Freude

Durfte der Wissenschaftler von einem Insekt als Künstlerin sprechen? War das unzulässige Vermenschlichung? Immer wieder stellte er sich die Frage nach dem Zweck des Gesangs von Zikaden, Grillen, Heuschrecken. Die allgemeine Meinung war, daß der Gesang dazu dient, die Geschlechter zusammenzuführen. Die Wissenschaft teilte diese Ansicht. Doch nicht in jedem Fall konnte der Forscher sie bestätigen. Mochte der Gesang dieser Funktion auch Genüge tun, hieß das noch nicht, daß darin auch der Antrieb des Tieres bestand. »Wenn jemand mir gegenüber behauptete, daß die Zikade ihren Tonapparat in Bewegung setze, ohne sich um dessen Wirkung zu kümmern, allein aus dem Vergnügen, sich am Leben zu fühlen, so wie wir in einem Moment der Befriedigung uns die Hände reiben, wäre ich in keiner Weise empört.« Und zur Heuschrecke: »Wozu dient also der Klangapparat der Laubheuschrecken? Ich würde nicht so weit gehen, ihm eine Rolle bei der Bildung der Paare abzusprechen, ein überredendes Säuseln, süß für die, die es hört; das hieße, mich gegen den Augenschein auflehnen. Doch seine grundlegende Funktion liegt nicht darin. Vor allem benützt ihn das Insekt, um seine Freude am Leben zu bekunden, um die Köstlichkeiten des Daseins zu besingen, wenn der Magen voll ist und die Sonne den Rücken wärmt. Das bezeugen der große Dektikus und das Heupferdmännchen, die nach vollzogener Hochzeit, für immer erschöpft und die Paarung verschmähend, fortfahren fröhlich zu geigen, bis ihre Kraft versagt.« »Dort oben, gerade über meinem Kopf, erstreckt das Sternbild des Schwans sein großes Kreuz quer über die Milchstraße; hier unten, rund um mich, wogt die Symphonie der Insekten. Das Atom, das seine Freude besingt, läßt mich das Schauspiel der Sterne vergessen. Wir wissen nichts über diese himmlischen Augen, die uns anblicken, still und kalt, mit einem Flimmern wie das Zwinkern von Augenlidern. Die Wissenschaft spricht von ihrer Entfernung, ihren Geschwindigkeiten, ihren Massen, ihren Volumen; sie erdrückt uns mit enormen Zahlen, erstaunt uns mit Unermeßlichkeiten, doch es gelingt ihr nicht, eine Saite in uns erklingen zu lassen. Warum? Weil ihr das große Geheimnis mangelt, das Geheimnis des Lebens. Was erwärmen diese Sonnen? Welten wie die unsere, behauptet die Vernunft. Welten, wo das Leben in unendlicher Vielfalt sich entwickelt. Großartige Vorstellung vom All, doch letzten Endes nur eine Vorstellung, nicht von offenkundigen Tatsachen gestützt, den höchsten jedem verständlichen Zeugnissen. Das Wahrscheinliche, auch sehr wahrscheinliche, ist nicht das Offensichtliche, das sich unwiderstehlich aufdrängt und keine Zweifel zuläßt. In eurer Gesellschaft, meine Grillen, fühle ich dagegen das Leben, die Seele unseres Lehmklumpens, in mir erbeben. Und das ist der Grund, warum ich, an die Rosmarinhecke gelehnt, dem Sternbild des Schwans nur einen zerstreuten Blick widme und meine ganze Aufmerksamkeit eurer Abendmusik gilt. Ein wenig belebten Schleims, fähig, Freude und Schmerz zu empfinden, erregt größere Anteilnahme als die Unendlichkeit roher Materie.«

Traum

© 1995 Beltz Verlag, Weinheim