Das Buch des Wissens

Der vierte Abt lehrte:

"Das Buch des Wissens ist genau einen Zentimeter stark. Das ist nicht sehr viel, werdet ihr sagen. Also hört weiter: die Dicke der ersten Seite des Buches beträgt die Hälfte eines Zentimeters, die der zweiten Seite ein Viertel eines Zentimeters, die der dritten ein Achtel, der vierten ein Sechzehntel, der fünften ein Zweiunddreißigstel und so weiter. Auf jeder Seite ist ein Faktum über die Welt verzeichnet. Wie ihr leicht erkennen könnt, haben alle Fakten der Welt in diesem Buch Platz, denn die Welt ist unendlich groß und das Buch hat unendlich viele Seiten. Der Weg zur Erlösung steht auf der Vorderseite des letzten Blattes beschrieben."

Die Schüler meditierten lange über diesem Koan, dann diskutierten sie darüber. Schließlich gerieten sie in Verzweiflung. "Wie schnell wir auch lesen", sagten sie, "niemals werden wir dieses Buch zu Ende lesen. Und wenn wir auch die erste Hälfte des Buches überspringen, haben wir immer noch unendlich viele Seiten vor uns. Selbst wenn wir die ersten drei Viertel, selbst wenn wir die ersten 999 Tausendstel überspringen, ja die ersten 999 999 Millionstel, haben wir immer noch unendlich viele Seiten vor uns. Wir könnten das Buch von hinten aufschlagen. Doch wie sollen wir das letzte Blatt umblättern, das ja unendlich dünn sein muß? Wie fein wir unseren Daumennagel auch zufeilen mögen, um ihn zwischen die Seiten zu schieben, wir werden irgendwo vor der letzten Seite landen. Egal, welche Seite wir aufschlagen, wir haben unendlich viele Seiten vor uns."

"Nein", sagten die Schüler, "wenn das Buch wirklich so beschaffen ist, wie der Meister es uns beschrieben hat, dann kann niemand jemals darin lesen, wie der Weg zur Erlösung aussieht. Denn eine letzte Seite kann es darin gar nicht geben, genausowenig, wie es eine höchste Zahl gibt."

Traurig gingen die Schüler an diesem Abend auseinander und in ihre Zellen.