Die Liebe auf fremden Planeten

»Eins meiner seltsamsten Erlebnisse«, erzählt Popol der Alte, »war sicherlich meine Zeit auf dem Planeten Shondum, da draußen in Richtung Pferdekopf-Nebel. Ich war da gestrandet, weil mich mein Navigationssystem total im Stich gelassen hatte, noch kein Mensch war je in diese Gegend gekommen.

Dieser Planet wird von einer intelligenten Art bewohnt, wir können sie Vuuhls nennen, wenn uns das paßt, damit wir einen Namen für sie haben. Ihre eigene Bezeichnung für sich müßten wir freilich mit: die intelligenteste, hübscheste und wichtigste Rasse im gesamten Universum übersetzen, oder einfach mit Menschen .

Von Raumfahrt verstehen die Vuuhls weniger als wir, nämlich nichts. Dafür aber einiges mehr von Magie. Zum Glück für mich kennen die Vuuhls praktisch keine Angst und haben auch nicht das Bedürfnis, alles Fremde, was nicht in ihr Weltbild paßt, sicherheitshalber erst einmal umzubringen. So konnte ich mich bei ihnen häuslich einrichten, meine Notrufantenne aufbauen und die Dinge auf mich zukommen lassen. Am Anfang konnten die Vuuhls sich mir viel leichter verständlich machen als ich mich ihnen. Das liegt an ihrer Art der Kommunikation. Sie kennen keine akustische Verständigung wie wir, weil auf Shondum die Atmosphäre äußerst dünn ist und kaum Laute trägt. Statt dessen verständigen sich die Vuuhls visuell.

Sie stammen von einer Art ab, die früher, vor Millionen Jahren, von einem ziemlich großen und gefräßigen Tier als Leckerbissen geschätzt wurde und daher nur durch eine hervorragende Fähigkeit zur Tarnung überleben konnte. Sie können also ihre Hautfarbe völlig der Farbe und Musterung des Hintergrunds anpassen, so wie manche Fische auf unserer Mama Erde. Als das gefräßige große Tier aus verschiedenen Gründen ausstarb, kam den tierischen Vorfahren der Vuuhls diese Fähigkeit, Muster auf der Haut zu bilden, für die Entwicklung von Sprache und Intelligenz zugute. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie erstaunt ich war, als mir das erste Vuuhl, dem ich begegnete, auf seinem Bauch einen Zeichentrickfilm vorführte. Tatsächlich ist das die Art, wie sie mit ihren Kleinkindern reden, oder wie Vuuhls, die verschiedene Sprachen sprechen, sich miteinander verständigen können.

Ich könnte jetzt viel darüber erzählen, wie sich diese Art der Verständigung auf die Entwicklung ihres Denkens ausgewirkt hat. Sie haben zum Beispiel viel später als wir begonnen, abstrakte Begriffe zu bilden. Unsere Vorfahren, die alles, was sie sahen, mit irgendwelchen Lauten bezeichnen mußten, die im Grunde nichts mit dem Bezeichneten zu tun hatten, haben natürlich alles, was irgendwie ähnlich war, mit demselben Laut bezeichnet. Aber wenn wir, statt zu reden, einander Filme zeigen würden, dann würdest mir, wenn du mir von einem Baum erzählen willst, keinen Baum zeigen, sondern eine Föhre oder eine Ulme oder einen Affenbrotbaum, und auch nicht einfach einen Affenbrotbaum , sondern einen alten oder jungen, großen oder kleinen, blühend oder mit Früchten. Wir hätten furchtbare Schwierigkeiten, einen so einfachen Satz auszudrücken wie: Vögel sitzen gern auf Bäumen , während es uns überhaupt kein Problem bereiten würde, genau zu erklären, auf welchem Ast welchen Baumes welcher Vogel sitzt, wie er aussieht, was er tut, was gleichzeitig auf dem Nachbarast passiert und wie der Wind währenddessen die Blätter erzittern läßt.

Tatsächlich sind die modernen Sprachen der Vuuhls keine Trickfilme mehr, sie bestehen aus einer raschen Abfolge äußerst verwirrender Muster. Und nur, wenn sie einander, zum Beispiel, von einem fremden Raumfahrer erzählen, der in ihrem Vorgarten gelandet ist, dann verwenden sie die Filmsprache, um einander zu zeigen, was das für ein Wesen ist. Und natürlich auch, wenn sie im Ausland Brötchen einkaufen wollen.

Mit Hilfe von Bildern und Zeichentrickfilmen auf dem Bauch brachten sie mir eine ihrer Sprachen bei, und ich hatte die Idee, ihnen meine Sprache sichtbar zu machen. Ich baute einfach eines der Prüfgeräte, das ich für Bordreparaturen mit hatte, zum Oszillographen um. Wenn ich ins Mikrofon redete, konnten sie auf dem Schirm das Bild de Schallwellen, die ich produzierte, sehen, und einige lernten erstaunlich schnell, mich zu verstehen.

