Zeitreisen

»Wenn ich all diese Spekulationen über Zeitreisen lese«, sagte Wladimir beim Durchblättern des Bildschirms, der über der Sitzkoje angebracht war, »dann fällt mir auf, daß einige Probleme überhaupt nie behandelt werden. Zum Beispiel das Problem des Auftauchens. Wenn du in einer fremden Zeit auftauchst, dann gibt es nur eine Art, wie du das tun kannst: plötzlich. Im letzten Moment warst du noch nicht da, und jetzt bist du da. Du würdest also mit unendlich hoher Geschwindigkeit auftauchen, wenn auch nicht ganz klar ist, aus welcher Richtung. Das würde aber bedeuten, daß der Zusammenprall auch mit dem allerleichtesten Atom dir zum Verhängnis würde. Ich bin Pilot und kein Physiker, aber ich denke, wenn du mit unendlich hoher Geschwindigkeit auf ein Atom prallst, dann wird unendlich viel Energie freigesetzt und alles explodiert. Ich meine Alles. Nicht einmal im intergalaktischen Raum ist es so leer, daß ich das riskieren würde.

Und das ist das zweite Problem, über das anscheinend noch keiner nachgedacht hat: der Raum. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man bei einer Zeitreise den Ort der Landung festlegen will. Es ist ja die Zeit, die uns im Raum festhält, die den Raum überhaupt definiert. Oder anders gesagt: wir sind hier, weil wir kurz zuvor an einem ähnlichen Ort waren. Es bleibt ja nichts gleich. Während wir hier sitzen, verrotten die Wände um uns herum, auch wenn sie aus unverrottbarem Aluminium sind. Da zerfallen Atome, da schlagen Strahlungen ein, Leute gehen ein und aus und hinterlassen den Dunst ihrer Körper, die Luft zirkuliert in der Ventilation, obwohl sie das Ding ein bißchen stärker stellen sollten, und so weiter. Derweil dreht sich der Planet um sich selbst und um seine Sonne, die Sonne bewegt sich ums Zentrum der Galaxis, und die Galaxis bewegt sich um weiß Gott was, und das ganze Universum fliegt sowieso im Höllentempo auseinander, wie wir alle wissen.

Der Raum sieht also in jedem Moment anders aus, und in Wahrheit sind wir jetzt nicht mehr da, wo wir vor einem Moment noch waren. Dieses da gibt es nämlich nicht mehr.

Selbst wenn ich nur einen kleinen Sprung in der Zeit machen will, sagen wir um zehn Minuten nach vorn, weil ich sehen möchte, ob Kurzbein sich ein Loch in die Stirn schlägt, wenn ihm der Kopf noch tiefer heruntersackt in seinem Dusel, dann muß ich mich aus der Zeit irgendwie herauslösen. Wenn ich mich aber aus der Zeit herauslöse, wie bringe ich dann meine Zeitmaschine dazu, hier zu bleiben?

Das Schwerefeld des Planeten kann mich nicht festhalten, wenn ich aus der Zeit aussteige. Jeder weiß, daß die Gravitation Zeit braucht, um mich anzuziehen, beziehungsweise, daß ich Zeit brauche, um sie zu überwinden. Dasselbe gilt für die Trägheit. Solange ich in der Zeit bin, setzt mein Körper jeder Änderung seines Bewegungszustandes Widerstand entgegen. Aber außerhalb der Zeit gibt es auch keine Bewegung, keinen Bewegungszustand, schon gar keine Änderung des Bewegungszustands und erst recht keinen Widerstand dagegen.

Wie soll ich also meine Zeitmaschine programmieren, damit sie hier bleibt?

