Die Reformen Päpstin Carlottas

»Das Eigenartige ist«, sagte Popol der Alte, »daß von Päpstin Carlotta manchmal wie von einer Prophezeiung die Rede ist, und manchmal so, als hätte sie bereits gelebt. Manche sind fest davon überzeugt, daß sie in der Mitte des 21. Jahrhunderts erschienen sei und dreiundreißig Jahre lang die Erde regiert habe, was natürlich völliger Unsinn ist. Nur Leute, die die Erde nie auch nur von weitem gesehen haben, können das glauben. Andere verstehen das so, daß Carlotta in einem Paralleluniversum existiert hat. Das kann ich nicht nachprüfen.

Es scheint aber Leute zu geben, die den Mythos von Carlotta gezielt weiterverbreiten. Manchmal, beim Durchfliegen eines abgelegenen Sektors, wo die Datenfunküberwachung nicht so gut funktioniert, kann man plötzlich ihre Pamphlete im Bordcomputer finden. Irgendwo habe ich doch noch so ein Ding.«

Popol fingerte an seinem Taschenterminal herum, bis die Worte: »Die Reformen Päpstin Carlottas« auf dem Bildschirm erschienen.

»Nach Carlottas Erscheinen stürzten sie auf der Erde alles um. Die großen Nordsüdkriege hatten die Staaten zerstört, und sie richteten keine neuen mehr auf. Statt dessen lebten sie in Stämmen zusammen. Die großen Städte bauten sie nur zum Teil wieder auf, die meisten siedelten in Dörfern. Denn es sollen nicht mehr unter einem Gesetz leben, so sagten sie, als auf einem Platz zusammenkommen und miteinander sprechen können. Von den Maschinen behielten sie nur die kleinsten und besten. Sie konnten alle Dinge, die sie brauchten, von Automaten erzeugen lassen. Sie richteten die Dinge so ein, daß es keinen Vorteil brachte, möglichst große Stückzahlen zu erzeugen, und so hatten sie auch keinen Anreiz, ihre Produkte quer über die Meere zu schicken. Fast alle Rohstoffe fanden sie in den Abfällen am Ort, denn das 20. und 21. Jahrhundert hatten die Stoffe, aus denen die Dinge gemacht werden, gleichmäßig über die Erde verteilt. Da mit den Dingen sich die Automaten befaßten, konnten die Menschen sich miteinander befassen. Sie waren Ärztinnen und Gesundheitspfleger, Lehrerinnen und Kleinkinderbetreuer, Dichterinnen und Schauspieler, Physikerinnen und Mathematiker, Informatikerinnen und Tänzer, Bildhauerinnen und Psychologen und so fort. Auch das Handwerk blühte auf. Nicht aus Not, sondern aus Überfluß an Zeit und Schöpferkraft schuf man Möbel und Geschirr, Gewebe und Kleider und allerhand Hausrat aus edlem Material und mit großer Handfertigkeit. Solche Dinge waren sehr begehrt, und man beschenkte einander damit, um Wertschätzung und Freundschaft auszudrücken.

Von den Straßen ließen sie viele verfallen oder rissen sie weg, und sie blieben meist in ihren Dörfern. Auch das Fliegen ließen sie sein und brachen die Flughäfen ab. So wollten sie durch die Abgrenzung voneinander wieder eine Vielfalt von Sitten und Stilen entstehen lassen, nachdem auf der Erde seit langem nur noch eine einzige industriell gefertigte Kultur geherrscht hatte. Doch war es in vielen Gemeinschaften üblich, die jungen Menschen auf große Reisen zu schicken. Es waren aber diese Reisen viel beschwerlicher als im 20. und 21. Jahrhundert, denn sie reisten zu Fuß oder auch zu Pferd, und schon zwei Dörfer weiter war eins in der Fremde. Manche machten die große Reise noch einmal im Alter. Erst durch diese allgemeine Erschwerung, fanden sie, gewann das Reisen wieder Sinn. Schon im 20. Jahrhundert war für die Reichsten und Mächtigsten der Erdumfang auf die Länge einer Tagesreise geschrumpft. Die Seele, so sagten die Anhänger Carlottas, bemißt die Weite einer Reise nicht in Kilometern, sondern in Tagesreisen.

Sie benutzten Pferde, Esel, Kamele und andere Reit- und Zugtiere nicht aus Not, sondern weil sie fanden, daß der Umgang mit den Tieren die Menschen erfreut und beruhigt und vor vielen geistigen und seelischen Störungen bewahrt. Für Transporte, zu denen sich Lasttiere oder Fuhrwerke nicht eignen, hatten sie zumeist unterirdische Bahnen angelegt.

