Der reuige Schüler

Bao Dö, der achtundzwanzigste Meister des Klosters der Erleuchteten, traf einen seiner Schüler im Hof des Klosters.

"Ich bemerke Verdrossenheit und Mißmut in deinem Gesicht", sprach der Meister. "Was bedrückt dich?"

"Ach Meister!" sagte der Mönch, "ich habe mir geschadet. Ich bin vom Weg des Einsseins abgekommen, ich habe meine Meditationen geschwänzt, mich in die Stadt geschlichen und dort herumgetrieben. Ich habe mich mit Wein und Drogen berauscht und mich den seichten elektronischen Vergnügungen hingegeben. Ich habe mich mit einer dummen Gans abgegeben, die mir gar nichts bedeutet, und habe sie und mich gekränkt für ein bißchen Sex. Und jetzt bin ich mir widerwärtig und zum Ekel."

"Und hilft dir nun dieser Ekel auf dem Weg zum Einssein weiter?" fragte freundlich der Meister. Und er dichtete für den Schüler diesen Spruch:

"Lächle
auch über die eigene Torheit,
verweise dir deine Fehler
mit Freundlichkeit.
Wie willst du ein Wesen vervollkommnen,
das du nicht liebst?"

Aber gleich darauf schlug sich der Meister erschrocken auf den Mund:

"Meine Güte, was habe ich angerichtet. Jetzt wirst du dir auch noch deswegen Vorwürfe machen. Ekle dich ruhig vor dir, wenn's halt sein muß, aber ertrag diesen Ekel mit Gleichmut. Und kannst du das nicht, dann ertrag halt das Fehlen des Gleichmuts mit Gleichmut."

Und um das Gemüt des Schülers zu erleichtern, erwies er ihm Ehre und ließ ihn beim Nachtmahl neben sich sitzen.