Dichtung

Der achtzehnte Abt äußerte sich einmal zum Thema Dichtung:

Wörter sind nur Wörter.

Das Wort "Mensch" ist nicht der Mensch.

Auch der Begriff "Mensch" ist nicht der Mensch.

Der Mensch ist mehr, als je ein Wort erfassen kann.

Die Welt ist mehr, als jemals alle Wörter erfassen können.

Unsere Krankheit ist, die Wörter mit den Dingen zu verwechseln.

Wer nicht die Wörter mit den Dingen verwechselt, verwechselt die Begriffe mit den Dingen.

Das Wort ist nur der Finger, der auf den Mond zeigt, sagt der Meister.

Der Mond ist der Mond, und ist vom Wort unerreichbar.

Aber weil das Wort nicht der Mond ist, und weil ich doch nur das Wort habe, um den Mond zu bezeichnen, hat der Meister recht, der sagt: "Es gibt keinen Mond".

Und doch gibt es das Wort.

Das Wort "Wort" ist nicht das Wort, aber es ist ein Wort.

Das Wort ist nicht die Wirklichkeit, aber das Wort ist wirklich.

Ob ich schreibe: "An dieser Stelle befindet sich ein Exemplar der Gattung Homo sapiens in aufrechter Haltung", oder ob ich schreibe: "Hier steht ein Mensch" - für das Polizeiprotokoll ist das genau dasselbe.

Aber es sind zwei verschiedene Gedichte.

Das Wort geht hervor aus einer Bewegung in einem Menschen und bewirkt eine Bewegung in einem anderen Menschen.

Diese Bewegungen sind wirklich.

Die Dichtung verwechselt das Wort nicht mit der Wirklichkeit, aber sie begreift die Wirklichkeit des Wortes, eine Wirklichkeit, die genauso wenig mit Worten erfaßt werden kann wie jede andere Wirklichkeit.

Wenn ein Dichter schreibt: "Hier steht ein Mensch", tut er das nicht, um dich darüber zu informieren, daß hier ein Mensch steht.

Was der Dichter sagt, sagt er nicht, um dir zu sagen, was er sagt.

Er sagt es, um dir zu sagen, was nicht gesagt werden kann.