Irgendwo in meiner Stadt oder in deiner lebt Herr Balaban mit seiner Tochter Selda und führt da seinen kleinen Laden. Und wenn er da nicht mehr lebt, dann hat er einmal da gearbeitet, und wenn er da nicht gearbeitet hat, dann hat er da einmal Arbeit gesucht. Denn Herr Balaban ist einer von den vielen, die in unserer Zeit der neuen Völkerwanderung ihre Heimat verlassen haben und in der Fremde ihr Glück suchen. Oder wenigstens einen Lebensunterhalt. Oder wenigstens eine Zuflucht.
Einmal arbeitete Herr Balaban in einer Fabrik. Da kam eines
Tages ein neuer Direktor um die Werkshallen zu inspizieren. "Und, was
machen Sie?" fragte er Herrn Balaban.
"Was es genau bedeutet, weiß ich nicht", sagte Herr Balaban, "aber
sehen Sie, ich habe hier diesen kleinen Hebel, und da oben, da ist eine Uhr.
Und alle sechzig Sekunden, da muss ich den Hebel ziehen."
"Ja aber da sind Sie ja gar nicht ausgelastet!" rief der Direktor
aus. "Sie haben ja zwei Hände. Wir müssen noch einen zweiten Hebel installieren,
damit verdoppeln wir Ihre Leistung!"
"Gute Idee", brummte Herr Balaban, "und wenn Sie mir noch einen
Besen auf den Rücken binden, kann ich auch noch die Halle aufkehren!"
Herr Balaban ging auf den Bahnhof: "Eine Rückfahrkarte,
bitte", sagte er zu dem Mann hinterm Schalter.
"Ja, und wohin?" sagte der.
"Wohin, wohin!" ereiferte sich Herr Balaban. "Hierher natürlich!
Ich hab doch gesagt, ich will eine Rückfahrkarte!"
Als Herr Balaban aus seinem heimatlichen Dorf zum ersten Mal in eine unserer großen Städte kam, da geriet er auch in ein großes Warenhaus. Verwundert ging er von einer Abteilung zur anderen. "Na, da staunst du, Onkelchen, was?" sagte ein Verkäufer zu Herrn Balaban, dem man es ansah, dass er nicht aus der Großstadt kam. "Ja", sagte Herr Balaban, "ich staune. Ich staune, dass es so viele Dinge gibt, die ich nicht brauche."
Eines Tages erschien ein Inserat in einer Zeitung. "Privatchauffeur gesucht. Gute Erscheinung Voraussetzung: groß, blond, schlank, kräftige Statur (Dienstuniform). Mind. 5 Jahre unfallfrei." Am nächsten Tag läutete Herr Balaban bei der Adresse, die im Inserat angegeben war, an der Tür. "Guten Tag, ich komme wegen des Inserats." "Was, Sie wollen unseren Rolls Royce fahren? Haben Sie überhaupt einen Führerschein?" "Nein", sagte Herr Balaban, "ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass Sie mit mir nicht zu rechnen brauchen." Damit verbeugte er sich höflich und ging seiner Wege.
"Ihr Südländer", sagte Herr Meyer zu Herrn Balaban, "ihr seid romantisch, poetisch, phantasievoll, sogar weise - aber den Sinn für Tüchtigkeit, den hat man doch nur hier im Norden." "Meinen Sie?" sagte Herr Balaban zweifelnd." "Ja, wir schaffen einfach mehr in derselben Zeit, weil wir ordentlicher sind und besser organisiert. Machen wir eine Wette: Schlagen Sie etwas vor, irgend etwas, und ich wette mit Ihnen, dass ich in derselben Zeit doppelt soviel schaffe wie Sie!" "Gut", sagte Herr Balaban. "Wir haben heute den 12. Juli. Treffen wir uns in einem Jahr wieder. Ich werde dann ein Jahr älter geworden sein. Wenn Sie es schaffen, in derselben Zeit zwei Jahre älter zu werden, dann glaube ich Ihnen."
