Nanosch

»Diesen Nanosch habe ich auf Cantor Alpha Epsilon kennengelernt. Auf einer Bergspitze, das heißt, fünfzig Meter unterhalb, am Eingang zu einer Höhle. Ich war da hinaufgestiegen, um mir Felszeichnungen anzusehen, die eine längst untergegangene Kultur dort hinterlassen hat. Kein Aas im Universum weiß, was die Zeichen bedeuten und warum sie dort sind. Die Leute, die sie hinterlassen haben, haben weit unten im Tal gelebt, und sind, allen archäologischen Befunden nach, zu keinem anderen Zweck dort hinaufgestiegen, als um irgendwelche Zeichnungen in den Felsen zu ritzen. Manche Zeichen sehen aus wie Antennen, andere wie Bretter fürs Mühlespiel. Habt ihr einmal davon gehört, daß man diese Zeichen, die aussehen, wie ein Mühlespiel, im ganzen Universum finden kann, auf den unterschiedlichsten Planeten? Und keiner weiß mehr, was sie bedeuten.«

»Die haben wahrscheinlich schiffbrüchige Raumfahrer hingekratzt, damit sie mit sich selber Mühle spielen konnten, weil beim Absturz ihr Gameboy draufgegangen ist«, mischte sich Kurzbein ein.

»Ja. Und ein paar von diesen Schiffbrüchigen haben an senkrechten Wänden zweihundert Meter überm Boden gespielt. Man hat die Zeichnungen auch auf Mama Erde gefunden, und keiner weiß, was sie bedeuten sollen.

Ich saß also da am Eingang zu dieser Höhle, unter einem Zeichen, das laut meinem Führer das Geschlechtsteil der weiblichen Vertreter dieser Rasse darstellte, als dieser Typ um die Ecke schlenderte. Er sagte, daß er Nanosch hieß, und lud sich zu dem Tee ein, den ich auf meinem Kocher gerade produziert hatte. Eine halbe Stunde später kannte er meine komplette Lebensgeschichte, Depressionen und Minderwertigkeitsgefühle inklusive.

"Ich muß unbedingt dieses Kloster finden, und zwar bald", sagte ich. "Ich bin jetzt einunddreißig und habe kaum etwas von dem gelernt oder geschafft, was ich lernen oder schaffen wollte. Und fast das halbe Leben wahrscheinlich schon vorbei. Statt daß ich mich meinem Seelenheil und der Erleuchtung widme, oder wenigstens weißglühende Gedichte schreibe, kurble ich den interplanetarischen Handelsverkehr an. An meinem sechzigsten Geburtstag wird man von mir sagen, daß ich Verdienste um die Leistungsbilanz habe!"

"Ach was! Kein Mensch sollte Gedichte schreiben, der nicht zur See gefahren ist oder den interplanetarischen Fernhandel angekurbelt hat oder sowas. Worüber willst du denn schreiben? Und was die Erleuchtung anlangt - woher weißt du, daß es damit nicht ähnlich ist? Wer sagt, daß man die nur im Kloster finden kann? Bloß die Leute, die den Laden betreiben, nehme ich an. Was soll diese Hektik?"

"Es vergeht soviel Zeit, soviel Zeit. Ich habe mit circa dreißig Frauen geschlafen, mit sechsen davon war ich längere Zeit zusammen, mit zweien verheiratet, mit einer habe ich eine Tochter, und mit keiner habe ich das zustande gebracht, was ich mir unter Liebe vorstelle.

Ich bin einunddreißig und warte immer noch darauf, daß das wirkliche Leben bald anfangen wird. Ich habe Angst davor zu sterben, ohne jemals gelebt zu haben."

"Was reitest du eigentlich so auf deinem Alter herum? Woher nimmst du das, daß du ausgerechnet einunddreißig Jahre alt bist?"

"Ich bin am 14. Januar 2551 geboren worden. Seither sind einunddreißig Jahre und sechs Monate vergangen. Die Erde - warst du schon mal dort? - hat sich einunddreißig und ein halbes Mal um die Sonne gedreht. Ich werde vielleicht noch einmal einunddreißig Jahre leben, vielleicht auch einundvierzig."

"Ich möchte wissen, woher du das nimmst? Du hast da eine frische Narbe am Finger. Hast du dich geschnitten?"