Während ich hier bleibe, dreht sich mir die Cafeteria unter den Füßen weg, der ganze Planet rast mir davon, das Sonnensystem, die Galaxis, je nachdem, in Bezug auf was ich stillstehe . Mir kommt vor, sobald ich mich auch nur für einen Moment aus der Zeit herauslöse (für was für einen Moment freilich, wenn ich ja ausgestiegen bin), sobald ich mich also aus der Zeit herauslöse, bleibt es absolut dem Zufall überlassen, wo ich wieder in sie eintauche. Weil es keinen absoluten Raum gibt, weil es keinen Fixpunkt im Raum gibt, an dem ich mich festhalten könnte, während ich aus der Zeit ausgestiegen bin.«

»Tja«, sagte Blechschädel, so benannt nach seinem künstlichen Stirnbein, bedächtig, »aber wenn man dieses Problem lösen könnte, dann könnte man die Zeitmaschinen benützen, um mit beliebiger Geschwindigkeit durch den Raum zu reisen. Ich könnte ganz gemütlich sagen wir von hier nach Mutter Goddams Puff gondeln, das ungefähr drei Stunden von hier entfernt ist, und gleichzeitig in der Zeit um drei Stunden zurückreisen. Ich wäre dann im Nullkommanichts dort, ohne mich stressen zu müssen.«

»Du wärst sogar gleichzeitig hier und im Puff, und auch an allen unendlich vielen Punkten dazwischen.«

»Also wenn ich eine Zeitmaschine hätte«, dröhnte Kurzbeins Stimme von irgendwo unter der Alu-Tischplatte herauf, »dann würde ich zur Roten Rita in Mutter Goddams Puff gehen, und zwar gestern abend, genau um 21.00 Uhr. Dann würde ich es ihr einmal eine Stunde lang ausgiebig besorgen. Um 22.00 Uhr würde ich dann in meine Zeitmaschine steigen, und wieder nach 21.00 Uhr zurückreisen, versteht ihr. Dann könnte ich es ihr gleichzeitig auch noch von...«

»Ist ja gut, ist ja gut, Mann, wir können es uns lebhaft vorstellen!«

»Könnt ihr nicht. Ich würde mich nämlich nicht bloß verdoppeln, sondern mindestens...«

»Gar nichts würdest du. Du bist in der einfachen Ausfertigung schon kaum zu ertragen, und sobald du dich verdoppelt hast, würde sogar die Rote Rita derartig das Kotzen kriegen, daß du alle weiteren Pläne abschreiben könntest, mein Lieber!«

»Ihr versteht mich eben nicht«, brummelte Kurzbein und versank noch tiefer unter den Tisch.

»Was ich mich aber vor allem frage«, knüpfte Wladimir ungebrochen an seine Ausführungen an, »ist: wenn ich aus der Zeit aussteige, was hält mich dann überhaupt noch zusammen? Es ist ja nur die zeitliche Kontinuität, die mir das Ichgefühl vermittelt, oder, wenn Popol so will, die Illusion des Ichgefühls. Wenn ich aus der Zeit aussteige und irgendwo anders wieder in sie einsteige, bin ich dann überhaupt noch ich? Das ist es, was ich mich frage.«

Dumpfes Schweigen war alles, was Wladimir auf seine Frage als Antwort bekam. Aber dann sagte Popol der Alte:

»Ich kam nach Kruun ungefähr ein Jahr, nachdem sie dort das Zeitreisen erfunden hatten. Ich weiß nicht, ob sie sich auch nur eine einzige von den Fragen gestellt hatten, die Wladimir da in den Raum gestellt hat. Oder in die Zeit, wenn du lieber willst. Es funktionierte, und damit basta. Eins der ersten Dinge, die ich erlebte, war eine Demonstration vor dem historischen Museum von Kruun. Die jungen Leute, hauptsächlich Studenten natürlich, demonstrierten gegen die Ausplünderung der Geschichte von Kruun. Kruun ist der Erde ziemlich ähnlich. Natürlich haben sie dort keine Sphinx und keine Venus von Milo, ich erzähle euch die Geschichte nur in Begriffen von Mama Erde, damit ihr euch die Sache besser vorstellen könnt. Der Konzern, der das erste Zeitreisepatent monopolisierte, hatte die Sache gleich mit einem spektakulären Public- Relations-Gag herausgebracht: "Wie sah die Venus von Milo aus, als sie noch ihre Arme hatte?" Und dann schickten sie eine Expedition los, die sie in der Vergangenheit suchte und bis in die Werkstatt ihres Schöpfers zurückverfolgte. Dann kauften sie sie dem Bildhauer ab und nahmen sie mit in ihre Zeit. Sie stellten sie neben dem Exemplar mit den abgebrochenen Armen aus, das jeder kennt, und die Fotos von den beiden Statuen gingen durch die Weltpresse.

