Menschlichkeit

Der vierundvierzigste Abt predigte:

Wir bewundern sehr und wundern uns über Menschen, die große Menschlichkeit beweisen. Dabei sollte es doch nichts Seltsames sein, daß Menschen menschlich sind. Seltsam ist doch vielmehr die große Unmenschlichkeit, zu der - und mit der uns abzufinden - wir fähig sind. Ein Wolf wird nie unwölfisch sein, es sei denn unter dem Einfluß des Menschen, der ihn zum Hund macht. Doch sonst wird der Wolf immer seinem wölfischen Wesen gemäß leben. Nur wir waren imstande, uns Verhältnisse zu schaffen, die uns zwingen, entgegen unserem eigentlichen Wesen zu leben. Entgegen einer Lebensnorm, die wir immer noch sosehr als unser ureigenstes Wesen begreifen, daß wir sie mit dem Wort Menschlichkeit bezeichnen, und die uns doch schon so fremd ist, daß das Wort, mit dem wir sie bezeichnen, in unseren Ohren wie "Heiligkeit" klingt.

Und darum weigere ich mich, mich als Träumer und Phantast anreden zu lassen, bloß weil ich glaube, daß wir uns auch Verhältnisse schaffen können, in denen wir zu unserem wahren Wesen, zur Menschlichkeit, zurückfinden können. Nein, die anderen, die glauben und sagen, daß die Unmenschlichkeit unser ewiges Schicksal ist, sie sind Phantasten. Denn sie glauben ja das Absurde, nämlich daß es menschlich sei, unmenschlich zu sein.