Der Antichrist

Der Antichrist - so flüsterten es einander einst zahnlose Prälaten in den düstern Gewölben des Vatikans in Ohr - wird sich ankündigen in Gestalt eines Weibes. Ihr Name wird sein Carlotta Siebeneichen, und sie wird kommen über die sieben Meere und durch sieben Wüsten, um Schande und Verdammnis zu bringen. Sechs Getreue sind es, die ihr folgen. Gulla mit dem Feuerhaar, Wanda die Wahnsinnige, Brunhilde mit der breiten Brust, die schlaue Sibylle, Schönelfchen und Gloria das Glatzenweib.

Eines Tages kommen die Sieben zusammen im Eis des Nordpols. Von dort aus nehmen sie ihre wilde Fahrt, die sie einmal rund um die Welt und bis vor die Tore des Vatikans bringt. Auf Snowscootern rasen sie durch das ewige Eis, immer in Speerspitzenformation, Carlotta voran, hinter ihnen stiebt Schnee und Eisgekörn steil gegen den Himmel. Wenn sie den Rand des Eises erreichen, steigen sie um auf Waterbikes und schießen über die Wasser des Nordmeers, gewaltige Gischtfontänen hinter sich lassend. Am Ufer des Meeres erwarten sie sieben donnernde Motorräder, auf denen sie ihrem Ziel nun entgegenreiten. Unaufhaltsam jagen sie durch das Land, vor ihnen öffnen sich Grenzschranken, wie erstarrt liegen die Städte, durch die sie rasen, die Dörfer an ihrem Weg sind entvölkert, nur ein verstörtes Huhn flattert manchmal im wilder Flucht vor ihnen auf und zerstiebt in einer Wolke von Federn und Blut.

Vor den Mauern des Vatikans aber halten sie an. Wie ausgestorben liegt die Stadt Rom unter der Sonne, aber die Menschen hocken hinter den Fenstern und lugen durch Perlenschnüre und Jalousien, durch Spitzenvorhänge und Rollbalken und halten den Atem an. Hinter den Mauern aber herrscht erregtes Treiben. In allen Kirchen und Kapellen werden Bittgottesdienste abgehalten, in den Gängen und Gäßchen laufen aufgeschreckte Pfäfflein durcheinander, grimmige Schweizergardisten bewachen die Tore, und über der Vatikanstadt kreisen Spezialhubschrauber der Feuerwehr, die sonst zur Bekämpfung von Waldbränden eingesetzt werden. Statt gewöhnlicher Wasserbomben haben sie Weihwasser an Bord. Der Papst aber liegt in der hermetisch abgeriegelten Peterskirche auf den Knien, ins Gebet versunken, klein und zerbrechlich unter der riesigen Kuppel.

Carlotta und ihre Getreuen steigen von ihren Maschinen, nehmen ihre schwarzen Helme mit den silbernen Visieren ab und schütteln ihre Mähnen. Alle außer Gloria. Dann gibt Carlotta mit ihrem schwarzbehandschuhten Finger ein Zeichen, und Brunhilde die breitbrüstige brüllt: "Gebt uns den Papst heraus, wir wollen den Papst!"

"Niemals!" tönt der Chor der Schweizergardisten wie aus einem Munde.

"Gut," brandet Brunhildes brummiger Baß auf, "dann holen wir ihn!"

Langsam und unbeschreiblich cool ziehen die Sieben ihre Lederkombinationen aus, unter denen sie getigerte Jeans und schwarze T-Shirts tragen. Wieder gibt Carlotta ein Zeichen, und Gullas Feuerhaar beginnt Funken zu sprühen und setzt das Tor zum Vatikan in Brand. Wanda die Wahnsinnige singt ein polnisches Liebeslied, das den Schweizergardisten das Blut in den Adern gefrieren läßt, und die schlaue Sibylle zielt mit einem Präzisionsbolzengewehr durch sieben Fenster hindurch genau auf den Knopf in der Schaltzentrale, der alle elektronischen Türsperren außer Betrieb setzt. Im selben Moment, in dem sie abdrückt und das Tor zum Vatikan krachend birst, werfen die Hubschrauber ihre Weihwasserbomben ab. Doch die sieben von langer Fahrt erhitzten Mädchen bedanken sich nur grinsend und mit ausgestrecktem Mittelfinger für die Erfrischung.

Die bis dahin so mutigen Schweizergardisten, eng im Tor zusammengedrängt, um die Bresche in der Mauer mit ihren Leibern auszufüllen, sie erblicken nun die naß an die Körper der Sieben geklatschten T-Shirts, und ihre Knie beginnen zu wanken. Schönelfchen zeigt ihnen ihre perlweißen Zähnchen in einem anmutigen Lächeln und läßt ein wenig die zarten Hüften kreisen. Da beginnt der Wald der starr erhobenen Lanzen und Hellebarden durcheinander zu geraten, Gardisten setzen ihr coolstes Grinsen auf, Hände wandern in Taschen und suchen nach Kämmen, Uniformkragen werden kess in die Höhe gestellt, Daumen in Gürtelschnallen eingehängt, ein Gedränge und Geschiebe beginnt, jeder will von den Mädchen gesehen werden, hie und da wagt einer ein Winken.

