Das Marmorbildnis

Zu der Zeit, als die meisten Bildhauer ihre Skulpturen aus elektronischen Bauteilen, Plastikrohren, Gips und Videomonitoren zusammenbauten, lebte in Portugal ein seltsamer Künstler, der Bilder von Menschen in Marmor meißelte und sich zum Ziel setzte, sie so lebenswahr wie nur möglich erscheinen zu lassen. Von der Kunstwelt wurde er jahrzehntelang links liegen gelassen, und doch sahen viele Leute täglich die Werke des Künstlers, denn er hatte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, die Vorbilder für eine besonders beliebte Serie von Schaufensterpuppen modelliert, und auch mehrere Grabsteinfirmen mit Entwürfen zu trauernden Engeln beliefert.

Doch eines Tages, er hatte die Fünfzig schon überschritten, kam auch seine Stunde: Das internationale Publikum war der Moderne überdrüssig geworden, und über Nacht erzielten die Bildnisse des "neuen Phidias", als den ihn die Kritik bald bezeichnete, astronomische Preise. Sein Werk aus über drei Jahrzehnten wurde in vielbesuchten Ausstellungen gezeigt, und in Wien, Paris und New York konnte sich die Menge nicht satt sehen an seinen zarten Jungmädchenkörpern, die sich genau an der Grenze von Schlaksigkeit und Lieblichkeit bewegten, an seinen jungen Athleten, die mit unmerklichem Humor als leicht ins Überzüchtete hineinspielend gezeichnet wurden. Lebhafte Diskussionen löste seine "Mutter mit Kind" aus, die nackt und etwas füllig auf einem Stuhl saß und ihr Kind, das an ihren schweren Brüsten saugte, mit einer rührend fürsorglichen und gleichzeitig doch auf grauenhafte Art besitzergreifenden Geste festhielt. In einem Raum aber befand sich ein Zyklus, der bei fast allen Besuchern nur Schweigen auslöste. Der Raum war immer von vielstimmigem Schweigen erfüllt. Erschrockenem Schweigen, ergriffenem Schweigen, gelähmtem Schweigen, aber auch einem Schweigen, das völlig gelöst, ja befreit wirkte. Es war ein Zyklus "Sterbende Menschen". Der Bildhauer schien besessen zu sein vom letzten Augenblick des menschlichen Lebens. Er versuchte, sich so nahe wie möglich an die Grenze zwischen Leben und Tod heranzutasten, an die letzte Zehntelsekunde, den letzten Lidschlag, den letzten Gefühlsblitz. Er schien alle Spielarten des Sterbens erforscht zu haben, vom Kind, das nicht wußte, daß es starb, bis zum von Granaten zerrissenen Soldaten. Er zeigte Hände, die nach dem Leben krallten, und Augen, die verzweifelt den Himmel nach einem Gott absuchten. Er zeigte müde Gesichter, die sich vom Leben abwandten wie von einem sinnlos gewordenen Schauspiel. Er zeigte hingebungsvoll dem Tod Entgegenstrebende und solche, die sich verbissen an ihre Überzeugung vom Fortleben nach dem Tode klammerten. Er zeigte qualvoll unter Schmerzen Sterbende und betäubt apathische, er zeigte ängstlich geduckte und krampfhaft mutig Sterbende und solche, deren einzige Sorge es zu sein schien, ob sie es auch richtig machten.

Und immer wieder war da auch der Versuch, ein leichte Sich-Auflösen zu zeigen, ein einfaches Dahinschwinden in vollkommenem Einverständnis mit der Vergänglichkeit von Allem. Doch gerade diese Darstellungen waren es, die vielen Besuchern als etwas unter dem Niveau des übrigen stehend schienen. Als "nicht ganz so überzeugend", wie es manche nach dem Verlassen des Saales formulierten.

