß, wie der technische Fortschritt dingliche Güter wie Nahrungsmittel oder Wohnhäuser verbilligt, kann die Gesellschaft Arbeitskraft von der Erzeugung dieser Güter abziehen und solchen sozialen Dienstleistungen zuwenden. Aber nur, wenn das Einkommen der Massen soweit steigt, dass es für mehr reicht als Nahrung, Kleidung und Wohnen und dergleichen. Das geschieht nicht von selber. Nun gibt es in den Industrieländern sehr wohl einen Trend zur „Dienstleistungsgesellschaft“ (Freilich im konventionellen Sinn von „Dienstleistung“). Der beruht allerdings nur zum Teil auf dem technischen Fortschritt in der erzeugenden Wirtschaft, zum Teil aber darauf, dass ein großer Teil der erzeugenden Tätigkeiten in Billiglohnländer ausgelagert ist. Da wir einen immer geringeren Teil unserer Einkommen für diese Produkte schlechtest bezahlter Arbeitskräfte ausgeben müssen, haben wir mehr Geld für Dienstleistungen über und können einen größeren Anteil unserer Bevölkerung in diesem Bereich arbeiten lassen. Doch auch ohne Ausbeutung von Frauen und Kindern in Vietnam oder Kolumbien würden Industrieprodukte immer billiger werden. Das heißt, dass der Konsum von Industrieprodukten (nicht dem Geldwert nach, sondern der Produktmenge nach) spontan auf jeden Fall schneller wachsen würde als der Konsum sozialer Dienstleistungen.] Der Umbau zu einer radikalen Sozialwirtschaft kann also nicht ohne Einschränkung der Marktgesetze geschehen.
Wer aber kann den Marktgesetzen trotzen? Das können Kartelle und staatliche Institutionen. Auch Gewerkschaften sind Kartelle. Schon früh in der Entwicklung des Kapitalismus haben Lohnarbeiter sich zusammengeschlossen, um die Konkurrenz untereinander wenigstens teilweise einzuschränken und durch Kooperation zu ersetzen, und so die Marktgesetze, die ihren Lohn auf das Existenzminimum hinunterzudrücken strebten, in Schach zu halten. Starke Gewerkschaften haben der Entwicklung des Kapitalismus nicht geschadet. Indem sie den Arbeitenden einen höheren Anteil am Sozialprodukt verschafft haben, haben sie nicht zuletzt dafür gesorgt, dass der Wirtschaft besser ernährte, gesündere und besser ausgebildete Arbeitskräfte zur Verfügung standen, als geänderte Produktionsverhältnisse danach verlangten. Die relative Verteuerung der Arbeitskraft hat die Unternehmen zu um so rascherer Rationalisierung, also Produktivitätssteigerung angestachelt, und der höhere Konsum der Massen hat eben auch für den Absatz der Produkte gesorgt. Die Unternehmen befinden sich ja in der paradoxen Situation, dass jedes Unternehmen im Grunde daran interessiert sein muss, dass in der Bevölkerung genug Kaufkraft vorhanden ist, um die Produkte aufzunehmen. Für die Konsumgüterindustrie versteht sich das von selbst, aber auch für die Investitionsgüterindustrie liegt es auf der Hand, dass die Konsumgüterindustrie ihr die Investitionsgüter nur abnehmen kann, wenn die Konsumgüter verkauft werden. Dennoch muss jedes einzelne Unternehmen bestrebt sein, seine Kosten, also auch die Lohnkosten, zu senken.[20] Das Kartell der Arbeitnehmer kann diesen Widerspruch auflösen. Denn überlebenswichtig ist für das einzelne Unternehmen nur, dass es nicht höhere Kosten als die Konkurrenzunternehmen hat. Wenn alle höhere Kosten haben, schadet das dem einzelnen Unternehmen nicht. Ähnliches gilt für alle anderen Faktoren, die die Kosten der Unternehmen zugunsten der Arbeitnehmer oder zugunsten der Gesamtgesellschaft erhöhen, wie Vorschriften, die die Arbeitsbedingungen betreffen, Umweltauflagen oder Qualitätsauflagen.
Konsumentenvereinigungen können die Konkurrenz unter den Käufern einschränken.
Dass Unternehmenskartelle zugunsten ihrer Profite die Konkurrenz untereinander einschränken können, ist bekannt. Können sie es auch zugunsten der Gesellschaft? Gelegentlich kommt es, wenn politische Maßnahmen drohen, zu freiwilligen Selbstbeschränkungen, die sich ganze Sparten auferlegen. Doch zumeist sind es staatliche Auflagen, die die Unternehmen dazu bringen, in gewissen Bereichen zu kooperieren, zum Beispiel, indem alle Unternehmen bestimmte Sicherheitsbestimmungen einhalten.
Doch der Staat nimmt nicht nur durch Vorschriften, sondern auch in seiner Eigenschaft als größter und wichtigster Konsument von Dienstleistungen und Gütern Einfluss darauf, was und in welchen Proportionen die Gesellschaft produziert, auch ohne Zentrale Plankommission. [21]
Die Forderung geht dahin, dass der Staat durch Besteuerung und entsprechende Vorschriften dahin wirkt, dass Produktivitätszuwächse in der Güterproduktion nicht in erster Linie zur Ausweitung der Produktion führen, sondern zur Umschichtung der menschlichen Ressourcen auf soziale Bereiche.
Einfach gesagt: die Verbesserungen bei der Erzeugung von Tomaten und Kühlschränken sollen künftig nicht dazu führen, dass noch mehr Tomaten und Kühlschränke erzeugt werden, sondern dass weniger Menschen in der Erzeugung von Tomaten und Kühlschränken beschäftigt werden und stattdessen mehr ÄrztInnen, LehrerInnen, TennistrainerInnen, SchauspielerInnen etc. mit Tomaten und Kühlschränken versorgt werden.
Das würde sowohl den dinglichen Ressourcenverbrauch mildern als auch den Expansionsdrang verringern. Die freiwerdende Arbeitskraft kann in den sozialen Bereich gelenkt werden, indem von Staat, Stadt, Gemeinde etc. gratis oder billig immer mehr soziale Einrichtungen wie Schulen, Gesundheitsvorsorge, Kulturstätten, Sportstätten etc. etc. zur Verfügung gestellt werden. HiFi-Anlagen sollen teurer werden, Musiklehrer billiger. Die Vielfalt kann gewährleistet werden, indem die Verwaltung dieser Einrichtungen gemeinnützigen Vereinen übertragen wird.
Einwände gegen einen „Versorgungsstaat“ stellen meist die Vorstellung einer Masse passiver Empfänger von Wohltaten in den Raum. Doch worum es geht ist, dass die Menschen, die nicht mehr für die Güterproduktion benötigt werden, hochqualifizierte Dienstleistungen untereinander und natürlich mit den Produzenten der dinglichen Güter austauschen.
Es gibt wohl kaum noch ein Land auf der Welt, wo nicht wenigstens nominell die Schulpflicht besteht. Die Bildung der Bevölkerung den Marktgesetzen zu überlassen, bedeutet, dass Bildung ein Privileg der höheren Einkommensschichten bleibt.
In den meisten Ländern Europas ist auch im Gesundheitswesen die Konkurrenz unter Käufern und Verkäufern durch die allgemeine Versicherungspflicht eingeschränkt. Die Versicherungspflicht mit einkommensabhängigen Versicherungsbeiträgen in Verbindung mit einem staatlich geförderten Gesundheitswesen bedeutet natürlich auch eine Verringerung der Einkommensschere. Auch wer sich keine Villa im Grünen leisten kann, kann sich eine Computertomographie leisten.
Dies nur als Beispiele für Bereiche, wo schon heute breiter Konsens darüber besteht, dass man nicht alles den Marktgesetzen überlassen kann. Schulpflicht und staatlich finanziertes Bildungswesen lassen sich im Übrigen durchaus mit weitgehender Autonomie der Bildungseinrichtungen von der Grundschule bis zur Universität und freier Wahl der Bildungseinrichtungen durch die Eltern bzw. Schüler/Studenten verbinden. Eine radikale Sozialwirtschaft wird Bildung auch nicht bloß in dem Maß zuteilen, wie sie für Beruf und Karriere benötigt wird, sondern wird Bildung als einen Wert für sich und einen wesentlichen Bestandteil der Lebensqualität ansehen; wird eine hohe Allgemeinbildung aller Bevölkerungsschichten als eine Voraussetzung für informierte demokratische Entscheidungen betrachten; und wird davon ausgehen dass Bildung eine, wenn auch keineswegs die einzige, Voraussetzung für kreative Selbstverwirklichung im Gegensatz zur destruktiven Selbstverwirklichung darstellt.
