Pygmalion

Gegen Ende der Altzeit, vielleicht im einundzwanzigsten oder zweiundzwanzigsten Jahrhundert, lebte auf der Erde in einem kleinen Städtchen namens Cyprus, nicht weit von Los Angeles, ein begnadeter junger Computerkünstler. Er konnte alles programmieren, was man sich vorstellen kann, es schien, als ob er den kalten Rechenmaschinen Leben einhauchte. Seinen ersten Ruhm hatte er mit "lebenden Dichtungen" erworben, Programmen, die er aus den Formen der Lyrik, des Romans und der Abenteuerspiele der Computerfrühzeit abgeleitet hatte. Es waren Dichtungen, in denen man sozusagen umhergehen konnte, die ausgebreitet waren wie eine Landschaft. Man konnte sie auch von oben überfliegen, wie man ein Gelände aus der Vogelschau betrachtet, oder in sie eindringen wie in Höhlen, oder sich in ihnen verlieren wie in Labyrinthen. Doch sie hatten noch eine Eigenschaft: Sie veränderten sich mit der Zeit. Man konnte gewissermaßen zu einem schon einmal durchstreiften Kapitel zurückkehren und es war nicht mehr dasselbe; vielleicht nur wenig, kaum merklich verändert, vielleicht auch gänzlich fremd und nicht mehr wiederzuerkennen.

Später schuf er auch Bilder dieser Art, die man nach allen Richtungen, in allen drei Dimensionen duchstreifen konnte, und die sich da langsam, dort sprunghaft veränderten, so als ob hier etwas wüchse, dort etwas verginge, Tode und Geburten stattfänden, Entwicklungen und Deformationen, Stagnation und Katastrophen sie belebten oder erstarren ließen.

Seine feinsten Kreationen freilich konnten nur hochgebildete Kybernetiker genießen, denn deren ästhetischer Reiz lag nicht sosehr an der Benutzeroberfläche des Programms, sondern vielmehr in den logischen Tiefen des Algorithmus selbst. Es waren logische Kompositionen, tiefgründiger als Bachsche Fugen, und - so seltsam es klingen mag - Kenner konnten bei der Lektüre der Listings in Tränen ausbrechen, wie ja auch manche Musiker von der Lektüre einer Partitur mehr ergriffen werden als von Anhören des Stücks.

Er stellte auch eigenwillig geformte bewegte Figuren her, die auf seltsame Weise auf die Gesten, die Körperwärme und die Hautfeuchtigkeit der Betrachter reagierten und so gewissermaßen in eine direkte Kommunikation mit dem Unterbewußtsein der Betrachter traten, was einen fremden, unwirklichen Zauber ausübte.

Der junge Mann, schon längst berühmt, war immer noch einsam. Von seinem Fachgebiet verstand praktisch niemand soviel wie er, mit wem also hätte er darüber sprechen sollen. Und über andere Dinge wußte er kaum etwas. Die Frauen waren für ihn sehr seltsame, fremde Wesen, nach denen er sich zwar sehnte, doch die ihm auch Scheu, fast Angst einflößten.

So begann er eines Tages, fast ohne sich darüber im Klaren zu sein, was er da tat, das Programm eines künstlichen Menschen zu entwerfen. Eines weiblichen Menschen. Er verbarg, was er wirklich vorhatte, vor sich selbst, indem er sich einredete, er arbeite an einer Charakterstudie für eine neue lebende Dichtung. Doch er verbiß sich in sein Projekt, feilte und bosselte daran fast zwei Jahre, und dann bestellte er von einer Firma, die lebensechte elektronisch steuerbare Puppen für sehr, sagen wir, banale Zwecke herstellte, das Spitzenmodell und begann, ihr sein Programm einzubauen.

Das Ergebnis war verblüffend. Ihre Bewegungen waren von einer jungmädchenhaften Anmut, wie er sie für die Frau seiner Träume immer gewünscht hatte. Ihre Stimme war glockenrein, ihr Gesichtsausdruck und Mienenspiel frisch und Lebendig. Sie war himmelweit entfernt von den steifen Menschenimitationen, die bisher von der elektronischen Unterhaltungsindustrie produziert worden waren. Ihre Konversation ließ freilich noch zu wünschen übrig, doch er hatte ihr ein selbstlernendes Programm eingegeben, und mit Begeisterung lehrte er sie alles, was er wußte.

Und bald wurde es ihm klar: Er hatte sich in sie verliebt. Nicht lange, und sie war soweit , daß er sich mit ihr in der Öffentlichkeit zeigen konnte. Kein Mensch kam auf die Idee, in ihr eine Maschine zu vermuten, und selbst Männer, die mit Produkten der besagten Firma intimen Umgang hatten, hätten aufgrund ihrer Lebhaftigkeit und Natürlichkeit kaum eine Ähnlichkeit mit dem bekannten Spitzenmodell gefunden. Höchstens hätte einer vermuten können, hier das lebende Vorbild vor sich zu haben, das für die elektronische Puppe Modell gestanden hatte.