"Aber wie kann das möglich sein", sagten manche. "Wenn sie die Venus aus der Vergangenheit geholt haben, dann ist sie ja nie versunken, dann sind ihr ja nie die Arme abgebrochen, dann konnte sie ja nicht 1820 auf Melos gefunden werden. Wie kann sie dann hier stehen?"

"Aber ihr seht doch, daß sie hier steht!" sagten die PR-Leute, und damit hatte es sich. Kurz darauf stand der Antiquitätenmarkt Kopf. Griechische Vasen, römische Schwerter, keltische Speere - du brauchtest es nur zu nennen, schon hattest du es. Natürlich zu sagenhaften Preisen, aber absolut neuwertig.

Die Kunsthandwerker aller Jahrhunderte arbeiteten bald nur mehr für das, was für sie die Nachwelt war. Die Germanen lagerten bei ihren Saufereien auf Stroh, weil ihnen ihre Bärenfelle in die Zukunft davongeschwommen waren. Bis die Händler ihnen Schonbezüge für Autositze aus orangerotem PVC-Plüsch aus den 1970er Jahren lieferten. Und statt Bier und Met soffen sie bald Synthecola mit Aspirin, weil die Käufer der Bärenfelle natürlich auch stilechte Drinks aus der Zeit wollten.

Und so war es in allen Zeiten. Im Wiener Biedermeier aßen die Leute von Kistenbrettern, die Aztekenpriester schmissen die Herzen ihrer Opfer in Plastikkübel. Bald begann eine Firma, die komplette Sphinx samt Nase Stein für Stein abzutragen und in die Zukunft zu transferieren.

Und dann die Vergnügungsreisen. Ein paar Bildungsbürger wollten Shakespeares Aufführungen im Globe Theatre live miterleben oder sophokleische Tragödien in Athen. Aber den größten Zulauf hatten die Reisen zu römischen Gladiatorenkämpfen, zu Stierkämpfen ins Sevilla von 1800, zu Negerlynchings in die USA, zu Fußballkämpfen ins 20. Jahrhundert. Auch die drei Weltkriege waren sehr beliebte Ziele.

Schließlich begann man, die besten Gladiatoren Roms in die Gegenwart zu holen und gegen Mammuts und Saurier, die man aus den verschiedensten Erdaltern geholt hatte, kämpfen zu lassen. Das wurde von den Behörden allerdings bald verboten, darauf wurden diese Kämpfe ins Tertiär verlegt, oder ins 20. Jahrhundert, wo man auch nicht so zimperlich war.

Und dann das Geschäft mit den gestorbenen Babys. Mütter, deren Kinder starben, waren wild darauf, in die Vergangenheit zu reisen und ihre Babys wiederzusehen. Sie reisten ein paar Jahre zurück und schauten sich selbst beim Wickeln über die Schulter. Das war noch das Harmloseste. Schlimmer war, wenn sie ihre Lieblinge herzen und küssen wollten. Die Kinder wurden halb wahnsinnig vor Angst, wenn da plötzlich eine zweite, und noch dazu auf unerklärliche Weise gealterte, Mama sie an sich riß und abknutschte. Manche wurden auf diesen Schock hin krank und starben noch früher. Dann gab es natürlich Fälle, wo die Mutter durchdrehte und das Kind in die Gegenwart entführen wollte. Die Prozeßflut, die das hervorrief, war unvorstellbar.

Noch mehr Leute reisten zu ihren verstorbenen Hunden und Katzen. Viele von ihnen wurden gebissen.