"Ja. Ich hätte mir fast die Fingerspitze abgeschnitten vor zwei Wochen."

"Da kannst du es zufällig ziemlich genau sehen. Dieses Narbengewebe, dieser Teil von dir, ist nicht älter als zwei Wochen.

Kein einziges der Moleküle und Atome, aus denen du momentan bestehst, ist länger als seit sieben Jahren bei dir. Also könnte ich genauso gut behaupten, du bist nicht älter als sieben Jahre."

"Ich weiß, worauf du hinauswillst, ich kenne das schon. Ich habe in meinem Leben schon über viermal alle meine Bestandteile ausgewechselt. Aber diese Bestandteile waren doch immer Teile von einem Ganzen, nämlich von mir. Und dieses Ganze hat eben vor einunddreißig Jahren begonnen, Bestandteile zu haben und sie auszuwechseln."

"Okay, das war ja auch nur ein Gesichtspunkt in dieser Sache. Von einem anderen Gesichtspunkt aus sieht es wieder anders aus. Alle diese Kohlenstoff-, Sauerstoff-, Stickstoff-, Wasserstoffatome und so weiter, aus denen du bestehst, sind entstanden, als vor fünf Milliarden Jahren oder so ein riesiger Stern zu einer Supernova zerplatzt ist. Aus diesem Material hat sich dann unter anderm das Sonnensystem gebildet, aus dem du stammst.

Seit viereinhalb Milliarden Jahren kreisen dieselben dummen kleinen Elektronen um denselben dummen kleinen Atomkern. Und wenn sie nicht gerade von irgendwelchen radioaktiven Strahlen aus der Bahn geschossen werden, können sie das noch einige Milliarden Jahre so weiter machen. Also bist du eigentlich auch wieder ganz schön alt."

"Das ist genauso wieder eine Sophisterei. Ich bin ja nicht die Atome, aus denen ich bestehe!"

"Gut, also was bist du eigentlich? Vielleicht bist du deine Gedanken? Aber die meisten Gedanken, die du denkst, sind älter als einunddreißig Jahre. Denkst du manchmal an deine Mama ? Das Wort ist vermutlich an die zwei Millionen Jahre alt, und der Gedanke, den es bezeichnet, noch um einiges älter.

Oder hast du schon einmal gedacht, daß zwei und zwei vier ist? Der Gedanke ist auch schon ein paar hunderttausend Jahre alt. Ich gebe zu, ,e=mc2‘ ist um einiges jünger, aber auch noch um einiges älter als du."

"Aber ich würde doch sagen, das Wesentliche an ,mir‘ sind doch meine eigenen Gedanken; die, die ich als erster, vielleicht als einziger denke."

"Sag mir einen! - Na gut, ich will nicht boshaft sein. Gehen wir davon aus, daß du schon einmal etwas ganz und gar Neues gedacht hast. Du! Wer hat da gedacht? Eine Intelligenz, geformt und strukturiert und trainiert durch einen riesigen Haufen alter Gedanken, hat ein paar von diesen Gedanken hin und her geschoben, mit ein paar neuartigen Erfahrungen kombiniert und tatsächlich ein neues, kleines, prachtvolles Gedänkelchen hervorgebracht. Ein kleines Steinchen oben auf den Berg gelegt.

In Wirklichkeit denken doch in dir alle Generationen deiner Vorfahren."

"Das alles ändert nichts daran, daß ich Ich bin. Man kann mich erkennen, mich von anderen Dingen, von anderen Menschen unterscheiden. Und dieses von anderen Wesen unterschiedene Wesen ist vor ziemlich kurzer Zeit entstanden und wird auch in kurzer Zeit wieder vergehen. Und nach all deinen kosmischen Vergleichen kommt mir diese Zeit ganz besonders kurz vor."

"Gut, wir wollen zugeben, daß man dich, wenn man sich ein bißchen Mühe gibt, von anderen Wesen unterscheiden kann. Aber was sagt das schon?

Hast du schon einmal über einen Strudel im Wasser nachgedacht?"

"Nein. Wie komm ich dazu?"