Mit einem der Vuuhls verstand ich mich besonders gut. Ich hatte es Pamela genannt. Sie war eine Galumba, was am ehesten einer Frau bei uns entspricht. Dazu muß ich sagen: Die Vuuhls haben drei Geschlechter. Die geschlechtliche Fortpflanzung ist bei ihnen noch ausgefeilter als bei uns. Das hängt anscheinend damit zusammen, daß sie eine besonders langlebige Art sind, und auf jedes Vuuhl im Durchschnitt höchsten 1,1 bis 1,2 Kinder kommen, sodaß es äußerst wichtig ist, daß diese Kinder völlig gesund sind und möglichst keine Mutationen vorkommen. Die Chancen dafür sind bei dreigeschlechtlicher Vermehrung natürlich größer als bei zweigeschlechtlicher.

Es gibt also bei ihnen drei Geschlechter. Galumba, wie gesagt, könnte man noch am ehesten mit dem weiblichen Geschlecht gleichsetzen, weil die Kinder im Leib einer Galumba wachsen, bis sie geboren werden. Die zwei anderen Geschlechter sind Mochtli und Titil. (Die Bezeichnungen habe ich mir zurechtgelegt, weil ihr Bild auf dem Oszillographen entfernt an die entsprechenden Muster in der Vuuhlsprache erinnert.) Mochtli und Titil sind freilich beide nicht mit dem männlichen Geschlecht vergleichbar. Am ehesten noch das Mochtli, weil es ein Organ hat, mit dem es in das Titil eindringt. Also, es tut mir leid, aber wenn ihr eure geschlechtliche Bildung vervollständigen wollte, dürft ihr euch nicht mit den Vögeln und den Bienen begnügen, ihr müßt auch wissen, wie es bei den Vuuhls zugeht.

Auf Shondum ist das Leben, ähnlich wie bei uns, auf Eiweiß aufgebaut, und auch die Zellstruktur ist mit der unsern annähernd vergleichbar. Um ein kleines Vuuhl zu zeugen, müssen also eine Galumba, ein Mochtli und ein Titil zusammenkommen und einander sehr, sehr lieb haben. Dabei dringt also einerseits das Mochtli in das Titil ein und tauscht mit ihm je eine Keimzelle aus. Also das Mochtli befruchtet gewissermaßen das Titil, und gleichzeitig das Titil das Mochtli. Das Mochtli und das Titil haben je eine Öffnung, an die sich die Galumba mit gewissen dazu vorgesehenen Organen ansaugt. Nach einiger Zeit der Reifung saugt sie die befruchteten Voreier - oder man könnte sie auch Zwischensamen nennen - aus dem Mochtli und dem Titil heraus und befruchtet damit das eigentliche Ei. Soweit klingt das ganze recht einfach. Aber es können dabei tausend Dinge schiefgehen, sodaß es möglicherweise zu keiner geglückten Befruchtung kommt, und dann beginnt das ganze von vorn. Ihr könnt euch vorstellen, daß so ein Liebesakt bei den Vuuhls eine ausgesprochen langwierige Angelegenheit ist. Es dauert manchmal solange, daß die Vuuhls dabei völlig von Kräften kommen, weil sie buchstäblich verhungern. Manche müssen nach dem Geschlechtsakt monatelang wieder aufgepäppelt werden. Damit die Vuuhls zu diesem aufreibenden und gefährlichen Geschäft überhaupt bereit sind, ist es bei ihnen allerdings mit entsprechend großer Lust verbunden. Es ist schwierig, sowas in Zahlen zu messen, aber vorsichtig geschätzt würde ich sagen, daß sie ungefähr zweitausend Mal so intensiv erleben wie wir. Es wäre also nicht falsch zu sagen, daß die Vuuhls ganz schöne Lustmolche sind, noch dazu, wo das auch ganz gut zu ihrem Aussehen paßt.

Mehr als drei-, viermal im Leben hält ein Vuuhl den Liebesakt allerdings kaum aus, sodaß es in der Gesamtrechnung wohl ungefähr aufs Gleiche herauskommt, ob man ein Vuuhl ist oder ein Mensch, der ja doch viel öfter das Vergnügen hat.

Allerdings sind einige Völker der Vuuhls verschiedenen Perversionen nicht abgeneigt. Und man kann sich vorstellen, daß sie da einen viel größeren Variantenreichtum haben als wir, wenn man allein alle Möglichkeiten von Zweier- und Dreierkonstellationen in Betracht zieht. Aber die meisten Vuuhl-Völker sind in dieser Hinsicht eher konservativ und lehnen Vergnügungen, die nicht zur Zeugung führen, im großen und ganzen ab.

