Über das Verstehen

Bao Dö predigte:

Wie ihr wißt, gibt es keine Möglichkeit zu beweisen, daß außer meinem Bewußtsein noch irgend etwas existiert. Der Himmel, die Pflanzen und Tiere, mein Körper, das alles könnte nichts als ein Traum meiner Seele sein, ebenso die Mitmenschen mit ihren liebens- und hassenswerten Eigenschaften, ja sogar ihre Ideen und wissenschaftlichen Theorien könnten ein Traum meines Bewußtseins sein.

Aber selbst wenn es außer mir noch andere empfindende Wesen gibt, so ist es mir doch unmöglich, zu wissen, wie sie empfinden.

Nehmen wir das Beispiel der Farben: Daß ein Menschenwesen farbenblind ist, können wir daran erkennen, daß es bestimmte Unterscheidungen - z.B. die zwischen roten und blauen Dingen - nicht treffen kann, die wir anderen eben sehr wohl treffen. Manchmal leben Farbenblinde Jahre oder Jahrzehnte unter ihren Mitmenschen, ohne daß der Unterschied in der Wahrnehmung ihnen oder jemandem anderen auffällt. Dennoch ist es sehr leicht zu testen, ob eines farbenblind ist oder nicht. Wie aber wollen wir einem Farbenblinden erklären, was Farbe ist? Unmöglich können wir ihm ein Vorstellung von Farbe vermitteln.

Nehmen wir nun aber an, ein Mitwesen empfinde die Farben genauso wie wir anderen, aber mit einer Ausnahme: Alles, was uns rot erscheint, erscheint ihr blau, und alles, was uns blau erscheint, erscheint ihr rot. Würde jemals irgendwer davon erfahren? Sie würde mit der gleichen Selbstverständlichkeit alle Dinge, die wir rot nennen, ebenfalls rot nennen. Denn von klein auf hätte sie gelernt, daß das Wort "rot" die Farbe Blau bezeichnet. Nichts von dem, was sie über die Welt erzählte, würde mit unseren Erfahrungen in Widerspruch geraten und ebenso nichts von dem, was wir über die Welt erzählten, mit ihren Erfahrungen. Rosen, Blut und Sonnenuntergänge hätten sowohl für sie als auch für uns eine bestimmte Qualität gemeinsam, eben diese Qualität, die wir mit dem Wort "rot" bezeichnen. Und das ist im Grunde alles, was wir über die Empfindungen unserer Mitmenschen - sofern sie überhaupt existieren, sagen können.

Wir können uns auch ein Menschenwesen vorstellen, das die Farben als Töne und die Töne als Farben empfindet. Solange es alle roten Dinge als gleich klingend empfindet und sie deutlich von allen Dingen unterscheiden kann, die blau, grün oder gelb klingen, werden weder es noch wir je von dieser Vertauschung erfahren.

Sind wir erst soweit, dann können wir uns auch vorstellen, daß die Empfindungen unseres Mitmenschen eine für uns völlig unvorstellbare, von unseren Erfahrungen gänzlich verschiedene Qualität haben. Solange sie alle roten Dinge als gleich oder jedenfalls ähnlich empfindet, und sie deutlich von allen grünen, gelben, lauten, hohen, süßen, bitteren, weichen, feuchten etc. Dingen unterscheidet, können wir niemals erkennen, ob sie auch nur annähernd ähnlich empfindet wie wir.

Alles, was wir wissen, ist, daß für unseren Mitmenschen grün von rot, laut von leise, hoch von tief, süß von salzig, weich von hart unterschieden ist. Und daß auch unser Mitmensch Farben von Tönen, Töne von Gerüchen, Gerüche von Temperaturempfindungen usw. unterscheidet. Welche Qualität seine Empfindungen haben, wissen wir nicht. Was wir gemeinsam haben, ist bloß ein System von Gleichungen und Ungleichungen.

Warum rede ich zu euch? Woher weiß ich, daß ihr keine Ausgeburt meiner Träume seid? Und wenn ihr existiert, woher weiß ich, daß ihr keine seelenlosen Roboter seid? Und wenn ihr empfindende Menschen seid, woher weiß ich, daß, wenn ich zu euch spreche, in euren Gehirnen auch nur annähernd ähnliche Vorstellungen entstehen, wie in meinem Gehirn?

Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht wissen und weiß, daß ich es nicht wissen kann. Und doch rede ich zu euch. Und doch vertraue ich darauf, daß ihr versteht. Ich vertraue darauf, wie ein Springer im freien Fall darauf vertraut, daß sein Fallschirm sich öffnen wird.