"Du könntest einmal darüber nachdenken, was das ist: ein Strudel im Wasser. Woraus besteht er? Schwer zu sagen. Von oben kommen Wassertropfen den Fluß heruntergeronnen, werden in den Strudel gerissen, schießen eine Zeit im Kreis herum, nach unten, nach oben, und werden wieder herausgeschleudert. Dann fließen sie weiter. Aber der Strudel bleibt zurück und wird immer von anderen Wassertropfen gebildet. Also ist der Strudel nicht das Wasser, das in ihm wirbelt.

Na ja, vielleicht ist der Strudel der Stein auf dem Grund, die engen Uferfelsen, die zusammen das Wasser zum Wirbeln bringen? Nein, der Stein auf dem Grund und die Felsen am Ufer sind nicht der Strudel, und genauso wenig ist die Schwerkraft, die das Wasser zwischen dem Stein und den Felsen hindurchreißt, der Strudel. Denn der Ofen ist nicht die Wärme, und das Messer ist nicht die Wunde.

Also, das Wasser ist nicht der Strudel, der Stein nicht, das Ufer nicht, die Schwerkraft nicht. Also gar nichts, denn sonst ist ja da gar nichts. Also existiert der Strudel gar nicht?

Doch, er existiert, er ist erkennbar und unterscheidbar, die Kanufahrer kennen ihn, die Flößer früher haben ihn gekannt und gefürchtet und ihm sogar einen Namen gegeben. Sie haben mit ihm gekämpft und ihn verflucht, und er hat sich immer wieder welche von ihnen als Opfer geholt.

Also, was ist dieser Strudel, der so schwer faßbar ist? Er ist kein Gegenstand, kein Ding. Er ist ein Vorgang, ein Ereignis am Kreuzungspunkt verschiedener Kräfte.

Und du bist auch nichts anderes. Ein kleiner Wirbel im Strom der Materie auf dieser Welt. Du ziehst Materieteilchen an dich, zerlegst ihre Moleküle, baust sie anders wieder zusammen, ordnest sie nach einem bestimmten komplizierten Schema in dein Gewebe ein und stößt sie mit der Zeit wieder ab. Das nennt man Stoffwechsel, wenn es darin besteht, neue Moleküle in deine Zellwände einzubauen. Und wenn es darin besteht, daß die Ribonukleinsäuremoleküle in deinen Hirnzellen als Folge von elektrischen Strömen ihre Verästelungen umordnen, dann heißt das Denken.

Deine Existenz, das ist einfach die Tatsache, daß die Materie, die sonst ein bißchen weniger geordnet in der Welt herumschwirrt, eine Zeit lang sich in einer etwas komplizierteren Ordnung bewegt. Was bist du also? Ein Strudel im Fluß der Materie! Nämlich kein Ding, das da ist, sondern ein Prozess, ein Vorgang, ein Ereignis. Betrachte dich als Ereignis. Dann wirst du aufhören, Dauer für dich zu beanspruchen.

Das ist wie eine Klavierimprovisation: da beginnt etwas, du weißt nicht, was es ist. Wenn du eine Note hörst, ist sie schon verklungen. Du beginnst langsam, es in dich aufzunehmen, es zu begreifen, die Melodie wächst Note um Note, aber wenn das Ding dann ,fertig‘ ist, wenn die letzte Note erklungen ist, die es zu einem vollständigen Meisterstück macht, dann ist es auch schon vergangen und nur mehr eine Erinnerung, eine schwache Spur in den Molekülen deiner Hirnzellen.

Aber von so einer Ballade erwartet auch niemand, daß er sie aufheben und in eine Ecke stellen kann. Sobald sie beginnt, beginnt sie auch schon zu vergehen, und sie ist wunderbar.

Vielleicht gibt es so etwas gar nicht, ein Ding, etwas, was da ist, unverändert, wenigstens für einige Zeit. Auch ein Stein wird abgeschliffen, zerbrochen, wird zu Sand, zu Erde, schließlich zu Leben. Wahrscheinlich ist ein Stein nur ein gleichförmigeres, etwas langweiligeres Ereignis als ein Mensch. Darum dauert es auch länger. Und ein Atom ist noch langweiliger, ein paar Elektronen, die sich um ihren Kern drehen. Je einfacher, um so länger geht so ein Ereignis vor sich.