Die Kinder gebiert, wie gesagt, die Galumba, und sie werden auch wie bei uns mit einer Körperflüssigkeit gesäugt. Interessanterweise säugen aber alle drei Geschlechter. Und zwar kommen die Babys geschlechtslos zur Welt und nehmen im Lauf ihrer Entwicklung das Geschlecht dessen an, der sie säugt. Deswegen haben die Vuuhls nie das Problem, daß sich, sagen wir, die Galumba sehnlichst ein Mochtli wünscht und dann todunglücklich ist, weil es ein Titil geworden ist. Dafür gibt es reihenweise Familiendramen, weil sich die Ehetrios nicht einigen können, welches Geschlecht das erste Kind haben soll.

Die Vuuhls, deren Gast ich war, waren strenge Bigamisten und sehr moralisch, und die Regel war, daß jedes Ehetrio genau drei Kinder bekam, eins von jedem Geschlecht.

Ihre liebste Freizeitbeschäftigung ist das Erzählen von Liebesgeschichten, die zehnmal so sinnlich sind wie Tausend und Eine Nacht oder die Geschichte der O und hundertmal so verwickelt. Die mathematischen Möglichkeiten für allerhand Verstrickungen sind natürlich enorm, und ich habe sicher hundert Geschichten gehört, die nichts waren als Variationen der klassischen Formel: Galumba liebt Mochtli, Mochtli liebt Titil, Titil liebt Galumba - aber Galumba liebt Titil nicht, Titil liebt Mochtli nicht und Mochtli liebt Galumba nicht. Erst nach vielen Abenteuern und Heldentaten, in denen alle ihre große Seele beweisen, erkennen sie, daß sie doch füreinander geschaffen sind - allerdings nicht, bevor nicht mindestens einmal die Drehrichtung von Liebe und Haß sich umgekehrt hat.

Andere Variationen kann sich jeder selber ausdenken und ich will niemanden mit der Vuuhl- Version von Romeo und Julia und Bobby langweilen, obwohl die Vuuhls dabei jedesmal, aber wirklich jedesmal in das Ausbrechen, was bei ihnen die Tränen sind. Sie sind wirklich eine ungeheuer sinnliche Art, und ihre Sinnlichkeit ist ansteckend...«

Popol der Alte saugte gedankenvoll an seinem Röhrchen mit C70 und lächelte verträumt.

»Und da hast du ihrer Sinnlichkeit nicht widerstehen können, einsam und gestrandet, wie du warst.« Blechschädel nickte weise vor sich hin.

»Ich möchte es lieber so verstanden wissen, daß ich nach einigen Monaten der Bekanntschaft mit einer Galumba, die ich, wie ich schon erwähnt habe, Pamela nannte, eine tiefe seelische Verwandtschaft verspürte, wenn auch keine unmittelbare körperliche Anziehung. Immerhin sehen die Vuuhls aus wie eine Kreuzung von einem Grottenolm mit einem Tintenfisch. Allerdings, je tiefer unsere seelische Beziehung wurde, um so stärker wurde bei mir der Wunsch, daß sie mich körperlich anziehen möge. Wir drohten bereits eine neue, sozusagen interstellare oder inter-rassische Variante der beliebten Vuuhl-Liebestragödien zu werden, als Pamela eines Tages verkündete: "Wir können heiraten, wenn du mich wirklich liebst!"

Ich versicherte sie meiner unwandelbaren Liebe und Wertschätzung, aber ich konnte mir nicht vorstellen, mich ihr - oder was das betrifft, irgendeiner anderen Vertreterin ihrer Rasse - körperlich hinzugeben. Aber sie erzählte, daß sie mit einem Magier gesprochen hatte, der sich bereit erklärt hatte, mich in ein Vuuhl zu verwandeln. Ich glaube, ich habe schon erwähnt, daß die Vuuhls einiges mehr von Magie verstehen, als wir. Nun, der Gedanke riß mich nicht gerade hin, aber er hatte einiges für sich. Meine Aussichten, den Planeten jemals wieder verlassen zu können, waren nicht gerade groß - vielleicht eins zu zwei Millionen - also schien es nur ganz vernünftig, in Zukunft als Vuuhl unter Vuuhls zu leben. Mir kam zwar der Gedanken Pamela vorzuschlagen, sich in eine Menschenfrau verwandeln zu lassen. Aber es wäre ihr gegenüber nicht fair gewesen, und außerdem, wer wußte schon, ob der Magier auch etwas von Frauen verstand, ich meine, von Menschenfrauen.

Also stimmte ich nach einiger Zeit des Bedenkens zu.