Ein weiterer Bereich, in den Produktivitätszuwächse sinnvoll investiert werden kann, ist die Verbesserung der Qualität statt der Quantität der Produkte, vor allem im Sinn von Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Ein Verbot der Massentierhaltung etwa würde der Überproduktion von Fleisch sofort Einhalt gebieten. Natürlich würde sich Fleisch verteuern, der Fleischkonsum würde auf ein gesünderes Maß zurückgehen. Untere Einkommensschichten müssten zwar durch gewerkschaftliche Maßnahmen für Ausgleich sorgen, wenn ihnen das nicht durch eine Anhebung der staatlich verordneten Mindestlöhne abgenommen wird. Doch andererseits wäre hochwertiges Fleisch dann nicht mehr ein Privileg der höheren Einkommensschichten. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Viehzucht würde sich etwas erhöhen, die Arbeitsplätze in den Schlachthöfen würden freilich weniger werden. Weniger Fleischkonserven würden in Drittweltländer exportiert werden und die dortige heimische Landwirtschaft könnte aufatmen. Die Überschüsse, die sonst in eine weitere Konzentration und Rationalisierung der Fleischproduktion mit noch größerer Überproduktion investiert würden, müssen so in Qualitätsverbesserung, Humanität und Gesundheit investiert werden.
Ähnliche Qualitätsauflagen könnten sinnvoll für andere Bereiche der Landwirtschaft erlassen werden, was Monokulturen, Gebrauch von Pestiziden usw. betrifft, aber auch was den Landschaftsschutz betrifft, die gemischte Nutzung des Freilands für Landwirtschaft, Erholung und Wohnen. Aber natürlich auch für den Wohnungsbau, den Städtebau insgesamt, die Verkehrseinrichtungen, den Schulbau und so weiter. Solche Auflagen würden die Unternehmen zwingen, anstatt in die Verbilligung ihrer Produkte (und damit in die Erhöhung des Ausstoßes) in die Erhöhung der Qualität zu investieren.
Auf längere Sicht würden solche strengen und strengsten Qualitätsauflagen die Einkommensschere zwischen arm und reich verringern.
Wenn bestimmte Produkte nur mehr in höherer Qualität und entsprechend teurer zur Verfügung stehen, können höhere Einkommensschichten das ausgleichen, indem sie die Menge der verbrauchten Produkte reduzieren. Die unteren Einkommensschichten verbrauchen bisher eine gewisse Mindestmenge an Produkten schlechter Qualität. Wenn diese Produkte nun nur mehr in guter Qualität zur Verfügung stehen, kann diese Mindestmenge aber dennoch nicht weiter reduziert werden. Also müssen die Mindesteinkommen angehoben werden, entweder durch staatliche Verordnung oder durch gewerkschaftliche Maßnahmen.
Soziale und ökologische Mindeststandards für Importe wären ebenfalls eine Form der Kooperation unter Konsumenten, die der Konkurrenz um den billigsten Preis Schranken setzen würde und die Kooperation der Arbeitnehmer besonders in den Entwicklungsländern erleichtern und helfen würde, ihren Lebensstandard zu erhöhen, Kinderarbeit abzuschaffen und so weiter. Für die etwas erhöhten Preise würden wir eine Verringerung des Konfliktpotentials in der Welt erhalten, z.B. eine Verringerung des Migrationsdrucks.
Eine radikal sozial und ökologisch orientierte kontrollierte Marktwirtschaft, die nicht auf ständig wachsende Güterproduktion, sondern auf wachsenden Konsum von sozialen Dienstleistungen ausgerichtet ist, würde den Expansionsdrang unkontrollierter marktwirtschaftlicher Entwicklung hemmen und so die Kriegsgefahr mindern.
Alle die schönen Projekte, die Konkurrenz unter Arbeitnehmern, Konsumenten und Unternehmen einzuschränken und durch Kooperation zu ergänzen, scheitern natürlich, wenn sie nicht den gesamten Wirtschaftsraum betreffen. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat eine Entwicklung an Tempo zugenommen, die die Wirtschaftsräume weit über die Grenzen des Einflusses nationaler Regierungen, nationaler Gewerkschaften, Parteien, Konsumentenvereinigungen ausgedehnt hat. Die Entwicklung der Transport- und Informationswege und die Leichtflüssigkeit des Finanzkapitals haben das ermöglicht. In dem Maß, wie den Regierungen die Mittel staatlicher Lenkung aus der Hand glitten, da das Kapital sich ihrem Einfluss immer leichter entzog, gewannen die Theorien des Neoliberalismus oder Marktfundamentalismus, wie George Soros ihn nennt, wieder an Einfluss. Ein Schreckgespenst geht um in der globalisierten Wirtschaft, das heißt Kapitalflucht. Die Konkurrenz der Wirtschaftsstandorte um das flüchtige Kapital macht Regierungen, Gewerkschaften und andere national organisierte Kräfte erpressbar.
Um Projekte wie das eines radikalen Sozialstaats durchzuführen, muss die Souveränität der Politik über die Wirtschaft wiedergewonnen werden. Der Wirtschaftsraum und der politische Raum müssen wieder zur Deckung gebracht werden. Eine Weltwirtschaft erfordert eine Weltregierung. Das klingt erschreckend. Zu recht. Eine demokratische Weltregierung ist kaum vorstellbar. Demokratie erfordert, dass alle BürgerInnen die für die Entscheidungen notwendigen Informationen erhalten. Das ist schon in einem kleinen Land wie Österreich höchst problematisch, in einem Raum von der Größe der EU eigentlich schon unmöglich.
Die Alternative dazu ist den Wirtschaftsraum
zu verkleinern. Das Streben nach Autarkie gilt als total überholtes Konzept,
höchstens für Kriegszeiten akzeptabel. In Kriegszeiten streben Staaten danach,
wirtschaftlich unabhängig zu sein, lösen Verflechtungen auf, verzichten darauf,
die billigsten Rohstoffe zu verwenden und ersetzen sie durch teurere
Ersatzstoffe, weil die durch wirtschaftliche Unabhängigkeit erreichte
militärische Beweglichkeit höher eingeschätzt wird. Warum soll ein Land,
eine Ländergruppe, nicht nach wirtschaftlicher Autarkie streben, um die
Bewegungsfreiheit für ein Sozial- und Friedensprogramm zu bekommen? Erdöl zu
verbrennen mag billiger sein als Solarenergie einzufangen. Doch wenn das
Verteidigen von „Ölinteressen“ in fernen Ländern einen Weltbrand auslöst, sind
die Kosten zu hoch.
Dass jeder Wirtschaftsraum nur das erzeugen soll, was er am billigsten erzeugen kann, ist zu kurz gedacht, wenn der Preis, den wir für niedrige Preise zahlen, die Aufgabe der Souveränität der Gesellschaft über ihr eigenes Schicksal ist.
Für entwickelte Industriestaaten wäre also dieses Programm aufzustellen: Abkopplung vom Weltmarkt. Streben nach größtmöglicher wirtschaftlicher Autarkie, um sich von den Sachzwängen der Standortkonkurrenz zu befreien und eine kontrollierte Marktwirtschaft zu ermöglichen. Die Konkurrenz der Unternehmen soll bestehen bleiben, doch in einem vom Konsens der Gesellschaft bestimmten Rahmen. Abschöpfung der Produktivitätszuwächse durch garantierte Grundversorgung, stetige Anhebung der Mindesteinkommen, stetige Anhebung der Qualitäts-, Sozialverträglichkeits- und Umweltverträglichkeitsanforderungen, stetige Ausweitung des durch Steuern, also gemeinschaftlich finanzierten – aber deswegen nicht unbedingt staatlich kontrollierten - Sozial- und Bildungswesens, der Wissenschaft und der Kunst.
Keine der letztgenannten Forderungen ist besonders originell. Sie werden gewöhnlich mit der Notwendigkeit von mehr sozialer Gerechtigkeit und der Erhaltung unserer Umwelt begründet. Hier sollte aufgezeigt werden, dass sie, mit der nötigen Radikalität durchgeführt - nämlich bis zur Abschöpfung des gesamten Produktivitätszuwachses, auch der Erhaltung des Friedens dienen würden.