Und jetzt frag ich dich, mein Freund: Warum identifizierst du dich gerade mit dem Strudel und nicht mit dem Strom? Die Materie geht durch dich hindurch, die Gedanken und Gefühle des Menschengeschlechtes gehen durch dich hindurch. Ein Strom der Entwicklung der Materie von der Amöbe über Fisch und Schnabeltier, Affe und Neandertaler fließt durch dich hindurch und weiter zu den Menschen nach dir, die vielleicht so hoch über dir stehen werden wie du über den Sauriern. Und du willst nur Du sein, nur der kleine Wirbel im Fluß, die kleine Welle im Weltmeer, die winzige Schwingung im All, und ausgerechnet dafür verlangst du ewiges Leben."

"Ich bin eben doch nur ein Teil von all dem."

Er streckte sich und trat mir dabei kräftig gegen das Schienbein.

"He! Das bin ich!"

"Genau. Ich trete dein Schienbein, und du sagst: ,Das bin ich‘. Darf nicht dein Schienbein ebenso sagen, es ist du? Wenn du ein Teil von einem Ganzen bist, dann bist du genauso der Teil wie das Ganze. Sonst wäre das Ganze nicht ganz. Und du wärst kein Teil davon, sondern etwas Anderes."

"Das ist alles logisch und dialektisch und schön gesagt. Aber ich werde tot sein und von dem allem nichts mehr wissen."

"Und das kränkt dich?"

"Ja!"

"Aber deine Gedanken werden weitergedacht werden - wenn sie wichtig waren oder wenn sie sowieso die allgemeinen Gedanken waren. Was du weißt, wird weiter gewußt werden, solange es etwas zu bedeuten hat. Nicht alles, nicht haargenau so wie du es gewußt hast, aber das Wesentlichste davon bleibt bestehen. Die Muster, die du erzeugt hast, werden noch lange weiterschwingen im All.

Aber überleg einmal: wenn deine Zellen nicht ständig absterben und durch neue ersetzt würden, dann hättest du dich seit deiner Geburt nicht mehr verändern können, du wärst noch heut ein Baby. Ja, du wärst nicht einmal das. Wenn jenes nette kleine Spermatozoon, das dein Vater deiner Mutter in den Bauch gejubelt hat, und jene süße kleine Eizelle, die deine Mutter in der Gebärmutter getragen hat, nicht bereit gewesen wären, ineinander aufzugehen, ineinander zu sterben - wo wärst du?

Wenn du und ich und alle unsere Zeitgenossen uns weigern würden zu sterben, was wäre dann? Die Evolution des Weltalls würde ziemlich stagnieren, oder?"

"Meinst du wirklich? Mit sechzig, siebzig beginnen wir weise zu werden. Wäre es nicht klüger, wenn wir dann erst richtig zu leben begännen? Wenn wir mit sechzig, sagen wir, noch hundert oder zweihundert Jahre vor uns hätten?"

"Wenn das Wenn nicht wär, wär Kuhscheiße Butter. Vielleicht kommen nach uns Menschen, die zweihundert Jahre alt werden. Aber wenn wir ihnen eine Chance geben wollen, müssen wir uns gefälligst hinlegen und sterben."

"Du siehst gar nicht so edel und selbstlos aus, wie du tust. Du legst dich auch nicht freiwillig hin und stirbst!"

"Warum sollte ich? Ich sterbe ja so oder so. Da ist es doch besser, ich erkläre mich einverstanden damit und mache kein großes Theater."

"Und das sind die Weisheiten, die sie dort im Kloster lehren?" fragte ich.

"Das ist, was ich dich lehren kann", sagte er, "anarchistische Mystik".

Ich drang in ihn, mir doch den Weg zum Kloster zu sagen. Aber er klopfte mir gönnerhaft auf die Schulter und sagte: "Du wirst es schon zur rechten Zeit finden. Wenn du es findest, wird es genau der richtige Zeitpunkt dafür sein."

Später in der Schutzhütte redete ich dann mit Leuten, die ihn auch getroffen hatten. Sie sagten, er hätte keine Ahnung, wo das Kloster wäre. Ihnen hatte er erzählt, er wäre mit einem kleinen Raumboot mit defektem Navigationssystem im Kloster notgelandet, und sie hätten ihn nach drei Wochen mit ebenso defektem Navigationssystem wieder rausgeschmissen, damit er nie wieder den Rückweg finden sollte.«