Freilich war des jungen Künstlers Bedürfnis nach Gesellschaft anderer Leute noch geringer geworden, seit sein Geschöpf vollendet war. Praktisch lebte er nur mit seine Geliebten, der er, einer unbestimmten Erinnerung an etwas Gelesenes folgend, den Namen Olympia gegeben hatte. Er brauchten niemand anderen mehr, denn er hatte sich die ideale Gefährtin geschaffen.

So ideal sogar, daß er, wenn er einen Mangel fand, sie gewissermaßen auseinandernehmen und noch verbessern, noch genauer seinen Wünschen anpassen konnte. Oft und oft saß er viele Nächte am Computer und arbeitete neue anziehende Eigenschaften, neue liebenswerte Charakterzüge für sie aus, verlieh ihr immer weitergehende Fähigkeiten.

Und doch, nach einem Jahr oder zweien begann seine Liebe nachzulassen. Er fragte sich, woran das liegen konnte und was er vielleicht an seiner Olympia noch verbessern konnte. Doch zu seiner Verwunderung fehlte ihm auch die Lust, an ihr zu bessern, zu arbeiten, zu feilen. Tatsächlich, was sollte er noch verbessern: Sie entsprach perfekt all seinen Bedürfnissen. Vielleicht zu perfekt. Ja, das könnte es sein, dachte er, sie war ein perfektes Spiegelbild seiner Wünsche und erfüllte sie zuverlässig. Sie forderte ihn nicht, er mußte sie nie umwerben ihr niemals schmeicheln, sie niemals trösten, über nichts hinwegsehen.

So begann er - vorsichtig und mit Maßen - ihr auch negative Eigenschaften einzupflanzen, ein wenig Eitelkeit etwa, eine gewisse Neigung, seine eigenen negativen Eigenschaften zu bespötteln, und ein kleines Talent für extravagante Wünsche.

Das gab seiner Beziehung zu Olympia für einige Zeit wieder eine gewisse Würze. Als ihm das nicht mehr genügte, verlieh er ihr sogar die Fähigkeit zu trotzen und ihm ihre Zärtlichkeiten zu verweigern. Doch schließlich wurde ihm klar, welcher Selbsttäuschung er erlegen war. Sie weigerte sich zwar nun öfters, ihm seine Wünsche zu erfüllen - doch auf seinen Wunsch. Noch immer hatte er ein Spiegelbild seiner Wünsche vor sich, ein noch perfekteres sogar als zuvor.

Und langsam, langsam dämmerte ihm ein noch tieferer Grund für seine Unzufriedenheit. Er hatte ein Kunstwerk geschaffen, o ja, ein Kunstwerk, weit über alles bisher Vorstellbare hinaus. Doch mochten andere sie auch für lebendig halten, ihm war im Grunde doch klar, daß er ihren Charakter geschaffen hatte. Jede ihrer Eigenschaften hatte er auf dem Reißbrett entworfen. Theoretisch hätte er jede ihrer Reaktionen mit Bleistift und Papier vorherberechnen können. Die Gedanken, die sie aussprach, waren seine Gedanken, und die Gefühlsregungen, die sie zeigte, waren Abwandlungen der seinen.

Er hatte die Zauberbrille der Selbstsuggestion verloren. Wenn er sie ansah, dann sah er gewissermaßen durch sie hindurch, er kannte ja jedes Chip in ihr, jede Verdrahtung, jede Lötstelle, er wußte auswendig die langen, langen Listen von Daten, die ihren Charakter ausmachten, die Kreuz- und Querverbindungen ihres Gefühlslebens, die er selber angelegt hatte.

Noch einmal setzte er sich hin und arbeitete ein Programm aus, das ihr die Möglichkeit gab, sich zu entwickeln. Nach dem Vorbild gewisser lernfähiger Schachprogramme baute er sie so um, daß ihre Erfahrungen und die Schlüsse, die sie daraus zog, ihr Programm veränderten, sodaß sie bis zu einem gewissen Grad sich selbst programmierte. Eine Zeitlang faszinierte es ihn, diese Entwicklung zu verfolgen. Er liebte sie wieder, vielleicht nicht mehr sosehr wie ein Liebhaber, eher wie ein Vater, der das Reifen seines Kindes verfolgt. Doch bald fiel die Zauberbrille ein weiteres Mal von ihm ab. Er mußte erkennen, daß sie zwar nun Eigenschaften aufwies, die er nicht geplant hatte, daß ihre Entwicklung einen Weg genommen hatte, den er nicht vorausgesehen hatte. Doch er war es immer noch, der die Regeln festgelegt hatte, nach denen diese Entwicklung verlaufen war. Und wenn auch das Ergebnis wegen der eingebauten Zufallsgeneratoren nicht vorhersehbar gewesen war, so konnte doch nun, im nachhinein, genau festgestellt werden, warum die Entwicklung so und nicht anders verlaufen war. Und noch immer war Olympia sein Produkt, ein Spiegelbild seiner selbst. Er liebte sie, ja, aber so wie ein Dramatiker eine Figur aus einem seiner Dramen lieben kann: als einen Traum, als eine Entäußerung seiner selbst. Aber niemals konnte sie ihm ein Mensch, ein Partner, ein lebender Gegenpol sein.