"Sind Sie eigentlich aus Ihrer Heimat geflohen?" fragte jemand
Herrn Balaban, "oder sind Sie freiwillig zu uns gekommen?"
"Tja", sagte Herr Balaban und kratzte sich am Kopf, "Ich bin freiwillig gekommen.
Aber nur, weil ich musste."
"Also das gibt's nicht. Entweder Sie mussten, oder sie sind freiwillig gekommen!"
"Hm", sagte Herr Balaban, "glauben Sie, dass eine Katze freiwillig Pfeffer
frisst?"
"Eine Katze? Sicher nicht!"
"Ja, wenn Sie ihr den Pfeffer auf einem Teller servieren, sicher nicht. Dann
müssten Sie ihr den Pfeffer schon gewaltsam ins Maul schieben. Aber wenn Sie
ihr den Pfeffer unter den Schwanz streuen, da sollen Sie sehen, wie sie ihn
freiwillig aufschleckt!"
Als Herr Balaban und Selda in der großen Stadt angekommen waren,
fragte Selda bei jedem Geschäft, was denn das sei, und Herr Balaban erklärte
es ihr, so gut er konnte.
"Und was ist das da?"
"Das ist eine Bank"
"Und was ist eine Bank?"
"Ja, das ist auch so eine Art Geschäft, aber da gibt es nichts Bestimmtes
zu kaufen. Hier kann man einfach Geld bekommen."
"Was", sagte Selda, "du meinst, wenn wir da hineingehen, werden sie uns mir
nichts, dir nichts Geld geben?"
"Ja", seufzte Herr Balaban, "da kannst du sicher sein: Sie werden mir nichts
und dir nichts geben."
Auf einer Parkbank saßen ein paar Leute, die der Wind des Schicksals
aus allen Ecken der Erde hierhergeweht hatte. "Wenn Ihr mich so anschaut",
sagte der erste, "ein abgerissener Flüchtling, der nichts zu tun hat als auf
eine Aufenthaltsbewilligung zu warten... Dabei war ich zu Hause, bevor der
Krieg angefangen hat, einer der wichtigsten Männer in meiner Stadt, der Bürgermeister
hat nichts getan, ohne mich um Rat zu fragen."
"Ach was", sagte er zweite, "bevor mir die neue Regierung alles weggenommen
hat, hat mir die halbe Provinz gehört, alle Leute haben sich vor mir verbeugt".
Da fragte einer Herrn Balaban: "Na und Sie, was waren Sie in ihrer Heimat?"
"Ich?" sagte Herr Balaban. "Ich war zu Hause genauso ein Niemand wie hier.
Aber mein Dackel, den Sie hier sehen, mein Dackel, der war zu Hause ein Bernhardiner!"
Als Herr Balaban und Selda noch ganz neu in unserem Land waren,
hatten sie überhaupt kein Geld. Einmal ging Selda schrecklich hungrig durch
die Fußgängerzone und kam an einem kleinen Bäckerladen vorbei. Der Duft zog
sie hinein, und sie stand vor dem Pult mit den herrlichen Brötchen und Semmeln
und Kuchen und fragte die Bäckersfrau: "Sagen Sie, gehören die Brötchen da
Ihnen?"
"Ja natürlich", sagte die Bäckersfrau.
"Und die Kuchen auch?"
"Ja freilich!"
"Und die Brezeln, und die Erdbeerschnittten und die Joghurttörtchen?"
"Ja sicher!"
"Ja aber..." stammelte Selda.
"Was aber?"
Da platzte Selda kläglich heraus: "Ja, warum essen Sie sie dann nicht?"
Ein Polizist hielt Herrn Balaban an: "Weisen Sie sich bitte
aus!"
"Ausweisen soll ich mich?" fragte Herr Balaban entsetzt. "Ich bin schon aus
einigen Ländern ausgewiesen worden. Aber noch nie hat man von mir verlangt,
dass ich es selber tun soll."
Herr Balaban hatte wieder einmal auf dem Meldeamt zu tun.