Das Geld hatten sie abgeschafft. Da ihre Automaten alles Gewünschte mit geringem Aufwand menschlicher Arbeit zur Verfügung stellten, konnte jeder, der etwas brauchte, einfach hingehen und es sich holen. Um nur ein Beispiel anzuführen: wer ein Kleidungsstück brauchte, konnte zur örtlichen Schneiderei gehen. Dort saß meist ein netter Junge, der das Programm bedienen konnte, an einem Terminal. Mit einem elektronischen "Maßband" wurde der Körper des zu bekleidenden Menschenkindes vermessen. Dann wurden auf dem Bildschirm verschiedene Grundmodelle des Kleidungsstückes gezeigt. Am gewünschten Modell konnten beliebige Änderungen im Schnitt und in der Fasson vorgenommen werden. Das zu verwendende Material wurde eingegeben, ebenso Farbe und Muster. Nach diesen Angaben wurde das Kleidungsstück von der Maschine in kürzester Zeit hergestellt. Das Programm hatte eine derart benutzerfreundliche Oberfläche, daß der nette Junge oder das nette Mädchen am Bildschirm eigentlich gar nicht nötig war. Zur Not konnte die Kundschaft auch allein das Programm bedienen, da alle nötigen Schritte auf dem Bildschirm erklärt wurden. Die netten Kids waren eher aus dem Grund anwesend, weil sie stets mit allerhand Ideen schwanger gingen, das Programm noch zu verbessern. Hatte der Bildschirm bis jetzt ein Standfoto der zu kleidenden Person mit dem darüber gelegten Wunschkleidungsstück gezeigt, so setzten die Kids vielleicht ihren Ehrgeiz darein, das Programm mit einer Fernsehkamera zu verbinden und bewegte Aufnahmen der "Kundschaft" mit einer bewegten Simulation des zu entwerfenden Kleidungsstückes zu verbinden. Viel Kreativität wurde zum Beispiel darauf verwendet, einen naturgetreuen Faltenwurf zu simulieren, und zwar abhängig von den Eigenschaften des gewählten Materials.

Dieses Beispiel soll hier nur angeführt werden, damit man sieht, welche Art von Technologie sie bevorzugten.

Da sie nicht bestrebt waren, in möglichst großem Maßstab möglichst viele gleichartige Produkte zu erzeugen - was das 20. und 21. Jahrhundert "rationell produzieren" nannten - waren sie nicht genötigt, die Produkte eines Werkes (oder Konzerns) über weite Gebiete des Erdballs zu verteilen (oder, wie es bei uns heute der Fall ist, über weite Teile der Galaxis). Sie brauchten daher weder die weltumspannenden Transportmittel, noch benötigten sie die Zusammenfassung großer Gebiete mit einheitlichem Verkehrs-, Rechts- und Wirtschaftssystem, die sogenannten Staaten. Dies: die Unabhängigkeit der Gemeinden von größeren Zusammenschlüssen, war für sie der Hauptgrund, ihre Produktion, Rohstoff- und Energieversorgung möglichst lokal zu organisieren.

War zwar das Geld praktisch auf der ganzen Erde abgeschafft - vereinzelt wurde es noch für den Austausch zwischen den Gemeinschaften verwendet - und waren die Maschinen, Grund und Boden jeweils gemeinsames Eigentum der Gemeinschaften, so gab es doch in vielen Gemeinschaften gewisse Unterschiede im Besitz. Zwar wurden alle Mitglieder der Gemeinschaft nach Bedarf mit hochwertigen Nahrungsmitteln, Kleidern, Wohnungen, Bildungs- und Kulturmöglichkeiten, Gesundheitseinrichtungen und so weiter versorgt. Doch galt in vielen Gemeinschaften der Besitz von handwerklich erzeugten Produkten als besonders erstrebenswert. Auf solche aber gab es kein Anrecht, da das Handwerk nicht von der Gemeinschaft, sondern von den einzelnen Menschen betrieben wurde. Handwerksgegenstände konnte eins nur geschenkt bekommen. Als Zeichen der Liebe, Freundschaft oder Anerkennung von Verdiensten. So konnte es vorkommen, daß beliebte oder verdienstvolle Menschen reicher an Handwerksprodukten waren als andere, die in diesem Sinne "arm" waren. Diese Armut mochte manch eins als kränkend empfinden, doch wurde eins dadurch nicht in seiner Gesundheit, seinen Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten behindert. Im Gegenteil mochten manche diese äußeren Zeichen der Anerkennung als Ansporn ansehen, sich mehr für die Gemeinschaft einzusetzen, während andere, die für sich sein wollten, diesen Ehrengeschenken gegenüber gleichgültig bleiben mochten. In anderen Gemeinschaften freilich galten solche Ungleichheiten als nicht förderlich, und die meisten Wesen in diesen Gemeinschaften bemühten sich, die materiellen Zeichen ihrer Gunst auf möglichst alle gleichmäßig zu verteilen.

