40.000 Kilometer

Es war eine altmodische Raumhafen-Cafeteria, wie sie überall in der Galaxis zu finden sind, wo Popol der Alte diese Geschichten erzählte. Etwas schmuddelig, kahles Neonlicht, Alu-Tische, Alu-Böden und Alu-Decken, und kleine Klappen in der Alu- Trennwand, aus denen man sich, ohne von seinem Sitz aufzustehen, die Dosen mit dem C70 holen konnte. Und das Ganze erstreckte sich über ungefähr zehn Quadratkilometer.

»Das Kloster der Erleuchteten«, sagte Popol der Alte, an seinem Röhrchen saugend, »klar, ich habe es auch einmal gesucht. Genau genommen mein ganzes Leben lang. Ich bin nur deswegen Raumfahrer geworden, um es suchen zu können. Ich wollte von dieser ganzen aberwitzigen, größenwahnsinnigen Welt nichts wissen, mit ihrer monströsen Technik, ihrem Geldwahn, wo jeder seinem Nächsten der schärfste Konkurrent ist. Wo alle verrückt danach sind, zu schachern, durch die Galaxis zu flitzen, um Marktanteile zu erobern oder Rohstoffquellen zu erschließen.

Ich bin in den Raum gegangen, um da herauszukommen. Ich wollte herumkommen, hier und dort etwas über das Kloster erfahren und es schließlich finden. Um wirklich an die guten Jobs heranzukommen, die mich weit hinausbringen würden, bin ich ein verdammt guter Pilot geworden. In unserm Beruf darfst du nie den Anschluß verlieren, mußt immer auf dem letzten Stand sein. Es drängen soviele Junge nach. Ich war bald der beste Pilot in der Firma. Aber ich wollte kein interstellarer Busfahrer sein, ich wollte meine Reiseziele selber auswählen. Wie sollte ich sonst das Kloster suchen. Also mußte ich Scout werden. Ich habe Ökonomik studiert. Und bin der gerissenste Schacherer zwischen Sol und Aldebaran geworden. Ich habe mit allem gehandelt: mit veredelten Viren von Alpha Centauri, mit arkturischen Gehirnzellenkulturen, mit Sonnenkraftwerken, mit virtuellen ethischen Systemen, mit C70...

Natürlich habe ich immer aufgehorcht, wenn ich wo etwas über das Kloster gehört habe, und bin so verschiedenen Gerüchten nachgegangen. Aber ehrlich gesagt: Zwischendurch habe ich jahrelang nie auch nur an das Kloster gedacht. Plötzlich ist es mir dann wieder einmal eingefallen, und dann habe ich voller Schuldbewußtsein daran gedacht, wie alt ich schon war, und was für Pläne ich doch einmal gehabt hatte und wie ich meine Zeit damit verbrachte, zu schachern und wie verückt durch die Galaxis zu flitzen, um Marktanteile zu erobern oder Rohstoffquellen zu erschließen.

Aber mit der Zeit ist auch das Schuldgefühl zur Gewohnheit geworden.«

»Hast du nie Zweifel gehabt, ob es überhaupt existiert, dieses Kloster?«

»Zweifel! Nur Zweifel habe ich gehabt. In meinem ganzen Leben habe ich vielleicht drei Viertelstunden lang in Erwägung gezogen, daß das Kloster der Erleuchteten wirklich existieren könnte, und von diesen drei Viertelstunden habe ich höchstens fünf Minuten lang an eine gewisse Chance geglaubt, daß es auch tatsächlich eine Stätte der Erleuchtung sein könnte und nicht bloß eine Einnahmequelle für ein paar schlaue Gurus. Die meiste Zeit meines Lebens war ich davon überzeugt, daß es gar nicht existiert. Und wenn es existiert, daß es ein Schwindelunternehmen ist, und wenn es kein Schwindelunternehmen ist, daß es jedenfalls ganz anders ist, als die Geschichten erzählen, die über es im Umlauf sind.«

»Warum hast du es dann überhaupt gesucht?«

»Habe ich gesagt, daß ich es gesucht habe? Kann man etwas suchen, an das man gar nicht glaubt? Wenn ich es genau überlege, habe ich nur so rumgestöbert. Sicher, hier und da findet man Spuren, versteckte Hinweise, Gerüchte. Aber die meisten können auch das Werk von irgendwelchen Witzbolden sein.

Einmal bin ich auf einem Berg herumgeklettert, irgendwo in den Alpen auf Mama Erde. Irgendwo hatte ich gehört, daß man das Kloster, oder Hinweise darauf hoch über dem Regenbogen findet. Das war natürlich Unsinn, jeder weiß ja, daß einem der Regenbogen immer davonläuft. Und plötzlich war ich doch über dem Regenbogen.