"Wo kommen Sie her?" fragte ihn der Beamte barsch.
"Aus Usbekistan."
"Und der Hut, was ist mit dem Hut?" schrie der Beamte, weil Herr Balaban den
Hut nicht abgenommen hatte.
"Der ist auch aus Usbekistan", sagte Herr Balaban.
In dem Supermarkt, wo Selda arbeitete, gab es 25 Angestellte, aber nur einen Kleiderhaken. Daneben war ein Zettel angeklebt: "Für die Filialleiterin". Als Selda den Zettel sah, überlegte sie eine Weile, dann nahm sie einen Bleistift aus der Tasche und schrieb dazu: "Aber man kann auch einen Mantel daran aufhängen".
Als Herr Balaban auf dem Bau arbeitete, sah einer seiner Kollegen
einen Polizisten auf die Baustelle zukommen. "Sag einmal, Balaban", fragte
er nervös, "sind deine Papiere in Ordnung, Pass, Aufenthaltsbewilligung, Arbeitsgenehmigung?"
"Ja, alles in Ordnung", sagte Herr Balaban.
"Bei mir nicht", sagte der Kollege. "Sag, tu mir einen Gefallen. Renn du davon,
dann wird er dir nachrennen. Aber dir kann ja nichts passieren, weil bei dir
alles in Ordnung ist. Und ich kann inzwischen unauffällig verschwinden."
"Ist recht", sagte Herr Balaban, und als der Polizist wirklich auf die Baustelle
einbog, sprang Herr Balaban über die Absperrung und rannte weg. Drei Blocks
weiter war Herr Balaban völlig außer Atem und blieb stehen. Der Polizist holte
ihn ein, und als er seine Papiere kontrolliert hatte, fragte er streng: "Was
ist denn los mit Ihnen, warum rennen Sie denn weg, Ihre Papiere sind doch
in Ordnung."
"Ach wissen Sie, ich habe einen zu hohen Blutdruck, und der Doktor hat mir
verschrieben, ich soll in meiner Frühstückspause nicht essen, sondern laufen
- wie heißt das in Ihrer Sprache? - joggen!"
"Aber Sie haben doch gesehen, dass ich Ihnen nachlaufe, warum sind Sie denn
nicht stehengeblieben?"
"Ach", sagte Herr Balaban, "ich habe gedacht: Vielleicht haben Sie auch einen
zu hohen Blutdruck."
Eines Tages kamen ein paar Hooligans in Herrn Balabans Geschäft,
machten Lärm und stöberten in den Regalen. Während sie Herrn Balaban ablenkten,
stahl einer von ihnen einen ganzen Fisch aus der Kühltruhe, steckte ihn unter
seine Jacke und wollte damit die Treppe hinauf, denn Herrn Balabans Geschäft
war in einem Souterrainlokal. Weil das aber eine von diesen Bomberjacken war,
schaute der Schwanz von dem Fisch unten aus der Jacke heraus.
"Hör einmal" rief Herr Balaban dem Jungen nach, "so geht das nicht: Entweder,
du ziehst eine längere Jacke an, oder du stiehlst einen kürzeren Fisch!"
Einmal im Winter kam Herr Balaban ohne Mantel ins Kaffeehaus.
"Was ist los mit dir?" fragten seine Freunde, "Mitten im Winter rennst du
ohne Mantel herum?"
"Ich hab diesen Monat kein Geld für Heizöl mehr", sagte Herr Balaban, "da
hab ich den Mantel zu Hause gelassen, um die Wohnung warmzuhalten."
Einmal fragte jemand Herrn Balaban: "Sagen Sie einmal, wie macht
man denn diese herrliche Süßigkeit, Halva, heißt es glaube ich?"
"Wissen Sie", sagte Herr Balaban, "ich weiß es nicht. Ich schätze Halva sehr,
aber ich habe es noch nie selber gemacht. Sehen Sie, wenn ich Mehl im Hause
hatte, dann hatte ich keine Butter, und wenn ich Butter hatte, dann hatte
ich kein Mehl."