Da gibt Carlotta wieder ein Zeichen, und nun stürmen Gloria das Glatzenweib und Brunhilde mit der breiten Brust in die Menge der Gardisten, wie rasende Windmühlenflügel arbeiten ihre Fäuste, die Lanzen knicken wie Zahnstocher in der Mitte durch, die Gardisten sinken nieder wie Halme im Getreidefeld, wenn der Schnitter hindurchschreitet.

Wanda die Wahnsinnige läuft nun voran, eine erbeutete Fahne schwingend, Schönelfchen hinterdrein mit verwirrendem Lächeln, das etwas noch erhobene Fäuste und Waffen niedersinken läßt, die schlaue Sibylle durchstöbert bereits die geheimen Archive, und Gullas Feuerhaar leuchtet und züngelt im Wind, und ihr siegreiches Lachen klingt wie Glocken bis hinauf zur Engelsburg.

Im Tor aber steht immer noch Carlotta, unheimlich cool, unnahbar, nicht von dieser Welt. Ihr leerer Blick gleitet über die Körper der hingesunkenen Gardisten, über das aufgeregte Gewimmel der Prälaten und Mönche, die jetzt wie schwarze Ameisen über den Platz huschen um sich ein Loch zu suchen, in das Gullas Feuerhaar nicht hinein scheint. Dann schlendert Carlotta, als ob sie das alles nichts anginge, hinüber zur Peterskirche.

Wie im Traum schiebt sie die schweren Torflügel auf, wie in Trance schreitet sie hin zu dem kleinen, zarten Mann der dort auf dem Boden liegt, das Gesicht zur Erde, die Arme in Kreuzesstellung ausgebreitet. Fast zärtlich, wie einem Vater, streicht sie ihm über das weiße Haar. Dann dreht sie ihn sanft auf den Rücken.

Ach wer kann die Szene beschreiben, die sich im nächsten Moment den leise herbei gehuschten Mönchlein darbietet, die durch die Türen lugen, sich in den Seitenkapellen zusammendrücken, von den Galerien herunterspähen? Wer das Entsetzen der alten, schnurrbärtigen Nonnen schildern, die aus den Küchen und Kleiderkammern zusammengelaufen kommen?

Unter den wilden Akkorden, die Wanda die Wahnsinnige der gewaltigen Orgel entreißt, beleuchtet von Gullas rotfeurigem Haar, raubt Carlotta, mit nacktem Hintern unter der hohen Kuppel des Petersdoms hockend, dem unter ihr liegenden Papst seine Jungfernschaft. Ihre verzückten Augen blicken hinaus in die weiten den Weltraums über dem Dämmer der Peterskuppel, als ob sie im Geist zu den Völkern des Universums spräche: "Schaut her Leute, ich hab's geschafft!"

Und nun beginnen die Glocken zu läuten, von Glorias mächtigen Armen geschwungen, und Brunhildes siegreiches Gelächter ertönt, daß die Mauern erzittern, und Carlotta läßt verzückt ihren Hintern immer rasender wippen, bis der Papst, der bisher versucht hat sich wie im Krampf in die glatten Fliesen zu krallen, sich plötzlich verklärt, und laut jubelnd schreit:

"Ich spritze, ich spritze, o Herr, ich spritze!"

Wie ein Erdbeben schüttelt es nun Carlotta, und es kommt ihr, wie es vor ihr noch nie wem gekommen ist, und nach ihr niemandem je kommen wird.

Dann erhebt sie sich, wischt sich mit einem Kleenex ab, und spricht, während sie wieder in die Hosen fährt:

"Okay Leute, das war's dann. Es ist doch so: wer mit dem Doktor ins Bett geht, ist die Frau Doktorin, und wer's mit dem Pastor treibt, ist die Frau Pastor. Die's dem Präsidenten macht, ist die Frau Präsidentin, und ich, ich bin eben jetzt die Päpstin. Ich werde im Westflügel wohnen. Ist irgend ein Kardinal hier, der uns den Segen gibt? Sonst mach ich's selber."

Sie steckt dem Papst, der noch völlig zerstört auf den Fliesen liegt, einen Ring an, und er lächelt schwach und flüstert:

"Darling!"

Dann winkt er einem Kardinal, der ihnen, von Schönelfchen assistiert, eine schnelle Messe liest.

So wird es sein. Carlotta Siebeneichen übernimmt den Vatikan, aus ihrem Schoß aber entspringt der Antichrist, ein Geschöpf, zugleich Mann und Weib, das die Herrschaft über die Welt ergreift.