Der Star

Über diesen Nanosch habe ich, wie gesagt, eine Unzahl von Anekdoten gehört. Der Mensch muß sich einfach überall herumgetrieben haben. Eine Zeit lang hat er sich bei Werbefahrten als Führer verdingt. Ihr kennt das ja: da wird ein Ausflug zum Nachbarplaneten oder zum nächsten Mond angeboten. Irgendein Uralt-Raumbus wird bis in die Gepäcksablage mit hauptsächlich alten Leuten vollgestopft, und unterwegs gibt es Werbevorträge und Kostproben von allerhand Fertigfutter. Nanosch hat sich für solche Fahrten als Reiseführer anheuern lassen und den Leuten dann statt der Vorzüge von Gehirnimplantaten seine Vorstellung vom Pfad zur Erlösung gepredigt. Als die Sache aufflog, ist er von den Firmen auf ich weiß nicht, wieviele Millarden Schadenersatz verklagt worden. Aber er hat sich damit herausgeredet, daß die meisten den Unterschied gar nicht gemerkt und sowieso den gedankengesteuerten Staubsauger gekauft hatten.

Irgendwo habe ich doch noch einen von seinen Vorträgen. Solches Zeug ist damals viel im Raum kursiert. Interstellare Flüge sind lang, und meistens gibt es nichts zu tun, also hängt man am Funk und quatscht mit den anderen Schiffen, solange sie erreichbar sind und tauscht Lesestoff und Spiele aus für die einsamen Tage, wenn auf zwanzig Lichtstunden im Umkreis niemand zum Plaudern da ist als Eddie der Bordcomputer. Ach ja, hier ist es.

Aus den kleinen Lautsprechern in den Kopfstützen ihrer Sitze kam die Stimme des Vorlesecomputers:

"Der Star in deinem Leben bist du. Sonst keiner. Du spielst dein Stück. Du bist der Autor und der Hauptdarsteller. Und es liegt an dir, wen du als Co-Autor akzeptierst. Und es ist deine Schuld, wenn du dir deine Show von jemand anderem schreiben läßt. Es gibt keinen Zwang. Sitte, Tradition und Gesetz, Liebe und Haß und Verantwortung binden dich nur, solange du dich dafür entscheidest.

Das heißt nicht, daß du dich dagegen entscheiden sollst. Es heißt nur, daß du dich jeden Tag dafür oder dagegen entscheiden kannst . Du kannst nicht entscheiden, daß dir Flügel wachsen sollen. Du kannst nicht entscheiden, daß der Tod dich verschonen soll. Eine Unendlichkeit von Entscheidungen ist dir verwehrt. Aber innerhalb des Möglichen steht dir eine ebenso große Unendlichkeit an Entscheidungen offen. Und selbst, wenn deine Entscheidungsfreiheit bis auf die kleinste Dimension verkleinert wird, niemand kann sie dir ganz nehmen. Wenn dir eine Pistole an den Kopf gesetzt wird, damit du deinen Freund auslieferst: Du kannst wählen. Du hast nur mehr zwei Möglichkeiten, aber du kannst wählen, und ob du den Tod wählst oder den Verrat, ist dein Entschluß und niemandes sonst.

Alle philosophischen Erwägungen, ob der Wille denn wirklich frei sei, sind in der Hinsicht müßig, daß wir jedenfalls nur so leben können, als ob unser Wille frei sei. Selbst wenn dir ein göttlicher Psychiater genauestens darlegt, aus welchen Motiven heraus du jeweils so oder so entscheiden mußtest , für dich war es eine Entscheidung, du hast es als Entscheidung erlebt, hast Alternativen in deinem Hirn geprüft, hast gezweifelt, und hast aktiv einen Weg gewählt. Selbst wenn du genau wüßtest, daß deine Entscheidungen von Naturgesetzen vorherbestimmt sind wie die Bewegungen der Sterne, du könntest dennoch nicht leben, ohne Entscheidungen zu treffen.

Selbst dein Charakter bindet dich nicht. Du kannst dich selbst erziehen. Du kannst lernen. Du kannst deine Neurosen durchschauen und damit fertig werden. Du kannst Mut erlernen. Du kannst dich mit siebzig scheiden lassen. Du kannst mit achtzig das Bergsteigen aufnehmen. Warum nicht? Wenn du weißt, wie's gemacht wird, kannst du es tun. Nur eins kannst du nicht: Du kannst nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Du kannst nicht alles auf einmal machen. Du mußt von dem ausgehen, was da ist. Aber du bist der Star. Nichts bindet dich ganz. Im größten Elend, in der größten Not, kannst du dich entscheiden: Du kannst dich abfinden, oder du kannst kämpfen. Und es lohnt sich in jedem Fall, ein Revolutionär zu sein, denn der Kämpfer gegen Not und Diktatur trägt die Freiheit schon in sich, und wenn er sie nur in der einen Stunde des Aufruhrs kostet, bevor ihn die Kugel des Polizisten umlegt. Aber dem Passiven bleibt nur die dumpfe Verzweiflung.