"Was denn, ist es nie vorgekommen, dass sie gleichzeitig Butter und Mehl im
Haus gehabt haben?" "Kann sein, gelegentlich. Aber dann war ich nicht zu Hause."
"Einmal hatte der große Khan Tamerlan seine Generäle zu sich
geladen, um seinen nächsten Feldzug vorzubereiten, Um sie zu unterhalten,
lud er zu einem Abendessen auch meinen berühmten Vorfahren, den Mullah Nasreddin
Hodscha ein.
'Was planst du da, großer Khan?' fragte der Mullah.
'Einen Feldzug nach Moskau, um die Rebellion gegen die Mongolenherrscher niederzuschlagen!'
'Ach ja, damit endlich Ruhe einkehrt im Land' sagte der Mullah.
'Nein, damit ich den Rücken frei habe, um Persien zu erobern.'
'Gut, und wenn Persien erobert ist?' fragte der Mullah.
'Dann ist der Weg frei nach Irak, Aserbeidschan, Armenien und Georgien!'
'Wunderbar! Und wenn Ihr das alles habt, was macht Ihr dann?'
'Dann mein Freund, werde ich Indien erobern!'
'Hervorragend! Also ist Indien Euer Ziel, erhabener Khan?'
'Nein, denn von Indien aus greife ich China an!'
'Phantastisch! Und wenn Ihr auch China erobert habt, was kommt dann?'
'Dann? Dann werden Feiern veranstaltet!'
'Ein unglaublicher Plan', sagte mein Vorfahr, der berühmte Mullah Nasreddin
Hodscha, 'und Ihr seid ein einzigartiger Herrscher! Nur eins verstehe ich
nicht: Warum können nicht gleich Feiern veranstaltet werden?'"
"Sie sind ein komischer Kauz", sagte jemand zu Herrn Balaban,
"und Ihre Tochter Selda ist auch ein bisschen verrückt".
"Ja wissen Sie", sagte Herr Balaban, "das liegt bei uns in der Familie. Wir
stammen aus einem Dorf in der Nähe der Stadt Buchara, und einer unserer Vorfahren
war der berühmte Mullah Nasreddin Hodscha."
"Und der war auch so ein Narr wie Sie?"
"Ein Narr war er schon. Aber er war auch ein Hodscha, das heißt: ein Meister.
Einmal brachte er ein paar Säcke Korn zur Mühle, und während er wartete, dass
der Müller es mahlte, griff er in die Mehlsäcke, die dort herumstanden, und
schaufelte Mehl in seinen eigenen Sack. Als ihn der Müller erwischte, sagte
der Hodscha: 'Ach, du darfst mir das nicht übel nehmen, ich bin ein Narr,
weißt du, und ich mache manchmal die seltsamsten Sachen!' 'Ach so?', sagte
der Müller. 'Und warum schaufelst du dann nie Mehl aus deinem Sack in andere
Säcke?' 'Ich bin ein Narr', sagte der Hodscha beleidigt, 'aber kein Idiot!'"
"Mein berühmter Vorfahr, der Mullah Nasreddin Hodscha, saß einmal
im Schwitzbad. Da kam der große Khan Tamerlan herein und setzte sich dem Hodscha
gegenüber.
'Nun, Hodscha, du sollst doch so ein gescheiter Mann sein, sage mir doch einmal:
wieviel bin ich wert?'
Der Hodscha überlegte eine Weile, dann sagte er: 'Zehn Silberstücke!'
'Bist du verrückt?' schrie der große Khan, 'Zehn Silberstücke ist allein das
gestickte Handtuch wert, das ich um die Hüften trage!'
'Sicher', sagte der Hodscha, 'das hab ich mit eingerechnet.'"
Eine Arbeitskollegin betrachtete missmutig ihre rauhen Hände
mit den abgebrochenen Fingernägeln. "Was muss man tun, um schöne Hände zu
haben?" fragte sie.
"Nichts!" sagte Selda.