Die Macht des Magiers

Zum dreiundzwanzigsten Abt kam einmal ein Schüler und fragte: "Was ist es, Meister, was die Gelehrten Wirkung und Ursache nennen? Ist es real, oder ist es Illusion?

Darauf erzählte der dreiundzwanzigste Abt bei seiner nächsten Predigt das folgende Märchen:

In Alt-Georgien lebte ein grausamer Magier, der die böse Kunst verstand, aus der Ferne zu töten. Er schrieb den Namen des Opfers mit dem Blut einer Eidechse auf einen silbernen Spiegel, und in weniger als einer Woche starb das Opfer. Doch nichts konnte die auf diese Weise herbeigeführten Tode mit dem Magier in Verbindung bringen. Denn seine Opfer starben an einer Krankheit oder stürzten in einen Abgrund, wurden von einem wilden Tier zerfleischt, von Räubern erschlagen oder gar von einem Verwandten vergiftet. Es kam auch vor, daß sie selbst Hand an sich legten. Immer war es ein Leichtes, eine Ursache für den Tod des Opfers zu benennen, und nie gab es auch nur die geringste Veranlassung, den Magier damit in Verbindung zu bringen.

Der Magier selbst war es, der - vorsichtig, und ohne sich eine echte Blöße zu geben - das Gerücht in Umlauf gebracht hatte, er könne den Tod mißliebiger Menschen verursachen. Er hatte die besten Jahre seines Lebens an die Forschungen und Experimente hingegeben, die ihm schließlich den Schlüssel zur Macht über Leben und Tod gebracht hatten, und nun wollte er die Früchte seiner jahrzehntelangen Askese ernten und sich fürs Töten bezahlen lassen. Er übte seine Macht ohne Hemmungen. Er stellte seine Kraft in den Dienst von Mächtigen, er nahm von ihnen Geld, Ehrentitel und Länder. Und von denen, die weder reich noch mächtig waren, nahm er ihre Töchter, Schwestern und Ehefrauen. Die Frauen und Mädchen, die ihm gefielen, rief er zu sich und drohte ihnen, ihren Vater, ihren Gatten oder die Kinder zu töten, wenn sie ihm nicht zu Willen wären. Doch es verschaffte ihm auch Genuß, wenn etwa ein Kaufmann einen Konkurrenten aus dem Weg geräumt haben wollte, und selbst seine jungfräuliche Tochter zwang, sich dem Magier hinzugeben.

Was er den Menschen zu bieten hatte, rief in ihnen das Schlechteste hervor, und er genoß es, Beweis auf Beweis für die Verderbtheit des Menschengeschlechts zu häufen. Denn diese Beweise dienten ihm als Rechtfertigung seiner eigenen Verderbtheit.

So wuchs seine Macht von Jahr zu Jahr. Und da er seine Kraft immer in den Dienst dessen stellte, der ihm am meisten zu bieten hatten, half er den Reichen noch reicher, und den Mächtigen noch mächtiger zu werden. Bald zitterten der Zar und der Großsultan, der Kaiser und der Papst im fernen Rom vor seinem silbernen Spiegel.

Eines Tages erfuhr er, daß das Kind eines wenig bedeutenden Magiers, den er vor Jahren aus dem Weg geräumt hatte, zu einer lieblichen Jungfrau herangewachsen war, der man überdies außerordentliche Klugheit nachsagte. Er versprach sich einen besonderen Genuß davon, eine Jungfrau zur Umarmung zu zwingen, die wußte, daß er ihren Vater getötet hatte. So begann er auszuforschen, wie er sie in seine Gewalt bringen konnte. Bald erfuhr er, daß sie sich einem jungen Gelehrten verlobt hatte, der ins ferne Paris gezogen war, um dort seine Studien zu vollenden.

Der Magier ließ sie zu sich rufen und eröffnete ihr, daß ihr Verlobter im fernen Paris dem Tod geweiht wäre, wenn sie sich dem Magier nicht hingeben wollte.