In seinem Buch „The Logic of Collective Action“ („Die Logik kollektiver Aktion“) behandelt Mancur Olson ein strukturelles Problem der Kooperation (Olson 1965). Olson weist nach, dass in einer Gruppe „rational ihr Eigeninteresse verfolgender Individuen“ ab einer bestimmten Größe gemeinsame Interessen auch dann nicht verfolgt werden, wenn allen Mitgliedern der Gruppe klar ist, dass alle Mitglieder der Gruppe besser fahren würden, wenn alle ihren Beitrag leisten würden. Olson spricht von einem kollektiven Gut, das ist ein Gut, an dem alle Gruppenmitglieder teilhaben, unabhängig davon, ob sie ihren Beitrag geleistet haben (Z.B.: Wenn auch nur ein Teil der Stadtbewohner von Braunkohlenheizung auf Erdgas umsteigt, wird die Luft für alle sauberer).
Wenn die Gruppe klein genug ist, dass der Nutzen, den ein einzelnes Mitglied vom Einsatz für die gemeinsame Sache hat, seinen Aufwand auch dann noch übertrifft, wenn es als einziges seinen Beitrag leistet, dann ist anzunehmen, dass alle ihren Beitrag leisten werden.
Wenn die Gruppe so groß ist, dass der Beitrag des einzelnen Mitglieds keinen merklichen Unterschied macht, so ist anzunehmen, dass das einzelne Mitglied seinen Beitrag nicht leisten wird. Denn es kann dadurch weder den Gesamtnutzen noch seinen individuellen Anteil daran erhöhen, noch auch nur durch gutes Beispiel andere ermuntern, auch ihren Beitrag zu leisten. Jedes Mitglied wird also versuchen, als Trittbrettfahrer auf Kosten der Allgemeinheit seinen Nutzen zu beziehen, und so ist zu erwarten, dass kein Mitglied seinen Beitrag leisten wird und die gemeinsamen Interessen nicht erreicht werden.
Zwischen den beiden Extremen liegt der Bereich, in dem der Beitrag oder Nichtbeitrag des einzelnen Mitglieds einen merkbaren Unterschied macht. Vor allem in dem Fall, dass Kooperation auf irgend eine Weise bereits hergestellt ist, kann das einzelne Gruppenmitglied davon ausgehen, dass die Kooperation gefährdet wäre, wenn ein Mitglied seinen Beitrag nicht leistet. Denn für die anderen würde sich ihr Verhältnis von Aufwand zu Nutzen merklich verschlechtern, und ihre Versuchung, selbst Trittbrettfahrer zu werden, würde sich vergrößern.
Die genauen Zahlenverhältnisse hängen natürlich von der Natur des kollektiven Guts ab, von dem jeweiligen Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen und von der jeweiligen Schwelle, ab der eine Änderung des Nutzens von den Gruppenmitgliedern wahrgenommen werden kann.
Leicht einzusehen ist aber, dass in relativ kleinen Gruppen Kooperation für ein gemeinsames Gut spontan zustande kommen kann, in mittleren Gruppen prekär ist, und in großen Gruppen ohne zentrale Lenkung nicht zustande kommen wird.
Dies unter der Voraussetzung, dass die Gruppenmitglieder nicht anders miteinander kommunizieren als durch das Leisten oder Nichtleisten ihres Beitrags für die gemeinsame Sache.
Worauf Olson nicht eingeht, sind dezentrale Abmachungen und gegenseitige Kontrolle von unten. Durch solche Maßnahmen kann Kooperation auch in größeren Gruppen erreicht werden. Doch Beratungen und Vereinbarungen kosten Zeit und auch andere Ressourcen, desgleichen gegenseitige Kontrolle. Es ist klar, dass bei Beratungen zwischen jedem Mitglied und jedem anderen Mitglied die Beratungskosten rascher als die Gruppengröße wachsen. (n Mitglieder brauchen 1 + 2 + 3 + ... + n - 1 Gespräche um die Kooperation zu vereinbaren bzw. 1 + 2 + 3 + ... + n – 1 Kontrollbesuche in regelmäßigen Abständen).
Je geringer die Beratungs- und Kontrollkosten, um so größer kann die Gruppe sein, die zu freiwilliger Kooperation imstande ist (Informationstechnologien, die Beratung und Kontrolle verbilligen, kommt hier ebenso eine Rolle zu wie geschickter Organisation, z.B. einem Delegiertensystem, das ebenfalls die Beratungskosten drastisch verringern kann).
Doch auch unter Einbeziehung von Beratung und aktiver Kontrolle können die Grenzen für funktionale Gruppengrößen wohl nach oben verschoben werden, doch nicht unbegrenzt.
Es ist leicht einzusehen, dass bei einer bestimmten Gruppengröße es für das einzelne Mitglied zwar nicht mehr rationell erscheint, allein die ganze Arbeit zu machen. Es kann aber sehr wohl noch rationell sein, es auf sich zu nehmen, mit den anderen Gruppenmitgliedern zu reden und sie vom Vorteil gemeinsamen Handelns zu überzeugen. Wird die Kooperation erreicht, kann der Nutzen auch für die erste Missionarin noch ihren Aufwand übertreffen. Ab einer gewissen Gruppengröße verschwindet aber die Chance, dass die Missionarin jemals ihren Aufwand hereinbekommt. Hier können dann nur mehr irrationale Momente, wie das Gewissen, Nächstenliebe und dergleichen weiterhelfen.
Olsons Schlussfolgerung ist, dass Kooperation spontan nur in kleinen Gruppen möglich ist, in großen Gruppen durch zentrale Lenkung erzwungen werden muss. [22][23]
Ohne zentrale Kontrolle gibt es also Kooperation zwischen „rational im Eigeninteresse handelnden Individuen“ für ein kollektives Gut nur in sehr kleinen Gruppen. Obwohl wirkliche Menschen der Abstraktion des „Homo oeconomicus“ nicht voll entsprechen und durchaus auch eine angeborene Bereitschaft zur Kooperation haben, und durch irrationale Motive wie Tradition und anerzogene Ideale gelenkt werden, finden wir die Bestätigung in der wirklichen Welt. Gruppen etwa von der Größe der Sammler- und Jägerhorde können spontan kooperieren. Durch Gespräche und Vereinbarungen lässt sich Kooperation für ein gemeinsames Gut auch für größere Gruppen erzielen, Gruppen von der Größe einer Dorfgemeinschaft etwa. Doch die Verhandlungskosten wachsen mit der Größe der Gruppe. Gruppen von der Größe der griechischen Polis konnten sich in der Volksversammlung gerade noch mündlich verständigen, sie diskutierten und stimmten in Gruppen ab. Auch germanische Stämme zur Zeit des Tacitus oder der Irokesenbund waren zu dieser Form der direkten Demokratie imstande. Doch wird bei dieser Gruppengröße schon eine Zentralgewalt sichtbar.
Ein jedes zahlt gern den Mitgliedsbeitrag im Kegelverein. Denn jedes Mitglied eines Kegelvereins weiß ziemlich genau, was es für seinen Mitgliedsbeitrag bekommt, kann mitbestimmen, wie die Gelder verausgabt werden und der Versuch, sich zu drücken, würde auch sofort auffallen und durch Ächtung oder Ausschluss bestraft werden.
Niemand jedoch zahlt gern Steuern. Jeder, der die Möglichkeit hat, reduziert seine Steuern so weit es geht, ein ganzer Berufsstand lebt davon, Menschen zu beraten, wie sie ihren Beitrag für die Gemeinschaft möglichst gering halten können. Warum, ist klar: Das einzelne Mitglied der Gesellschaft hat keinen Überblick über die Verwendung der Steuern, kann praktisch nicht darüber mitbestimmen, und niemand bekommt die Folgen seiner legalen und illegalen Steuerspartricks zu spüren in der Form, dass etwa die Spitalsleistungen sich wegen dieser einen Beitragsverweigerung in irgend einer merkbaren Weise verschlechtern würden.
Die Theoretiker des Anarchismus können also einige Gründe für ihre Forderung in Anspruch nehmen, den Staat abzuschaffen und alle Entscheidungsgewalt der Gemeinde zu übertragen.
Globale Probleme müssen freilich global gelöst werden und kontinentale Probleme kontinental. Doch nicht jedes Problem ist ein globales oder kontinentales.
