Bao Dös Lehre von der Grundlosigkeit

Unser Leben ist wie das eines Menschenwesens, das von einem Turm gesprungen ist: ohne Halt rast es dem Tode zu.

Mit Schrecken erkennst du eines Tages, daß die Erde im Raum hängt, ohne Halt, ohne Grund.

Mit Schrecken erkennst du, daß auch dein Leben ohne Halt ist und du immer schneller dem Tode zufällst.

Nichts ist im Leben auf festen Grund gebaut, auch dein Denken nicht. Die Gesetze der Logik scheinen ihm festen Grund zu geben. Doch welche Logik kann dir sagen, daß die Gesetze der Logik richtig sind?

Weigerst du dich aber, die Gesetze der Logik anzuerkennen, wirst du sehr einsam sein: Du kannst mit niemandem reden, keiner wird dich verstehen.

Als ich ein Kind war, stellte sich mir das Leben im Staat - vermutlich, weil die Schule es mich so lehrte - folgendermaßen dar: Alles, was die Polizei und die Beamten tun, beruht auf den Verordnungen der Minister. Die Verordnungen der Minister beruhen auf den Gesetzen, die das Parlament beschließt. Und die Gesetze, die das Parlament beschließt, müssen in Einklang mit der Verfassung stehen. So ruht eins auf dem anderen, und der Willkür ist Tür und Tor verschlossen. Ein Gebäude von objektiven Gesetzen bestimmt das Zusammenleben der Menschen. Später aber hörte ich, wie die Verfassungen gemacht werden: Von einem Haufen wild streitender Männer, in mehrere verfeindete Unterhaufen gespalten, die solange faule Kompromisse schließen, bis jede Partei meint, die größte ihr erreichbare Anzahl von Zugeständnissen eingeheimst zu haben. Danach wird das Volk, das über den Inhalt der Verfassung möglichst im Unklaren gelassen wird, dazu aufgerufen, über sie abzustimmen. Mit einer Mischung aus Schrecken und Erleichterung mußte ich erkennen, daß das ganze scheinbar so objektive Gebäude der Gesetze, über deren widerspruchsfreies Ineinandergreifen sogar eine eigene Wissenschaft, die Juristerei, wacht, daß dieses ganze feste Gebäude auf dem luftigen Grund eines puren Willküraktes aufgebaut ist, sei es nun der Willkürakt eines Volkes, seiner echten oder seiner vermeintlichen Vertreter.

Ihr mögt über meine Naivität lachen, aber es erfüllte mich mit Beunruhigung, als mir eines Tages klar wurde, daß alle geheiligten Traditionen und uralten Volksbräuche irgendwann einmal völlig unehrwürdige Neueinführungen gewesen sind, oder auch, daß die uralten Volkstrachten irgendwann einmal der letzte Schrei der Mode waren.

Mit Befremden las ich von der Synode von Radhnapur, auf welcher erst dekretiert wurde, welche der Schriften unserer Religion nun in unser heiliges Buch aufzunehmen seien und welche nicht.

Alle diese Erfahrungen versetzten mich in einen ähnlichen Schrecken, wie es einst die Erkenntnis tat, daß zwar alles fest auf der Erde ruht, die Erde selbst aber haltlos im Raum schwebt.

Unser Leben lang versuchen wir, uns an vermeintlich Festes zu klammern. Warum? Weil wir doch haltlos dem Tod entgegenfallen. Weil wir nicht wissen, wo wir herkommen und wo wir hingehen. Wir suchen Sicherheit im festen Bau der Gesetze, die über uns wachen, in den alten, geheiligten Bräuchen und Traditionen, in den heiligen Büchern. Aber nichts davon ist auf festen Grund gebaut. Alles, was wir ergreifen, fällt mit uns mit.

