Das Unbenennbare

Der achtunddreißigste Abt stellte seinen Schülern einmal die Frage:

"Kann der Mensch erkennen, was er nicht benennen kann?"

Die Schüler meditierten, und alsbald entbrannte eine heftige Diskussion: Die einen vertraten den Standpunkt: "Um ein Ding zu erkennen, muß ich über es nachdenken. Um über es nachdenken zu können, muß ich ihm einen Namen geben. Über etwas, für das ich keinen Namen habe, kann ich nicht nachdenken. Also kann ich es auch nicht erkennen. Da das Unbenennbare keinen Namen haben kann - denn sonst wäre es ja nicht das Unbenennbare - kann ich nicht darüber nachdenken und es auch niemals erkennen."

Andere sagten: "Es gibt noch andere Formen des Erkennens, die nicht mit Nachdenken zu tun haben. Das Unbenennbare läßt sich vielleicht mit den Gefühlen erkennen."

Wieder andere riefen aus: "Natürlich, ich habe es: Das Erkennen des Unbenennbaren, darin besteht die Erleuchtung!"

"Quatsch!", sagten die Vierten. "Alles, was mir vor die Augen kommt, was ich in die Hände kriege, kann ich irgendwie benennen. Für jedes Ding, von dessen Existenz ich irgendwie erfahre, kann ich einen Namen erfinden. Sogar Dinge, von denen ich nur vom Hörensagen weiß oder die es gar nicht gibt, kann ich benennen. Die einzigen Dinge, die ich nicht benennen kann, sind die, von deren Existenz ich nichts weiß, die ich mir nicht einmal vorstellen oder erträumen kann. Also nur das Unerkennbare ist das Unbenennbare. Also ist das Unbenennbare per definitionem unerkennbar."

Erwartungsvoll blickten die Schüler ihren Abt an, wem er nun recht geben würde.

Der aber schüttelte bekümmert sein Haupt und sagte: "Wie soll ich einem von euch recht geben? Ihr habt ja nicht einmal das Thema besprochen, das ich euch gestellt habe. Ihr sprecht von etwas, dem ihr den Namen: ,Das Unbenennbare‘ gegeben habt. Da ihr ihm aber gerade einen Namen gegeben habt, wie kann es da das Unbenennbare sein?"

Die Schüler schwiegen eine Weile verblüfft. Dann begann die Diskussion von neuem, nur, daß die Schüler jetzt Redewendungen gebrauchten wie: "Das Wirklich Unbenennbare", oder: "Das, Was Auch Nicht Das Unbenennbare Genannt Werden Kann" und ähnliches. Schließlich aber verebbte die Diskussion und sie schwiegen verwirrt, weil sie merkten, daß sie so nicht weiterkamen.

Dann aber meldete sich ein Schüler und sagte: "Es gibt nichts Unbenennbares. Wir können die Welt einteilen in die Dinge, die wir kennen, und die, die wir nicht kennen. Die Dinge, die wir kennen, haben jedes einen eigenen, konkreten Namen. Alle anderen belegen wir mit dem gemeinsamen Namen: ,Alle anderen‘. So haben wir alles in der Welt benannt, und damit fertig."

"Sicher, sicher", sagte der Abt, "aber nicht darüber wollte ich mit euch sprechen. Sondern über das, was außerhalb dessen liegt, von dem du gesprochen hast."

"Außerhalb wessen?"

"Außerhalb von allem!"

"Außerhalb von Allem? Aber wie können wir von dem sprechen, was außerhalb von Allem ist, wenn da gar nichts außerhalb ist?"

"Was heißt: ,Wie können wir davon sprechen‘? Wir tun es doch gerade!"

"Ich finde", sagte der Schüler, "wir sollten nur von dem sprechen, was ist, und nicht von dem, was nicht ist! Von etwas reden, was nicht ist, ist sinnlos und führt nicht zur Erleuchtung."

"So, du Schlaukopf? Gerade wollte ich dem Bruder Koch die Anweisung geben, das Abendessen zu bereiten. Doch da das Abendessen noch nicht existiert, werde ich auch nicht davon reden, weil das sinnlos ist. So wird das Abendessen freilich nie zur Existenz kommen, und du wirst hungrig zu Bett gehen. Nein, nein, mein Freund, es ist nicht so einfach. Du teilst die Dinge ein in zwei Klassen: die, die du kennst und daher konkret benennen kannst, und die, die du nicht kennst und daher nur allgemein benennen kannst. Wie aber kannst du von Dingen sprechen, die du nicht kennst, wenn du gar nicht weißt, ob es solche Dinge gibt? Vielleicht gibt es sie nicht, und dann ist das Reden von ihnen - nach deiner eigenen Behauptung - sinnlos! Nein, nein, bemüht euch! Richtet euer Bewußtsein mit aller Macht auf das, was nicht benannt werden kann, auch nicht durch diese Worte oder durch Worte überhaupt. Laßt euch nicht verwirren durch die Täuschungen der Sprache.

Ich sage euch: ,Erleuchtung ist das, worüber man nicht nachdenken kann‘. Sofort beginnt ihr, darüber nachzudenken, was das denn sei, worüber man nicht nachdenken kann. Und nach einiger Zeit fällt euch auf, daß ihr gerade über das, worüber man nicht nachdenken kann, nachgedacht habt. Also wird euch klar, ihr habt über etwas Falsches nachgedacht. Also sucht ihr weiter und weiter, und immer wieder erkennt ihr: Das, worüber ihr nachdenkt, kann nicht das sein, was ich gemeint habe. Also verliert ihr euch in unendlichen Wiederholungen. Oder ihr gebt einfach auf. Oder, wenn ihr so denkt, wie unser junger Freund hier, kommt ihr zu dem Schluß, daß es das, worüber man nicht nachdenken kann, gar nicht gibt, also: daß man über alles nachdenken kann. Was für eine lächerliche Behauptung. Ein jeder von euch, der nicht völlig verblendet ist, wird einsehen, daß das nicht sein kann. Darum sage ich euch: Warum klaubt ihr in meinen Worten herum? Warum hört ihr auf das, was ich euch sage? Wo doch alles, was ich euch sagen kann, ist, daß das Entscheidende nicht gesagt werden kann!"