Ansichten

Rabbi Ephraim lehrte:

Die Menschen glauben im großen und ganzen nicht das, was sie überprüft und für wahr befunden haben, sondern das, was zu glauben ihnen Erfolg bringt. Der Erfolg scheint ihnen der Beweis für die Wahrheit einer Idee zu sein. Das kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen. So glaubten die Menschen einst, sie müßten den Göttern einige von den Früchten, die sie fanden, opfern, damit die Götter ihnen neue Früchte schenkten. Sie gruben also einen Teil ihrer Nahrung in die Erde. Tatsächlich ern teten diejenigen, die den Göttern auf diese Weise opferten, mehr als andere, die an keine Götter glaubten, und so war die Existenz der Götter als auch ihre habsüchtige Natur bewiesen.

Ein anderes Beispiel ist dieses:

Bei Völkern, die die Sklaverei praktizieren, herrscht gewöhnlich die Auffassung, daß Sklaven keine richtigen Menschen seien. Tatsächlich gibt es nur wenige Menschen, die so zynisch und verderbt sind, daß sie andere Men schen kaltblütig ihrer Freiheit und Menschenwürde berauben können. Diejenigen also, die aus irgendeinem Grund - zum Beispiel, weil sie wissenschaftliche Untersuchungen angestellt haben - der Ansicht sind, daß Sklaven derselben Spe zies angehören wie die Herren, werden als Sklavenhalter lang nicht so erfolgreich sein, wie diejenigen, die Sklaven für ganze oder halbe Tiere halten. Die Ansicht, daß Sklaven keine Menschen seien, ist wesentliche Voraussetzung dafür, daß der Sklavenhalter erfolgreich das Letzte aus seinen Sklaven herauspressen und gleichzeitig seiner Gattin ein liebender Ehemann und seinen Kindern ein treusorgender Vater sein kann. Die Sklavenhalter mit der wissenschaftlich fundierteren, aber dem wirt schaftlichen Erfolg hinderlichen Ansicht werden, wenn sie nicht überhaupt Pleite gehen, jedenfalls schwerlich gesellschaftlich bedeutende Positionen erringen und so für ihre Ansicht werben können. Die Anhänger der falschen Ansicht aber gelangen zu einflußreichen Positionen und verbreiten so ihre Ansicht sogar bei denen, denen sie nicht nützt, zum Beispiel bei den Sklaven selber.

Erst, wenn die Sklaverei aus irgendeinem Grund keine Vorteile mehr bringt, kann sich die Ansicht, daß Sklaven Menschen sind, allgemein durchsetzen.

Alte Ansichten werden nicht dadurch verdrängt, daß ihre Anhänger von der Wahrheit überzeugt werden, sondern dadurch, daß ihre Anhänger aussterben, während eine neue Generation mit anderen Ansichten an die entscheidenden Positionen gelangt. Oder einfach dadurch, daß diese Ansichten unter geänderten Verhältnissen unbequem werden.