Aus der Logik der kollektiven Aktion folgt auch, dass 5 Staaten unter sich leichter kooperieren und den Trittbrettfahrereffekt vermeiden können als 180 Staaten. Dass 10 Gemeinden eher ein gemeinsames Ziel erreichen können als 10.000. Dass Einrichtungen im Gemeinschaftsbesitz eines Wohnblocks pfleglicher behandelt werden als Einrichtungen im anonymen Staatsbesitz.
Vom Standpunkt der Kooperation und der Vermeidung ungewollter Trittbrettfahrer-Effekte ist es also wünschenswert, möglichst viel Entscheidungsgewalt (mitsamt den zugehörigen Budgets) auf die möglichst kleinsten gesellschaftlichen Einheiten zu übertragen: Auf den Trägerverein des Kulturhauses, den Eltern-Lehrer-Schüler-Ausschuss, auf den Bezirk, die Gemeinde, das Land.
Das heißt auch, Produktions- und Lebenszusammenhänge nach Möglichkeit wieder zusammenzuführen. Es macht einen Unterschied, ob man die Luft dort verschmutzt, wo man wohnt, oder irgendwo anders. Auch in diesem Sinn ist es wünschenswert, Produktion so weit wie möglich zu dezentralisieren (Z.B. in der Energieproduktion zeichnen sich solche Möglichkeiten bereits ab. Dass in die gesellschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung beim Vergleich Windkraftwerke vs. Atomkraftwerke nicht nur der Preis der Kilowattstunde eingehen darf, beginnt sich herumzusprechen)
Funktionierende Kooperation erfordert natürlich auch informierte Teilnehmer. Umfassende Bildung und umfassender Informationszugang für alle ist entscheidend und muss als wichtiger angesehen werden als Staats-, Betriebs- und Bankgeheimnisse und dergleichen.
Wenn es stimmt, dass alle bisherige Geschichte die Geschichte der Selbstorganisation der menschlichen Kultur ist, können wir dann überhaupt lenkend eingreifen? Können die Ameisen über das Schicksal der Kolonie bestimmen? Können die Zellen die Handlungen des Organismus bestimmen? Wir haben gesehen, dass die Kolonie sich nicht um das Wohlergehen der einzelnen Ameise schert, nur um ihr Funktionieren; dass die Zellen den Erfordernissen des Organismus genügen müssen; dass nicht die Menschen die Gesellschaft machen, sondern die Gesellschaft die Menschen.
Gesellschaften sind Superorganismen, die ihren eigenen Entwicklungsgesetzen unterworfen sind und sich nicht um das Glück der Glieder, aus denen sie bestehen, kümmern, genau so wenig wie eine Ameisenkolonie am Wohlergehen der einzelnen Ameise interessiert ist. Auch die Könige, Tyrannen, Feldherren, Wirtschaftsbosse und Politiker sind nur Zellen dieser Organismen. Der Herrscher, der zu viel in Luxus und zu wenig in die Armee investiert, wird sein Reich verlieren. Der gütige Herrscher, der seinen Untertanen zu wenig Tribut abnimmt, wird nicht genug Ressourcen für seine Armeen haben und sein Reich an den habgierigeren Herrscher verlieren, ebenso wie der, der seine Untertanen durch zu großen Aderlass zu sehr schwächt. In der Konkurrenz der Reiche setzt sich dasjenige durch, dessen innere Struktur, also das Verhältnis zwischen Herrscher, Kriegern, Intellektuellen und Produzenten am effektivsten ist. Halsstarrige Untertanen, die dem Herrscher den Tribut verweigern, können das Reich schwächen und der Eroberung durch ein Reich aussetzen, das gehorsamere Untertanen hat. Doch gelegentlich fordern neue Entwicklungen wie Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft, Entstehung der Industrie eine Veränderung der Gesellschaftsstruktur. Die Aufstände geschehen unter Anrufung hoher Ideale wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und münden in der Entstehung effizienterer Strukturen zur Beschleunigung des Fortschritts. Der Kommunismus hat weder den Interessen der Arbeiter und Bauern gedient, noch den Interessen der Parteinomenklatura, sondern der Ausbreitung des Kommunismus. Die globale Marktwirtschaft dient nicht den Interessen der Arbeitnehmer noch denen der Unternehmer noch denen der Finanzmagnaten, sondern der Ausbreitung der globalen Marktwirtschaft.
Können die Ameisen die Entwicklung der Ameisenkolonie beeinflussen? Können die Ameisen eine Ameisenkolonie schaffen, in der das geschieht, was die Ameisen glücklich macht, und nicht das, was die Ausbreitung der Kolonie fördert? In der die Ameisen, alle Ameisen, sich auf individuelle Art selbst verwirklichen können? Können die Ameisen die Kolonie zu einer egalitären, nicht expansiven Struktur umbauen?
Eine Chance liegt möglicherweise darin, dass wir es heute bereits mit einer Weltgesellschaft zu tun haben. Die egalitären Gesellschaften konnten sich gegen die ausbeuterischen nicht halten, weil die ausbeuterischen effizienter waren und sind. Doch die Menschheit als Ganzes hat keinen Konkurrenten. Ein Organismus, der nicht konkurrieren muss, der keinem Selektionsdruck ausgesetzt ist, mit dem kann alles mögliche geschehen. Er kann stagnieren, degenerieren, oder möglicherweise sogar von seinen Zellen übernommen werden.
Voraussetzung dafür ist, dass wir eine Möglichkeit finden, uns aus dem Gefangenendilemma zu befreien. Das Gefangenendilemma zeigt, dass die Ergebnisse menschlichen Handelns so miteinander verstrickt sein können, dass jeder, indem er das tut, was für ihn selbst am besten ist, sich selbst und den anderen schadet. Aber das Gefangenendilemma entsteht überhaupt erst dadurch, dass die beiden Gefangenen nicht miteinander kommunizieren können. Könnten sie miteinander Verbindung aufnehmen, dann könnten sie sich auf das Vorgehen einigen, das für sie beide das Beste ist. Der Schlüssel liegt also in der Kommunikation. Wie aber können sechs, acht, zehn Milliarden Menschen miteinander kommunizieren und sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen? Oder genügen zunächst ein paar Millionen? Wie groß müsste ein Wirtschaftsraum mindestens sein, in dem eine radikal sozial und ökologisch orientierte gelenkte Marktwirtschaft getestet werden könnte?
Eine Chance liegt jedenfalls darin, dass auch das Nachdenken über Gesellschaftsmodelle eine Möglichkeit ist, den Kultutrieb, den Drang nach Kreativität und Selbstverwirklichung zu befriedigen.
Mit der Entstehung des menschlichen Bewusstseins ist die Selbstorganisation des Lebendigen in eine neue Phase getreten: Der spontane Prozess reflektiert sich im menschlichen Bewusstsein, und die Menschheit – obwohl immer noch Teil des spontanen Prozesses - greift aktiv in den Prozess ein – Landwirtschaft, Viehzucht, Handwerk und Industrie haben den Entwicklungsprozess der Biosphäre in von Menschenwesen gewünschte Bahnen gelenkt. Die Menschheit schafft selbst die Umwelt, die die weitere biologische und kulturelle Evolution der Menschheit bestimmt. So wird das Menschenwesen immer mehr zum Erschaffer seiner selbst. Mit dem aktiven Eingriff in die Keimbahn wird gerade ein neuer Schritt der Selbstmodifikation des Selbstorganisationsprozesses vorbereitet. Gleichzeitig zögern die Menschen, in den Entwicklungsprozess des ihnen übergeordneten Systems, der Gesellschaft, aktiv und planmäßig einzugreifen. Tun sie das aber nicht, besteht einerseits die Gefahr von positiven Rückkopplungen, die zur Selbstzerstörung der Menschheit führen können, andererseits die Gefahr, dass Menschen immer mehr zu hilflosen Rädchen und Schräubchen des Superorganismus Wirtschaft degradiert werden, nicht eigenständiger als Leberzellen oder Blutkörperchen in einem Organismus, auf dessen Handlungen sie keinen Einfluss haben. Eine Menschheit, deren Glieder miteinander wetteifern, einander immer noch mehr von Industrierobotern hergestellte Dinge zu verkaufen, läuft Gefahr, sich selbst zu zerstören. Eine Menschheit, deren Glieder miteinander wetteifern einander zu pflegen, zu heilen, zu unterhalten und zu belehren, hat Aussicht auf Fortbestand.