Angelegenheiten, die größere Gebiete betrafen, wurden von den betreffenden Gemeinden gemeinsam behandelt. Zum Beispiel besaßen mehrere Gemeinden gemeinsam Fabriken zur Erzeugung von Robotergrundelementen. Auch Fragen wie die Verteilung der Wasservorkommen, der Abbau einiger seltener Bodenschätze, generell der Umgang mit den natürlichen Ressourcen, wurden von Vertretern der jeweils betroffenen Gemeinden beraten und beschlossen. Es gab also sehr wohl auch noch die einzelnen Gemeinden übergreifende Zusammenschlüsse. Doch unterschieden sie sich von "Staaten" in zweierlei Hinsicht. Erstens lag die Entscheidungshoheit immer bei den Gemeinden und nicht bei Vertretungskörperschaften. Deren Beschlüsse hatten also erst Geltung, wenn sie von den Gemeinden bestätigt waren. Zweitens betrafen die Zusammenschlüsse je nach Sachgebiet ganz unterschiedliche Gemeinden. So wurde die Wasserversorgung etwa von den Gemeinden im Einzugsgebiet eines bestimmten Flusses geregelt, während die Holzversorgung von den Gemeinden geregelt wurde, die von einem bestimmten Waldgebiet abhängig waren.

Während sie sehr zurückhaltend waren, was Reisen von Personen und den Austausch und Transport von Gütern betraf, bauten sie gleichzeitig ein weltumspannendes Kommunikations- und Datennetz auf. Große und kleine Datenbanken konnten von der ganzen Welt aus erreicht werden. Terminals waren praktisch in jedem Haus und in jeder Wohnung. Die Eingabe in das Kommunikations- und Datennetz, das einfach nur "Das Netz" genannt wurde, unterlag gewissen Regeln und Einschränkungen, während das Abrufen von Daten prinzipiell frei war. Von dieser freien Zugänglichkeit ausgenommen waren nur private Mailboxen, die manchmal durch einfache Codes geschützt waren, oft aber auch nur durch das Aufleuchten eines Signals, das "Achtung, privat!" bedeutete. Wissenschaftliche Datenbanken, die "Akten" und "Protokolle" der Gemeinden und Gemeindezusammenschlüsse, die Produktionsdaten der Wirtschaftsbetriebe - all das wollten sie offen und für ein jedes einsehbar haben. Denn sie waren der Ansicht, daß Demokratie auf Information beruht. "Betriebsgeheimnisse" gab es ebensowenig wie Patente auf Erfindungen oder Monopole auf Produktionsverfahren.

Daten in die jeweiligen Datenbanken eingeben durften natürlich nur die jeweils dazu berechtigten Personen.

Sie entwickelten verschiedene Algorithmen, um wesentliche Informationen zu verbreiten und unwesentliche auszusieben. Wollte beispielsweise eine Psychologin eine bestimmte Fallstudie veröffentlichen, so gab sie diese Studie in das Netz ein. Sie konnte sie zum Beispiel direkt an das "Schwarze Brett" ihrer lokalen Psychologenvereinigung senden und auch an das "Schwarze Brett" ihrer Gemeinde. Gleichzeitig gab die Verfasserin eine oder mehrere Zieldatenbanken an, in denen sie ihre Studie letztendlich veröffentlicht sehen wollte. Ein jedes, das die Studie las, konnte diese nun mit Empfehlungspunkten versehen, je nachdem, wie eins die Wichtigkeit der Studie einschätzte. Auf Grund der Empfehlungspunkte stieg sie automatisch in jeweils übergeordnete Verzeichnisse auf und wurde so immer leichter für einen großen Leserkreis zugänglich. Auch die Leser konnten weitere Zieldatenbanken bzw. Verzeichnisse angeben, in denen sie die Studie gerne veröffentlicht gesehen hätten. Im Prinzip war die Studie, sobald sie einmal im Netz war, für ein jedes auf der ganzen Erde zugänglich. Wer Lust hatte, konnte das Schwarze Brett irgendeiner beliebigen Gemeinde oder Institution auf der ganzen Erde anwählen und darin schmökern. Es gab auch Scouts, die systematisch nach unbeachteten, unterbewerteten Informationen suchten und danach trachteten, solche, die sie für wichtig hielten, höher zu stufen oder in andere Kanäle zu leiten.