"Du ehrst mich", sprach die Jungfrau, "indem du annimmst, daß ich ein Opfer eher um des Geliebten willen bringen würde, als wenn du mein eigenes Leben bedrohtest. Damit hast du recht. Doch in diesem Fall hilft dir auch das nicht. Nämlich: Weil ich dich nicht fürchte, weil ich an deine Macht zu töten nicht glaube."

"Du glaubst also nicht, daß ich deinen Vater getötet habe?"

"Nein."

"Dann haßt du mich also nicht?"

"Doch, ich hasse dich, mich ekelt vor deinem Charakter. Mir genügt es, daß du töten möchtest, auch wenn du es nicht kannst."

"Und wie erklärst du dir dann meinen Reichtum, meine Macht, meine Stellung im Reich? Ein jeder weiß doch, wofür ich das alles bekommen habe, wenn es auch keiner offen auszusprechen wagt."

"Dein Reichtum und deine Macht beweisen nur, daß es Reiche und Mächtige gibt, die an deine Kraft zu töten glauben. Mehr nicht."

"Ich könnte dir eine kleine Privatvorführung geben. Verwandte hast du freilich keine mehr, aber hast du nicht ein Lieblingskätzchen, ein Schoßhündchen, ein Vögelchen? Oder wie wäre es mit einem völlig Unbeteiligten, dem Hütejungen in deinem Dorf oder der kleinen Tochter deiner Nachbarin?"

"Auch wenn du vor meinen Augen einen Namen auf deinen Spiegel schriebest und der Träger des Namens bald darauf stürbe - ich würde auch dann nicht glauben, daß dein Wille die Ursache dieses Todes war. Ich würde vielleicht glauben, daß es Zufall war."

"Zufall? Jedesmal, wenn ich einen Namen auf den Spiegel schreibe, stirbt derjenige! Das nennst du Zufall?"

"Es könnte Zufall sein."

"Niemals!"

"Ich werde dir ein Gleichnis geben", sagte das Mädchen. Es nahm eine Kreide, und begann auf dem Tisch Zahlen zu schreiben. "Denke dir einen Kasten. In diesem Kasten sind hundert Kugeln, neunzig schwarze und zehn rote. Sie sind gut durchmischt. Nun greife zehnmal in den Kasten, ohne hineinzublicken, und zieh eine Kugel heraus. Wird es dir gelingen, zehnmal zu ziehen und jedesmal eine rote Kugel zu finden?"

"Sicher, mit magischen Kräften! Ohne magische Kräfte aber wäre das nicht möglich."

Das Mädchen schrieb weitere Zahlen auf den Tisch und sagte dann: "Sieh her: Tausend mal tausend mal tausend Menschen leben heute auf der Welt. Wenn jeder von ihnen am Tag hundert Versuche machte - dazu genügt eine halbe Stunde - so würde in den nächsten fünfzehn Jahren es einmal einem gelingen, bei zehn Ziehungen zehn rote Kugeln zu finden.

Oder aber: Nehmen wir fünfhunderttausend Welten wie die unsere, und auf jeder dieser Welten versucht es jeder Mensch nur einmal. Dann wird es wahrscheinlich auf einer dieser Welten einen geben, dem es gelingt. Da dieser eine von den anderen fünfhunderttausend Welten, auf denen der Versuch ebenfalls gemacht wurde, nichts weiß, scheint ihm sein Erfolg jenseits aller Wahrscheinlichkeit zu liegen. Wird er nicht glauben, magische Kräfte hätten ihm geholfen? Doch es war immer noch Zufall.

Sicherlich, deine Treffer sind noch viel, viel unwahrscheinlicher. Aber doch: Wer weiß, wieviele Magier auf wievielen Welten das Töten aus der Ferne versuchen? Den meisten gelingt es nie, einigen manchmal, einem immer. Dieser eine bist zufällig du."

"Du hast viele Zahlen verschwendet, um deine Theorie zu belegen, doch mich überzeugt sie nicht", sagte der Magier.

