Der Bericht des 44. Abtes

Und als ich kam nach Schläferstadt, da hatte sie hohe Mauern und eiserne Tore, und Wächter davor in Harnisch, die keinen hereinließen oder hinaus.

Doch neben den Toren waren die Mauern geborsten, und durch die Breschen zog das Volk ein und aus, und Händler kamen und gingen, als ob da keine Mauern wären.

Auf den Mauern hatten sie schreckliche Kanonen stehen, deren jede wohl hundert Feinde auf einmal mit einer Kugel zermalmen konnte. Tag und Nacht standen Kanoniere bereit, putzten die Rohre, schleppten Pulver an und Kugeln, um die Stadt zu schützen.

Doch die Rohre waren gedankenlos teils auf den Himmel gerichtet, teils auf die Plätze der Stadt oder auf die andern Kanonen, die auf den Mauern standen.

Auf dem Weg zur Stadt aber saß ein Mann, der hatte Augen von weißem Muschelstein, und er sprach von Morgen bis Abend:

"Dies ist die Stadt der Großen, dies ist die Stadt der Erleuchteten, dies ist die Stadt der Mächtigen". Und wer ihn hörte, dem schlossen sich die Augen und er verfiel gehend in Schlaf.

Und ich sah die Menge der Menschen in den Straßen taumeln mit geschlossenen Augen, aneinander stoßend, stolpernd und stürzend. Und er sah sie einer auf den andern treten und einer unterm andern sich winden, sich die Gesichter zerstoßend und die Haut abschürfend.

Da schlug ich die Hände vors Gesicht, um nichts mehr zu sehen, und meine Lider wurden schwer, und meine Augen schlossen sich. Und als ich in Schlaf gefallen war, stolperte und stieß ich mit den anderen Schlafenden, trat und wand mich und schlug mir die Lippen blutig an scharfen Steinen.

Da sprach mein Herz zu mir: "Wenn du die Augen öffnest, werde ich bluten. Öffnest du sie aber nicht, werde ich zu Stein verhärten."

Mühsam tat ich die Augen auf, und wie ein Blitz stach mich das Leid, und mein Herz blutete.

Und ich sah die Schlafenden durcheinander taumeln wie Maden in einem Käse.

Ich sah schwarzbärtige Männer zusammengekrümmt an der Brust ihrer Mutter saugen, und sie klammerten sich gierig an das welke Fleisch und wollten nicht davon lassen.

Ich sah Mütter, die ihre Kinder im Schoß zurückhielten, mit geschwollenen Adern im blauen Gesicht und vom Krampf versteinerten Schenkeln.

Ich sah Greise im Sand mit Goldklumpen spielen und sie zahnlos geifernd einander entreißen.

Ich sah Großmütter, die ihre Töchter ritten und sie mit scharfen Sporen stachen. Doch den Enkel hielten sie im Arm und besabberten ihn mit Speichel.

Und ich sah auf dem Marktplatz Männer, die einander mit Keulen erschlugen und über die Erschlagenen fielen.

Und ich sah Kinder mit großen staunenden Augen, die wurden in große Häuser getrieben. Dort drückte man ihnen die Augen zu, und wem sie nicht zublieben, dem drückte man sie aus.

Und ich sah ein Mädchen an der Straße sitzen mit entblößten Apfelbrüsten, die sagte zu mir:

"Du sollst mich besitzen und mit meinen Brüsten spielen, nur du allein, wenn du nur mich besitzen willst und keine sonst. Sieh und sag, daß ich schöner bin als alle andern."

Und das sagte sie jedem, der vorüberging.

Und ich sah die Jungen sich miteinander paaren, einander verschlingen und verzehren, und erschöpft von einander fallen mit Überdruß und Haß im Gesicht.

Ich sah einen Platz, da tanzten Krüppel, und Taube spielten ihnen auf. Und um den Platz herum standen andere Krüppel, die lachten mit schrillen Schreien über die Tanzenden. Und sie waren doch schlafend und taub und konnten sie weder hören noch sehen.