Das Netz verfügte über eine Unzahl von solchen Kanälen, in denen die unterschiedlichsten Informationen strömten. Es gab Kanäle für die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen ebenso wie für Informationen über gesellschaftliche Erscheinungen, über Moden oder sportliche Leistungen, und es gab beispielsweise auch Kanäle für Kunstwerke. Erzählungen, Gedichte oder die sogenannten Adventures - eine Kunstform, die aus den Computerspielen der Frühzeit hervorgegangen war - konnten ebenso ins Netz eingegeben werden, wie digitalisierte Musikaufnahmen, Grafiken oder Videos von - sagen wir - Tanzvorführungen. Die Ströme all dieser Daten wurden nach ähnlichen Bewertungssystemen gelenkt.

Da neben den Bewertungspunkten ja auch Zielverzeichnisse eingegeben wurden, bewegten sich die Informationen nicht nur von der Basis nach oben in Richtung der globalen Datenbanken, sondern auch horizontal in Kanäle für Spezialisten oder Liebhaber.

Wer wollte, konnte sich also selbständig im Netz bewegen, um Informationen zu suchen. Man konnte sich aber auch der vielen Infodienste bedienen, die ähnlich wie früher die Zeitschriften über einen Redaktionsstab verfügten, der Informationen auswählte und zusammenstellte. Auch gab es für den persönlichen Gebrauch Suchprogramme, die nach den Kriterien, die man ihnen eingab, ständig automatisch nach Informationen suchten.

Das Netz wurde so tatsächlich zum "Gehirn der Welt". Es war aber nicht der berühmte, aus der antiken "Science Fiction" bekannte Weltregierungscomputer, sondern ein Gehirn, das die vielen Milliarden Einzelwesen zur "Menschheit" zusammenzuschließen begann.

Die Debatten über Angelegenheiten der Gemeinden oder der Zusammenschlüsse wurden natürlich ebenfalls über das Netz geführt. Die als Argument für bestimmte Entscheidungen angeführten Daten konnte ein jedes leicht mit Hilfe von bestimmten Suchalgorithmen überprüfen bzw. vom Netz überprüfen lassen.

Doch obwohl das Netz intensiv genutzt wurde, um Entscheidungsfindungen zu erleichtern, war es in den meisten Gemeinden üblich, in regelmäßigen Abständen - etwa wöchentlich, zweiwöchentlich oder monatlich - auf einem öffentlichen Platz zusammenzukommen und zu den anstehenden Fragen Beschlüsse zu fassen. In einer bestimmten Gemeinde mochte zum Beispiel unter den Kindern der Wunsch aufgetaucht sein, eine Zeit lang nach dem Vorbild der alten Stämme zu leben. Dazu wäre es freilich nötig, ein bestimmtes Waldgebiet, über das mehrere Gemeinden verfügten, für die Kinderstämme zu reservieren und für Jagd und Fischfang etc. freizugeben. Der Antrag wurde also über das Netz an die betroffenen Gemeinden geleitet, zusammen mit Beiträgen über die vermutlichen psychologischen und sozialen Auswirkungen des Experiments auf die Kinder, mit Landkarten, Angaben über den Platzbedarf, Berechnungen über die ökologischen Auswirkungen und was an Unterlagen eben nötig erscheinen mochte. Wer immer sich dafür interessierte, konnte über das Netz alle relevanten Daten überprüfen, Meinungen von Fachleuten einholen, Simulationen des beantragten Vorgangs ablaufen lassen, eigene Meinungen als Diskussionsbeiträge eingeben und eventuell schon seine Pro- oder Kontrameinung in eine Datei eingeben, die einen Namen wie "Trendbarometer" tragen mochte.

