Über Nächstenliebe

"Ist es schwer, den Nächsten zu lieben?" wurde der sechzehnte Abt gefragt. "Ist es wirklich so, daß der Mensch immer wieder seinem natürlichen Egoismus Zwang antun muß, um seinem Nächsten etwas Gutes zu tun?"

Darauf antwortete der Abt, der, wie wir gehört haben, Darwinist war:

Daß das Menschenwesen nur in Gruppen existieren kann, wissen wir. Keine Kapazität, auf welcher Seite des Aggressionsstreits sie stehen mag, wird das bestreiten.

Weiß das aber nur unsere Vernunft? Wissen das unsere Instinkte nicht? Muß nicht der Wunsch, nicht allein zu bleiben, tief, tief in den Instinkten verwurzelt sein? Daher der Wunsch, daß es Artgenossen geben soll? Daher der Wunsch, daß es ihnen gut gehen soll?

Ergibt sich also nicht aus der Logik der Evolution, daß die Nächstenliebe in den Trieben verankert sein muß? Müssen nicht alle unsere Urgroßtanten und Urgroßonkel, die nicht über einen genügend starken Nächstenliebetrieb verfügten - isoliert, in Krankheit nicht gepflegt, vor wilden Tieren nicht beschützt, zum Sammeln abwechslungsreicher Kost, zum Jagen von Großwild allein nicht imstande - längst ausgestorben sein?

Müssen wir uns nicht eher fragen, welche Katastrophe bewirkt hat, daß dieser uns angeborene Nächstenliebetrieb außer Kraft gesetzt wurde?