Manche halten es mit der Wissenschaft und versuchen, von ihr Sicherheit zu gewinnen. Sie versuchen es zum Beispiel mit der Mathematik, der exaktesten von allen Wissenschaften. Die Mathematik ist ein wunderbares Gebäude. Jeder ihrer Sätze wird aus anderen Sätzen bewiesen. Logisch ruht ein Satz auf dem anderen. Doch auf welchem Fundament ruhen alle diese bewiesenen Sätze? Auf den sogenannten Axiomen, Festlegungen, von denen es heißt, daß sie nicht bewiesen zu werden brauchen, sondern "unmittelbar einleuchten". Daß durch zwei Punkte immer genau eine Gerade geht - es kann nicht bewiesen werden. Zwar heißt es, daß sich niemand zwei Punkte denken kann, durch die nicht genau eine Gerade geht. Aber wer sagt, daß das nicht bloß eine Unzulänglichkeit unseres Geistes ist?

Es lassen sich ganze Gebäude der Wissenschaft auf solchen Axiomen errichten. Manche suchen die Ereignisse der Geschichte zu verstehen, indem sie versuchen die Psychologie des Men-schen zu verstehen, die Grundlagen für seine Psychologie aber suchen sie in seiner Biologie und die Ursachen für das biologische Geschehen in der Chemie. Die Ursachen für das chemische Geschehen aber liegen in der Physik begründet, in den Eigenschaften der Materie. Je tiefer wir aber eindringen in ihre Struktur, um so mehr zerrinnt sie uns zwischen den Fingern, und was bleibt, ist eine Bewegung, aber es ist nichts da was sich bewegt.

Was aber die Beweise in der Wissenschaft anlangt, so halten wir uns an die Logik. Wenn es uns gelingt, mit Hilfe der Logik von einem Satz zu einem anderen zu gelangen, so halten wir den zweiten Satz für bewiesen, vorausgesetzt, der erste war es ebenfalls. Mit welcher Logik aber wollen wir die Logik selbst beweisen? Auch sie beruht wiederum auf Axiomen, die nicht bewiesen werden können. Man sagt: Ein Ding ist entweder A, oder es ist nicht A, und ein Drittes gibt es nicht. Das läßt sich zwar nicht beweisen, aber jedem sei klar, daß es so ist. Ebenso sei jedem klar, daß ein Ding, wenn es A ist, nicht gleichzeitig nicht A sein kann. Was sagt das aber aus? Vielleicht nur, daß unsere Gehirne eben so gebaut sind, daß sie mit diesen Voraussetzungen arbeiten und nicht mit anderen.

Es gibt freilich welche, die sagen: "Unsere Logik kann nicht allzu falsch sein, sonst hätten wir, die wir uns ihrer bedienen, nicht solange überlebt." Sie sagen, der Mensch hat sich nur deshalb entwickelt, weil seine Logik ihn besser zum Überleben befähigt hat als der bloße Instinkt. Nun, das Argument ist nicht schlecht. Vorausgesetzt, daß die Welt wirklich so funktioniert, wie wir es mit Hilfe unserer Logik herausgefunden zu haben glauben. Aber selbst wenn wir dem Argument zustimmen, was sagt es uns schon: Es sagt, daß wir die Welt soweit richtig erkennen, wie es zu unserem bisherigen Überleben notwendig war. Wie richtig ist das?

Auch die Zecke erkennt von der Welt soviel, wie zu ihrem Überleben notwendig ist: den Geruch von Buttersäure und eine Temperatur von 36 Grad. Riecht sie Buttersäure, läßt sie sich fallen, fühlt sie die richtige Temperatur, beißt sie zu. Wie hoch erhaben dünkt uns unsere Welt über der Welt der Zecke zu stehen. Und doch: Selbst ein Wesen, das zehnmal höher über uns steht als wir über der Zecke, würde die Welt nicht annähernd voll erfassen.

Mit all dem will ich nichts gegen Gesetze und Verfassungen sagen. Mit all dem will ich nichts gegen die Wissenschaften sagen. Mit all dem will ich nichts gegen die Logik sagen. All das mag in seinem Bereich gut und nützlich sein. Aber Sicherheit ist daraus nicht zu gewinnen.

Am Rande jeder Wissenschaft lauert der Abgrund des Ungewissen. Nirgends gibt es einen Halt, nirgends gibt es festen Boden unter den Füßen. Denkst du alles zu Ende, erkennst du, daß unser Leben wirklich nicht anders ist, als das eines Meschenwesens, das von einem Turm gesprungen ist.