Die Strabonen

»Auf dem Planeten Strabo« - so erzählt Popol der Alte - »gibt's überhaupt keinen Sex. Die Strabonen vermehren sich nämlich wie bei uns die Pantoffeltierchen: durch Teilung. Sie spalten sich einfach. Und zwar alle Lebewesen dort, die pflanzenartigen und die tierartigen und die intelligenten. Das Leben ist dort anscheinend erst sehr spät entstanden, als da schon sehr stabile Verhältnisse waren auf dem Planeten. Die Chancen dafür sind natürlich äußerst niedrig, denn normalerweise muß es auf einem Planeten ordentlich krachen und blitzen, damit die richtige chemische Mixtur zusammenkommt, die sich dann selbständig fortpflanzen kann. Wie dem auch sei, auf Strabo ist eben alles viel langsamer vor sich gegangen als auf unserer guten alten Erde: Klimaverschiebungen, Gebirgsauffaltungen und all der Kram. Dadurch konnte das Leben dort unten bei der alten Methode bleiben, sich durch Teilung fortzupflanzen, was die Evolution natürlich ungeheuer verlangsamt. Aber auch bei der Teilungsmethode passieren kleine Fehler, es werden keine hundertprozentig identischen Duplikate erzeugt, und so gibt es auch dort einen Ansatzpunkt für die natürliche Auslese, verschiedene ökologische Nischen bevölkern sich mit entsprechend angepaßten Lebewesen, und so spalten sich schön langsam die Arten auf und es entsteht Buntheit und Vielfalt wie auf dem Rummelplatz. Strabo ist vom philosophischen Standpunkt aus natürlich ungeheuer interessant, aber für einen jungen Raummatrosen, der sich amüsieren will...

Es gibt eben keine Frauen dort. Männer auch nicht, was das betrifft. Nur diese völlig geschlechtslosen Strabonen, die alle ihre eigenen Mütter und Urgroßväter sind. Das Denken dieser Strabonen ist für unsereinen ja praktisch unbegreifbar. Wenn du deinen Bruder triffst, dann sagst du vielleicht zu ihm:

"Erinnerst du dich noch, wie wir damals Vaters Whiskeyflasche fanden?"

Und er sagt zu dir: "O ja, du dachtest, es wäre eine Medizin, von der man groß und stark wird und daß die Erwachsenen uns nichts davon geben, damit wir nicht so stark werden wie sie und sie verprügeln."

Und du sagst wieder: "O Gott, war mir damals schlecht", und dein Bruder sagt: "Ja, sie mußten dir den Magen auspumpen".

Aber wenn du ein Strabone wärest und mit deinem Zwilling Kindheitserinnerungen austauschen würdest, dann würdest du sagen:

»O Gott, war mir damals schlecht!"

Und dein Zwilling würde sagen: "Ja, und sie mußten mir den Magen auspumpen!"

Versteht ihr? Du und dein Zwilling, ihr hättet einfach dieselbe Kindheitserinnerung. Alles, was vor der Teilung war, habt ihr beide erlebt. Du kannst sagen: "Ich habe dies und das gemacht", und dein Zwilling kann mit demselben Recht sagen: "Ich habe es gemacht."

Und natürlich reicht deine Erinnerung über viele, viele Teilungen zurück. Wenn du zum Beispiel dein Cousin triffst, dann warst du mit ihm bis vor zwei Teilungen ein und dieselbe Person. Von allem, was davor geschehen ist, können vier Leute sagen: "Ich habe das getan."

Diese Strabonen haben natürlich eine ganz andere Psychologie als wir. Wenn du mit einem redest, hast du immer das Gefühl, du hast einen Irren vor dir, einen Schizophrenen. Ich habe einmal mit einem gesprochen, der ein Meister in strabonischem Schach war - ich nenne es halt so, in Wirklichkeit wird es auf einem dreidimensionalen Feld gespielt - , und der hat mir erklärt, er hat schon keine Gegner mehr, und er freut sich schon, wenn er nach seiner nächsten Teilung endlich gegen sich selbst spielen kann. Im Grunde kennen sie den Begriff du nicht, und auch kein er, sie, es. Ihre persönlichen Fürwörter sind alle nur verschiedene Abstufungen von ich. Und sie empfinden das auch so. Wenn du dich bei einem von ihnen beschwerst, weil, sagen wir, ein Kollege von ihm dich beim Landeanflug behindert hat, dann wird es dir antworten:

"Es tut mir leid, daß ich das getan habe, aber leider hat der Teil von mir, der jetzt spricht, keinen Einfluß mehr auf den Teil von mir, der das getan hat".