Der eigentliche Beschluß wurde aber in der Volksversammlung getroffen, in der in der Regel nur persönlich Anwesende stimmberechtigt waren. Einerseits sollte nur persönliches Engagement zur Mitentscheidung berechtigen. Zum Zweiten wurde die persönliche, emotionale Auseinandersetzung als unbedingt notwendiges Korrektiv zur sachlichen Auseinandersetzung gesehen. So konnte es sein, daß in der digital geführten Debatte die Mehrzahl der sachlichen Gründe gegen das "Stammesprojekt" sprach. In der Volksversammlung mochte aber die sichtbare Vorfreude der Kinder den Ausschlag geben, dem Projekt doch zuzustimmen. Die Möglichkeit zu solchen "unsachlichen" Entscheidungen wurde von vielen Gemeinden als besonders wichtig angesehen.

Während die bisher geschilderten Einstellungen und Bräuche im großen und ganzen auf der ganzen Welt Geltung hatten, entwickelten sich sehr große kulturelle Unterschiede nicht nur zwischen den Kontinenten, sondern sogar zwischen Nachbargemeinden. Das lag auch daran, daß zu dieser Zeit viele Menschen Lust an sozialen Experimenten hatten. Es gab sehr strenge, nach klösterlichen Grundsätzen lebende Gemeinden, die ihr Leben gewissen spirituellen Zielen weihten, ebenso wie geradezu hedonistische, der irdischen Lebenslust zugewandte. Manche Gemeinden waren als Künstlergemeinschaften bekannt, in denen traditionell etwa der Chorgesang oder die Holzschnitzerei, das Glasperlenspiel oder das Laserballett gepflegt wurden.

Auch Universitäten und Forschungszentren organisierten sich als unabhängige Gemeinden. Es gab Siedlungen von Chemiefreaks, es gab Physikerenklaven. Besonders berühmt waren die Siedlungen der Mathematiker, die aus irgendwelchen Gründen besonders gern in alpinen Gegenden mit vielfältigen Wintersportmöglichkeiten angelegt wurden. Eine große Anzahl von Wissenschaftlern lebte aber auch in ganz durchschnittlichen Gemeinschaften und kommunizierte mit der globalen Wissenschaftsgemeinde über das Netz.

Manche Gemeinden praktizierten alte Stammesriten wie Initiationszeremonien und Fruchtbarkeitskulte. Gerade naturwissenschaftlich ausgerichtete Gemeinschaften tendierten dazu, ihre einseitig auf die Materie ausgerichtete Denk- und Fühlweise dadurch etwas auszugleichen.

Obwohl die Naturwissenschaften zu jener Zeit bedeutende Fortschritte machten, konnte sich ihr Entwicklungstempo in keiner Weise mit der Geschwindigkeit messen, in der die Humanwissenschaften sich weiter entwickelten. Insbesondere Psychologie, Soziologie und Pädagogik blühten. Allerdings wurden diese Wissenszweige zu jener Zeit nicht sosehr als Wissenschaften wie als Künste betrachtet. Man wollte damit betonen, daß gerade in diesen Bereichen menschlichen Forschens und Tätigseins neben dem begrifflichen Erfassen und Verarbeiten der Welt auch das außerbegriffliche Wahrnehmen und Kommunizieren eine bedeutende Rolle spielt, wie es ja auch in den schönen Künsten der Fall ist.

Auch die Medizin blühte und wurde ebenfalls zu den Künsten gerechnet, weil auch auf diesem Gebiet dem Erfühlen und Einfühlen große Bedeutung beigemessen wurde. Die Wissenschaft von der Heilung der Krankheiten entwickelte sich immer mehr zur Kunst der Gesunderhaltung und Gesundheitsförderung, und zwar der Erhaltung und Förderung der seelischen, geistigen und körperlichen Gesundheit. Die Mediziner jener Zeit befaßten sich mit dem Entwickeln von Kochrezepten ebenso wie dem Bau von Häusern und Möbeln und der Anlage von Siedlungen, mit Kleiderstoffen und Straßenbelägen, mit dem Entwerfen von Sportgeräten ebenso wie dem Design von Lautsprechern oder Computerbildschirmen. Aber natürlich wurde auch die Heilung und Pflege der Kranken, die Pflege der Behinderten und Alten mit großer Hingabe betrieben. Da die Menschen von dem Zwang, Dinge zu erzeugen, fast völlig befreit waren, wurde die Fürsorge für Menschen zu einem der Hauptbetätigungszweige.

Noch viel gäbe es über das Zeitalter von Päpstin Carlotta zu sagen. Zusammenfassend läßt sich aber vielleicht sagen, daß ihnen Geschichte nicht mehr passierte, sondern die Menschenwesen sie selber machten.