Gerechtigkeit

Zu Systemen erhobene Utopien waren ihm suspekt. Doch durfte man nicht träumen? Die Mücke, die in den Nestern der Schmalbiene parasitiert, ließ ihn seufzen: »Aber ach: Die Räuberei in all ihren Formen ist die Regel in dem Handgemenge der Lebewesen. Vom Geringsten bis zum Höchststehenden wird immer der Produzent vom Unproduktiven ausgebeutet. Selbst der Mensch, der durch seine außergewöhnliche Stellung über dieses Elend erhaben sein sollte, tut sich in dieser wilden Gier hervor: Er sagt sich: ›Die Geschäfte, das ist das Geld der anderen‹ ganz so, wie die Mücke sich sagt: ›Die Geschäfte, das ist der Honig der Schmalbiene‹. Und um besser rauben zu können, erfindet er den Krieg, die Kunst, im Großen zu töten und mit Ruhm das zu vollbringen, was im Kleinen zum Galgen führen würde. Werden wir nie die Verwirklichung jenes hohen Traums erleben, von dem an jedem Sonntag in der kleinsten Kirche gesungen wird: Gloria in excelsis Deo, et in terra pax hominibus bonae voluntatis? Wenn der Krieg nur die Menschheit allein beträfe, vielleicht würde die Zukunft uns den Frieden bescheren, da so viele edle Geister sich darum bemühen. Doch die Plage wütet auch unter den Tieren, die, störrisch, nie Vernunft annehmen werden. Wenn das Übel aber als allgemeines Schicksal der Welt auferlegt ist, dann ist es vielleicht unheilbar. Das Leben wird in der Zukunft, so steht zu befürchten, das sein, was es heute ist, ein ewiges Massaker. Mit einer verzweifelten Anstrengung der Einbildungskraft kommt man dann dahin, sich einen Riesen zu denken, der mit Planeten Ball zu spielen vermag. Er ist die unwiderstehliche Kraft; er ist auch die Gerechtigkeit, das Recht. Er kennt unsere Schlachten, unser Morden, unser Brandstiften, unsere Triumphe von Bestien; er kennt unsere Explosivstoffe, unsere Granaten, unsere Torpedos, unsere Panzerschiffe, unsere ganze Maschinerie des Todes. Er kennt nicht minder den schrecklichen Wettstreit der Begierden bis zu den geringsten Wesen hinab. Nun gut: Dieser Gerechte, dieser Mächtige, wenn er die Erde unter seinem Daumen hielte - würde er zögern, sie auszulöschen? Er würde nicht zögern... Er ließe den Dingen ihren Lauf. Er würde sich sagen: ›Der alte Glaube hat recht; die Erde ist eine wurmstichige Nuß, vom Ungeziefer des Bösen befallen. Sie ist ein roher Entwurf, eine Etappe auf dem Weg zu gnädigeren Schicksalen. Lassen wir es geschehen: Am Ende des Wegs sind die Ordnung und die Gerechtigkeit.‹«

