Der Teich

Als Bhin Dhu, der dreizehnte Meister des Klosters der Erleuchteten, einst einen neuen Schüler aufnahm, rief er alle seine zweitausend Jünger zusammen und sagte zu ihnen:

"Verneigt auch vor diesem, denn sein Geist umschließt das ganze Universum, alle Geister und Götter, dies Kloster und uns alle mit inbegriffen, so wie die Nuß den Kern umschließt."

Und zweitausend Jünger, und der Meister selbst, verneigten sich vor dem neuen Schüler.

Der neue Schüler lächelte etwas geschmeichelt, doch dann sagte er, daß er die Ehrung nicht verdient habe, und daß sein Geist gewiß kleiner sei.

"Dein Geist umschließt uns alle! Und nun geh nach unten in den Klosterhof und suche in der letzten Reihe der Mönche denjenigen auf, der hier die Latrinen putzt. Du erkennst ihn am Geruch. Neige dich vor ihm, denn sein Geist umschließt das ganze Universum, alle Geister und Götter, dies Kloster und uns alle, dich und mich mit inbegriffen, so wie die Nuß den Kern umschließt. Wenn du dich verneigt hast, komm wieder zu mir zurück."

Der neue Schüler ging sich vor dem Mönch mit dem strengen Geruch verneigen, dann kehrte er zu dem Meister zurück.

"Wenn du eine Frage hast, ist jetzt die Zeit, sie zu stellen."

Der Schüler verneigte sich vor dem Meister, dann fragte er:

"Was meintest du, als du sagtest, mein Geist umschließe das Universum wie die Nuß den Kern?"

"Nichts existiert außerhalb von dir, alles ist in dir, in deinem Bewußtsein, alle zehntausendmal zehntausend Welten, alle Götter und Buddhas, alle Dämonen und Geister, alle Menschen und Tiere und Pflanzen und Minerale, alles ist in deinem Bewußtsein, und nichts davon außerhalb."

"Auch der Mönch mit dem strengen Geruch ist in meinem Bewußtsein, und nicht außerhalb?"

"So ist es", sagte der Meister.

"Und auch euer erhabenes Bewußtsein ist in meinem Bewußtsein und nicht außerhalb?"

"So ist es", sagte der Meister.

"Wenn aber nichts außerhalb meines Bewußtseins besteht, wie ist es möglich, daß der Geist des Mönchs mit dem strengen Geruch auch den meinen umschließt?"

"Weil nichts außerhalb seines Bewußtseins besteht, sondern alles innerhalb."

"Dies, o erhabener Meister, verstehe ich nicht."

"Ich will dir ein Gleichnis geben: Es war einst eine Insel irgendwo im Meer, auf welcher sich ein Teich befand. Das Meer umschloß die Insel, und die Insel den Teich. Eines Nachts träumte der Teich, daß die Insel wuchs. Sie dehnte sich aus, und wuchs, und spannte sich immer weiter aus auf der Erdkugel, und im gleichen Maß schrumpften die Kontinente und schrumpfte das Meer. Und dann begann auch der Teich zu wachsen, und dehnte sich und floß und spannte sich immer weiter aus auf der Erdkugel. Und als er sich weit über den größten Teil der Erde ausgespannt hatte, siehe, da war er zum Meer geworden, und umschloß nun seine Insel, und die Insel umschloß das frühere Meer. Das war zum Teich geworden, aus dem die Kontinente wie Trittsteine herausragten. Der Teich umschloß nun die Insel, die früher ihn umschlossen hatte, und doch berührte ein jeder Punkt am Rande des Teiches den ihm von jeher vertrauten Punkt am Ufer der Insel.

Als am Morgen die Sonne den Teich wachküßte, war alles wie früher, und nichts war wie früher.

,Siehe, so fühlte der Teich, ,noch immer berührt ein jeder Punkt meines Randes den ihm von jeher vertrauten Punkt des Ufers der Insel. Also hat sich nichts geändert, und ich umschließe noch immer die Insel, das Meer und die Kontinente. Mit welchem Recht nennt das Meer sich das Meer? Ich, der Teich bin das Meer, das alles umschließt. Und, meine Brüder, der Teich hatte recht. Und so wie dieser Teich, umschließt ein jeder Teich die ganze Fläche der Erde mit allen Meeren und Kontinenten. So auch umschließt ein jeder Geist das All."

"Wenn das aber so ist, so heißt das doch, daß ich trotz allem nur ein armes Würstchen bin", sagte der neue Schüler.

"So ist es, und nun geh, und verneige dich vor den anderen zweitausend Würstchen, deren jedes einzelne doch das ganze All in sich schließt."