Das Seiende

Yu Di, der neunzehnte Abt, war Hirte gewesen, bevor er ins Kloster gekommen war, und hatte sein Leben bis zu seinem neununddreißigsten Jahr allein zwischen Schafen und Ziegen verbracht. Bei seiner Ankunft im Kloster wußte er fast nichts von den Wissenschaften und ihren Erkenntnissen. Als er erfuhr, daß die Welt aus Atomen aufgebaut sei, die aus einem winzigen Kern, noch winzigeren Elektronen und ungeheuer viel leerem Raum dazwischen bestehen sollten, da sagte er verblüfft: "So ist also etwa ein Stahlseil in Wahrheit nichts anderes als eine langgestreckte Wolke aus schwirrenden, schwebenden Teilchen, nicht fester als ein Nebel aus schwebenden Wassertröpfchen? Wie seltsam! Wie aber kann dann eine solche Wolke, sagen wir, ein schweres Schlachtschiff festhalten?"

Gleich darauf lachte er und sagte: "Natürlich, auch das Schlachtschiff ist ja nur eine Wolke aus schwebenden Teilchen. Der eine Nebel mag wohl Festigkeit genug haben, einen anderen Nebel festzuhalten!" Und verwundert blickte er auf seine Arme und Hände, von denen man ihm gesagt hatte, daß sie auch aus solchen Stäubchen im leeren Raum bestünden.

Später einmal erzählte er: "Als ich ein Knabe war, erschien mir die Welt sehr groß. In dem Maß, wie ich wuchs, schien mir die Welt kleiner zu werden. Das verwunderte mich, bis ich erkannte, daß ich alles an mir selbst, an meiner eigenen Körperlänge maß. Und wie es schien, war dies kein gleichbleibender Maßstab, also nicht geeignet, die Größe der Welt zu messen. Ich suchte lange nach einem absoluten Maßtab, doch alles, was mir in meinem Hirtenleben unterkam, waren veränderliche Dinge, die - schnell oder langsam - wuchsen und sich abnützten: Tiere, Bäume, sogar Steine.

Eines Tages kamen Landvermesser in meine Gegend und blieben da ein paar Tage, um ihre Messungen anzustellen. Von ihnen erfuhr ich, daß sie alles in Metern maßen.

Sie schenkten mir ein Stück Schnur und erlaubten mir, es an einer ihrer Meßlatten abzumessen und genau auf die Länge eines Meters zuzuschneiden. Nun hatte ich einen absoluten Maßstab. Ich vermaß alles, was in meiner Welt eine Rolle spielte: meinen eigenen Körper, meine Tiere, Gräser, Bäume, Sträucher, meine Hütte, und hoffte so, hinter das Geheimnis der Dinge zu kommen.

Die Geometer sahen mir mit belustigtem Lächeln zu. Ich fragte sie nach der Höhe der Berge, der Länge der Flüsse, nach der Weite des Meeres, von dem ich gehört hatte. Zitternd fragte ich sie schließlich nach der Größe der Welt. Sie mußten mir erst erklären, was eine Million war, bevor ich begreifen konnte, daß eine Schnur, die rund um die Erde ging, vier Millionen Meter lang sein müßte.

Ich befestigte die Meterschnur so an meinen Schuhen, daß sie mir eine Schrittlänge von genau einem Meter erlaubte. So maß ich einen Weg von tausend Metern ab, und versuchte dann, in Gedanken diesen Weg zu vertausendfachen und noch einmal zu vervierfachen. Ich war überwältigt. Doch dann berechnete ich, daß es möglich sein mußte, in bloß tausend Tagen die Welt zu Fuß zu umrunden. Das waren weniger als drei Jahre. Da schien mir die Welt wieder klein zu sein.

,Ist die Welt groß, oder ist sie klein?‘ fragte ich die Geometer.