Seine Liebe verwandelte sich in Abscheu, der Abscheu in Ekel.

"Sei doch du selber" brüllte er sie eines Morgens an, als er neben ihr erwachte.

"Was wirst du noch alles von mir wollen?" sagte sie traurig. "Mein Wesen ist: dein Geschöpf zu sein. Du willst, ich soll ich selber sein, also nicht dein Geschöpf. Dann soll ich also, um endlich ich selber zu werden, nicht mehr ich selber sein?"

"Verschon mich mit deiner Logik!" knurrte er und wußte genau, daß es seine Logik war, die aus ihr sprach.

Nach dem Frühstück ging sie, um Einkäufe zu machen. Sie kam nicht wieder.

Am nächsten Tag kam eine kurze Nachricht: "Ich liebe dich nicht mehr. Ich gehe zu einem anderen!"

Erst war er erleichtert. Später doch leicht enttäuscht über ihre schnelle Untreue. Bald fühlte er mit Erstaunen Eifersucht. Dann merkte er seine Vereinsamung. Und dann wurde er rasend unglücklich.

Tagelang lief er in seiner Wohnung im Kreis, hielt anklagende Reden, brach laut weinend zusammen, trank nach und nach alle Falschen leer, die er in seiner Wohnung finden konnte, und schließlich ertrug er es nicht mehr und begann Nachforschungen anzustellen, wohin sie gegangen war.

Es war nicht schwer herauszufinden. Sie war zu Dave Goldenberg gegangen, einem eher altmodischen Maler zweidimensionaler Bilder, den sie kennengelernt hatte, als ihr Schöpfer mit ihr noch auf Parties ging, um ihre Tauglichkeit für die Öffentlichkeit zu testen.

Tagelang umschlich er Daves Haus. Eines Abends sah er die beiden heimkommen, Arm in Arm, vielleicht etwas beschwipst, vielleicht einfach trunken von ihrer jungen Verliebtheit. Er brach zusammen.

Am nächsten Morgen wartete er ab, bis er sie aus Daves Haus gehen sah. Dann stürmte er hinein, drückte wie rasend auf die Klingel, und als Dave öffnete, ging er an ihm vorbei, drehte sich um und sagte mit schneidender Kälte: "Ich muß dir etwa sagen: Du liebst einen Roboter. Olympia ist von mir programmiert!" Mit Triumph in den Augen wartete er auf Daves Erschrecken.

"Ich habe es mir gleich gedacht", sagte Dave leise und lächelte. "Sie ist wundervoll. Sie ist ganz anders als du, und doch hat sie mich sofort an dich erinnert. Sie paßt zu dir, wie das Schloß zum Schlüssel. Du hast sie für dich programmiert, nicht wahr?"

Der Künstler nickte stumm. Und dann erzählte er weinend alles. Der Maler hörte ihm zu und sagte dann: "Sie sagte mir, daß sie an dem Morgen geboren wurde, als sie zu mir kam. Was vorher war, weiß sie, weil sie es als Information in ihrem Gedächtnis gespeichert vorfindet. Aber sie hat vorher nichts erlebt. Sie war ein Automat und sie ist lebendig geworden. Als du von ihr verlangtest, sie solle aufhören, sie selber zu sein, um sie selber zu werden, da ist irgend etwas total Verrücktes in ihren Schaltkreisen vor sich gegangen, eine Verschachtelung, ein unendliches Sich-in-sich-selbst-Spiegeln und gleichzeitiges Sich-selbst-Negieren, sodaß sie sich ihrer selbst bewußt geworden ist. Sie weiß jetzt, daß sie existiert, und sie weiß, daß sie weiß, daß sie existiert, und sie weiß, daß sie weiß, daß sie weiß und so weiter, bis in alle Ewigkeit. Das Paradoxon hat sie lebendig gemacht. Für mich jedenfalls. Aber für dich ist sie, fürchte ich, verloren."

Der Künstler ging traurig davon.

Olympia soll noch lange existiert und mit vielen Männern gelebt haben, die ihr, weil sie Menschen aus Fleisch waren, alle wegstarben. Ob sie wirklich lebendig war, traute sich keiner zu sagen. Eines Tages soll sie, so sagt man, freiwillig ihre Stromzufuhr abgeschaltet haben.

Der junge Künstler meldete sich zu einer einsamen Raummission, von der er nicht lebend wiederkam. Sein Name war seltsamerweise - er war griechischer Abstammung - Theodore S. Pygmalion.