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[1] Dass diese drei Erscheinungen hier in einem Atemzug genannt werden, heißt nicht, dass sie untrennbar verbunden sind. Es gibt Erscheinungsformen des Kriegs, die nicht der Unterwerfung des Gegner dienen und daher auch nicht zu seiner Ausbeutung, und natürlich wurden und werden nicht nur unterlegene Kriegsgegner ausgebeutet. Trotzdem gehören die drei Phänomene eng zusammen, wie noch zu zeigen sein wird.
[2] Schon bei der Bildung der Materie spielen die zwei Faktoren Zufall und Auslese eine Rolle. Zur Veranschaulichung stelle man sich eine große Anzahl einfacher Legosteine vor, die in einem großen Gefäß heftig geschüttelt werden. Durch das Schütteln werden einige Steine aneinander haften bleiben. Doch es werden sich nur dann Steine verbinden, wenn die Oberseite eines Steines (mit den Druckknöpfen) an die Unterseite eines Steins (mit den entsprechenden Öffnungen) gepresst wird. Und auch da nur solche, die parallel oder rechtwinklig aneinandergepresst werden (mit dem kleinen Spielraum, den die Elastizität des Plastiks bietet). Alle Steine, die durch Zufall in anderen Konstellationen aneinandergepresst werden, fallen wieder auseinander. Das zufällige Schütteln wird die Steine in allen nur denkbaren Winkeln und Konstellationen aneinander pressen, doch die inneren Eigenschaften der Steine selbst (mit rechtwinklig angeordneten Knöpfen an der Oberseite, ebenso gerichteten Öffnungen an der Unterseite und glatten Seitenwänden) wie auch die äußeren Bedingungen (Größe des Gefäßes, Intensität des Schüttelns) selektieren aus den unendlich vielen vom Zufall herbeigeführten Konstellationen die viel kleinere (aber vielleicht auch unendliche) Zahl von möglichen stabilen Konstellationen. Welche Konstellationen tatsächlich realisiert werden, lässt sich nicht voraussagen, aber es lassen sich Konstellationen nennen, die von vornherein unmöglich sind.
In den Quarks mit ihren sechs „Flavours“ und drei „Farben“ ist schon angelegt, zu welchen Teilchen sie sich verbinden können – und zu welchen nicht. Welche Quarks im Wirbel des Urknalls zusammenstoßen, ist zufällig. Doch zu Teilchen verbinden können sich nur solche, die zusammen „weiß“ sind, ein „rotes“, ein „grünes“ und ein „blaues“, oder ein Quark beliebiger „Farbe“ mit seinem Antiquark in der entsprechenden „Antifarbe“. (Hawking 1988) Verbinden können sie sich auch nur unterhalb einer bestimmten Temperatur des Universums. Es sind also innere und äußere Bedingungen, die selektieren.
In den materiebildenden Teilchen, den Protonen, Elektronen, Neutronen, ist angelegt, zu welchen Atomen sie sich verbinden können – und welche davon stabil bleiben. An welcher Stelle einer Supernova-Explosion welches Proton mit welchem Elektron zusammenstößt, ist zufällig. Aber nicht jedes beliebige Konglomerat von Protonen, Elektronen und Neutronen bildet ein Atom. Und nicht jedes Atom ist stabil. Nur bestimmte Zahlenverhältnisse sind möglich, bestimmt durch Ladung, Gravitation, starke und schwache Kernkraft.
In den Atomen mit ihren Bindungskräften (bestimmt durch die Zahl der Elektronen in der äußersten Schale) ist angelegt, zu welchen Molekülen sie sich verbinden können. Die Zahl der stabilen und wenigstens zeitweilig stabilen Elemente ist gering, 109 kennt man bis jetzt. Doch diese verbinden sich unter Energiezufuhr zu einer anscheinend unbegrenzten Vielzahl von Molekülen.
[3] „Schon mein Lehrer Bertalanffy hat ja darauf aufmerksam gemacht,
dass erst mit der Vielzelligkeit der Tod als Programm in die Welt kam, mit dem
Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusststein die Angst, und, wie wir
hinzufügten, mit dem Besitz die Sorge.“ (Riedl 2000)
[4] „I shall argue that a predominant
quality to be expected in a successful gene is ruthless selfishness. This gene
selfishness will usually give rise to selfishness in individual behavior”
[5] “If you look at the way natural selection works, it seems to follow that
anything that has evolved by natural selection should be selfish. Therefore we
must expect that when we go and look at the behavior of baboons, humans, and
all other living creatures, we shall find it to be selfish. If we find that our
expectation is wrong, if we observe that human behavior is truly altruistic,
then we shall be faced with something puzzling, something that needs explaining.”
[6] Die
Soziobiologie setzt das Verhalten der Lebewesen in Beziehung zu den
Verwandtschaftsverhältnissen unter ihnen. Die kompliziertesten
Verwandtschaftsgrade werden berechnet und daraus Voraussagen getroffen, wie
viel das Individuum unter verschiedenen Bedingungen in diese oder jene
Beziehung „investieren“ sollte, um den größtmöglichen Fortpflanzungserfolg
seiner Gene zu erzielen. Und tatsächlich finden sie, dass die Tiere sich oft
genug den Ergebnissen der Berechnungen entsprechend verhalten. Ich möchte es
noch einmal hervorheben: Die Verbreitung oder Nichtverbreitung von Kooperation
oder Konkurrenzverhalten hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der solches
Verhalten Individuen fördert, die es ebenfalls aufweisen, also die Gene,
die zu diesem Verhalten beitragen. Die Wahrscheinlichkeit, ob diese
speziellen Gene beim geförderten Individuum vorhanden sind, hängt davon ab,
welchen Anteil das geförderte Individuum an der Gesamtheit der Gene des
Förderers hat. Im Ergebnis verhält sich das Individuum, als ob es daran
interessiert wäre, einen möglichst hohen Prozentsatz all seiner Gene in
Umlauf zu bringen. Natürlich betonen die Forscher, dass es sich dabei um ein
quasirationales Verhalten handelt und dass den Tieren der Sinn ihres Verhaltens
selbst nicht bewusst ist. Meist in der Einleitung und vielleicht noch einmal am
Schluss des Buches. Dazwischen verwenden sie gern eine Sprache, die den
Eindruck erweckt, die Tiere und Pflanzen wären berechnende Kaufleute, die
bestrebt sind, ihren Profit (ihren Fortpflanzungserfolg) zu maximieren. Das
mathematische und begriffliche Instrumentarium, das die Ökonomen erarbeitet
haben, um Verhältnisse zwischen ihren Nutzen maximierenden Individuen zu
analysieren, eignet sich für die Soziobiologie sehr gut. Hier zeigt sich schon,
dass hier Parallelen nicht nur zwischen den beiden Wissenschaften, sondern eben
auch zwischen den von ihnen untersuchten Bereichen der Wirklichkeit bestehen.
Und in beiden Bereichen kann, wie noch zu zeigen sein wird, die Maximierung des
individuellen Nutzens dem Gesamtnutzen abträglich sein.
[7] Lohnend ist
dieser Expansionimus freilich nicht für die Art als Ganzes, sondern für die
Fortpflanzung der Gene der jeweiligen Kolonie. Bislang hat allerdings diese
innerartliche Aggression den gigantischen Erfolg der Gattung anscheinend nicht
merklich bremsen können.
Sobald
Arbeitsteilung vorhanden ist, entsteht ein Selektionsdruck in Richtung immer
größerer Flexibilität des Verhaltens und immer verbesserter Kommunikation. Bei
den Ameisen geschieht diese Kommunikation vor allem durch Duftstoffe,
Pheromone, mit denen sie sich gegenseitig steuern. Es ist diese Flexibilität,
die so erstaunliche und menschenähnliche Verhaltensweisen ermöglicht wie zum
Beispiel das Anlegen von Pilz- und Pflanzengärten, das Melken und Pflegen von
Blattläusen (Ameisen bringen die Blattläuse sogar in den Stock, um sie da zu
überwintern, und bringen sie im Frühjahr wieder auf die Weide) und sogar
rudimentären Werkzeuggebrauch.