So ungefähr jedenfalls müßte man das übersetzen.

Sie nennen alles ich. Sogar die Pflanzen. Manche behaupten sogar, sie können sich an ihre pflanzliche Zeit erinnern. Ich glaube das allerdings nicht, denn bei jeder Teilung geht ein Teil der Erinnerungen verloren, Unschärfen und Irrtümer stellen sich ein. Wir erinnern uns ja auch in unserer kurzen Lebenszeit nicht an alles, und schon gar nicht an alles richtig. Wir bringen Zeiten und Orte durcheinander, wir glauben, Dinge selbst erlebt zu haben, die wir nur erzählt bekommen haben, und können von Sachen, die wir in der Jugend angestellt haben, oft nicht glauben, daß wirklich wir selbst es waren, die das getan haben. So würde ich auch bei den Strabonen davon ausgehen, daß alle Erinnerungen an Dinge, die dreißig oder vierzig Teilungen zurückliegen, mit einem ordentlichen Krümel Salz zu genießen sind.

Dabei ergibt sich noch ein seltsamer Effekt: Zwillinge haben, was die Zeit vor ihrer Teilung betrifft, praktisch identische Erinnerungen. Aber mit zunehmendem Alter verblassen die Erinnerungen und werden auch entstellt, und man kann sich leicht vorstellen, daß das bei beiden Zwillingen nicht ganz den gleichen Effekt hat. Was man vergißt und was nicht, hängt ja wohl auch von den Erlebnissen und Erfahrungen im gegenwärtigen Leben ab. Nach der nächsten Teilung verstärkt sich der Unterschied noch, und was einmal ein einziges Leben war, sind bald vier, dann acht, dann sechzehn immer unterschiedlichere Erinnerungen, und so weiter. So kriegen die Strabonen auch so etwas wie Individualität, aber gradweise.

Aber wie auch immer, es bleibt ihnen ein ungeheuer starkes Gefühl von Kontinuität.

Was einen noch wahnsinnig macht, ist, daß man sich bei ihnen immer wie ein dummer Bub vorkommt. Obwohl sie sich ungefähr alle zwanzig Jahre teilen, tun sie so, als ob sie Hunderte und Tausende von Jahren alt wären, und irgendwo stimmt's ja auch. Sie sind nie jung, sie haben nie diese ungeheure Neugier und Lebensgier, die unsereiner als Junger hat. Das macht sie ungeheuer konservativ, und deshalb geht ihre Geschichte genauso langsam vor sich wie ihre biologische Evolution. Sie kennen keine Midlife-Crisis und auch keine Torschlußpanik oder diese Resignation, die unsereinen im Alter ergreift. Sie machen Pläne und übernehmen Aufgaben, auch wenn sie wissen, daß sie sich jetzt bald in ihren Kokon zurückziehen und sich teilen werden. Der Vorgang dauert einige Monate, und wenn man in dieser Zeit den Kokon aufbricht, sterben sie. Natürlich sterben sie auch an Krankheiten und Unfällen, und dann kennen sie auch die Todesangst, so wie wir. Oder vielleicht ist es dann für sie schlimmer, denn wir wissen ja, daß wir auf jeden Fall sterben müssen, aber für sie ist der Tod ein Unglück, das theoretisch zumindest vermeidbar wäre.

Kriege und Morde hat es bei ihnen gegeben, sehr selten allerdings, und sie haben das immer als eine Art Krankheit empfunden:

"Ich war damals verrückt, ich war mit mir selbst uneinig", so hat mir ein Historiker einmal einen Krieg geschildert.«