"Nun gut," sagte das Mädchen, "wie wäre es mit dieser Theorie: Nicht deine Kräfte sind es, die töten, sondern der böse Wille deiner Auftraggeber. Wie, wenn der Wille zum Töten nur wirksam wird durch den absoluten Glauben, daß der Tod auch eintreten wird. Da du es verstanden hast, dir den Ruf eines perfekten Mörders anzueignen, wird, sobald sie dir die Ausführung überlassen, der Glaube deiner Auftraggeber felsenfest - und bewirkt den Tod ihrer Opfer."

"Diese Theorie hinkt noch mehr als die erste: Ich töte auch ohne Auftraggeber."

"Nun, ich habe noch eine: Nicht du bewirkst den Tod deiner Opfer, sondern ihr bevorstehender Tod bewirkt, daß du ihren Namen auf den Spiegel schreibst. Ziehen nicht todgeweihte Tiere die Geier an? Warum sollen nicht Menschen, die den Tod schon in sich tragen, deine Blutgier anziehen?"

Der Magier schien für Sekunden in Gedanken zu versinken. Doch dann faßte er sich und sagte nur: "Lächerlich!"

"Nun, wie wäre es damit: Ein größerer Magier als du bewirkt alle die Tode. Er benützt dich nur, ohne daß du es weißt, um nicht erkannt zu werden. Er überläßt dir die Ehrungen und die Macht, und den Glauben an deine Kraft, weil er selber höhere Zwecke verfolgt, die du gar nicht begreifen kannst."

Der Magier erbleichte. Doch dann faßte er sich, und sagte höhnisch: "Nun, dann wird er mir zuliebe auch deinen Geliebten töten, wenn ich es wünsche."

"Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sind gerade jetzt seine Zwecke erreicht, hast du deinen Wert für ihn verloren? Wer kann es wissen?"

"Sicher, doch wäre es großer Zufall, wenn es gerade jetzt soweit wäre."

"Nicht sosehr, denn je länger dein Wirken dauert, um so näher kommt er wohl seinem Ziel. Doch ich will dir sagen, woran ich wirklich glaube: von Anbeginn war es diesen Menschen beschieden, zur gewissen Stunde zu sterben. Und dir war es beschieden, ihre Namen auf einen Spiegel zu schreiben. Mir ist es beschieden, vor deinen Drohungen keine Angst zu haben, und ob es meinem Geliebten beschieden ist, bald zu sterben, werde ich wissen, sobald diese Seite im Buch des Schicksals aufgeschlagen wird."

Mit diesen Worten ging das Mädchen aus dem Haus des Magiers.

Niemand kann sagen, ob nun einfach die Glückssträhne des Magiers zu Ende war, ob seine Kunden den Glauben an ihn verloren, ob er die Witterung für Todgeweihte verlor, ob die Ziele des größeren Magiers hinter ihm erreicht waren, ob das Mädchen seine Kraft gebrochen hatte, indem es seinen Glauben an sich selbst erschüttert hatte, oder ob es eben im Buch des Schicksals so geschrieben stand: der Magier konnte nie mehr einen Menschen töten, indem er seinen Namen mit Eidechsenblut auf einen Spiegel schrieb.

Der Geliebte des Mädchens kehrte zurück, und die beiden heirateten. Einige Jahre später erzählte sie ihm einmal beiläufig von dem Magier und seinen Drohungen. Ihr Geliebter fiel vor ihr auf die Knie, umarmte sie und küßte sie und dankte ihr bewegt für ihrer beider Rettung. Doch sie wehrte ab und meinte, da der Magier nie wirkliche Macht gehabt hätte, hätte sie auch niemanden retten können.

Nach der Predigt kam der Schüler zum dreiundzwanzigsten Abt.

"Hast du noch eine Frage, mein Sohn?"

"Ja", sagte der Schüler. "Welche der Theorien des Mädchens ist denn nun die richtige?"

"Gar keine! Der Magier konnte aus der Ferne töten. Das einzige, was er nicht konnte, war, die dumme Gans davon überzeugen!"

Verwirrt schlich der Schüler von dannen.