Honigtopf-Ameisen
jagen Termiten. Wenn eine Honigtopf-Späherin eine Termitengruppe entdeckt,
läuft sie zurück zum Nest und hinterlässt dabei eine Duftspur. Wenn sie
Nestkolleginnen begegnet, stößt sie sie mit dem Körper an. So rekrutiert sie
einen Beutetrupp, der sich auf den Weg zu den Termiten macht. Gibt es in der
Nähe einen anderen Stock von Honigtopf-Ameisen, laufen einige vom Trupp wieder
zurück und rekrutieren eine weitere Abteilung, die zum gegnerischen Stock eilt
und die dortigen Ameisen in eine Konfrontation verwickelt, ihre Divisionen also
beim Stock bindet, um sie daran zu hindern, selbst unter den Termiten Beute zu
machen.
Honigtopf-Ameisen lassen sich allerdings nur selten auf blutigen Kampf ein. Habe ich oben gesagt, dass Ameisen sich das Kriegführen leisten können, so können sie es sich doch nicht unbegrenzt leisten. Auch hier ist im Vorteil, wer eigene und gegnerische Kräfte abschätzen und einen unnützen Kampf vermeiden kann. Honigtopf-Ameisen haben das „gelernt“ und ihre Auseinandersetzungen beschränken sich meistens auf Imponier- und Droh -Turniere. Ist aber eine Kolonie ungefähr zehnmal so stark wie die gegnerische, fällt sie erbarmungslos über sie her und vernichtet sie. Denn wer imstande ist, die eigene Überlegenheit zu erkennen und rücksichtslos auszunutzen, erhöht natürlich auch seine Fortpflanzungschancen.
[8] Fromm zielt
hier schon ab auf das Gegensatzpaar „Biophilie“ und „Nekrophilie“ („Liebe zum
Leben“ und „Liebe zum Tod“), die er als Extrempunkte menschlicher
Leidenschaften sieht – gewissermaßen als Korrektur und Weiterentwicklung zu
Freuds „Eros“ und „Thanatos“. (Freud 1920)
Fromm
sieht den Drang, etwas zu bewirken, nicht als angeborenen Trieb, sondern als
„existenzielles Bedürfnis“. Zu diesen zählt er auch das Bedürfnis nach
Orientierung und Hingabe, nach Verwurzelung und Einheit. Ihre Wurzeln sieht er
in den besonderen Bedingungen menschlicher Existenz: „Mit diesem Bewusstsein
seiner selbst und mit dieser Vernunft begabt, ist sich der Mensch seiner
Getrenntheit von der Natur und von anderen Menschen bewusst; er ist sich seiner
Machtlosigkeit und seiner Unwissenheit bewusst; und er ist sich seines Endes
bewusst: des Todes.“ (Fromm 1973)
Das
ist freilich eine philosophische Erklärung und keine naturwissenschaftliche.
Die Hypothese, dass es sich um ein durch sexuelle Selektion angezüchtetes
Programm handelt, ist die einfachere, steht im Einklang mit anderen
Erkenntnissen der Evolutionsbiologie und kommt mit weniger Annahmen aus. Wobei
noch zu betonen ist, dass die beiden Erklärungen einander nicht vollständig
ausschließen. Die subjektive Motivation für eine Handlung muss mit ihrer
objektiven Wirkung nicht unbedingt in Beziehung stehen. (Sex führt zur
Fortpflanzung, auch - und gerade! -, wenn die Sexualpartner nicht wissen, woher
die kleinen Kinder kommen. Subjektiv betreiben sie Sex aus Spaß an der Freude,
das objektive Ergebnis sind Nachkommen. Ob ich Knoblauch esse, weil er eine
heilige Pflanze ist, oder weil er mir schmeckt, oder weil ich von seiner
Heilkraft weiß – seine antibiotischen Bestandteile werden in jedem Fall ihre
keimtötende Wirkung entfalten. Ob ich einen Baum male, weil ich „halt Lust dazu
habe“, weil ich den Gott des Baumes ehren will, weil ich mein Haus schmücken
will, weil ich einem Mädchen imponieren will oder weil ich damit meine inneren
Ängste beschwichtigen kann – an der Aussagekraft des Bildes über meine
visuellen, manuellen und koordinativen Fähigkeiten wird das nichts ändern wie
auch darüber, dass auch all meine anderen Fähigkeiten oder Lebensumstände so
sind, dass ich es mir leisten kann, einen Teil meiner Zeit dieser brotlosen
Kunst zu widmen.)
[9] So wie die kulturelle Errungenschaft der Impfung verhindert, dass Menschen ohne angeborene Immunität einen Fortpflanzungsnachteil haben gegenüber den immunen. Angeborene Immunität kann sich also in der Population nicht mehr durchsetzen.
[10] Ganz ausschließen lassen sich blutige Kriege freilich nicht, da sie auch unter unseren nahen Verwandten, den Schimpansen vorkommen können. Goodall beschreibt, wie sich eine kleine Gruppe von Schimpansenmännchen von der Stammgruppe löste und eine eigene Gruppe bildete. Im Lauf der Jahre wurden die Abtrünnigen einer nach dem anderen von Mitgliedern der Stammgruppe ermordet. (Goodall 1990) Über Krieg bei unseren nächsten Verwandten, den Bonobos (Zwergschimpansen), ist nichts bekannt.
[11] Wobei die San (Buschmänner) sich allerdings durch eine hohe Mordrate (vor allem aus Eifersucht) auszeichnen. (Eibl-Eibesfeldt 1984)
[12] In der
biologischen Evolution finden wir vergleichbare Erscheinungen: Eine bestimmte
genetische Mutation tritt in einer Population auf, ohne besonders zu stören
oder zu nützen. Z.B. eine Veranlagung für ein dichteres Haarkleid. Individuen,
die das Gen von nur einem Elternteil erben, werden es weitergeben, ohne selbst
einen dichten Pelz zu bekommen. Individuen, die es von beiden Elternteilen
erben, werden unter größerer Hitze leiden und einen Fortpflanzungsnachteil
haben. Doch nun tritt ein Klimawandel ein, es wird kälter, und nun haben die
Individuen mit dichterem Pelz einen Vorteil. Da die weniger behaarten öfter
krank werden und sterben, steigen die Chancen, dass zwei dichtbehaarte
Individuen sich paaren und dichtbehaarte Nachkommen kriegen. So setzt sich das
Pelzgen, das vorher eine Ausnahmeerscheinung war, durch.
Ähnlich können auch in der kulturellen Evolution Abweichungen von der Norm unter geänderten Bedingungen sich als Vorteil erweisen und zur Entwicklung einer neuen Norm beitragen.
[13] Auch heutige Jäger, wie die Buschmänner Südafrikas, unternehmen gern Beutezüge gegen benachbarte Bauernsiedlungen, wobei sie es heute vor allem auf deren Vieh abgesehen haben. (Eibl-Eibesfeldt 1984)
[14] Die
Viehzüchternomaden können sich noch am besten der Unterwerfung durch das Reich
entziehen. Das Reich beruht auf den Getreideüberschüssen, die man den Bauern
abnehmen kann. Die Nomaden können ausweichen in die Wüsten und Steppen und
plagen noch jahrtausendelang die Reiche mit ihren räuberischen Überfällen. Wenn
das Reich stagniert, zuviel in Luxus und demonstrative Verschwendung investiert
statt in militärische Macht, gelingt es den Nomaden, das Reich zu erobern und
sich selbst zur herrschenden Klasse aufzuwerfen. Doch diese Herrschaft hat nur
Bestand, wenn sie sich die Kultur des Reichs zu eigen machen und
weiterentwickeln.
[15] Der Wert der
Produkte menschlicher Arbeit wurde in Geld gemessen, Metallstücken, deren
Zusammensetzung und Gewicht standardisiert war und durch einen Prägestempel
leicht kenntlich. Das war eine lydische Erfindung, die die Griechen von ihren
Nachbarn übernommen hatten. Doch nicht nur Waren konnten in Geld bewertet
werden, auch Tätigkeiten wie das Holzhacken oder ein Sexualakt. Die Arbeit
selbst wurde zur Ware.
