Tatsachen

Dabei findet sich im Werk des Insektenforschers vieles, was sich als Indiz für die Theorien der »Transformisten« auslegen ließe. Seine genauen Beobachtungen, seine exakten Beschreibungen lassen an den Augen der Lesenden Reihen von ähnlichen - verwandten - Tieren vorbeiziehen, die ähnliches - verwandtes - Verhalten zeigen. Legen nicht die verschiedenen Arten der Knotenwespe, die verschiedene Arten des Rüsselkäfers jagen, den Gedanken nahe, daß einst eine gemeinsame Vorfahrin der Wespen den gemeinsamen Vorfahren der Käfer gejagt haben müßte? Erwecken nicht all die auf verschiedene Pflanzen spezialisierten, aber eben alle blattrollenden Rüsselkäfer Verdacht? Könnten sie nicht einen weniger spezialisierten Vorläufer aufweisen, der unterschiedslos Blätter für seine Kinderstube auswählte? Zeigen nicht alle die Bienenarten, die der geduldige Beobachter beschrieben hat, alle Übergangsstufen zwischen vollkommenem Einzelgängertum und dem komplizierten Staatswesen der Honigbiene? Verblüffend ist das Beispiel der Schmalbiene. Die Schmalbiene (Halictus) legt im Frühjahr - allein - eine Wohnung aus ungefähr zehn Zellen an, die sie mit Honig versorgt und mit Eiern besetzt. Aus diesen Eiern schlüpfen ausschließlich Weibchen. Die nun behalten den Bau, den die Mutter angelegt hat, als gemeinsames Erbe bei, erweitern ihn und besetzen ihrerseits die neuen Zellen mit Eiern. Die Mutter - jetzt Großmutter - unterstützt ihre Töchter, sie verrichtet im Bau die Arbeit einer Türschließerin. Wenn auch die zusammenarbeitenden Schwestern, im Gegensatz zur Honigbiene, hier fruchtbar sind und die eigenen Eier, nicht die der Königin, versorgen - zeigt sich hier nicht im Ansatz ein Staatswesen, wie es bei Honigbienen, Ameisen- und Wespenarten anzutreffen ist? Seine Überzeugungen verstellten dem Forscher keineswegs den Blick für Tatsachen, die sich auch anders als in seinem Sinn interpretieren lassen. An die Grabwespe Sphex muß hier erinnert werden, die vierzigmal und mehr die erbeutete Grille zum Eingang ihrer Höhle schleppte, da ablegte und ihr Nest inspizierte, wenn der Forscher die Beute vom Nest entfernte. »Diese unbeugsame Halsstarrigkeit, die ich bei allen Wespen in ein und derselben Kolonie feststellte, bei denen ich den Versuch machte, ging mir eine Zeitlang im Kopf herum. Ich sagte mir, das Insekt müsse wohl einem unabwendbaren Hang folgen, den die Umstände in keiner Weise abzuändern vermöchten; seine Handlungen seien unabänderlich geregelt, und die Fähigkeit, die kleinste eigene Erfahrung zu erwerben, sei ihm fremd. Da veränderten neue Versuche diese zu sehr verallgemeinerte Anschauungsweise. Im folgenden Jahr besuchte ich zu geeigneter Zeit denselben Ort. Das neue Geschlecht hat die von der vorausgegangenen Generation zur Herstellung ihrer Erdlöcher ausgewählte Stelle geerbt, ebenso deren Taktik: Das Experiment mit der von dem Eingang entfernten Grille liefert die gleichen Ergebnisse. Die Wespen dieses Jahres versteifen sich auf dasselbe unfruchtbare Manöver wie die des Vorjahres. Da führte mich ein glücklicher Zufall zu einer anderen Kolonie von Grabwespen in einem von dem ersten entfernten Landstrich, wo ich meine Versuche erneuerte. Nach zwei oder drei Proben, deren Ergebnis dem schon so oft erhaltenen gleich ist, stellt die Grabwespe sich rittlings über die Grille, packt sie mit den Kiefern bei ihren Fühlern und schleppt sie ohne weiteres in das Erdloch. Dem Experimentator hatte der schlaue Hautflügler einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch bei anderen Löchern witterten seine Nachbarn früher oder später meine Arglist und schleppten dann das Wildbret in ihre Wohnstätte, ohne es erst vor der Schwelle eine Weile liegen zu lassen. Was will dies besagen? Die von mir diesmal untersuchte Kolonie, deren Abstammung eine andere ist - denn die Nachkommen kehren zu der von ihren Vorfahren gewählten Stelle zurück -, ist verschmitzter als die Kolonie des vergangenen Jahres. Die Anlage zur Schlauheit wird übertragen: Es gibt gewandtere Stämme und einfältigere - anscheinend je nach den Eigenschaften der Ahnen. Für die Grabwespen wie für uns ändert sich die geistige Veranlagung mit dem Landstrich. Am nächsten Tag nehme ich an einem anderen Ort meine Probe mit der Grille von neuem vor, und sie glückt mir unzählige Male. Ich war wieder an einen Stamm mit blödem Blick geraten, eine ganze Kolonie von Einfältigen, wie bei meinen ersten Beobachtungen.« Der unvoreingenommene Blick des Beobachter fand hier also einen Stamm mit leicht abgeändertem Verhalten, genau eine von den Varianten, an denen die Evolution ansetzen kann.

Gerechtigkeit

© 1995 Beltz Verlag, Weinheim