Genauso versuchten die Leute auch, ihre geschlechtlichen Leidenschaften mit Hilfe von Zeitreisen zu stillen. Damit meine ich nicht bloß, daß einige Magnaten sich berühmte Nutten wie Rosemarie Nitribitt oder Christine Keeler holen ließen, oder daß Salome in einem Striplokal auftrat. Männer, die von ihrer Liebsten verlassen wurden, reisten zurück in glücklichere Tage und buhlten gegen ihr früheres Selbst um die Gunst der Angebeteten. Ehepaare, die sich auseinandergelebt hatten, versuchten nicht wie früher, ihre Ehe durch zweite Flitterwochen zu kitten, sondern reisten zurück in die ersten Flitterwochen, um ihr junges Glück noch einmal mitzuerleben. Stell dir vor, in deiner Hochzeitsnacht steigt plötzlich ein ältliches, verfettetes Paar in Bermudashorts und Sonnenbrillen aus dem Kleiderschrank und sagt: "Hallo, wir sind eure Zukunft!"

Die Hotels verriegelten und verrammelten ihre Flitterwochensuiten und vermieteten am liebsten nur mehr Einzelzimmer an Handelsvertreter, weil sie die Schnauze voll hatten von all den Doppelselbstmorden, und immer die Polizei im Haus.

Aber warum sich auf die Vergangenheit beschränken? Reisen in die Zukunft eröffneten ungeahnte Möglichkeiten. Die Konzerne sperrten bald ihre Forschungsabteilungen zu. Erfindungen und Neuentwicklungen wurden einfach aus der Zukunft geholt. Eingekauft oder auch geklaut, letzteres vor allem aus den aufgeklärteren Epochen, die das Geld schon abgeschafft hatten. Und natürlich wurden auch die Spezialisten angeworben, die mit der Zukunftstechnologie umgehen konnten. Die Universitäten sperrten eine nach der anderen zu, später auch alle anderen Schulen außer den Pflichtschulen. Kein Mensch lernte mehr irgend etwas. Ohne Zukunfts-know-how hattest du sowieso keine Chance auf einen anderen als einen Idiotenjob. Man konnte zwar versuchen, an einer Zukunftshochschule einen Studienplatz zu bekommen, aber nur die wenigsten schafften den Anschluß an das spätere wissenschaftliche Niveau.

Ähnlich lief es natürlich in den Künsten und in der Unterhaltungsindustrie. Die Tätigkeit der Plattenkonzerne beschränkte sich bald darauf, Expeditionen in die Zukunft auszurüsten und dem ewig unersättlichen Publikum die Hits des nächsten, des übernächsten Jahres, des nächsten Jahrzehnts, des nächsten Jahrhunderts zu präsentieren. Natürlich wollte dann nach zwei, zehn, hundert Jahren niemand diese alten, ausgelutschten Nummern hören, und ganz andere Lieder, ja, ganz andere Stile machten die Charts, die allerdings sofort wieder dem staunenden Publikum als die wahren Hits der Zukunft präsentiert wurden. Die Musiker der Zukunft wurden es bald leid, daß sich jede ihrer Erfolgsnummern in kürzester Zeit als Uralthit aus dem letzten Jahrhundert herausstellte. Die besten von ihnen flüchteten in andere Epochen, was zu verblüffenden Reformen am gregorianischen Choral oder dem indischen Raga führte.

Als meine Geschäfte auf Kruun abgeschlossen waren und ich wieder abreiste - unter den gegeben Umständen war es schwer zu sagen, wie lange ich mich tatsächlich dort aufgehalten hatte - war die Lage so, daß die Gegner des Zeitreisens anscheinend eine knappe Mehrheit hatten und das Verbot kurz bevorstand. Die Befürworter zuckten die Achseln und machten klar, daß sie dann einfach in der Epoche vor dem Verbot bleiben würden. Worauf unter den Gegnern ein Streit darüber ausbrach, ob es moralisch vertretbar sei, das Verbot des Zeitreisens rückwirkend auszusprechen, und wenn ja, wie ein solches rückwirkendes Verbot exekutiert werden sollte. Schließlich wurden Vorschläge gemacht, die darauf hinausliefen, die ganze verwirrende Epoche irgendwie aus dem Zeitstrom hinauszuschmeißen. Ich reiste schnell ab, bevor sie irgend etwas unternahmen, das vielleicht dazu geführt hätte, daß ich gar nie auf Kruun angekommen gewesen wäre. Immerhin hatte ich auf Kruun glänzende Geschäfte gemacht und hatte keine Lust, meinen Gewinn wieder einzubüßen.«