Steuern und Abgaben wurden in Geld entrichtet, und auch die Opfer an die Götter. Die entlegensten Dinge, die zuvor nicht vergleichbar und messbar gewesen waren, wie etwa ein Gedicht, ein Liebesakt und ein Stück Brot, bekamen nun einen gemeinsamen Nenner. Auch wer nicht lesen und schreiben konnte, musste zählen und rechnen können. Die Gewohnheit, von konkreten Eigenschaften, Qualitäten, abzusehen und im Vergleich alles auf Quantitäten zu reduzieren, nämlich auf den Wert in soundsoviel Silbermünzen, förderte abstraktes Denken. So ist es kein Wunder, dass der älteste bekannte Philosoph, Thales, ein Kaufmann war, der die mathematischen Erkenntnisse der Ägypter weiterentwickelte, und dass er überlegte, welches der Urstoff, der gemeinsame Nenner alles Seienden sein könne, und auf das Wasser kam. Noch abstrakter dachte sein Zeitgenosse Anaximandros, der als Urprinzip ein Unbestimmtes und Grenzenloses annahm, das apeiron, während Anaximenes, der dritte Milesier, den gemeinsamen Nenner, auf den alles reduziert werden könne, in der Luft sah.
[16] "Die Produktivität der sowjetischen Industrie hat den internationalen Standard noch nicht erreicht. Bis 1975 hat sie die Arbeitsproduktivität im Verhältnis zu den USA schneller steigern können. Sie erzielte Mitte der siebziger Jahre 55 % der Arbeitsproduktivität der amerikanischen Industrie. In den letzten zehn Jahren konnte dieser Abstand jedoch nicht mehr verringert werden. Aus der Veröffentlichungspraxis der UdSSR ist eher zu schließen, dass sich der Abstand wieder vergrößert." Hellmuth G. Bütow (Hrsg.) Länderbericht Sowjetunion. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2. Aufl. 1988
[17] Laut Boris Altshuler machten die Militärausgaben der SU 1969 40 bis 50% des Nationaleinkommens (nicht zu verwechseln mit GNP) aus – die der USA 11%. (Altshuler 1998)
[18] Dass die Planung jemals sehr tief gegriffen hat, wird von einigen Ökonomen stark in Zweifel gezogen.
[19] Eine Produktuvitätssteigerung um 2,5% jährlich bewirkt, dass dieselbe Menge an Gütern nach 30 Jahren, also von der nächsten Generation, in der halben Zeit produziert werden kann.
[20] „Viele Länder sind dem Anreiz gefolgt, über Lohnzurückhaltung Wettbewerbsvorteile zu erzielen und dabei gleichzeitig darauf zu bauen, dass andere Länder diese Strategie nicht einschlagen, weil sonst die gesamteuropäische Nachfrage gefährdet wäre.“ Markus Marterbauer, WiFo, in „Der Standard“ 19./20. 1. 2002.
[21] Wenn in Österreich die Bauwirtschaft darniederliegt, wird das Geld der Steuerzahler vermehrt für Straßenbauten, Repräsentationsbauten, unter Umständen sogar Schul- oder Spitalsbauten ausgegeben. Das geschieht, damit nicht die Zahl der Arbeitslosen ansteigt, was ein Sinken der allgemeinen Nachfrage nach Konsumgütern zur Folge hätte, und natürlich auch, damit die Profite der Bauindustrie gesichert werden, weil sonst die Nachfrage nach Investitionsgütern zurückgehen würde und nach einiger Zeit die heimische Bauwirtschaft, wenn sie nicht investiert, auch technologisch in Rückstand geraten würde. So weit so gut. Die Frage, die nicht gestellt wird, ist: könnte es sein, dass eigentlich genug Bauwerke, z.B. Autobahnen, vorhanden sind? Auf längere Sicht ließe sich ein Rückgang der Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft durch eine Zunahme der Arbeitsplätze in den Schulen ausgleichen. Natürlich kann man einen 50jährigen Bauarbeiter üblicherweise nicht zum Physiklehrer umschulen. Aber sehr wohl z.B. als „Zeitzeugen“ für Vorträge über die Arbeitswelt einsetzen. Oder in der Nachmittagsbetreuung der Kinder. Oder als Werk- und Hobbylehrer, Jugendheimbetreuer usw. usw. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn man die persönlichen, charakterlichen Fähigkeiten der Menschen mehr in Betracht zieht als ihre Ausbildung.
[22] Funktional ist auch die Verknüpfung eines individuellen Vorteils mit dem Beitrag für das gemeinsame Wohl (z.B. ein spezieller Versicherungsschutz für jedes Gewerkschaftsmitglied, das seinen Beitrag zahlt. Die mit Hilfe der Beiträge erkämpften höheren Löhne und besseren Arbeitsbedingungen kommen allen Arbeitnehmern zugute, die Versicherung nur denen, die ihren Beitrag leisten).
[23] Die Kürbisfliege – ein Zahlenbeispiel
Als die ersten Siedler in den Umsenwald kamen, um dort Felder anzulegen und Kürbisse zu pflanzen, bekamen sie es bald mit der Kürbisfliege zu tun. Die Kürbisfliege kommt im Umsenwald selten vor. Sie legt ihre Eier auf die Blätter wilder Kürbisse, und die Larven, die ausschlüpfen, ernähren sich von diesen Blättern. Da die wilden Kürbisse nur sehr verstreut im Wald vorkommen, ist auch die Kürbisfliege selten. Legt man aber ein Kürbisfeld an, kann die Kürbisfliege sich schnell vermehren und ist eine große Plage für die Kürbisbauern.
Von einem Feld könnte eine Familie im Jahr 100 Kürbisse ernten (die Kürbisse sind nämlich sehr groß), doch durch die Kürbisfliege verliert sie 50 Kürbisse wieder.
Auf einem Acker gibt es pro Jahr, wenn man nichts dagegen unternimmt, 500 Kürbisfliegen (die auch sehr groß sind).
Gegen die Kürbisfliege hilft nur der Saft der blauen Bittermelone. Um 500 Fliegen zu vernichten, braucht man den Saft von 10 Bittermelonen. Wollen die Bauern also etwas gegen die Fliegen tun, müssen sie ein Zehntel von ihrem Acker für Bittermelonen reservieren, sie können also nur 90 Kürbisse ernten.
Aber wie gesagt: Wenn sie nur Kürbisse pflanzen und nichts gegen die Fliegen tun, ernten sie nur 50 Kürbisse im Jahr.
Nun ist es klar, dass die Kürbisfliegen sich nicht an die Ackergrenzen halten.
Wenn also meine Familie die Fliegen auf ihrem Acker vernichtet, die Nachbarfamilie aber nichts gegen die Fliegen tut, werden die Fliegen vom Nachbarfeld bald merken, dass auf unserem Feld Platz frei ist und werden sich dorthin ausbreiten.
Wenn 500 Fliegen sich über zwei Äcker ausbreiten, heißt das, es werden 250 Fliegen herüberkommen. Und wenn wir die vernichten, kommen noch einmal 125, und dann noch einmal 62 oder 63 und so weiter, bis wir praktisch alle Fliegen vom Nachbarfeld auch vernichtet haben. Dafür brauchen wir natürlich 10 weitere Bittermelonen. Wir können dann also nur 80 Kürbisse ernten. Aber es lohnt sich, denn hätten wir nichts gegen die Fliegen vom Nachbarfeld unternommen, hätten die 250 Fliegen 25 unserer Kürbisse vernichtet, wir hätten also statt 90 nur 65 geerntet.
Was passiert nun, wenn wir zwei Nachbarfamilien haben, die nichts gegen ihre Fliegen tun?
Tun wir nichts, ernten wir (und die anderen auch jeweils) 50 Kürbisse.
Töten wir 500 Fliegen, verteilen sich 1000 Fliegen über 3 Felder, wir verlieren 33, haben Kosten von 10, ernten also 57.
Vernichten wir 1000 Fliegen, verlieren wir 17, haben Kosten von 20, ernten also 63.
Vernichten wir alle Fliegen, haben wir Kosten von 30, ernten also 70. Unsere Nachbarn ernten sogar 100, aber für uns ist es immer noch besser, allein alle Fliegen zu vernichten, als nichts zu tun.
100 - (Anzahl Felder * 500/Vernichtete Fliegen) - (Vernichtete Fliegen/500*10)
Auch bei drei Nachbarn geht’s noch. Haben wir aber vier Nachbarn, die nichts tun, ist es gleich, ob wir was gegen die Fliegen unternehmen oder nicht, und sind es mehr als 4 Nachbarn, können wir nur mehr verlieren, wenn wir versuchen, etwas gegen die Fliegen zu tun.
Das heißt: solange wir weniger als 5 sind, ist es besser für jeden, auch dann etwas gegen die Fliegen zu tun, wenn sonst keiner was tut. Also ist anzunehmen, dass alle was tun werden.
