Der Sünder und der Heilige

Im dreiundzwanzigsten Jahrhundert, in der ausklingenden Altzeit, lehrte in einem Erleuchteten- Kloster auf der Erde der Meister Deng Dsö-Ling, auch genannt der Dreizehnte Buddha oder der Meister des Eins-Seins.

Unter den zweitausend Mönchen, die bei ihm studierten, waren auch zwei Brüder Lu, von denen er den einen wie einen Heiligen verehrte, den anderen aber wie einen Teufel verabscheute. "Wie kann das sein?" fragten ihn eines Tages einige seiner Schüler. "Wie kann es sein, daß du den einen Lu wie einen Heiligen verehrst und den anderen wie einen Teufel verabscheust? Beide gleichen sich doch wie ein Ei dem anderen, beide sündigen in einem fort, huren und saufen und brechen die Klosterregeln, schlafen in den Tag hinein, fressen sich voll wie die Hunde und singen unzüchtige Lieder! Wie kannst du den einen verehren und den anderen verachten?"

Lange schwieg der Meister, dann sagte er: "Gebt mir drei Tage Zeit, dann will ich eure Frage beantworten". Die Jünger zogen sich zurück, und der Meister fastete und betete drei Tage lang. Dann rief er seine Schüler wieder zu sich. Er ließ alle zweitausend sich im Klosterhof versammeln und begann seine Lehrpredigt, indem er die beiden Brüder Lu zu sich rief.

Lu dem Bösen versetzte er einige Stockschläge, aber vor Lu dem Heiligen kniete er nieder, legte seinen Kopf vor ihm in den Staub, ergriff mit beiden Händen seinen Fuß und setzte sich diesen auf den Kopf. Dann erhob er sich wieder und sprach zu seinen Jüngern: "Wahrlich, ihr habt mir eine ernsthafte Frage gestellt, und ich will sie euch ernsthaft beant worten. Wie kommt es, fragt ihr, daß ich den einen Lu wie einen Teufel verachte und den anderen Lu wie einen Heiligen verehre, wo sie doch beide huren und saufen und sündigen in einem fort? Doch seht sie euch an: dieser hier sündigt, weil er das Böse will. Er sündigt, weil er sich selber haßt, er tötet jeden Tag sein Gewissen. Er säuft den Wein, um sich zu erniedrigen, er schwängert die Jungfrauen, um ihre Unschuld zu zerstören, er singt schweinische Lieder, um unser Ohr zu kränken. Nun aber seht euch diesen an: Dieser hier weiß nichts von Sünde, er säuft den Wein, wie ein Kind an der Mutterbrust saugt, er schwängert die Jungfrauen, wie der Wind die Blüten bestäubt, er singt die schweinischsten Lieder, wie eine Nachtigall ihre Weisen pfeift. Er ist völlig eins mit der Sünde, und darum ist sie bei ihm wie Reinheit und Unschuld. Ich hoffe, ihr versteht".

Lange schwiegen die zweitausend Schüler im Klosterhof und meditierten über das Gesagte. Dann wagte es einer, aufzustehen und vor den Meister zu treten. Und nach dreimaliger Verbeugung fragte er also: "Meister, wenn es möglich ist, daß der Eine im Eins-Sein ist, weil er mit der Sünde im Eins ist, so muß doch der andere, der nicht im Eins-Sein ist, doch wiederum im Eins sein mit diesem Nicht-im-Eins-Sein. So wäre er doch, auf der nächsten Stufe, ebenfalls im Eins-Sein. Ist es so, Meister, oder irre ich?"

"Gebt mit drei Tage Zeit", sprach der Meister, "dann will ich euch antworten".

Und wieder zogen sich die Schüler zurück, und wieder fastete und betete der Meister drei Tage lang. Dann rief er die Schüler zu sich und begann seine Lehrrede. Diesmal war seine Rede noch kürzer als sonst. Er sagte nur: "Im Eins sein durch Eins-Sein mit der Sünde ist gut. Im Eins sein durch Eins-Sein mit dem Nicht-im-Eins-Sein ist schlecht."

Lange schwiegen die Schüler und meditierten. Doch dann wagte sich einer vor, verneigte sich dreimal und fragte: "Warum?" Und der Meister sagte: "Ich weiß es, denn ich fühle es!" Der Schüler verneigte sich wieder dreimal und fragte: "Auf Grund wessen fühlt ihr es?" Da sagte der Meister: "Ich fühle es. Der eine ist mir sympathisch, der andere aber ist mir unsympathisch."

Da entstand ein langes Schweigen unter den Schülern. Lange saßen sie da im Klosterhof und meditierten über die Antwort des Meisters. Dann sagte der Schüler, der zuerst gesprochen hatte: "Meister, so wären wir wieder am Anfang. Unsere Frage war doch: Warum ist der eine dir sympathisch, der andere aber nicht?"

Da sagte der Meister wieder: "Gebt mir drei Tage Zeit, dann will ich eure Frage beantworten."

Die Schüler zogen sich zurück, und wieder fastete und betete der Meister drei Tage lang. Dann rief er die Schüler zu sich. "Ihr habt mir eine ernsthafte Frage gestellt, und ich will sie euch ernsthaft beantworten. Ihr wollt wissen, woher mir das Wissen kommt, daß das Sündigen des einen Lu heilig, das des anderen verbrecherisch ist. Ich sagte euch, daß der eine im Eins-Sein sei, der andere nicht. Ihr argumentiertet, daß auch der andere im Eins-Sein sei, nämlich durch Eins-Sein mit dem Nicht- im-Eins-Sein. Ich sagte euch, daß das eine gut sei und das andere böse. Ihr wolltet wissen, woher mir dieses Wissen komme. Ich sagte euch, ich fühle es, denn der eine sei mir sympathisch und der andere nicht. Nun wolltet ihr wissen, zuallerletzt, woher mir diese Eingebung komme. Nun, ich will es euch sagen: Ich habe gefastet und gebetet, und dabei ist mir in den Sinn gekommen, warum mir der eine Lu unsympathisch ist, der andere aber sympathisch: vor dem einen ekelt mich, vor dem anderen aber nicht. Der Böse Lu säuft, und der Gute Lu säuft auch. Der Böse Lu säuft, bis er unter dem Tisch liegt und kotzt. Er schläft in seiner eigenen Kotze ein. Und deswegen ekelt mich vor ihm. Der andere Lu aber: Ich habe ihn schon saufen sehen, bis er sich selbst nicht mehr kannte, ich habe ihn saufen sehen, bis er seine eigene Mutter verführen wollte, ich habe ihn Fässer saufen sehen und ich habe ihn Tonnen saufen sehen. Aber noch nie, noch nie habe ich gesehen, daß er kotzt. Und da denke ich, meine Brüder: Wer so saufen kann, muß vom Buddha begnadet sein!" Und damit schloß Deng Dsö-Ling seine Lehrrede und schickte seine Schüler zur Gartenarbeit.