Um einen Regenbogen zu sehen, muß man eine Sonne im Rücken und vor sich Wolken oder Dunst haben. Deswegen sehen wir ihn ja normalerweise am späten Nachmittag, wenn die jeweilige Sonne tief steht. Ich kam aber gerade zur Mittagszeit auf den Gipfel, und es war ein nebliger Tag. Aber als ich oben ankomme, teilt sich der Nebel, unter mir sind Wolken, über mir die Sonne, und wie ich mich auf den Bauch lege, um über die Klippen hinunterzuschauen, sehe ich unter mir einen Regenbogen.

Ich erinnere mich natürlich gleich an das, was ich gehört hatte, und sehe mich um. Tatsächlich, ins Gipfelkreuz hatte jemand wunderschön, aber in einer uralten, kaum lesbaren Schrift eingeschnitzt:

Ich weiß nicht, wer von euch schon einmal auf der Erde war. Um den Witz dieser Inschrift zu verstehen, muß man wissen, daß die Erde einen Umfang von genau 40.000 Kilometern hat. Wenn man also 40.000 Kilometer in einer Richtung gelaufen wäre, wäre man wieder genau da angekommen, wo man gerade war. Nur ist mit Entfernungsangaben auf der Erde selten die Entfernung in der Luftlinie gemeint, sondern meistens die Länge einer gänzlich unregelmäßigen Kurve, die durch den Verlauf von Straßenzügen bestimmt ist. Hätte man aber die 40.000 Kilometer auf irgendwelchen verschlungenen Pfaden zurückgelegt, hätte man natürlich an jeden beliebigen Punkt der Erde gelangen können.

Natürlich konnte man auch über die Erdoberfläche hinaus denken, zum Beispiel an einen künstlichen Satelliten, der die Erde in einer Entfernung von 40.000 Kilometern umkreist. Der Satellit konnte freilich auch die Sonne umkreisen in einer Bahn, die 40.000 Kilometer von der Erdumlaufbahn entfernt war, oder aber bloß ihren erdnächsten Punkt in 40.000 Kilometer Entfernung hatte. Er konnte wie der Halleysche Komet nur alle achtzig Jahre in greifbare Nähe rücken. Wenn man lange genug darüber nachdachte, konnte die Entfernungsangabe 40.000 Kilometer praktisch jeden beliebigen Punkt im Universum bedeuten. Der Punkt konnte irgendwo sein, wo die Erde in einer Milliarde Jahre in 40.000 Kilometer Entfernung vorbeikommen würde. Schließlich bin ich zur Überzeugung gekommen, daß das Geschnitzel das Werk eines Witzbolds war. Wer schnitzt schon solche Meldungen in Gipfelkreuze!«

»A propos Witzbold«, warf Kurzbein, ein alter Haudegen der Cook-Andromeda-Linie, ins Gespräch, »kennt ihr schon den von den Außerirdischen, die dem einsamen Raumpiloten heimlich seine aufblasbare...«

Aber für Wladimir war das Thema noch nicht erledigt. Eifrig beugte er sich vor und schnitt Kurzbein das Wort ab: »Könnte die Nachricht nicht metaphorisch gemeint gewesen sein?«

»Metaphorisch? Was meinst du, Jungchen?«

»Ich denke an die allererste Überlegung: daß 40.000 Kilometer einmal um die ganze Erde herum und wieder zum Ausgangspunkt führen. Es könnte bedeuten: Das Kloster ist hier, genau da, wo du stehst, aber das nützt dir nichts: Du mußt erst einmal um den ganzen Planeten, bis du reif bist, eingelassen zu werden . Oder: Du hast die Erleuchtung schon in dir, aber du mußt noch einen langen Weg gehen, bis du sie erkennst . Man sagt doch, daß die Erleuchtung darin besteht, daß der Erleuchtete weiß, daß er um nichts mehr weiß als jeder nicht Erleuchtete.«

»Metaphorisch, so, so«, sagte Popol. »Du bist wohl ein Fachmann für Erleuchtungswesen, ha, du hast die Erleuchtung mit Löffeln gefressen? Metaphorisch, das würde dir gefallen. Ich glaube aber trotzdem, daß es nur die Schnitzerei von einem Witzbold war. Witzbolde müssen überall ihre Spuren hinterlassen, so wie in diesem Tisch da.«

Er zeigte auf eine Stelle in der Alu-Platte, wo zwischen Aufschriften wie: "Neck mich am Mars!" und Ähnlichem zu lesen stand:

15 Milliarden Lichtjahre ist der Durchmesser des sichtbaren Universums.