Seltsam berührt waren die meisten Besucher, unter all den so ergreifend natürlichen Darstellungen einen gewaltigen unbehauenen Marmorblock zu finden, der durch Katalognummer und Titel als den anderen gleichberechtigtes "Werk" des Künstlers ausgewiesen war. Der nichtssagende, stumme Block wurde von Lissabon nach Madrid, von Madrid nach Paris, von Paris nach München, von München nach Wien geschleppt. Er wurde dreimal übers Meer geschafft, und obwohl die übrigen Skulpturen mit dem Flugzeug transportiert wurden, konnte die New Yorker Ausstellung erst eröffnet werden, als das Schiff mit dem Klotz angelangt war. Die Aussteller fanden sich mit der teuren Marotte des Künstlers ab, weil sie sie immer noch nur einen Bruchteil des Gewinns kostete. Die Kritiker vermuteten eine Art höhnischen Seitenhieb auf die vorangegangenen abstrakteren Kunstrichtungen, während viele im Publikum den Marmorblock für ein Maskottchen des Künstlers hielten, das er aus Koketterie oder aus irgendeinem Aberglauben quer durch die Kontinente schleppen ließ.

Seltsam war, daß der Marmorblock an verschiedenen Ausstellungsorten verschiedene Titel trug. Einmal zum Beispiel hieß er "Tanzender Buddha", dann wieder "Schlafende Nymphe".

Während Publikum und Kritiker sich in Vermutungen ergingen, behauptete der Künstler manchmal im Gespräch, der Marmorblock sei eigentlich sein wichtigstes Werk. Er erklärte das so: "Es gibt einen Ausspruch von Henry Moore, der Ihnen das vielleicht ein bißchen erklärt. Auf die Frage einer Dame, wie denn seine Skulpturen entstünden, soll er gesagt haben: ,Ganz einfach, gnädige Frau: Ich nehme einen großen Stein und klopfe alles Überflüssige davon weg. Das ist ein Witz, aber es ist doch etwas daran. Sehen Sie, der tanzende Buddha, er ist in dem Stein. Und wenn ich alles andere, was nicht der Buddha ist, wegklopfen würde, dann könnten Sie ihn sehen.

Freilich ist er nicht bloß einmal drin. Er ist da drin, wie er gelöst dasteht, er ist drin, wie sich die Spannung in seiner Wade und seinen Fingerspitzen bildet, er ist drin, wie sich leicht seine Ferse hebt, seine Finger strecken, sein Knie und seine Ellenbogen noch oben zu schweben beginnen. Kurz, er ist drin in jeder Phase seines Tanzes. Würde ich ihn herausmeißeln, so würde ich ihn gleichzeitig fesseln, ihn einschließen in eine einzige, ewig starre Haltung. So aber ist er frei, er tanzt seinen Tanz, er tanzt unzählige verschiedene Tänze und beginnt in jedem Moment einen anderen, beginnt sie alle in jedem Moment, ist in jedem Moment in jeder Phase all seiner Tänze.

Und gleichzeitig ist hier auch die schlafende Nymphe. Würde ich sie herausholen, würde ich sie fesseln und den Buddha mittendurchschneiden. Aber ich lasse sie frei bleiben, daß sie atmen kann, ihre Brust sich heben und senken kann, sie lächeln und sich wieder entspannen, ihre Hand zur Faust ballen und wieder lockern kann. Und gewiß erwacht sie auch, gewiß tanzt auch sie, und solange ich keins von beiden herausklopfe, können der Buddha und die Nymphe sich gegenseitig durchdringen, ohne voneinander zu wissen, und gleichzeitig auch einander begegnen und miteinander tanzen.

Dieser Block enthält nicht nur den Buddha und die Nymphe. Er enthält alle Bilder aller Menschen, die jemals gelebt haben und leben werden, und auch aller, die niemals gelebt haben und nie leben werden. Unzählige Welten sind in ihm gleichzeitig vorhanden, in jedem Augenblick beginnend, in jedem Augenblick vergehend."

Die meisten, die ihn hörten, sagten dann freundlich lächelnd: "Die Figuren, die sie aus dem Marmor herausgeklopft haben, sieht man halt besser als die, die sie dringelassen haben."

Eines Tages aber war der Bildhauer verschwunden. Nach Aussage der Leute von der Wachgesellschaft war er am Abend, nach Torschluß, mit seinem eigenen Schlüssel in den Saal gegangen und nicht mehr herausgekommen.

An dem Block aber fand man einen neuen Titel: "Selbstbildnis des Künstlers".