Und du darfst die Schwächen eines jeden entschuldigen mit seiner Kultur, seiner Herkunft, seiner Erziehung, seiner Ausbildung, seinen Neurosen und Komplexen, nur deine eigenen Schwächen darfst du so nicht entschuldigen. Denn sobald du die Ursachen deiner Schwächen erkannt hast, hast du den Hebel in der Hand, sie zu beseitigen. Das heißt nicht, daß du dich nicht zu deinen Schwächen bekennen sollst. Kein Mensch und kein Gott kann von dir verlangen, sie zu beseitigen. Du kannst dazu stehen, du kannst bei ihnen bleiben, aber das ist dann deine Entscheidung und kein Kismet. Sobald du dich erkennst, bist du für dich verantwortlich - wenn auch nur vor dir selbst. Und über deine Unschuld kannst du nichts wissen, nichts denken und nichts sagen.

Du bist der Star in deinem Leben, du kannst nur deine Orgasmen erleben, nur deine Liebe lieben, nur deinen Hunger stillen, nur deine Träume träumen und so weiter. Und du hast nur eine Chance. Nein, du hast unendlich viele Chancen, aber jede nur einmal.

Und was zählt, ist nur der Augenblick. Das kann man leicht mißverstehen. Das heißt nicht, daß du dir eine Lust durch ein Verbrechen erkaufen sollst oder daß du auf Kosten der Zukunft leben sollst, weil nur der Augenblick zählt. Denn du erkaufst einen Augenblick der Lust - was zählt, ist nur der Augenblick - mit unendlichen vielen Augenblicken der Reue - und was dann zählt, ist nur der Augenblick.

Die Augenblicke beeinflussen einander, die Vergangenheit wirkt auf die Zukunft, aber du lebst nur in der Gegenwart. Und wenn du stirbst, zählt nur der letzte Augenblick. Wer will schon seinen letzten Augenblick damit verbringen, irgendwas zu bereuen?

Du kannst gegenwärtiges Leid auf dich nehmen, um künftige Freuden zu erlangen. Aber tu es so, daß die lichte Zukunft schon jetzt dein Leben erhellt. Du kannst Wissen und Fähigkeiten erwerben, die dir in der Zukunft nützlich sein werden, aber tu es doch lieber so, daß das Lernen selber dir auch eine Freude ist.

Du kannst unter größten Entbehrungen an einem großen Werk arbeiten, aus dem vielleicht gar nichts wird, aber tu es doch so, daß die Hoffnung deinem Leben Sinn gibt und die Arbeit selbst dich bereichert. Du kannst dich opfern, die Frage ist nur, was das Opfer aus dir macht. Stelle dir zwei Bilder vor Augen: eine Hausfrau, die ihr Recht auf ein eigenes Leben der Bequemlichkeit von Mann und Kindern opfert. Und eine Mutter, die ihr Leben damit verbringt, ihrem spastischen Kind das Sprechen und Gehen beizubringen. Zweierlei Opfer...

Du bist der Star. Du entscheidest dich, ob Geld dir wichtiger ist als Zeit. Ob, was die Leute über dich sagen, dir wichtiger ist als deine eigene Meinung über dich. Ob Herkommen dir wichtiger ist als Liebe.

Aber all das wollte ich eigentlich nicht sagen. Ich wollte dir sagen, daß du der Star bist. Daß du die Größte bist. In deinem Leben bist du die Größte. Es gibt keine heißeren Orgasmen als deine. Es gibt keine tiefere Liebe als deine. Es gibt keine spannenderen Abenteuer als deine. Es gibt kein herrlicheres Leben als das deine. Von allen anderen weißt du nur vom Hörensagen. Wer weiß, was sie wirklich empfinden. Wer weiß, wie klug sie wirklich sind. Du liest die Werke eines Genies? Du verstehst sie? Dann bist du so genial wie der Verfasser. Du verstehst sie nicht? Wer weiß, ob wirklich soviel dran ist. Nie wirst du das Leben eines anderen leben. Nie wirst du die Empfindungen eines anderen empfinden. Aber du bist das prächtigste Menschenwesen, in dessen Haut du jemals stecken wirst. Und natürlich auch das scheußlichste. Du bist eine Welt, ein Universum, und du bist der Star darin, die Herrscherin, der Gott.

Aber vergiß nicht: jeder andere ist es in seinem Leben auch.

Und so wollen wir miteinander umgehen: Als Universen mit Universen, als Göttinnen und Götter mit Göttinnen und Göttern, als Menschen mit Menschen."