Die Sprache der Tiere

»Ich kannte mal einen, der behauptete, dort gewesen zu sein, im Kloster. Er sagte, er sei nach drei Jahren gegangen, weil es ihm zu langweilig geworden wäre. Wahrscheinlich haben sie ihn in Wirklichkeit rausgeschmissen. Wenn er nicht überhaupt ein Flunkerer war. Er hat mir eine Geschichte erzählt, die angeblich unter den Schülern des Klosters kursierte:

Ein junger Magier hatte den heißen Wunsch, die Sprache der Vögel, des Viehs und der Fische zu verstehen. Er ging zu einem alten Zauberer, um diese Kunst zu erlernen, und der schickte ihn aus, eine weiße Schlange zu suchen. Diese sollte er braten und essen, dann würde er die Sprache aller Tiere verstehen. Der Adept suchte die weiße Schlange auf den Gipfeln und in Schluchten, auf dem Grund tiefer Seen, auf einsamen Inseln im Meer, in Wüsten und Steppen, im ewigen Eis beider Pole und in den Feuerschlünden der Vulkane. Schließlich, als er schon weit über sechzig war, besuchte er eines Tages das Dorf seiner Jugend, auf dessen Friedhof seine Eltern begraben lagen.

Und dort, unter dem umgestürzten Grabstein seiner Mutter, fand er, wofür er seine Jugend und seine Mannesjahre geopfert hatte: die weiße Schlange.

Er fing sie, schlug ihr den Kopf ab und briet sie. Als er sie gegessen hatte, verstand er die Sprache des Viehs, der Vögel und der Fische, auch der Käfer und Würmer, der Krabben und Quallen und Seesterne, sogar der Amöben, Pantoffeltierchen, Gonokokken und HIV-Viren.

Doch wo immer er hinkam, hörte er stets nur: "Pst, Maul halten, der alte Spanner ist wieder da!"«