Hat der »rohe Entwurf« Aussicht, sich zur Humanität durchzuringen? »Der Mensch von hoher Moral ist, für den Moment, eine sehr seltene Ausnahme. Unter der Haut des Zivilisierten findet sich fast immer der Vorfahr, der wilde Zeitgenosse des Höhlenbären. Die wahre Menschlichkeit ist noch nicht; sie wird erst nach und nach, durch das Ferment der Jahrhunderte und die Belehrung durch das Gewissen. Sie schreitet mit verzweifeln machender Langsamkeit zum Besseren fort. Beinahe erst in unseren Tagen ist endgültig die Sklaverei verschwunden, die Grundlage der antiken Gesellschaft. Man ist sich bewußt geworden, daß der Mensch, und ist er auch schwarz von Farbe, wahrhaft ein Mensch ist und als solcher Achtung verdient. Was war einstmals die Frau? Das, was sie im Orient noch immer ist: ein artiges Tier ohne Seele. Über ihr Wesen haben die Gelehrten lange disputiert. Der große Bischof des siebzehnten Jahrhunderts, Bossuet selbst, betrachtete die Frau als die minderwertige Form des Mannes. Das war bewiesen durch den Ursprung der Eva, den überzähligen Knochen, die dreizehnte Rippe, die Adam zu Beginn gehabt hatte. Man hat schließlich anerkannt, daß die Frau eine Seele besitzt gleich der unseren, überlegen sogar, was zärtliche Liebe und Selbstlosigkeit angeht. Man hat ihr gestattet, sich zu bilden, was sie mit zumindest dem gleichem Eifer tut wie ihr Konkurrent. Doch das Gesetzbuch, eine Höhle, aus der noch längst nicht alle Barbarei hinausgeworfen ist, fährt fort, sie als unfähig, als Unmündige zu betrachten. Das Gesetzbuch wird zu seiner Zeit dem Ansturm der Wahrheit nachgeben müssen. Die Abschaffung der Sklaverei, die Bildung der Frauen, das sind schon zwei große Schritte auf dem Weg des moralischen Fortschritts. Unsere Urenkel werden noch weiter gehen. Sie werden mit klarem Blick, der jedes Hindernis überwindet, erkennen, daß der Krieg die absurdeste unserer Verkehrtheiten ist. Daß die Eroberer, die Schlachtenunternehmer, die Ausplünderer der Nationen verabscheuungswürdige Plagen sind. Daß ausgestreckte Hände Gewehrschüssen vorzuziehen sind. Daß das glücklichste Volk nicht das ist, das die meisten Kanonen besitzt, sondern das, das in Frieden arbeitet und reichlich produziert. Daß die Süße des Lebens nicht unbedingt Grenzen erfordert, wo einen die Quälereien des Zöllners erwarten, des Taschendurchstöberers und Gepäckplünderers. Sie werden das alles sehen, unsere Urenkel, und noch ganz andere Wunder, die heute noch verrückte Träumereien sind. Wie hoch wird dieser Aufstieg zum Blau des Ideals führen? Nicht allzu hoch, steht zu fürchten. Wir sind von einem unauslöschlichen Makel behaftet, von einer Art Erbsünde, wenn man eine Sachlage, zu der unser Wille nichts beitragen kann, Sünde nennen kann. Es ist der Makel des Magens, der unerschöpflichen Quelle von Bestialität. Der Darm beherrscht die Welt. Unseren schwerwiegendsten Angelegenheiten liegt zuletzt immer die Frage des Freßnapfs und des Futters zugrunde. Solange es Mägen gibt, die verdauen wollen - und das wird nicht aufhören -, wird man sie füllen müssen, und der Starke wird vom Elend des Schwachen leben. Das Leben ist ein Schlund, den nur der Tod sättigen kann. Daher die Schlächterei ohne Ende, von der sich der Mensch, der Goldkäfer und alle anderen ernähren; daher die ewigen Massaker, die aus der Erde ein Schlachthaus machen, gegen das die Schlachthöfe von Chicago verblassen.« Die Jungen der Wolfsspinne, die er beobachtete, nahmen die ersten sieben Monate ihres Lebens keine Nahrung zu sich. Zwar wuchsen sie nicht in dieser Zeit, doch sie bewegten sich, krabbelten auf dem Rücken ihrer Mutter umher. Woher nahmen sie die Energie? Die einzige Energiequelle, die er ausmachen konnte, war die Sonne. Die Spinne trug ihre Kleinen an die Sonne, wann immer es möglich war. Konnte es sein, daß ein Tier, wie eine Pflanze, seine Energie direkt vom Sonnenlicht aufnahm, anstatt auf dem Umweg über Pflanzen; Tiere, die Pflanzen fressen; Tiere, die Tiere fressen, die Pflanzen fressen, und so weiter? »Die Sonne, die Seele der Welt, ist die oberste Spenderin von Energie. Könnte die Sonnenenergie, anstatt durch die Nahrung vermittelt zu werden und den schimpflichen Umweg durch die Chemie der Verdauungskanäle zu nehmen, nicht direkt das Tier mit Aktivität aufladen, so wie die Voltaische Batterie den Akkumulator auflädt? Warum sich nicht durch die Sonne bei Kräften halten, wo wir doch, wenn wir der Sache auf den Grund gehen, in der Weintraube und der Frucht, die wir essen, nichts anderes finden? Die Chemie, diese wagemutige Revolutionärin, verspricht uns die Synthese von nahrhaften Substanzen. Auf den Bauernhof wird die Fabrik folgen. Warum soll nicht auch die Physik sich einmischen? Sie würde die Bereitung der stofflichen Nahrung* den Retorten überlassen; sich würde sie die energetische Nahrung vorbehalten. Mit Hilfe ingeniöser Apparate würde sie uns unsere Ration an Sonnenenergie einflößen, die später in der Bewegung verbraucht würde. So könnte sich das Uhrwerk wieder aufziehen ohne die stets mühselige Unterstützung des Magens und seiner Anhängsel. Ach, die köstliche Welt, in der man zum Mittagessen einen Sonnenstrahl verzehren würde!«

Tod

© 1995 Beltz Verlag, Weinheim