Eden

Rabbi Ephraim erzählte:

Im Paradies waren sie zu dritt. Lilith war immer da. Sie war immer da im Hintergrund und immer in Adams Denken. Auch wenn Adam Eva erzählt hatte, daß Jahwe sie aus einer seiner Rippen gemacht hatte; auch wenn er sein Bestes tat, es selbst zu glauben - in seinem Kopf war immer wie ein Schatten das Wissen da, daß sie beide Liliths Kinder waren.

Adam hatte Lilith vertrieben, als seine Schwester noch zu klein war, irgend jemand zu kennen. Weit, weit ins Dickicht des Dschungels hatte er sie getrieben, in die Sümpfe. Dahin, wo er nie seinen Fuß setzte, weil ihn dort dieses schreckliche Gefühl überfiel, das er Angst genannt hatte. Ihr würde schon nichts geschehen dort, sie war ja gut Freund mit allen Wesen. Die Schwester der Mücken war sie ja, die Schwester der Krokodile, der Schlangen, der Leguane. Sie verstand sich ja mit denen, ihr tat keine Giftpflanze etwas zuleide, kein Skorpion stach sie, keine Nessel brannte sie. So sagte sie jedenfalls.

Sie redete mit den Gräsern als Gras, mit den Spinnen als Spinne, mit den Kröten als Kröte. Wußte sie überhaupt, wer sie selbst war? War sie überhaupt ein jemand, ein eigenes Selbst? Sie ordnete sich allem unter, paßte sich allem an, war alles, also nichts.

Adam wollte nicht nichts sein. Er wollte er selbst sein. Er dachte nicht daran, mit den Fröschen ein Frosch zu sein, mit den Fischen ein Fisch. Ihn kümmerte nicht, daß er als einer der letzten auf die Erde gekommen war. Er wollte der Erste sein. Sollten die anderen sich ihm bequemen! Lilith redete zu allem, aber erst er hatte allem Namen gegeben. Er hatte den Wolf Wolf genannt, den Löwen Löwe und das Schaf Schaf. Er hatte das Ahorn Ahorn genannt und die Ulme Ulme. Aber nicht nur das: Er hatte Ahorn und Ulme zu den Bäumen gezählt, Bäume und Blumen aber zu den Pflanzen. Er erst hatte die Welt geordnet. Lilith konnte mit den Dingen reden. Aber wer ihnen Namen gab, der konnte sie rufen, sie gehorchen heißen. Und wer die Welt ordnete, konnte sie beherrschen. Er hatte eine Pyramide aus Begriffen gebaut, an deren oberster Spitze Jahwe stand, von dem alles kam, der alles in sich schloß, der allem befahl. Jahwe, der Mächtige.

Als seine Schwester geboren wurde, kriegte Adam es mit der Angst zu tun. Nun würden es zwei sein wie Lilith, und er nur allein.

Da jagte er, den sie groß und stark gefüttert hatte, Lilith in die Wälder. Und er sagte: ihr Name solle nun Nachtgespenst heißen.

Eva aber, als sie zu sprechen begann, erzählte er von einem Mächtigen namens Jahwe, einem, der so war, wie er, doch in allem größer, besser und stärker. Alles kam nun als Befehl von Jahwe, dem Stärkeren, und man mußte gehorchen. ER hatte Eva aus Adams Rippe gemacht und befohlen, daß sie Adam gehorchen müsse. ER hatte befohlen, daß sie fruchtbar sein und sich vermehren und die Erde sich untertan machen sollten.

Doch Adam litt es nicht in Eden. Das Paradies gehörte nun ihm, er rief den Wolf zu sich und schickte ihn aus, wohin er wollte, er rief das Lamm und den Eber, und alle duckten sich vor ihm. Doch weit hinten in den Wäldern wußte er Lilith, die Schwester der Vögel und Fische, der Pflanzen und Tiere. Und er konnte es nicht ertragen. Wütend riß er die Früchte von den Bäumen, die sich ihm auch willig gegeben hätten. Wütend rannte er ins Wasser, daß es spritzte, obwohl es sich ihm doch willig geteilt hätte. Alles mußte ihm gehorchen, er wollte sich nicht beschenken lassen.

Und damit auch Eva seiner Herrschaft Tribut zollen sollte, wählte er einen Baum aus und verbot Eva, von diesem Baum zu essen. Jahwe habe es so befohlen, so sagte er. Tage- und nächtelang lag Adam hinter dem Baum auf der Lauer. Und endlich ertappte er sie, wie sie eine Frucht von dem Baum brach. Da hatte er nun eine Genossin, eine, die ebenso schuldig war wie er. Und er erklärte ihr, was gut und böse war, denn wie er die Dinge geordnet hatte, so hatte er auch die Taten geordnet und eingeteilt. Und Adam sagte Eva, daß sie nun fort müßten aus Eden.

Und er zog mit ihr fort, weit fort von dem Garten Liliths und von den Wäldern, in denen die Vertriebene hauste. In der dürren Steppe hackte er seine Wut in den kargen Boden, verletzte die Erde und riß sie auf, und entriß ihr gewaltsam das Brot, um nicht mehr demütig empfangen zu müssen. Sein saurer Schweiß tropfte in den Acker. Sein erster Sohn aber war ein Mörder.