Evolution des Wissens

Rabbi Ephraim Eser war der zweiunddreißigste Abt des Klosters. Er pflegte folgende Anekdote zu erzählen:

Wissen kommt beim Menschen auf ähnliche Art zustande wie bei den Kühen. Die Kühe auf den Almen fressen keinen weißen Germer oder Eisenhut. Es sieht so aus, als wüßten sie, daß diese Pflanzen giftig sind. Nun - sie wissen es nicht. Der wahre Grund, warum sie das nicht essen, ist: Es schmeckt ihnen nicht. Warum aber schmeckt es ihnen nicht? Das haben sie von ihren Vorfahren geerbt. Sollte es einmal ein Kälbchen geben, das Geschmack an Eisenhut und weißem Germer findet, so wird es eingehen. Es bekommt keine Nachkommen, denen es seine kulinarischen Vorlieben vererben könnte.

Ähnliches geschieht bei den Menschen. Man sagt oft, Moses hätte gewußt, daß Schweinefleisch gefährlich ist, weil es Trichinen enthalten kann. Und darum hätte er den Juden das Schweinefleisch verboten und das Verbot religiös begründet. Nun, ich sehe das anders. Die Menschen der Jungsteinzeit hatten vielerlei Tabus, bei jeder Sippe war ein anderes Tier oder eine Pflanze Tabu. Die einen durften kein Schweinefleisch essen, die anderen kein Schaf, die dritten keinen Kohl. Nun ist das Schweinefleisch im Süden tatsächlich recht häufig trichinenverseucht, und so hatten einfach die, die zufällig kein Schweinefleisch aßen, die besseren Überlebenschancen, und da das Tabu ja die Sippe betrifft, wurde es weitervererbt und verbreitete sich im ganzen Nahen Osten.

Rabbi Ephraim Eser setzte hinzu:

Ob es wirklich so war, weiß ich, ehrlich gesagt, gar nicht. Ich möchte damit nur sagen: Menschen tun oft das Richtige, ohne zu wissen warum. Nein, ich habe mich falsch ausgedrückt: Menschen tun nicht sehr oft das Richtige. Und wenn sie einmal das Richtige tun, dann wissen sie oft nicht, warum.