Sind wir fünf oder mehr, besteht die Gefahr, dass in dem Moment, wo ich aufhöre, die anderen auch aufhören, weil sie sonst in Gefahr kommen, unnütz Bittermelonen anzupflanzen und dennoch die Kürbisse zu verlieren. D.h.: solange alle mitmachen, werden alle mitmachen. Macht aber einer nicht mehr mit, kann er das ganze Gebäude einreißen.
Nur: Werden die anderen das merken?
Nehmen wir an, dass 10 Fliegen auf einem Acker noch nicht auffallen. Würden sie alle denselben Kürbis attackieren, würde der zwar eingehen, aber da sie sich verteilen, merkt man nur ein paar dunkle Flecken auf den Blättern. 10 Fliegen könnten auch aus dem Wald gekommen sein.
Sind wir also 50 Nachbarn, fällt es nicht mehr auf, wenn ich mir die Arbeit mit den Bittermelonen ersparen will.
Angenommen, 100 Nachbarn vernichten brav die Kürbisfliegen. Jeder pflanzt 10 blaue Bittermelonen, vernichtet 500 Fliegen und erntet 90 Kürbisse. Wunderbar. Nun will ich mir die 10 Bittermelonen ersparen.
Das bedeutet 5 Fliegen mehr für jeden Nachbar und für mich. Kein Problem. Im Durchschnitt 1/2 Kürbis Verlust.
Ein zweiter Nachbar beschließt, nichts zu tun. 1 Kürbis Verlust pro Familie, auch noch kein Beinbruch. Wenn 20 Nachbarn nichts tun, gibt das für die restlichen 80 je 10 Kürbisse Verlust, bzw. müssen die restlichen 80 jeweils 11 Bittermelonen pflanzen, um die Felder fliegenfrei zu halten. Umso größer wird die Versuchung, auch nichts zu tun, weil jeder, der nichts tut, sich nun 11 Bittermelonen ersparen oder 11 Kürbisse gewinnen kann.
Wenn 50 nichts tun, ist die Belastung für den Rest je 20 Bittermelonen. Nehmen wir an, die 50 reden miteinander: Dann können sie ausrechnen, dass es für sie als Gruppe immer noch besser ist, für die 50 Verräter die Fliegen mit zu vernichten, weil sie ja 80 Kürbisse ernten im Gegensatz zu 50. Doch ein einzelner, der jetzt aussteigt, hat die Chance, statt 80 Kürbissen 99 zu ernten.
Nehmen wir an, es war bisher nicht Sitte, etwas gegen die Fliegen zu tun. Bei 100 Feldern gibt es 50.000 Fliegen. Würde eine Familie statt 100 Kürbissen (man muss ja 100 anbauen um 50 zu ernten), 50 Kürbisse und 50 Bittermelonen anpflanzen um zu versuchen, etwas gegen die Fliegenplage zu unternehmen, so könnte sie 2.500 Fliegen töten. 47.500 Fliegen würden übrigbleiben und von 9.950 Kürbissen nicht 5000 sondern nur 4.750 vernichten. Das bedeutet 5.200 geerntete Kürbisse, oder 52 für jede Familie, aber nur 26 für die Familie, die das Experiment gewagt hat. Die Frage ist, ob die Ertragssteigerung von 4% ausreicht, um die Nachbarn von den Vorteilen der Fliegenbekämpfung zu überzeugen. Möglicherweise, wenn die innovative Familie mehrere Jahre durchhält. Aber was, wenn 1000 Familien involviert sind?
Und nun vergleiche man damit die Situation, in der ein Diktator befiehlt, dass jede Familie 10% des Ackerlands für die Bittermelonenproduktion reservieren muss. Selbst wenn der Diktator für diesen weisen Ratschluss und für die Beamten und Soldaten, die die Einhaltung überwachen und erzwingen, weitere 20% des Kürbisertrags kassiert, sind die Bauern besser dran, weil ihnen immer noch 70 Kürbisse statt 50 bleiben.
Spricht das nun für die Diktatur? Egal, wie billig es der Diktator macht, theoretisch könnten die Bauern ohne Diktator 90 Kürbisse pro Familie ernten., wenn sie freiwillig das Vernünftige täten.
Das Problem bei 100 Nachbarn ist einfach dieses: Ob eine Familie ihren Beitrag von 10 Bittermelonen leistet oder nicht, kann die Fliegenplage nicht merklich beeinflussen. Wenn wir nicht mitmachen, verschlechtert sich die Ernte für alle um einen halben Kürbis, aber unsere eigene Ernte erhöht sich um 9 1/2 Kürbisse. Der Schaden teilt sich auf alle auf, den Nutzen haben wir alleine.
Bei 1000 Nachbarn beträgt der Schaden, wenn wir nicht mitmachen, 1/20 Kürbis für jeden. Da ist es wirklich nicht mehr einzusehen, warum wir unseren Beitrag leisten sollen. Wenn allerdings alle 1000 so denken, beläuft sich der Verlust für jeden wieder auf 50 Kürbisse.
Nun könnte man versuchen, die Situation zu verbessern, indem man miteinander redet. Reden kostet Zeit, Zeit, die von der Arbeitszeit abgeht. Beratungen werden komplizierter und dauern länger, je mehr Beteiligte vorhanden sind. Nehmen wir an, dass eine Versammlung, wenn zehnmal so viele Familien beteiligt sind, auch genau zehnmal so lange dauert. Die Kosten für jede Familie erhöhen sich pro beteiligter Familie um 1/10 Kürbis. Wenn 10 Familien miteinander verhandeln, kostet das jede Familie 0.9 (9/10) Kürbisse. Diese 10 Familien können dann als Gruppe auftreten, die gemeinsam handelt.
Wenn die Gemeinschaft der Kürbisbauern nicht mehr aus Einzelfamilien besteht, sondern aus 10er-Gruppen, können wir in allen obigen Überlegungen die Familie durch die 10er-Gruppe ersetzen. Bei bis zu 4 10er-Gruppen wäre die Fliegenbekämpfung gesichert, zwischen 5 und 50 Zehnergruppen prekär, und über 49 Zehnergruppen würde die Fliegenbekämpfung bald aufhören.
Wir könnten die Zahl noch einmal verzehnfachen, wenn wir 100er-Gruppen bilden. Das würde jede Familie 9.9 Kürbisse pro Jahr zusätzlich kosten, dafür wäre aber die Fliegenbekämpfung bis zu 4 100er-Gruppen, also 400 Familien, gesichert, und für bis zu 49 100er-Gruppen, also 4.900 Familien, prekär. Wir hätten also ein Durchschnittseinkommen von 80,1 Kürbissen.
Doch können wir uns leisten, 1000er-Gruppen zu bilden? Die Verhandlungskosten würden 99,9 Kürbisse betragen, wären also nicht mehr tragbar. Die Grenze liegt bei Verhandlungskosten von 40, denn dann wären wir wieder bei einem Ertrag von 50 Kürbissen herunten. 400er-Gruppen wären also das Maximum.
Wir könnten die Verhandlungskosten reduzieren, indem wir nicht 100er-Gruppen bilden, sondern die 10er-Gruppen Delegierte schicken lassen. Die Verhandlung der 10 Delegierten würde jede Familie nur zusätzliche 0,9 Kürbisse kosten.
100er-Gruppen: 1,8 Kürbisse pro Familie,
1000er-Gruppen: 2,7
10.000er: 3,6
100.000er 4,5
1.000.000: 5,4
Durch ein Delegiertensystem könnte man also mit geringen Kosten große Menschengruppen organisieren. Doch auch hier steigen die Beratungskosten mit der Größe der Organisation. Und wenn die Zahl der zu beratenden Fragen zunimmt, fällt auch diese Belastung wieder ins Gewicht.
Doch: Delegierte, die 10.000, 100.000 oder eine Million Menschen vertreten, bekommen unweigerlich sehr viel Macht. Solange es um eine einzelne einfache Frage wie die der Fliegenbekämpfung geht, gibt es noch keine großen Probleme. In einer großen Menschenorganisation gibt es aber eine Vielzahl von Fragen zu besprechen. Wählt man für jede Frage eigene Delegierte, wachsen die Beratungskosten mit der Anzahl der zu klärenden Fragen. Betraut man Delegiere mit mehreren oder allen Fragen, erhält man - Berufspolitiker.