Carlottas Predigt vom Fortschritt

"Wir sollten lernen, unsere Fortschritte nicht gleich wieder aufzufressen", sagte Carlotta während einer ihrer berühmten Sonntagspredigten im Petersdom. "Da haben Leute einmal den Ackerbau erfunden. Nicht schlecht, der Ackerbau, man kann planen, Vorräte anlegen, und dieselbe Menge Leute, die früher zehn Quadratkilometer gebraucht haben, um sich zu ernähren, brauchen nur mehr einen Quadratkilometer. Und was geschieht? Die Leute vermehren sich, und auf den zehn Quadratkilometern leben jetzt zehnmal so viele Leute. Sie roden den Wald, Pilze, Beeren, Nüsse, Hasen und Wildschweine verschwinden. Und jetzt müssen sie in der Erde rumbuddeln. Sollten sie auf die Idee kommen, daß sie für ihre Sicherheit als Ackerbauern doch eine ganze Menge Freiheit und Spaß als Jäger hergegeben haben, oder sollten ihnen eine Dürre, eine Überschwemmung ihre Äcker ruinieren - der Weg zurück zum freien Jägerleben ist versperrt. Plötzlich erkennen sie, daß sie die Brücken hinter sich abgebrochen haben. Sie stecken in der Falle.

Irgendwann einmal später haben die Leute Autos erfunden. Auch nicht schlecht, so ein Auto. Man kommt schneller von A nach B. Hast du früher eine Stunde von zu Hause ins Büro gebraucht, fährst du jetzt ruckizucki in fünf Minuten. Was passiert? Plötzlich wohnen die Leute in der Vorstadt und die Büros sind in der City. Und der Weg zur Arbeit dauert noch immer eine Stunde.

Ich könnte noch stundenlang weiter erzählen. Zum Beispiel kam im 20. Jahrhundert das Fax auf. Jedem konntest du blitzschnell und billig jeden beliebigen Schrieb schicken. Nicht schlecht, sollte man meinen, die Leute kommen sich näher, Mißverständnisse werden ausgeräumt, die Kommunikation blüht. Was ist passiert? Die Handelsfirmen haben sich darauf gestürzt und meterweise Werbung gefaxt. Kein Mensch hat mehr seine Faxe gelesen.

Kapiert ihr, was ich meine? Kaum erfindet einer eine Methode, irgendeinen Dreck, der die Gegend verpestet, sinnvoll zu recyceln, heißt es: Hurra, jetzt können wir den Dreck tonnenweise produzieren, er wird ja eh recycelt. Und es stinkt weiter.

Aber letztlich sind das alles kleine Fische. Ich sage euch: jeder größere Fortschritt wird letztlich dadurch aufgefressen, daß sich die Einwohnerschaft unseres kleinen Planeten gleich wieder fröhlich vermehrt, sobald es mehr zu essen gibt.

Damit irgendein Fortschritt auch wirklich das Leben erleichtern kann, was muß es da geben? Na? Richtig, Geburtenkontrolle.

Und wer kann die Geburtenkontrolle bewerkstelligen? Na? Ich meine, welches von den beiden Geschlechtern? Na also!

Und wer trägt also die Verantwortung für den Fortschritt der Menschheit? Na also!

Und wer muß deshalb die führende Rolle in der Gesellschaft... Na, ihr wißt schon, was ich meine, also, guten Appetit, mein Mann wird für euch beten, tschüs."