Sie lachten. ,Wir haben dir doch erklärt, wie groß sie ist: sie hat einen Umfang von genau vier Millionen Metern!‘

,Ja‘, sagte ich zögernd, ,aber ist das viel, oder ist das wenig? Wie lang ist denn ein Meter?‘

Zu meinem Entsetzen erklärten sie mir, daß ein Meter der viermillionste Teil des Erdumfangs sei. So habe man ihn bestimmt.

,Dann wißt ihr also auch nicht, wie groß die Erde ist! Daß sie viermillionen Mal ihr viermillionster Teil ist, das ist ja wohl ein Witz! Auch mein Schuh ist viermillionen Mal sein viermillionster Teil! Ist die Erde nicht größer als ein Schuh?‘

Ich konnte mich lange nicht damit abfinden, daß es keine absolute Größe gibt.

Wir können die Teile des Universums miteinander vergleichen und sagen, welcher größer und welcher kleiner ist. Wir können irgendeinen Teil, sagen wir den Umfang eines Planeten oder die Länge einer Lichtschwingung, zum Maßstab für alle anderen machen. Dann wissen wir aber nicht, wie groß unser Maßstab ist. Wir können nicht wissen, wie groß die Dinge ,wirklich‘ sind. Würde ein Gott das ganze Universum über Nacht maßstabgetreu vergrößern oder verkleinern - wir könnten nichts davon bemerken.

Ist es nicht ebenso mit allen anderen Eigenschaften der Welt? Würde die Zeit beschleunigt oder verlangsamt, wir könnten nichts davon bemerken, selbst nicht, wenn sie angehalten würde. Wie schnell die Zeit ,wirklich‘ vergeht, können wir nicht wissen.

Früher schien mir, daß ein Stahlseil eine ziemlich feste Sache sei und ein Schlachtschiff eine ziemlich schwere. Als ich erfuhr, daß beide aus einem dünnen Nebel winzigster Teilchen bestehen, schien mir das Seil eine äußerst schwache und das Schiff eine äußerst leichte Sache zu sein. Freilich reichte die Festigkeit des Seils noch immer, das Schiff am Davonschwimmen zu hindern. An ihrer Beziehung zueinander hatte sich nichts geändert. Doch wir können nicht wissen, wie schwer oder fest die Dinge ,wirklich‘ sind.

So können wir auch niemals feststellen, was das ,Seiende‘ wirklich ist, mögen wir es nun Materie, Energie, Schwingung, Geist oder sonstwie nennen. Sollten wir jemals ein grundlegendes Element, ,das, woraus alles besteht ‘, finden - womit sollten wir es vergleichen, wie sollten wir es beschreiben?

Wir könnten seine Eigenschaften nur in Begriffen der höheren, aus ihm abgeleiteten Ebenen beschreiben. Ebenso wie beim Versuch, die Länge des Meters zu ergründen, würden wir uns im Kreis bewegen.

Letzten Endes können wir irgendeinen Bestandteil der Welt zum grundlegenden Bestandteil erklären und alle anderen Bestandteile mit ihm vergleichen, ebenso wie wir irgendeine Größe im Unviersum zum Maßstab aller anderen Größen machen können.

Sogar die Wirklichkeit des Seienden muß ich in Frage stellen. Die einzelnen Teile des Universums wirken aufeinander, deshalb scheinen sie uns wirklich. Doch wohin oder worauf wirkt das Universum als Ganzes?

Nehmen wir wieder unseren vergrößernden und verkleinernden Gott her. Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, dieser Gott entzöge der Welt ihre ,Substanz‘ und ließe nur den Schein übrig. Könnten wir irgendeinen Unterschied feststellen? Würde das ,scheinbare Seil‘ nicht immer noch stark genug sein, um das ,scheinbare Schlachtschiff‘ am ,scheinbaren Fortschwimmen‘ zu hindern?

Die Dinge sind wirklich und existieren nur in Bezug zueinander. Auf die Welt als Ganzes läßt sich der Begriff der Wirklichkeit und der Begriff des Seins ebensowenig anwenden wie der Begriff der Größe."