Ich sah Bettler ihre Lumpen miteinander messen und einander bespucken vor Eifersucht.

Und ich sah Menschen, die hatte man in Ställe gepfercht zu Hunderten übereinander. Und sie bissen einander tot und erstickten einander mit ihren Gliedern. Und sie heulten vor Todesangst und Einsamkeit.

Und ich sah einen Großen in einem goldenen Palast. Zehn Diener trugen ihm Speisen auf und zehn schoben sie ihm in den Mund, zehn schleppten ihm Kleider herbei und zehn zogen sie ihm an, zehn trugen ihn durch den Palast und zehn schrien: "Platz da, Platz da!" Hinter jedem Diener aber ging ein Bewaffneter, der ihn bedrohte. Und im Herzen des Großen heulten das Mißtrauen und die Angst.

Und ich sah einen Platz, da wurde den Armen die Haut abgezogen um einen Teller Suppe. Aber nicht eines jeden Haut wurde genommen. Da stießen sie sich und traten einander, um früher beschaut zu werden.

Und ich sah welche, die schmiedeten stählerne Krücken ohne Rast, bis sie krank waren und nicht mehr gehen konnten. Dann nahmen sie die Krücken und hinkten davon.

Ich sah Männer, die bauten ein Haus, und wo die einen die Mauern auftürmten, huben die andern den Keller aus. Da stürzten die Mauern ein und begruben die Bauleute.

Und ich sah sie Gräben ausheben um Wasser auf ihre Felder zu leiten. Und ein jeglicher zog seinen eigenen Graben zu seinem eigenen Feld, daß das Wasser zu wenig war und der Fluß versickerte.

Und ich sah die Schlafenden große Häuser bauen, darin waren riesige Räderwerke. Und die Räderwerke erzeugten Dinge, und wer da viele Dinge hatte, der wurde verehrt. Und die Schlafenden beteten die Dinge an und fürchteten sich vor ihnen und sehnten sich doch danach. Und es schien, als wären die Dinge Herrscher und bewegten die Menschen. Und ich sah sie einander um der Dinge willen erschlagen, und es waren die Dinge, die sie kommandierten.

Und ich sah einen Heiligen durch ihre Straßen laufen, nackt, mit einer Blätterkrone im Haar, der bat all die Schlafenden:

"Wacht auf, wacht doch auf und liebt einander!"

Da machten die Schlafenden einen Lärm, daß keiner ihn hören konnte. Da schrie der Heilige laut, daß sie ihn hören sollten. Und die um ihn waren, schrien noch lauter. Da fielen dem Heiligen über dem Schreien die Augen zu und er wurde wie sie, und schreiend wälzte er sich mit ihnen durch die Gassen.

Und ich sah ein Weib in einer eisernen Falle gefangen, die hatte eine stählerne Geißel. Und jedes Mal, wenn die Geißel sie traf, schrie das Weib und zerrte an seinen Fesseln. Und jedes Mal, wenn sie an den Fesseln zerrte, zog sie die Geißel auf sich herab. Und sie schrie und winselte um Gnade und wußte nicht, daß sie selbst es war, die sich geißelte. Der Schmerz aber ließ ihre Hände zu Fäusten verkrampfen, und in den Fäusten hielt sie selber die Knoten der Fesseln. Doch vor Schmerz ließ sie sie nicht los und wußte nicht, daß sie selbst ihre Fesseln hielt.

Da faßte mich das Mitleid und ich wollte ihr gütig zureden, um den Krampf zu lösen, damit ich ihr die Fesseln abnehmen konnte. Doch als ich zu ihr sprach, da fürchtete sie sich und schrie, und konnte mich nicht hören.

Da faßte mich eine große Bangigkeit und mein Herz blutete noch mehr. Und ich wollte fort, fort aus Schläferstadt und begann zu laufen. Und als ich lief, da sah ich, daß die Stadt gebaut war außen um ihre Mauern herum, und es gab kein Draußen! Da war mein Schrecken groß.