Was ich aber nicht bedacht hatte, war, daß auf dem Planeten, auf dem ich war, zu einer Ehe drei gehörten. Erst Pamelas Frage, ob ich denn nun ein Mochtli oder ein Titil werden wollte, brachte mich darauf. Sie sehe mich zwar eher als Mochtli, andererseits kenne sie aber ein hübsches Mochtli, das sie gern in unsere Ehe einbeziehen wollte, und es wäre also vielleicht nicht verkehrt, wenn ich mich in ein Titil verwandeln lassen würde. In letzter Instanz wollte sie mir aber freie Hand lassen und mich zu keiner Entscheidung drängen.

Ich überlegte hin und her, aber ich konnte keiner der beiden Varianten großen Geschmack abgewinnen. Die Vorstellung, meine geliebte Galumba noch mit einem Dritten teilen zu müssen, sei es Mochtli oder Titil, war mir absolut unbehaglich. Dazu war ich wohl zu sehr Mensch - und Mann.

Schließlich ging ich zu dem Magier, um mich mit ihm zu beraten. Der Magier - es war übrigens ein Mochtli - war wirklich ein Weiser. Nach langem Nachdenken und mit einer Bauchfärbung, die dem entspricht, was bei uns ein weises Lächeln ist, sagte er zu mir: "Ich glaube dein Problem zu verstehen, Mensch, und ich hätte dir auch eine Lösung vorzuschlagen. Allerdings wird sie dir noch bizarrer vorkommen als alles, was du bisher erlebt hast."

Ich war begierig, seinen Vorschlag zu erfahren.

"Nun, meine Magie erlaubt es mir, deiner Seele zwei Körper zu geben, einen Mochtli- und einen Titilkörper. Du wärest beide, und beide wären du. Fühlst du dich seelisch gesund genug, um das Experiment zu wagen?"

Nun, ich dachte, wenn man sich schon in einen Außerirdischen verwandeln ließ, konnte man sich genauso gut in zwei Außerirdische verwandeln lassen. Also sagte ich ja.

Ich weiß nicht, wie er es zustande gebracht hat, ob er wirklich meiner Seele zwei Körper gegeben hat, oder ob es auf einer seltsamen Art von Halluzination beruhte. Jedenfalls, als ich aus meiner Narkose aufwachte, war ich zwei. Ich konnte mir selbst in die Augen schauen, mir selbst mit meinem Bauch etwas erzählen, an zwei Orten gleichzeitig sein und meiner geliebten Pamela in zweierlei Gestalt Zärtlichkeiten zuteil werden lassen. Ich spielte ihr, um sie zu unterhalten, alle Liebesfilme, an die ich mich erinnern konnte, auf meinen zwei Bäuchen vor - ich konnte damit sogar einen gewissen Breitwand-Effekt erzielen. Wir hatten eine wunderbare Brautzeit, nur Vom Winde verweht mußte ich ihr sechsmal vorspielen.

Und immer wieder war ich fasziniert davon, nun zwei zu sein, und jedesmal, wenn ich mir das bewußt machte, wurde mir schwindlig. Und dann kam die Hochzeitsnacht - der Hochzeitsmonat vielmehr.«

Popol der Alte schwieg verzückt.

»Na los, jetzt nicht aufhören!« drängte Blechschädel, »wir wollen die pikanten Details hören! Wie war sie im Bett, oder wo sie es eben treiben, deine Molche?«

»Sie? Ich weiß es nicht. Es war himmlisch, es war grandios, es war das Paradies. Ich durchlustete - ich kann es nicht anders sagen - ich durchlustete diesen Monat, als ob er eine Ewigkeit gewesen wäre. Ich hätte sterben mögen oder mich in einen ewigen Liebesakt verwandeln.

Aber nicht sie war es, die mich so reizte, von ihr wußte ich bald gar nichts mehr. Es war der Genuß, mich selbst zu lieben, was ich so absolut umwerfend fand. Mich selbst als ein Anderer zu liebkosen und dabei doch genau zu wissen, was ich wünschte und was nicht, als der Liebkosende jede Empfindung des Liebkosten mitzuempfinden und umgekehrt - es war die vollkommene Liebe, die vollkommene Erfüllung.

Pamela freilich war bitter enttäuscht. Sie fühlte sich hintergangen und beschwerte sich sofort nach dem Liebesmonat bei dem Magier. Zum ersten Mal in tausend Shondum-Jahren gab es eine Scheidung. Der Magier verwandelte mich zurück, reparierte mit ein paar primitiven Ritualen mein Raumschiff, und die Vuuhls warfen mich hochkant hinaus in den Weltraum. Na ja, und so bin ich zu euch Verrückten zurückgekommen.

Aber meine Hochzeitsnacht mit mir selbst - ich werde sie nie vergessen.«